Christian Hoch

21. Juli 2019

Dass sich Marcell Jansen als aktueller Präsident des Hamburger SV vor dem Start der Zweitligasaison öffentlich äußert, ist sein gutes Recht und prinzipiell überhaupt kein Problem. Seine kritischen Worte in Bezug auf die Vergangenheit und den damals handelnden Personen hinterlassen einen faden Beigeschmack.

Man beißt nicht in die Hand, die einen füttert - besagt zumindest ein deutsches Sprichwort. Die Bedeutung: Personen oder Institutionen, von denen man abhängig ist, sollte man auch in schwierigen Situationen nicht kritisieren, um sich selbst nicht zu schaden. Marcell Jansen spielte fast sieben Jahre als Profi für den Hamburger SV, im Sommer 2015 beendete er seine Karriere, seit Anfang 2019 ist er HSV-Präsident. Im Deutschlandfunk hat er nun ehemalige HSV-Funktionäre kritisiert.

Jansen spricht von „grenzwertigen Spielerverträgen“, mit welchen „ganz viel Geld“ draufgegangen sei. Deswegen hätten er und die aktuellen Verantwortlichen erst einmal alles aufräumen müssen: „Wir mussten alles stabilisieren, um überhaupt mal wieder handlungsfähig zu sein.“ Die Kritikpunkte von Jansen sind sicherlich angebracht, nicht umsonst geht der HSV als ehemaliger Bundesliga-Dino in exakt einer Woche in seine zweite Saison in der zweiten Bundesliga. Horrende Spielergehälter, wirre Verträge und Bonuszahlungen für Spieler, die für ihr Geld keine Leistung brachten - alles entscheidende Gründe für den Niedergang des Hamburger Sportvereins. Das Problem an den Aussagen von Jansen sind zwei andere Sachen.

Jansen hat selbst profitiert - Hoffmann muss sich von Aussagen angesprochen fühlen

Problem Nummer eins: Jansen selbst war fast sieben Jahre als Spieler des HSV unter Vertrag. Klar ist also: Er hat von den Verträgen und Verhandlungen, die er nicht zu Unrecht kritisiert, selbst profitiert. Warum nicht schon als aktiver Spieler? Man beißt nicht in die Hand, die einen füttert - besagt zumindest ein deutsches Sprichwort. Mit der Kritik zum jetzigen Zeitpunkt hat Jansen den einfachen, den offenkundigen Weg gewählt. Natürlich müssen und mussten Verantwortliche beim HSV seit mindestens zehn Jahren immer wieder Fehler ihrer Vorgänger ausbügeln, die selbiges vorher auch schon tun mussten. Es ist jedoch auch einfach, sich immer wieder dahinter zu verstecken und sich vorsorglich mit Aussagen wie: „Wir mussten erst einmal alles aufräumen“ zu schützen.

Problem Nummer zwei: In seinen Aussagen spricht Jansen von der Vergangenheit, die den HSV in finanzielle Schwierigkeiten gebracht hat. Als Anfang vom Ende gilt in Hamburg seit jeher die Saison 2008/2009, in der der HSV Platz fünf in der Bundesliga belegt hat und sowohl in der Europa League und im DFB-Pokal im Halbfinale an Werder Bremen gescheitert war - Jansens erste Saison in Hamburg. Seinen Vertrag ausgehandelt hatte damals ausgerechnet Bernd Hoffmann. Nach seinem Aus 2011 ist Hoffmann mittlerweile wieder Vorstandsvorsitzender beim HSV. Im Umkehrschluss muss sich also auch ein aktueller Verantwortlicher von Jansens Aussagen angesprochen fühlen und nunmehr seine eigenen Fehler selbst ausbaden und ausmerzen. Ein weiteres Thema lieferten Aussagen von Trainer Dieter Hecking nach dem 2:2 des HSV bei der Generalprobe gegen den RSC Anderlecht.

Pro und Contra in Bezug auf Martin Harnik

Angesprochen auf Martin Harnik, aktuell beim SV Werder Bremen unter Vertrag, sagte Hecking am Sky-Mikrofon: „Martin Harnik ist ein Spieler, der weiß, wie es geht. Er hat immer seine Tore gemacht und das sind immer gefragte Leute auf dem Markt.“ Die Personalie Harnik in Bezug auf den HSV ist nicht neu. Der 32-Jährige ist gebürtiger Hamburger, hat aber noch nie für die Rothosen gespielt. Gleichzeitig hat er nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich vorstellen könnte, dies zu ändern. Die Verantwortlichen in Bremen würden Harnik zudem keine Steine in den Weg legen, wenn er den Wunsch äußern würde, sich verändern zu wollen. Ein Transfer von Harnik zum HSV könnte sowohl positiv als auch negativ gesehen werden.

Pro: Der Stürmer wäre definitiv eine Verstärkung für die Offensive des HSV. In 238-Spielen in der Bundesliga erzielte der Österreicher 66 Treffer. Auch im Unterhaus traf Harnik 30 Mal - und das sogar nur in 60 Spielen. Der gebürtige Hamburger passt zudem optimal in die aktuelle Strategie des HSV: Die Verantwortlichen wollen den Aufstieg mit Erfahrung erzwingen - in Hamburg geht es um alles. Noch ein Jahr in der Zweitklassigkeit hätte gravierende Folgen, in sportlicher sowie finanzieller Hinsicht. Harnik hat bereits unzählige Erfahrungen in seiner Karriere gemacht, sowohl international in der Champions- oder Europa-League als auch national in der Bundesliga oder der zweiten Bundesliga.

Mit der Verpflichtung eines weiteren Stürmers würden sich die Hamburger zudem unabhängiger von den beiden bisherigen Anwärtern auf den Platz in der Spitze machen. Lukas Hinterseer und Bobby Wood haben zwar in der Vorbereitung getroffen, jeweils aber auch einiges an Verbesserungspotenzial offenbart. Vor allem Wood hat mit den Folgen seiner zwei erfolglosen Jahre in Hamburg und Hannover - inklusive zweier Abstiege aus der Bundesliga - zu kämpfen. Mit Harnik wäre die Baustelle „Sturm“ komplettiert.

Contra: Gleichzeitig hätte man mit Harnik und Hinterseer aber zwei gleiche Stürmertypen im Kader. Die Folge: Einer muss immer auf die Bank. Denn das bevorzugte System von Trainer Dieter Hecking ist ganz klar das 4-3-3. Nur im Notfall will er laut BILD-Zeitung auf eine Doppelspitze setzen. Berechtigterweise stellen HSV-Fans Fragen nach der Halbwertszeit dieses Transfers. Mit 32 Jahren ist Harnik im Herbst seiner Karriere, allzu viele Jahre wird er höchstwahrscheinlich nicht mehr im Profifußball aktiv bleiben. Es sei denn er orientiert sich an Gianluigi Buffon oder Vereinskollege Claudio Pizzaro. Eine strategisch langfristig ausgelegte Verpflichtung wäre Harnik also nicht. 

Auf jeden Fall ist es schon ein klares Zeichen, wenn Dieter Hecking als erfahrener Trainer öffentlich so von einem Spieler schwärmt. Das hatte er zuletzt auch schon bei Ewerton so gemacht und seinen auserkorenen Wunschspieler später auch als Neuverpflichtung bekommen. Der HSV - so ist aus den Aussagen Heckings abzuleiten - hat demnach Interesse an Harnik. Offen ist aber dennoch, ob Harnik schlussendlich auch in Hamburg unterschreiben wird. Hier aber noch ein kleines Schmankerl von Harnik. 

 

Wir melden uns morgen um 7:30 Uhr wieder bei euch mit dem Morning-Call, wo das Thema Harnik - da lege ich mich aus dem Fenster - sicherlich auch noch einmal ausgerollt wird.

Schönen Sonntag noch

Christian

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.