Marcus Scholz

8. April 2019

Der HSV hält es wie die Konkurrenz: Er will offenbar nicht aufsteigen und verballert eine Chance nach der anderen. Nicht in Form von Torchancen, denn davon hatte die Mannschaft von Hannes Wolf am heutigen Montagabend gegen Magdeburg vor immerhin 49.823 Zuschauern zu wenige. Dafür in Form von vergebenen Chancen, Punkte auf die Konkurrenz gutzumachen. Denn dieses 1:2 war nach dem unfassbaren 2:3 gegen Darmstadt der zweite Last-Minute-Knockout und ein weiterer Tiefpunkt dieser Saison. Einer mit vielen Ursachen. Auf dem Platz wie daneben - dabei hatte Hannes Wolf gegenüber dem souveränen Auftritt in Paderborn extra nichts verändert.

 

Es gab aufstellungstechnisch zunächst keine Überraschung. Zwei Spitzen, dahinter Holtby und hinten eine Dreierkette mit Papadopoulos in der Mitte. So begann Hannes Wolf nach Paderborn auch heute gegen Magdeburg. Nominell. Spieltaktisch war es natürlich ein anderes Spiel. Schon allein wegen der Magdeburger, die mich qualitativ stark an das Hinspiel erinnerten. Sie waren in der ersten Hälfte zwar die aktivere Mannschaft (0:6 Ecken in der ersten Halbzeit sprechen dafür), aber einfach auch zu harmlos, um hier mehr als mitzuspielen.

Ihr Glück: Der HSV half ihnen. Denn der HSV investierte nicht mehr als nötig. Leider. Auf Kontrolle eingestellt verkam das HSV-Spiel zu einem außergewöhnlich uninspirierten, langweiligen Kick. Im Mittelfeld bemühte sich Mangala sichtlich, ebenso wie Santos auf links - aber das war es auch schon. Mehr kam nicht. Und was Gideon Jungs Aufgabe heute auch immer war - er erfüllte sie nicht. Überhaupt nicht. Er erfüllte ehrlich gesagt nicht einmal den Qualitätsstandard Zweite Liga.

Dass er trotzdem wieder auf den Platz durfte nach Wiederanpfiff darf er als außergewöhnliche Geste des Trainers werten, der damit seinen ersten großen Fehler dieses Spiels beging. Dass der HSV dennoch mit einer Führung in eben diese Halbzeitpause gegangen war -  nach einem Freistoß von Halbrechts konnte Magdeburgs Rother den Ball nur zu kurz rauskönnen, Jatta nahm den Ball einmal mit und traf aus 13 Metern flach zum 1:0 (31.) - okay. Der HSV würde gewinnen, sogar deutlich, hatte ich meinem netten Abendblatt-Kollegen gesagt und als Begründung angefügt, dass Magdeburg einfach zu schwach ist. Dachte ich. Bis der HSV mich eines Besseren belehrte…

Wobei ich gestehen muss, dass der HSV verändert aus der Halbzeitpause kam. Endlich suchte die Mannschaft von Trainer Hannes Wolf die Offensive. Dass sich daraus hier und da Räume für Magdeburg ergaben - okay. Aber wofür hat man eine Defensive? Und hätte Schiedsrichter Danket in der 52. Minute den Videoassistenten zur Verfügung gehabt, der HSV hätte einen klaren Handelfer bekommen. Denn so richtig Dankert wohl bei der Bewertung des vorausgegangenen Zweikampfes zwischen Magdeburgs Müller und Lasogga auch lag, bei Bates’ Kopfball lag er anschließend falsch. Denn der Ball wäre ohne den Unterarm von Müller ins Tor geflogen.

Aber: Dankert pfiff nicht - und der HSV musste plötzlich den Ausgleich hinnehmen. Sehr überraschend, wobei sich das Zustandekommen bis hierhin mehrfach angedeutet hatte. Im Mittelfeldzentrum kam Gideon Jung gleich zweimal zu spät, Magdeburgs Preißinger findet Bülter mit einem schönen Steilpass in der zweiten Reihe, Bates kommt schlicht nicht hinterher - und Bülter überwindet Pollersbeck mit einem Flachschuss (60.) zum  1:1. Und Hannes Wolf reagierte, holte sich Berkay Özcan ran und erklärte ihm seine neue Aufgabe. Der Deutschtürke würde sicher für Jung kommen, so die einhellige Meinung auf der Tribüne. Aber: nichts da. Wolf „überraschte“ die 49.823 Zuschauer im Stadion und nahm Bakery Jatta herunter. Unverletzt wohlgemerkt.

 

Ein Wechsel, der sich in die unverständlichen Abwechslungen der letzten Wochen nahtlos einreihen lässt. Den einzig schnellen Offensivspieler vom Platz zu nehmen, den weiterhin unterirdisch agierenden Jung auf dem Platz zu lassen - unfassbar! Es bedurfte schon weiterer übler Szenen und den deutlichen Reaktionen von den Rängen auf Jungs Leistung, bis Wolf nachlegte und Khaled Narey (zunächst sollte eigentlich Vasilije Janjicic kommen) für Jung brachte - dachten wir wieder nur. Denn es ging der ebenfalls schwache Gotoku Sakai (77.). Aber, um das auch noch mal ganz deutlich zu sagen: Es war heute bei weitem nicht nur Jung, der hier unter Form blieb.

Offensiv war das heute mal wieder nichts. Lasogga hing vorn in der Luft, rieb sich in vielen Zweikämpfen deutlich zu weit vom Tor entfernt auf. Also genau dort, wo Ex-HSV-Trainer Michael Oenning ihn sehen wollte. Vor dem Spiel hatte er seinen Innenverteidigern via Pressekonferenz den Auftrag gegeben, Lasogga weit vom Tor fernzuhalten. Und der SV tat den Magdeburgern den Gefallen, indem man uninspiriert im Mittelfeld blieb. Auch nach der Einwechslung von Özcan, der sichtbar bemüht war, wurde das nicht besser. Dass Wolf am Ende  noch Mats Köhlers in diese verkorkste Partie warf darf als Korrektur seines Jatta-Wechsels gewertet werden, half aber auch nichts.

Im Gegenteil: Der HSV kassierte hier in der Nachspielzeit tatsächlich noch den Gegentreffer Nummer zwei und verlor das Spiel. Türpitz nutzte einen Abpraller van Drongelens nach einem langen Freistoß zum Tiefschlag für den HSV - der sich diesen aber auch redlich verdient hatte. Denn so, wie man sich hier heute präsentiert hat - auf dem Platz und auch im Wirken von außen - hat der HSV nichts mit einer Zweitliga-Spitzenmannschaft zu tun. Anstatt den Vorsprung auszubauen muss man jetzt damit rechnen, nach dem kommenden Wochenende von Union Berlin eingeholt zu werden. Und so leid es mir tut: Auch, weil sich Hannes Wolf erneut vercoacht hat. Seine Wechsel waren auch heute mehr Schwächungen denn Hilfen. Es war letztlich ein Kollektivversagen mit eben jenen genannten Ausreißern ins Negative - so ehrlich muss man sein.

Mehr gibt es heute nicht zu schreiben. Bis später. Scholle

 

Das Spiel im Stenogramm:

HSV: Pollersbeck - Bates, Papadopoulos, van Drongelen - Jung - Sakai (77.Narey), Mangala, Holtby (83.Köhlert), Santos - Jatta (67.Özcan), Lasogga

1. FC Magdeburg: Brunst - Rother (66.Ignjovski), Müller, Erdmann, Perthel - Kirchhoff (83.Schäfer) - Laprevotte, Preißinger - Türpitz - Lohkemper (64.Beck), Bülter

Tore: 1:0 Jatta (31.), 1:1 Bülter (60.), 1:2 Türpitz (90+4)

Zuschauer: 49.823

Schiedsrichter: Bastian Dankert (Rostock)

Gelbe Karten: Holtby (35.), Papadopoulos (48.), Narey (90.) / Bülter (23.), Preißinger (50.), Kirchhoff (80.)

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.