Marcus Scholz

2. Februar 2020

Dieter Hecking hatte geheim trainieren lassen - was im weitläufigen Volkspark nicht wirklich möglich ist, solange man nicht ins abgeschlossene Volksparkstadion geht. Aber so wirklich schlimm war es dann auch nicht, dass die Kiebitze sehen konnten, was dort auf dem Platz vor sich ging. Denn nach dem guten 4:1 gegen Nürnberg rechnete tatsächlich eh niemand mit großen Veränderungen. Im Gegenteil: Das Motto diesmal ist "mit Konstanz die Serie brechen", denn beim VfL Bochum will der HSV mit identischem Kader und identischer Startelf zur Vorwoche endlich den ersten Auswärtssieg seit dem 4:2 beim KSC im August 2019 (!!) einfahren. Auch, weil die Konkurrenten aus Stuttgart und Bielefeld im Aufstiegskampf Punkte liegen gelassen haben. Auf der anderen Seite muss der VfL Bochum dringend nachlegen, wenn man den Abstiegsrang, auf den die Bochumer zurückgefallen sind, wieder verlassen will. Ergo: Für beide Teams geht  es um viel, wenn sie am Montagabend um 20.30 Uhr den 20. Zweitligaspieltag beschließen. Sie beide wollen die Bigpoints!  Der Check vorab, den ich wie immer zusammen mit meinem Blogfreund und Bochum-Experte Christian Hoch zusammengetragen habe:

Ausgangslage

Bochum: Der VfL Bochum steckt in einer der prekärsten Situationen seiner Vereinsgeschichte. Vor der Begegnung mit dem HSV steckt die Mannschaft aus dem Ruhrgebiet als 16. in der Tabelle tief im Abstiegsschlamassel. Der blutleere und offensiv erschreckend harmlose Auftritt nach der Winterpause bei Arminia Bielefeld hat die Sorge in Bochum vor dem Absturz in die Dritte Liga weiter verschärft. Auch in Sachen Wintertransfers ist aus dem VfL-Umfeld deutliche Kritik in Bezug auf die Verantwortlichen eingeprasselt. Intern hatte man sich das Ziel gesetzt, bis zu vier Neuzugänge zu verpflichten Am Ende wurden es mit Robert Zulj (TSG Hoffenheim) und Vasilios Lampropoulos (Dep. La Curoña) lediglich zwei Neuverpflichtungen. Vor allem für die Verteidigung wollte man nachrüsten, der Deal mit Wunschspieler Anthony Jung (Bröndby IF) platzte kurz vor dem Abschluss, weil die Dänen Jung nicht ziehen ließen. 

HSV: Der HSV beschließt zum zweiten mal on Folge den Spieltag. Und während man am Donnerstag nachziehen musste, da die Konkurrenten bereits gewonnen hatten, kann man diesmal Punkte gutmachen. Denn sowohl der VfB Stuttgart (beim FC St. Pauli) als auch Arminia Bielefeld (in Aue) kamen jeweils nur zu einem Remis. „Interessiert mich null“, so Dieter Hecking heute. Der HSV-Trainer wiederholte,Ewas er schon vor dem Nürnberg-Spiel gesagt hatte: „Ich nehme die Ergebnisse zur Kenntnis. Aber ich schaue nur auf uns.“ Und da es am vergangenen Donnerstag beim 4:1 gegen Nürnberg schon sehr gut aussah, scheint Hecking auch keine Veränderung vorzunehmen. Weder im Kader noch in Sachen Startelf. Hecking vertraut auf die Gewinner von Donnerstag, die beim VfL Bochum ebenso zwei wichtige Punkte auf Verfolger Stuttgart und Tabellenführer Bielefeld gutmachen sollen wie auf die weiteren Verfolger Heidenheim und Aue - sowie auf die SpVgg Greuther Fürth, die sich irgendwie recht unbemerkt der Tabellenspitze nähert. Egal wie: Das Bochum-Spiel ist eine dieser Chancen, die der HSV zwingend nutzen muss, wenn er am Ende ganz oben stehen will.

Das größte Fragezeichen 

Bochum: Trainerwechsel, mehrere Aussprachen, Einzelgespräche, Straftrainings, schärfere Regeln, Systemumstellungen - die Verantwortlichen in Bochum haben so gut wie alle Maßnahmen durchgespielt, um die Mannschaft in die Spur zu bringen. Kurzfristige Verbesserungen lösten sich langfristig immer wieder in Luft auf. Nichts scheint diese Truppe aktuell zu kitzeln, nichts scheint ihr zu helfen. Gegen Bielefeld präsentierten sich vermeintliche Leistungsträger wie Danilo Soares, Danny Blum und Manuel Riemann erschreckend formschwach. Alle drei trifft nicht alleine die Schuld an der Pleite, gleichwohl stehen sie sinnbildlich für eine extrem verunsicherte Mannschaft, die in der Hinrunde eklatante Abwehrschwächen (drittschwächste Defensive der Liga) nur durch eine teils furiose Offensive aufwiegen konnte. Durch das neue 4-4-2-System mit Raute im Mittelfeld lahmt jetzt aber die Offensive. Bochum ist also mehr denn je auf der Suche nach Balance. Sowohl auf dem Platz als auch intern. Die Stimmung in der Mannschaft ist durch die prekäre Situation angespannter denn je, zu viele Spieler sind mehr mit sich selbst beschäftigt als mit der aktuellen Situation. Dennoch hat das Team auch bereits gezeigt, dass es durchaus mit allen Mannschaften mithalten könnte. Voraussetzung: Die Einstellung stimmt.

HSV: Das größte Fragezeichen ist eigentlich nicht existent, nachdem man am Donnerstag ein Ausrufezeichen gesetzt hatte und Hecking personell aus dem Vollen schöpfen kann. Interessant wird sein, ob der HSV erneut mit der Power in die ersten 35 Minuten gehen kann wie gegen Nürnberg. Ebenso, ob das Mittelfeld mit Fein als Defensiven sowie davor mit Louis Schaub und Jeremy Dudziak offensiv wieder so kreativ ist und der Angriff mit Kittel und Jatta außen sowie Hinterseer im Zentrum funktioniert. So, dass man nach nunmehr acht sieglosen Auswärtsspielen im alten Jahr in Folge endlich wieder einen Auswärtssieg einfährt. Und: Wie reagiert der HSV, wenn der VfL deutlich defensiver eingestellt sein wird als zuletzt der FCN?

Der Lichtblick

VfL Bochum: Sollte es dem VfL gelingen, gegen den HSV im Spiel nach vorne wieder gefährlicher aufzutreten, dann kann die Offensive noch immer das Prunkstück sein. Mit Silvere Ganvoula (10 Tore) und Danny Blum (6 Tore) stellen die Bochumer das drittstärkste Offensiv-Duo der Liga. Vor allem zuhause zeigte der VfL seine besten Saisonleistungen (3:1 gegen Nürnberg, 2:0 gegen Aue) und konnte darüber hinaus erst ein einziges Mal im heimischen Ruhrstadion geschlagen werden. Wenn Einstellung, Leidenschaft und Glück zusammenkommen am Montag, dann könnte es auch der HSV schwer haben „anne Castroper“.

HSV: Wie schon angesprochen: Das Mittelfeld bzw. das eigene Offensivspiel. Fein scheint wieder in Form zu kommen, während Louis Schaub das spielt, was man sich von einem gesund Aaron Hunt erhofft hatte. Zudem funktionierte Dudziak gegen Nürnberg knapp 70 Minuten herausragend gut im Zusammenspiel mit Schaub sowie den Außen Kittel und Jatta. Zudem gut: Offenbar haben sich mit den beiden Niederländern Rick van Drongelen und Timo Letschert zwei Innenverteidiger nicht nur im internen Konkurrenzkampf durchgesetzt, sondern auch auf dem Platz gefunden. gegen Nürnberg standen beide defensiv sicher - obgleich die Nürnberger sie auch nahezu überhaupt nicht prüften. Dass man auch im zehnten Spiel in Folge nicht zu Null spielen konnte, war einem Fehlpass von Tim Leibold und einem satten Distanzschuss geschuldet. Dennoch, was im Training immer wieder geübt wurde, fand im Spiel endlich auch Anwendung: Immer wieder suchten die beiden Innenverteidiger die offensiven Außen mit langen Diagonalbällen hinter die Abwehr.  Und so wenig filigran dieser „lange Hafer“ auch ist - er kann dem HSV gegen defensiv stehende Gegner entscheidend schnell entscheidende Räume öffnen. Ebenfalls ein Lichtblick ist die HSV-Bank mit Hunt, Pohjanpalo, Harnik, Ewerton, Jairo, Kinsombi und Co. - für Trainer Hecking bedeutet das einen nominellen Leistungsträger pro Mannschaftsteil auf der Bank zu haben. Ich behaupte sogar: Viel mehr Qualität kann man in der Zweiten Liga nicht auf der Bank haben.

Das spannendste Duell

Das wäre sicherlich ein Aufeinandertreffen mit dem nur an den VfL verliehenen Angreifer Manuel Wintzheimer. Der kam beim VfL bislang zwar zwölfmal zum Einsatz (neun Ein- und drei Auswechslungen), spielte aber noch keinmal über die kompletten 90 Minuten. Zudem tritt Lukas Hinterseer das erste Mal nach seinem Wechsel im VfL-Stadion an. „Lukas hat ein gutes Spiel gemacht“, lobte Hecking heute den Ex-Bochumer, der mit Joel Pohjanpalo neue Konkurrenz im Sturmzentrum hat.

Taktik

VfL Bochum: Drewes - Gamboa, Decarli, Leitsch, Soares - Losilla, Tesche, Weilandt, Zoller - Blum, Ganvoula

HSV: Heuer Fernandes - Beyer, Letschert, van Drongelen, Leibold - Fein - Dudziak, Schaub - Jatta, Hinterseer, Kittel

Ausblick

VfL Bochum: Das Spiel gegen den HSV ist für Bochum eines von zwei Endspielen. Sollte sowohl die Partie gegen die Hamburger als auch das Spiel bei Wehen Wiesbaden schiefgehen, kommt in Bochum - mal wieder - alles auf den Prüfstand. Der Gegner nach Wiesbaden: VfB Stuttgart. Heitere Aussichten klingen im Vorfeld der Begegnungen anders. 

HSV: Am Sonnabend geht es für den HSV schon weiter. Im Heimspiel treffen die Mannen von Trainer Hecking auf den Karlsruher SC, der sich gerade die Dienste von Ex-HSVer Änis Ben-Hatira sicherten. Dabei geht es zum einen weiter darum, die Tabellenspitze zu erklimmen - aber es gibt auch den im Vorfeld heiß Diskutierten Pyro-Versuch, bei dem in abgesicherten Zonen legal mPyro abgebrannt werden soll. Ein Versuch, den der DFB zu verhindern versuchte - sich aber letztlich den Argumenten und den Genehmigungen der Behörden geschlagen geben musste. Punktetechnisch kann der HSV in den ersten drei Spielen schon viel Verlorenen Boden wieder gutmachen. Da bei der Arminia jetzt auch noch Top-Stürmer Voglsammer mit Mittelfußbruch ausfällt (Gute Besserung von dieser Stelle!!), bleibt abzuwarten, wie die Arminia diesen Schock verdaut.

 

In diesem Sinne, bis morgen! Da melden wir uns am Abend wieder ab 30 Minuten vor Spielbeginn live aus unserem Studio und werden mit allen, die dabei sein wollen, das Spiel auf unserer Auswärtscouch sehen. In der Halbzeit und evtl. auch schon vor Spielbeginn werden wir mit Christian sprechen, der live im Stadion sein wird. Also: Schaltet ein - es lohnt sich!

Bis morgen,

Scholle

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.