Marcus Scholz

13. April 2019

Trainer Hannes Wolf will sich nicht in die Karten schauen lassen. Nachdem er gestern weitläufig das Stadion hatte absperren lassen, um im Stadioninneren seine neue Taktik für das Köln-Spiel einzustudieren, gab es heute nichts zu sehen, was Aufschluss auf eine mögliche Umstellung am Montag geben könnte. Also auch n nichts, was darauf hindeuten könnte, dass Leo Lacroix sein einzig gutes Spiel in dieser Saison zum nächsten Startelfeinsatz verhelfen könne. Denn das war das Hinspiel gegen eben jenen 1. FC Köln, als der Schweizer den Liga-Krösus Simon Terodde (28 Tore/4 Assists) an die Leine legte und eine wirklich gute Partie als Innenverteidiger hinlegte. Aber es gibt zwei Tendenzen, die sich halten:

1. Pierre Michel Lasogga droht weiterhin für das Spiel beim Tabellenführer auszufallen.

2. Fiete Arp wird wohl nicht sein Ersatz sein. Wieder mal nicht.

Denn der einst so getypte und als Welttalent gefeierte Angreifer wurde von Trainer Hannes Wolf wieder für die U21 abgestellt, die morgen um 15 Uhr in der Regionalliga beim VfB Oldenburg antreten muss. Es ist das nächste bittere Kapitel eines einst so hoch gehandelten HSV-Talentes. Heute musste er parallel trainieren. Direkt auf dem Platz lebende dem der Profis musste/durfte sich Arp für seinen Einsatz bei der U21 im Training empfehlen. Seine Kollegen aus der Zweitligamannschaft immer in Sichtweite. Statt seiner trainierte Manuel Wintzheimer bei den Profis mit - ein Tiefschlag, wenn man sich die Potenziale beider Angreifer ansieht und es drängt sich der Verdacht auf, dass die Demission Arps längst nicht mehr nur sportliche Gründe hat.

Okay, der HSV braucht Geld. Jeden Cent. Besser in diesem Sommer die drei Millionen Euro Ablösesumme für den Angreifer nehmen als im nächsten Jahr. Kinsombi muss neben seiner Eigenfinanzierung ja auch bezahlt werden. Soll heißen: Arp muss sich schon in diesem Sommer für einen Wechsel nach Bayern entscheiden, damit der Rekordmeister überweist. Und auf dem Weg zu der Entscheidung, Hamburg zu verlassen, kann eine überdeutlich vermittelte Perspektivlosigkeit hier Wunder wirken. Und wenn man sich die Trainingsleistungen ansieht, muss man konstatieren: Arp trainiert tatsächlich nicht so auffällig, dass er sich aufdrängt. Das hat er übrigens nie. Er ist einfach auch nicht der Typ, der über besondere Trainingsleistungen kommt, sondern einer, der Spielminuten braucht - behaupte ich.

Und, Fakt ist auch: Arps Kollegen und Konkurrenten im Sturmzentrum trainieren nicht besser.  Weder Hee chan Hwang, der weiter verletzt ausfällt, und schon gar nicht Manuel Wintzheimer, der zwar immer Vollgas gibt und sich über den Einsatz mehr verdient. Dem jungen Bayer fehlen allerdings die fußballerischen Mittel. Dennoch wird er Arp vorgezogen. Auch, weil man hier nicht mit Arp zufrieden ist- So heißt es hinter vorgehaltener Hand schon länger. Die Einstellung stimme nicht, wurde mir vor einigen Wochen gesagt - und jetzt wiederholt zugetragen. Nicht laut, natürlich nicht. Das will keiner, das traut sich niemand. Abgesehen von Trainer Hannes Wolf, der vor ein paar Wochen laut sagte, dass sich die jungen Spieler - er nannte Arp dabei stellvertretend als Beispiel - über bessere Trainingsleistungen wieder anbieten müssten.

Für mich ist dieses Arp-Szenario dramatisch. Denn wieder einmal schafft es der HSV nicht, einem jungen Talent - in diesem Fall ja sogar dem absoluten Totalen am deutschen U19-Fußballhimmel, wie sich alle hier einig waren -  den Weg in den Profifußball zu ebnen. Natürlich kann man die Schuld beim Jungen suchen und die Einstellung anprangern. da mag auch das eine oder andere im Argen gegen. Aber: Angesichts aller Einflüsse auf Arp in den ersten Monaten seiner Zeit bei den Profis mit Abi, Bayern-Wechsel, ersten Bundesligatreffern und dem ganzen Hype um seine Person etc. muss man derlei Stimmungsschwankungen, Ablenkungen etc.  nicht nur einkalkulieren, sondern man MUSS auch Mittel und Wege finden bzw. die soziale Kompetenz haben, dem entgegenzuwirken. Zumal sich bei Arp diese Mühe lohnen würde. Oder besser gesagt: Sie hätte sich gelohnt, wie ich finde.  Denn abgesehen von seinem außergewöhnlich innigen Verhältnis zum HSV an sich ist der 19 Jahre junge Angreifer ein außergewöhnlich reifer junger Mann mit eben auch außergewöhnlichem Talent. Wenn man ihn nicht hinbekommt, bekommt man hier niemanden hin - sage ich.

Von daher müssen sich alle Verantwortlichen   der Causa Arp Fragen gefallen lassen. Auch Hannes Wolf, behaupte ich. Bei Arp zum Beispiel muss man hinterfragen, weshalb der HSV-Trainer den Kapitän der U19-Nationalelf nicht wenigstens von der Bank häufiger gebracht hat. Auch, weshalb Arp bei elf Einsätzen unter der Regie Wolfs überhaupt nur zwei Mal auf seiner angestammten Position im Sturmzentrum aufgestellt wurde. Übrigens: Jeweils nur nach Einwechslungen und für 18  Minuten - insgesamt! Wie soll er sich dort zeigen? Die anderen neun Einsätze musste Arp auf der für ihn - ebenso wie für den zuletzt immer wieder links aufgebotenen Berkay Özcan - völlig ungeeigneten Außenbahn spielen. 221 Minuten insgesamt. Das macht einen Schnitt von knapp 13 Minuten unter Wolf.

Viel zu wenig für einen Spieler, der einen Vertrauensvorschuss verdient gehabt hätte, wie ich finde. Arp wäre für mich von Saisonbeginn an ein Spieler gewesen, der nach Möglichkeit immer die letzten 15 Minuten gespielt hätte - mit Ausreißern nach oben. Bis er sich komplett akklimatisiert hätte. Ich hätte ihn beispielsweise in Spielen, die der HSV voraussichtlich dominieren würde (Darmstadt und Magdeburg wären beide so eine Kategorie!) sogar als zweite Spitze neben Lasogga gebracht. Es hätte meiner Meinung nach beiden Spielern geholfen. Und just in dem Moment, wo ich das schreibe, trifft Luca Waldschmidt für Freiburg gegen Werder - sein bereist achtes Saisontor! Ein Spieler, der in Hamburg auch angeblich wegen seiner Einstellung zu nur wenigen Einsätzen kam, den ich hier aber ähnlich Arp immer wieder gefordert hatte. Waldschmidt bestätigt mich in meiner Einschätzung, dass der HSV sein offensichtliches Defizit, (junge) Spieler besser zu machen bzw. aus seinen Talenten das Potenzial abzurufen, einfach noch nicht abgestellt hat.

Dabei glaube ich sehr wohl, dass Wolf ein extrem rational, funktional denkender Trainer ist. Mehr als fast alle seine Vorgänger der letzten zehn Jahre. Aber seinen Ruf, junge Spieler besser zu machen, muss er stark aufpolieren. Denn wie wir alle wissen, ist der HSV-Weg der nächsten Jahre maximal darauf ausgerichtet, Spieler zu verpflichten, die in Hamburg ihr Potenzial erst noch abrufen und im besten Fall dann teurer verkauft werden, als sie eingekauft wurden. Arp allerdings ist nach Demirbay, Tah, Waldschmidt und vielen anderen leider ein weiteres Beispiel dafür, dass es in Hamburg schwer ist. Arp ist tatsächlich ein großer Schritt in die falsche Richtung. Und das Bild, Fiete Arp heute direkt neben einem Kader trainieren zu sehen, der über akute Stürmernot klagt bestätigt diese Theorie.

Unbestätigt ist, dass Wolf am Montag wieder auf Leo Lacroix in der Innenverteidigung setzt. Es ist denkbar, da es auch im Hinspiel funktioniert hat. Aber es wäre zumindest überraschend, nachdem Lacroix in 13 Spielen zuletzt nur zweimal kurz vor Spielende eingewechselt wurde - und auch sonst im Training nichts anzubieten wusste, was ihn für einen Startelfplatz qualifiziert. Im Gegenteil, sage ich.

Aber okay, warten wir mal ab, was Hannes Wolf morgen bei der Pressekonferenz zu sagen hat. Vielleicht gibt es ja morgen den einen oder anderen Hinweis auf Wolfs Personalplanungen für das Spitzenspiel, das durch das Remis vom Union Berlin gestern zumindest den Druck genommen hat, dass der HSV Rang zwei verlieren könnte.

In diesem Sinne bis morgen!

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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