Marcus Scholz

8. Mai 2018

Ich weiß noch zu genau, wie imponierend diese eine kleine Szene war. Zusammen mit meinen Kollegen stand ich damals für das Hamburger Abendblatt vor dem Trainingstrakt Ochsenzoll und wartete auf den einen oder anderen Spieler, um mit ihnen zu sprechen. Und mit uns standen auch immer einige Fans auf dem Parkplatz und warteten, um Autogramme zu bekommen. Wie heute waren auch damals Ferien. Ich meine, es wären die Herbstferien gewesen. Auf jeden Fall standen dort viele Kinder, die sonst in der Schule waren. Und sie sammelten fleißig Autogramme. Mit Ausnahme zweier Jungs, die sich irgendwie nie trauten, die Spieler anzusprechen. Auch nicht Thomas Doll, als der rauskam. Allerdings wäre Doll nicht er selbst gewesen, wenn er für dafür nicht ein Gespür gehabt hätte.

Denn während er Autogramme schrieb, bemerkte er schon, dass die beiden Jungs sich gegenseitig vorschieben wollten – sich aber beide nicht trauten. Und deshalb ging er auf sie zu. Nicht direkt, aber mit betont langsamem Gang an ihnen vorbei zum Auto. „ich gehe jetzt zum Auto, steige dann ein und fahre weg“, sagte er und wiederholte diesen Satz mehrfach. Bei den Jungs? Keine Regung. Sie trauten sich nicht. Jetzt, wo sie von den anderen Kiebitzen beobachtet wurden natürlich noch weniger. Und so stieg Doll in seinen Wagen ein, ließ die Fenster runter und wiederholte seine Ankündigung, jetzt wirklich loszufahren. Bei den Jungs sorgte das alles aber eher für eine Starre denn für Mut. Auch als Dill den Motor anließ, zehn Meter langsam rollen ließ passierte noch nichts.

Und deshalb stoppte Doll den Wagen, stieg aus und ging schnurstracks zu den Jungs, die gar nicht wussten, wie ihnen geschah. Er fragte den ersten, wie er heißt und ob er ein Autogramm haben wolle. Natürlich nickte dieser. Ob er etwas sagte – ich weiß es nicht. Er war baff und schaute sein Idol mit großen Augen an, während dieser ihm und seinem Freund nicht nur Autogramme auf die mitgebrachten Mappen schreib, sondern jeweils einen persönlichen Text mit persönlicher Ansprache dazu. Ergebnis: Kaum war Doll vom Hof gefahren, waren diese beiden Jungs vor Stolz nicht zu halten. Umringt von Freunden und anderen Kids zeigten sie, was Doll ihnen a8fgeschrieben hat. Und ich würde wetten, dass diese kleine Geste, die Doll vielleicht zwei Minuten seines Lebens gekostet hat, bei beiden Jungs dafür gesorgt hat, dass sie diesen Tag niemals vergessen werden.

Warum ich das schreibe? Weil solche Aktionen unter den HSV-Profis ausgestorben schienen. Hier ein Autogramm, da ein Foto – und das war’s. Die Pflicht wurde erledigt, aber Leidenschaft und Identifikation findet man nur selten. Und wenn, dann bei denen, die bei den Fans dafür auch noch abgestraft werden. Aber bei aller Kritik über die letzten Jahre, heute hat mich die Mannschaft sehr positiv überrascht. Nicht im Training, dafür im Anschluss. Da versammelten sich die Kicker vor den auf der Traverse zuschauenden Fans und Mannschaftskapitän Gotoku Sakai versprach allen Fans eine Kugel Eis von dem bereits wartenden Eisverkäufer.

Angesichts der rund 170 Fans mag das ein leicht zu verkraftender Kostenfaktor sein. Aber um die Kohle geht es hierbei auch gar nicht. Hier zählt der Wille, allein die Idee. Und das heute war mal eine richtig gute Idee. Sie zeigt, dass den Spielern nicht alles am Arsch vorbei geht. Und es schafft eine Nähe, einen Zusammenhalt, den der HSV am Sonnabend gegen Mönchengladbach mehr denn je brauchen wird, sollte der größte Misserfolg der Vereinsgeschichte wahr werden und der HSV absteigen. Dann Und bis dahin braucht der HSV die Unterstützung aller HSV-Fans im Stadion, um am Ende doch noch das Wunder zu schaffen...

Einer, der dabei gern mithelfen will, ist Nicolai Müller. Heute stand er beim Spiel in der Vormittagseinheit sogar in der A-Elf als Rechtsaußen. „Er ist einsatzfähig“, freut sich Trainer Christian Titz, „er ist sehr ehrgeizig. Wir müssen jetzt nur noch ein Gespür dafür entwickeln, wie lange er schon spielen kann.“ Dass Müller gegen Mönchengladbach zur A-Elf gehört ist möglich – aber noch unwahrscheinlich. Tatsuya Ito war heute nur Laufen und soll nach seiner Gehirnerschütterung schon morgen wieder mittrainieren und ist demnach für Sonnabend normalerweise auf Links gesetzt. Die einzige Frage ist, ob auf der rechten Außenbahn wieder Aaron Hunt (pausierte und soll morgen oder übermorgen einsteigen) oder sogar Nicolai den Vorzug vor Filip Kostic erhält.

Aber dafür hat die Trainingswoche ja auch gerade erst begonnen. Und Titz versuchte heute in seinen Ansagen ebenso wie mit einem Spaßtraining am Nachmittag etwas Lockerheit in die zweifelsfrei angespannte Phase hineinzubringen. „Wir müssen eine Mischung aus Anspannung und Lockerheit reinkriegen“, so Titz, der sich selbst über seine Zukunft gar keine Gedanken macht, da es so abgesprochen war mit den Verantwortlichen. Apropos: Dass sich die Verantwortlichen des HSV über die Trainerposition Gedanken machen und dafür verschiedene Gespräche führen ist das Normalste der Welt. Wer mir hier nachsagen will, ich hätte das in irgendeiner Weise verurteilt, liegt falsch. Denn obwohl ich seit längerem davon überzeigt bin, dass der HSV mit Christian Titz den richtigen Mann für einen Neuaufbau schn gefunden hat, wäre es aus meiner Sicht sogar fahrlässig gewesen, sich nicht mit anderen Trainerkandidaten auseinanderzusetze. Zumal man nie hundertprozentig wissen kann, ob Titz bleiben wird, wenn er das Angebot bekommt. Zumindest so lange nicht, bis der Vertrag final unterschrieben ist.

Von daher: Dass der HSV mit möglichen Kandidaten wie Roger Schmidt gesprochen hat, ist nur konsequent und richtug. Es ist ebenso bestätigt wie normal. Dass dieser am Ende nicht kommen wird, liegt unter anderem auch daran, dass die Verantwortlichen die Arbeit von Titz schätzen und die Tendenz deutlich dahin geht, mit dem Trainer weiterzuarbeiten. Unabhängig vom Saisonausgang. Und auch das ist gut so. Es ist sogar der beste Weg, sich auf der Trainerposition festzulegen

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um 11 Uhr das letzte Mal vor dem Saisonfinale öffentlich trainiert.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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