Marcus Scholz

3. April 2018

Nicht nur die Torhüter lieben diese Einheiten. Auch die Angreifer. Und natürlich die Zuschauer. Denn Torabschlussübungen sind spannend. Und heute ließ Trainer Christian Titz genau das üben. Immer und immer wieder. Sogar nachmittags gingen die Angreifer zum Torschusstraining raus. „Wir schießen zu wenige Tore“, hatten vor Titz auch dessen Vorgänger Bernd Hollerbach und Markus Gisdol immer wieder moniert. Allein das Gegenmittel haben sie alle bislang nicht gefunden. Wobei der einfachste Weg, nämlich die ständigen Wiederholungen, die Titz trainieren lässt, sicher einer der probatesten sein kann. Zumal es heute im Training schon ganz gut aussah.

Vormittags wurde die Abwehrkette jeweils von den Außenbahnen nach innen ziehend angegriffen. Und ich stand zufällig auf der Seite, von der Fiete Arp, Bobby Wood und Luca Waldschmidt immer wieder mit Tempo auf die Abwehrspieler zulaufen sollten. Während sich Wood dabei immer wieder verdaddelte und Arp wenigstens zwischendurch wieder das zeigte, was man sich von ihm dauerhaft erhofft, wirkte Waldschmidt erfrischend mutig und effektiv. Jener Waldschmidt, der es beim HSV in zwei Jahren bislang auf gerade einmal 988 Pflichtspielminuten und sechs Torbeteiligungen bringt. Nicht viel für einen Angreifer – vorsichtig formuliert. Umso schöner, dass der Linksfuß heute im Training seine Form der letzten Wochen bestätigen konnte. Waldschmidt dribbelte, schoss – und er traf. Mehr als seine Kollegen.

„Luca hat seine Sache sehr gut gemacht“, lobte Titz, der Waldschmidt endlich da einsetzt, wo er am besten aufgehoben ist - immer dort, wo er keinen direkten Gegenspieler hat. Oder im Fußballjargon formuliert: Zwischen den Reihen. Denn Fakt ist, dass Waldschmidt kein Zweikämpfer ist und auch keiner mehr wird. Statt über die Robustheit kommt er eher über seine kurzen, schnellen Bewegungen und vor allem über seinen enorm guten Torabschluss. Kurze, schnelle Ausholbewegung und ein satter Schuss – das sind gute Zutaten für einen Angreifer. Sie müssen nur richtig eingesetzt werden.

Und das macht Titz. Ebenso wie viele andere gute Sachen, wie ich finde. Titz ist nachvollziehbar in seinem Handeln. Er sieht die Probleme und hat Lösungsansätze. Oftmals ganz einfache – aber auch die funktionieren. Titz ist nicht aktionistisch und lässt laufen. Titz’ Mannschaft versteckt sich nicht. Und klar, manchmal hat er auch Lösungsansätze, die viele als ungeeignet erachten - die dann aber trotzdem funktionieren. Wobei, ich muss da etwas vorsichtiger sein: noch nicht ganz. Denn bislang funktioniert alles erst im Ansatz. Ein Punkt aus zwei Spielen – obwohl mehr drin gewesen wäre. Damit ist auch Titz nicht zufrieden. Und das alles ist auch längst noch kein Gradmesser, an dem man festmachen kann, ob sein Vertrag verlängert werden muss oder nicht. Aber es sind zumindest Indizien, die für Titz sprechen und die es den Verantwortlichen leichter machen, auch über die mutige Lösung mit Titz saisonübergreifend nachzudenken.

Und dieser Mut kann sich auszahlen, wie jüngst in Bremen deutlich wurde. Dort zog man auch den U21-Trainer hoch und machte ihn zum Bundesligatrainer. Mit Erfolg. Werder hat mit dem Abstiegskampf inzwischen nichts mehr zu tun und Kohfeldt verlängerte heute seinen Vertrag als Cheftrainer bis 2021. Obwohl dieser mit der Zweitvertretung des SV Werder in der Dritten Liga auf Abstiegskurs war, vertrauten ihm die Verantwortlichen. Zu Beginn noch mit einem Hintertürchen – inzwischen hat Kohfeldt nach 20 Pflichtspielen und einem starken Punkteschnitt von 1,79 seinen vertrag bis 2021 verlängert. Seine Vertragsverlängerung ist fast schon logisch. Und auch Titz kann sich in eine solche Situation manövrieren, wenn er weiterhin Fortschritte mit der Mannschaft macht und auch endlich mal die Punkte holt, die der HSV so dringend braucht.

Dass Titz es in egal welchem Fall schwierig haben wird, wenn er am Ende das Unvermeidliche nicht abwenden kann und absteigt, das wusste auch er bei seinem Amtsantritt. Und inzwischen hat der HSV auch die Lizenzunterlagen bei der DFL eingereicht. Inhaltlich werden für den Fall des Abstiegs Spielerverkäufe angenommen, die etwaige Etatlücken ausfüllen sollen. Und nur zum Verständnis: Das bisher eingereichte Material basiert auf Annahmen. Nicht auf Fakten. Zumal der Lizenzantrag auch den direkten Wiederaufstieg als Basis mit einkalkuliert.

Offen bleibt, mit wem dieses Vorhaben angegangen werden soll. Und nachdem man mich heute gefragt hat, warum ich mich so früh festgelegt habe: Das habe ich tatsächlich gar nicht. Ich mache zwar absolut keinen hehl daraus, dass mit die Herangehensweise von Titz bislang überzeugt. Aber ich weiß sehr wohl auch, dass das Zusammenspiel mit dem neuen Vorstand Sport stimmen muss. Und der ist noch nicht gefunden. Zumindest nicht offiziell. Wobei noch immer vieles auf eine Lösung mit Leverkusens Manager Jonas Boldt hindeutet.

Und sollte das Ganze wirklich soweit sein, dann dürfen wir alle ganz sicher davon ausgehen, dass auch strategisch wichtige Entscheidungen schon mit ihm besprochen wenn nicht gar abgestimmt werden. Auch die, wer Trainer ist und wer es in der kommenden Saison sein soll. (und das ist auch alles sehr vernünftig. Es muss nur so zeitnah geschehen, dass der HSV nicht wieder die entscheidende Phase der Kaderplanung verpasst. Dieses „Warten wir erst mal das Saisonende ab und ziehen dann Bilanz“ funktioniert leider nicht, so schön vernünftig es sich auch anhört. Denn bis dahin muss der HSV bereits einen konkreten Plan haben – festgelegt von dem Personal auf den entscheidenden Positionen, mit denen selbiger umgesetzt werden soll.

Aber noch mal zurück zum Training. Da wirkte Albin Ekdal wieder voll mit und machte nicht den Eindruck, noch angeschlagen zu sein. Titz hatte am Sonntag noch gesagt, dass Ekdal wahrscheinlich noch eine Weile brachen werde, um wieder voll einsetzbar zu sein. Dafür fehlten heute Douglas Santos (Infekt), Sven Schipplock (muskuläre Probleme), Kyriakos Papadopoulos (Knie/Wade) und Rick van Drongelen, der sich in Stuttgart unmittelbar vor dem Schlusspfiff das Knie stauchte. Ob der Niederländer bis Sonnabend wieder gesund ist, ist noch offen.

Bei allen anderen soll es bis zum Spiel am Sonnabend gegen Schalke (Anpfiff 18.30 Uhr) reichen. Eventuell auch bei Ekdal, den Titz inzwischen wieder im Mittelfeld trainieren lässt, nachdem er ihn zuletzt auch als Innenverteidiger probiert hatte und dort offenbar nicht mehr sieht. Stattdessen könnte gegen seinen Exklub ausgerechnet Papadopoulos wieder wichtig werden, nachdem sich dieser zuletzt erst öffentlich über Titz’ Entscheidungen ausgelassen und sich später dafür bei ihm entschuldigt hatte.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um 14.30 Uhr trainiert. Für diese Woche dann das letzte Mal öffentlich.

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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