Tobias Escher

12. August 2019

Die erste Runde des DFB-Pokals ist auch immer eine kleine Zeitreise für den Fußball-Fan. Wenn die Profi-Teams zu den Amateur-Klubs des Landes reisen, bekommt man ein Gefühl dafür, wie Fußball vor zwanzig, dreißig Jahren war, als die Stadien noch wenig Komfort boten und nicht jeder Fußball-Profi Medientrainings absolviert hat. Auch der Fußball der unterklassigen Klubs hat etwas Retro-haftes, wenn sich die Fußballzwerge mit Kampfkraft und totaler Defensive gegen die großen Klubs des Landes wehren.

Nichts Anderes tat Drittligist Chemnitzer FC gegen den Hamburger SV. Chemnitz verzichtete auf taktischen Schnickschnack wie ein hohes Pressing oder lange Ballstaffetten. Sie parkten ihr 5-4-1 vor dem eigenen Strafraum, schlossen die Räume und hofften auf den einen langen Ball, der irgendwie zu Stürmer Dejan Bozic durchrutscht. Auf derart defensiv eingestellte Gegner trifft der HSV sonst nicht. Selbst die Abstiegskandidaten in der Zweiten Liga verharren nicht über die gesamte Spieldauer am eigenen Strafraum.

Der HSV tat sich mit dieser Aufgabe schwer. Wie soll man einen Neun-Mann-Block knacken, der sich in einer 5-4-Ordnung am eigenen Strafraum verschanzt? Die Antwort des HSV lautete zunächst: mit Geduld. Oberstes Hamburger Ziel in der ersten Halbzeit war es, den Ball laufen zu lassen und keine Konter zu kassieren. Das gelang dem HSV: Sie verlagerten das Spiel immer wieder von einem Flügel auf den anderen. Adrian Fein bot sich im Zentrum als Fixpunkt für Verlagerungen an, das Spiel lief von Außenverteidiger zu Außenverteidiger. Auch die Außenstürmer Bakery Jatta und Sonny Kittel hielten ihre Positionen auf den Flügeln. Da Chemnitz überhaupt nicht herausrückte, konnte der HSV recht ungefährdet den Ball laufen lassen.

Wenig Zug zum Tor

Problematisch wurde es, sobald der HSV an den gegnerischen Strafraum gelangte. Sie kamen einfach nicht vor das Tor. Gegen Nürnberg überzeugte der HSV vor allem mit seinen Überzahlbildungen auf den Flügeln und anschließenden Dribblings der Außenstürmer. Überzahlen ließen sich gegen das ultrakompakte Konstrukt des Gegners nicht herstellen. Selbst wenn David Kinsombi und Jeremy Dudziak auf die Flügel rückten, hatte Chemnitz hier immer noch eine komfortable Überzahl. Selbiges galt auch für Dribblings: Jatta sah sich stets zwei, meist sogar drei Gegenspielern gegenüber.

Leider fehlten dem HSV alternative Ideen, wie sie hätten vor das Tor gelangen können. Flanken schlug der HSV keine. Stattdessen versuchten sie, an die Grundlinie zu gelangen und von dort flache Pässe in den Rückraum zu spielen. Diese Strategie ging nicht auf, da Chemnitz die Zuspiele an die Grundlinie durch ihre tiefe Staffelung verhinderten. Spielzüge durch die Mitte wagte der HSV wiederum gar nicht. Dafür postierten sich Dudziak und Kinsombi zu weit außen. Mehrfach forderte Sechser Fein seine beiden Mittelfeld-Kollegen auf, ihm entgegenzukommen. Vergeblich.

Überhaupt fehlte dem Hamburger Spiel jeglicher Zug zum Tor. Das war insofern positiv, als dass Ballverluste rar waren und Chemnitz am eigenen Strafraum erdrückt wurde. Ohne Tempoverschärfungen gelang es aber auch nicht, das ultrakompakte 5-4-1 des Gegners zu knacken. Zumal Chemnitz diese ungemein defensive Ordnung über 120 Minuten nahezu makellos aufrechterhielt.

Taktische Aufstellung CFC-HSV

 

Wenig taktische Änderungen

Es bedurfte zweimal eines Rückstandes, um Tempo in das Spiel der Hamburger zu bringen. Chemnitz machte aus einer halben Chance zwei Tore, auch dem Schiedsrichter sei Dank, der vor dem 0:1 fälschlicherweise einen Handelfmeter gab (57.). Beim Treffer zum 1:2 (68.) verschlief Lukas Hinterseer die Manndeckung seines Gegenspielers nach einer Ecke. Auf beide Treffer reagierte der HSV gut. Plötzlich hatte das Spiel im letzten Drittel ordentlich Zug. Kinsombi und Dudziak suchten häufiger die Tiefe, nach Zuspielen legten sie den Ball direkt wieder ab. So konnte der HSV dank eines direkteren Spiels in die Spitze in den Strafraum gelangen. Die Rückstände warfen den HSV nur kurz zurück, er glich jeweils schnell wieder aus.

Leider hielten die jeweiligen Hochs nur kurze Zeit an. Nach dem 2:2 verflachte das Spiel wieder. Das lag nicht zuletzt an den Einwechslungen, die dem HSV-Spiel nicht wirklich halfen. Dieter Hecking brachte mit Khaled Narey (72.), Jairo Samperio (83.), Xavier Amaechi (100.) und Manuel Wintzheimer (105.) gleich vier neue Spieler, den Pokal-Regeln sei Dank. An der taktischen Formation änderte Hecking indes nichts. Bis zum Schluss agierte der HSV aus einem 4-3-3. Doch weder konnte Samperio auf der ungewohnten Position im zentralen Mittelfeld Impulse setzen noch traten Amaechi oder Wintzheimer als Flügelstürmer positiv in Erscheinung. Chemnitz verteidigte bis zur 120. Minute jeden Angriffsversuch der Hamburger. Erst das Elfmeterschießen brachte die Entscheidung zugunsten des HSV.

Fazit

Was bleibt von diesem Pokal-Fight? Chemnitz gebührt ein Lob für ihren bedingungslosen Einsatz. Mit ihrem komplett defensiven 5-4-1-System egalisierten sie über weite Strecken die Angriffsversuche des HSV. Die Hamburger können sich ihres guten Ballbesitzspiels rühmen. Zugleich fehlte im letzten Drittel jeglicher Zug zum Tor. So spielte sich der HSV über 120 Minuten hinweg nur wenige Chancen heraus.

Die gute Nachricht: Die erste Runde des DFB-Pokals findet nur einmal im Jahr statt. Auch wenn in der Zweiten Liga viele Teams defensiv antreten gegen den Favoriten aus Hamburg: Derart tief dürfte sich kein Gegner am eigenen Strafraum verbarrikadieren. Insofern hat Hecking Recht mit seiner Aussage, an diesem Tag habe nur das Weiterkommen gezählt. Dieses Ziel hat der HSV erreicht. Allenfalls das fehlende Tempo im letzten Drittel sollte Hecking in den kommenden Wochen verbessern. Am Freitagabend bietet sich dafür die erste Chance: Auch der VfL Bochum dürfte den HSV in einer kompakten, wenngleich weiter vorne postierten Ordnung empfangen. Die Bochumer taten sich beim 3:2 gegen den Fünftligisten KSV Baunatal übrigens ebenfalls schwer. Der Pokal hat eben seine eigenen Gesetze.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.