Marcus Scholz

27. Mai 2019

 

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Es gibt kaum noch jemanden, der nicht mit Dieter Hecking als neuen Trainer rechnet. Und wenn ich ehrlich bin, rechne auch ich mit dem ehemaligen Gladbach-, Wolfsburg-, Nürnberg-, Lübeck- und Hannover-Trainer. Im Laufe dieser Woche sollen letzte Details geklärt sein und dann die Verpflichtung verkündet werden. So ist zumindest der interne Plan. Und das ist notwendig, wenn man sich nicht gleich die nächste Baustelle mit einem Trainer, der einen fremden Kader übernimmt, aufmachen will. Dass man sich bei weitgehender Einigkeit - und die soll ja schon seit den Gesprächen Ralf Beckers in der vergangenen Woche bestehen - bei weiteren möglichen Transfers abstimmt - logisch. Eben so, wie sich Vorstandsboss Bernd Hoffmann mit Becker-Nachfolger Jonas Boldt schon abgestimmt hatte, bevor dieser verpflichtet wurde. Soll heißen: Das Alibi, dass der Trainer erst dann wirklich gemessen werden könne, wenn er mit SEINEM Kader arbeiten kann, darf nicht zählen. Ebensowenig für den Sportvorstand. Zumal Bernd Hoffmann in dem NDR-Interview von gestern deutlich gemacht hatte, dass Boldt sehr wohl über alles informiert war. Und angesichts des seit Jahren sehr engen Kontaktes der beiden klingt das sehr schlüssig nachvollziehbar.

Becker selbst dürfte das Ganze nicht gern hören/lesen. Auch nicht, dass er gerade dabei war, Lukas Hinterseer zu verpflichten, während der Vorstandskollege und der Aufsichtsrat seinen Nachfolger zum Einstellungsgespräch trafen. Becker dürfte immer bewusster werden, wie lange schon - und von ihm unbemerkt - vom seinen Kollegen an seinem Ende gearbeitet wurde. Am vergangenen Freitag hatte er sich davon geschockt gezeigt. Und diesen Zustand dürfte er konserviert haben. Andererseits fällt er relativ weich. Zwei Jahre lang hat der inzwischen ehemalige Sportvorstand noch Vertrag und bezieht rund 600.000 Euro pro Jahr dafür. Es gibt zweifelsfrei schlimmere Schicksale.

Dennoch kommen mir gerade angesichts dieses ebenso üblichen wie unmoralischen Umganges noch einmal die Worte von Dieter Hecking in den Kopf, die er nach seinem letzten Spiel für Gladbach wählte. „Viktoria Köln entlässt den Trainer als Tabellenerster am vorletzten Spieltag, Markus Anfang muss in Köln als Meister gehen und Niko Kovac steht beim FC Bayern in Frage, obwohl er vielleicht das Double holt. Unabhängig von meiner Person zeigen die drei Beispiele, dass man uns Trainer nicht braucht. Wir können zuhause bleiben“, klagte Hecking, der sich aktuell offenbar auf den wohl heißesten Trainerstuhl der (zweiten) Fußball-Bundesliga setzen möchte. Denn, und das zählt im Fußball-Business mehr als anderswo: Jeder ist sich selbst der nächste. Oder wie Konrad Adenauer sagen würde: „Was stört mich mein törichtes Geschwätz von gestern?“

Zumal Hecking nicht wirklich als Sensibelchen bekannt ist. Im Gegenteil. Er gilt als gerade, offen, ehrlich - und er kann ebenso einstecken wie er austeilt. Hecking ist ein harter, autoritärer Typ. Einen, den man gern als Freund hat. Vor allem allemal lieber denn als Feind. Aber für alle, die sich hier noch über das Thema Ehrlichkeit echauffieren: Die gibt es im Profifußball nicht (mehr). Die Spieler sind Einzelunternhmer, die sich den bestbezahlenden Vereinen anschließen, bis sie ein besseres Angebot haben. Der sportliche Aspekt spielt tatsächlich bei 99 Prozent erst dann eine primäre Rolle, wenn es vorher schon große Verträge gegeben hat. Und das gilt für die Spieler ebenso wie für Trainer. Und auch die Vereinsverantwortlichen. Was ich damit sagen will: Herzblut im ursprünglichen Sinne darf niemand erwarten. Egal, wie oft die Spieler die Raute küssen, egal wie oft sich Spieler zum Verein bekennen. Und dabei ist es sogar egal, zu welchem Verein man hält, in den allerwenigsten Fällen haben diese Vereine noch Ikonen, die mit Leib und Seele für den Verein stehen. Auch deshalb gelten beim HSV mit Uwe Seeler und Hermann Rieger nur noch wenige als unantastbar.

Aber in dieser Hinsicht ist der HSV keine Ausnahme. Bernd Hoffmann ist Leverkusener, Frank Wettstein kommt aus Nordrhein-Westfalen und Jonas Boldt ist Nürnberger und war gerade 13 Jahre für Bayer Leverkusen tätig. Sollte tatsächlich Dieter Hecking kommen, käme mit Castrop-Rauxel ein weiterer Geburtsort dazu. Und wenn man sich jetzt noch einmal die Mannschaft dazuholt, werden wir alles finden: Nur keinen Hamburger. Nein, der HSV ist ein Unternehmen, das bemüht sein muss, die besten Mitarbeiter für sich zu gewinnen. Auf allen Positionen - und völlig unabhängig von deren Vereins-Vorlieben.

Oder?

Ich behaupte, dass das einer der größten Trugschlüsse ist, die man beim  HSV seit vielen Jahren lebt. Hier fehlt genau das. Hier fehlen Fixpunkte. Hier hat der gemeine Fan keine Identifikationsfiguren mehr. Hier werden schon Youngster, die ein wenig mehr Einsatz zeigen als die anderen, zu Hoffnungsträgern - ohne Rick van Drongelen damit zu nahe treten zu wollen. Und hier wird ein Ur-Hamburger Sponsor wie Holsten mal eben wegen 2,50 Euro nach gefühlt 100-jähriger Partnerschaft gegen ein Duisburger Brauerei-Produkt ausgetauscht. Kurzum: Dieser HSV hat mit Hamburg nur noch den Standort gemein. Ansonsten fehlt es an Hamburgensien im Verein und um den Verein herum. Dabei könnte das so leicht sein…

Als ich 2000 beim Hamburger Abendblatt meinen ersten Vertrag als HSV-Reporter unterschrieb, hatte ich diese romantische Vorstellung schon verloren. Binnen zwei Monaten Praktikum war mir klar geworden, dass sowas wie echtes Mannschaftsklima, Teamgeist und Herzblut Glückssache und selten sind. Ich bezahlte meinen Traumjob teuer. Denn ich verlor den Glauben daran, dass der Teamgeist, wie ich ihn mir für gute Mannschaften und Vereine vorstellte, also den, den ich damals wie heute in meinem Heimatverein predigte, im Profifußball existiert. Vielmehr wurde Teamgeist zur Seltenheit. Er ist tatsächlich ein Bonus, den ich seither bei den wenigsten Spielern erkennen konnte. Der Maßstab an die Fußballer, die ich in den letzten 20 Jahren hier erleben durfte, ist ein anderer.

Und auch hier gilt dasselbe für die Funktionäre. Daher hören wir einfach auf, hier Dinge zu verherrlichen und Gut- bis noch viel Besserverdienenden die Leidenschaft für den HSV anzuheften. Und auch wenn ich einigen jetzt hier Illusionen raube: Das wird sich bei diesem HSV auch nicht ändern. Hier wird sich der HSV nicht von den anderen Bundesligisten unterscheiden, die für sich den Anspruch haben, ein Spitzenklub zu sein. Überall wollen die Entscheider zuallererst viel Geld verdienen. „Ja, aber der Uli Hoeneß, der hat doch immer wieder verdiente Spieler an den Klub gebunden“, höre ich jetzt schon viele sagen. Und das stimmt. Der FC Bayern hat sich hier hervorgetan in den letzten Jahrzehnten. Aber wie gesagt: Die Ausnahmen bestätigen die Regel.

Aktuell hege ich wenig Hoffnungen, dass sich der HSV in diese Richtung entwickeln kann. Dafür hat man hier auch viel zu viele existenzielle Probleme, als dass man gerade jetzt damit anfangen kann, idealistisch zu werden. Aber ich behaupte, dass es dem HSV nicht nur sehr guttun würde, wenn er sich wieder mehr zur Stadt Hamburg bekennt und sich vor allem wieder mehr an seinen Fans und den dazugehörigen Emotionen orientiert. Mit einer Geste im letzten Saisonspiel hätte man zumindest das Bemühen andeuten können. Tat man aber nicht. Und wenn man sich aktuell mit HSV-Fans unterhält, dann merkt man, dass der Verdruss einhergeht mit dem sportlich anhaltenden Misserfolg der letzten Jahre.

Wer jetzt kommt und sagt, dass die 52.000 stimmungsgewaltigen Zuschauer gegen Duisburg doch das Gegenteil bewiesen, dem möchte ich entgegnen: Das stimmt. Aber eben nur noch! Was glaubst Du, was los sein könnte, wenn es jetzt auch noch den emotionalen Doppelpass geben würde? Wenn der HSV wieder eine oder mehrere Identifikationsfiguren hätte und nach außen Loyalität ein sympathisches Gesicht abgeben würde.

Denn das ist nicht nur vereinbar mit einem großen Wirtschaftsunternehmen, sondern es könnte selbiges auch deutlich erfolgreicher machen. Allein in Hamburg gibt es mehr als genügend große Unternehmen, um einen HSV auch wirtschaftlich wieder groß zu machen. Aber die Unternehmen bleiben weg. Und das mit Grund. Denn dieser HSV steht schon seit langem für  -nichts mehr. Trotz der riesigen Tradition, trotz des unfassbaren Fan-Umfeldes ist er ein kaltes Gebilde geworden, das zunehmend taumelt. Dem (finanziellen) Erfolg wird alles untergeordnet - Stichwort Duisburg-Preise. Und damit nimmt man dem Umfeld auch zunehmend die Luft, um die eigene Kultur aufrechtzuerhalten, geschweige denn, sie weiterzuentwickeln.

Ergo: Der HSV droht von innen wie von außen zu verhungern, abzusterben. Und war die Ausgliederung im Ausschlussverfahren auch meiner Meinung nach die einzige Chance, so hat sie dem Verein im Ergebnis nicht geholfen, sondern geschadet. Und das nur, weil die falschen Leute die falschen Entscheidungen getroffen haben und weil viel Geld verbrannt und schon viel HSV verkauft wurde. Vor allem aber hat dieser HSV in den letzten Jahren viel Feuer in den Herzen seiner Anhänger abkühlen lassen. Und das ist das Schlimmste, was passieren kann…

Und nein: Damit meine ich nicht explizit Bernd Hoffmann, Jonas Boldt und Frank Wettstein oder die Aufsichtsräte. Wirklich nicht. Aber sie haben dieses Erbe übernommen. Und sie müssen aufpassen, dass nicht sie es am Ende sind, die diesem HSV den letzten Stoß geben, weil sie dem lieben Geld alles unterordnen. Denn klar ist: Geldprobleme kann man lösen. Aber sich die Liebe seiner Anhänger zurückzukaufen, das wird nicht funktionieren.

Warum ich das schreibe? Weil ich mich heute mit einem riesengroßen HSV-Fan unterhalten habe, der dabei ist, aufzugeben. Einer von denen, die seit 30 Jahren JEDES Spiel mitnehmen und die tagelang nicht mit mir geredet haben, wenn ich negative Dinge vom HSV berichtet habe. Er ist der Teil des HSV, der kommt, wenn alle wegbleiben. Er ist das, was jeder Verein braucht und wofür sich alle Vereinsobere immer wieder feiern lassen. Ehrlich gesagt ist er tatsächlich noch nach Andreas Kloss der letzte Mensch, dem ich sowas zugetraut hätte. Aber es ist sinnbildlich für das, was dieser HSV in den letzten jähren mit seinen Fans veranstaltet hat. Es wurde nur genommen und wenig bis nichts zurückgegeben. Jeder kurzen Freude folgten gefühlt zehn Tiefschläge. Umso wichtiger wird sein, dass sich dieser HSV schnellstmöglich aufstellt und sportlich Erfolg hat.

Jetzt halt mit Entscheidern aus Castrop-Rauxel, Leverkusen, Nürnberg und sonstwoher. Sie alle müssen diesem HSV wieder eine eigene DNA, ein Gesicht geben, das die Fans auch dann lieben, wenn sportlich (mal wieder) nichts geht. Dazu gehört zwingend auch eine Mannschaft, die sich auf dem Platz zerreißt, die Gas gibt und mit Taten zeigt, dass es ihr wichtig ist, die Fans glücklich zu machen. Deshalb muss jetzt schnellstmöglich ein Trainer her, der das verkörpert und lebt und der einen solchen Kader zusammenstellt. Und ja: Dieter Hecking kann dieser Typ sein. Aber er darf eben auch nur der Anfang sein.

 

 

In diesem Sinne, morgen melde ich mich um 7.30 Uhr wieder pünktlich mit dem MorningCall bei Euch und werde mich dann wieder mehr auf die sportliche Entwicklung konzentrieren. Versprochen. Aber das musste ich an einem Tag wie diesem einfach mal loswerden. Schon für meinen guten Freund, der wirklich leidet…

 

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.