Marcus Scholz

28. Januar 2018

Der Tag danach diente zuletzt immer ein wenig der Ruhe und Regeneration. Die Stammspieler absolvierten einen lockeren Lauf oder ließen sich nur behandeln, während die Reservisten auf dem Platz trainierten. Heute jedoch war das anders. „Für mich gibt es da kein Schema F“, so Neu-HSV-Trainer Bernd Hollerbach, der heute Morgen alle Spieler auf dem Platz versammelte und eine kernige, durchaus laufintensive Einheit (zumeist mit Ball) absolvieren ließ. Auslaufen? War gestern schon. Denn direkt nach dem Spiel liefen die HSV-Profis in der Red Bull Arena in Leipzig bereits aus. „Der Montag ist frei“, so Hollerbach, der weiter darauf verzichtet, große Reden zu schwingen. Kurz und bündig, immer nah an den Fakten – Hollerbach geht es nicht darum, durch Sabbeln Euphorie zu entfachen. Im Gegenteil: „Es ist schön, dass wir bei der zweitbesten Heimmannschaft der Liga einen Punkt mitnehmen konnten. Das ist allerdings kein Grund, um jetzt 'Juhu!' zu schreien”, betonte Bernd Hollerbach. „Wir haben noch viel Arbeit in den nächsten Wochen vor uns.”

Hollerbach demonstriert die Ruhe, die er einfordert. „Die Situation ist schwierig“, so der HSV-Coach, „wir sind noch immer von anderen abhängig. Das mag ich nicht.“ Einen Zähler hinter dem 16. Werder Bremen hat der HSV weiterhin vier Punkte Rückstand auf den ersten rettenden Tabellenplatz. Und dort steht der VfB Stuttgart, der heute nach der 0:2-Heimniederlage gegen Schalke seinen Trainer Hannes Wolf entlassen hat. Davor sind zwar noch zwei Mannschaften mit Mainz (in Leverkusen) und Wolfsburg (in Hannover) mit 20 Punkten, zumindest Stand heute um 16.50 Uhr.

Wer Hollerbach als Spieler erlebt hat, der wird sich auch sehr gut vorstellen können, wie er als Trainer funktioniert. „Jeder Trainer hat seinen Stil. Meiner muss nicht richtig sein – aber es ist, der den ich schon länger gehe und mit dem ich Erfolge feiern konnte.“ Hollerbachs Weg geht über Geschlossenheit, und die erfordert ein hohes Maß an Disziplin. Und das bedeutet ach, dass die Spieler lernen müssen, auch mit harten Entscheidungen umzugehen. So, wie gestern Julian Pollersbeck, der nach nur zwei (fehlerfreien) Einsätzen als neue Nummer eins wieder auf die Bank verdrängt wurde. Für ihn stand Christian Mathenia im Tor. „Ich habe mich mit dem Torwarttrainer abgesprochen und diese Entscheidung getroffen“, so Hollerbach, „weil wir der Meinung waren, dass in dieser Situation ein erfahrenerer erforderlich ist. Zudem kennt er die Situation aus dem vergangenen Jahr, wo er seinen Mann gestanden hat. Am Ende war es sowas wie eine Bauchentscheidung.“

Ob die Torwartsituation grundsätzlich offen bliebe, oder ob der gestrige Stand als Entscheidung feststeht? Hollerbach klar: „Das ist fest.“ Ob er mit Pollersbeck gesondert gesprochen hat bzw. sprechen muss? „Es ist für alle nicht leicht. Ich habe ihm aber gesagt, dass ich gesehen habe und dass es mir gefallen hat, wie er trotzdem die Mannschaft unterstützt hat, wie er sich vorbildlich verhalten hat. Die auf der Bank haben alle gejubelt – und nur so geht es. Und im Fußball geht es manchmal sehr schnell und man immer bereit sein – und den Eindruck habe ich von ihm.“

Bereit war auch Lewis Holtby – und wurde dennoch nicht einmal für den Kader nominiert. Ob er erklären könne, warum, wurde Hollerbach gefragt. Und er konnte: „Weil ich eine gute Chance gesehen habe, Leipzig über Standards gefährlich zu werden. Für die zentrale Position habe ich drei Spieler: Lewis, Aaron Hunt und Sejad Salihovic. Es war eine enge Entscheidung, und ich habe mich am Ende für die Freistoßspezialisten Aaron und Sali entscheiden. Lewis hat super trainiert – wie die anderen beiden auch. Aber das kann am Wochenende schon wieder ganz anders aussehen. Solche Entscheidungen sind immer der aktuellen Situation geschuldet.“

Eine tatsächlich unerwartet neue Situation hat Hollerbach in Sachen Walace geschaffen. Der Brasilianer schien seinen Wechsel erzwingen zu wollen. Und war gestern im Mittelfeld eine Stütze. Auch, weil Hollerbach ihn zu überzeugen wusste. „Wie gesagt, ich gehe unvoreingenommen daran. Manchmal wirst Du gewarnt, du müsstest aufpassen, der Spieler habe Disziplinprobleme oder dergleichen. Und dann unterhältst du dich mit ihm und merkst: Oh, der ist ja ganz in Ordnung“, so Hollerbach, der unter der Woche ein sehr persönliches Gespräch mit Walace geführt hatte. „Ich bin ohne Vorurteil da rangegangen, habe mit ihm gesprochen. Ich kenne seine Problematik, das ist nicht so einfach für seine Frau allein in Brasilien. Brasilianer sind Familienmenschen. Ich habe schon mit vielen zusammengearbeitet, die sind da sehr sensibel. Und Walace erhält vom Verein und mir alle Unterstützung, die er braucht. Es war auch ein sehr, sehr gutes Gespräch und er hat sich in dem Gespräch auch geöffnet.“ Wie es weitergeht? Hollerbach: „Ich habe ihm gesagt, dass er rüberfliegen darf, wenn es losgeht, wenn das Kind kommt.“ Stichtag ist übrigens im März.

Und auch sportlich sah sich Hollerbach in seinem Bemühen um Walace bestätigt. Er hatte den Brasilianer gestern aufgeboten, obwohl dieser unvermindert seinen Wechselwunsch hat. Ergebnis: Walace legte einen sehr ordentlichen Auftritt hin. Nach anfänglichen Problemen fand er Sehr wichtig, auch sehr präsent. Hat eine unheimliche Ausstrahlung. Er ist so ein Spieler, den ich mag. Aggressiv im Zweikampf, kann auch Fußball spielen.“ Und das zeigte Walace in Leipzig. Wobei ich mir recht sicher bin, dass da noch eine ganze Menge Luft mach oben ist und Walace noch deutlich mehr zeigen wird, wenn Hollerbach das macht, was er andeutet: Dem Brasilianer Vertrauen schenken.

Apropos Vertrauen, das hat Hollerbach auch in die Führungskünste von Gotoku Sakai. Der Japaner bleibt auch unter Hollerbach Mannschaftskapitän. Und das, obwohl Hollerbach mal sagte, ein Kapitän dürfe nicht zu ruhig sein. Warum dennoch der zweifelsfrei ruhigere Sakai Kapitän bleibt? „Weil die anderen auch ruhig sind“, antwortet Hollerbach mit einem Schmunzeln und ergänzt: „Sakai war vorbildlich. So ruhig ist er auch gar nicht. Ich habe ihm gesagt, er muss ein wenig mehr aus sich herauskommen – und das macht er auch in der Kabine. Er hält den Laden zusammen ist ein ganz sauberer Junge. Ein absolutes Vorbild – und ein Kapitän muss ein Vorbild sein.“

Und obgleich er das mit den ruhigen Spielern um Sakai herum im Scherz sagte, hofft Hollerbach weiterhin auf personelle Ergänzungen noch in der am Mittwoch endenden Wintertransferphase. Ob er zudem Spieler abgeben wolle? „Nein. Möchte ich eigentlich nicht.“ Dafür hat Hollerbach bereits seine Wünsche bei Sportchef Jens Todt platziert. Und es gibt Wünsche. Offen ist nur, wie sich diese realisieren lassen. Denn aus eigenen Mittels – schon gar nicht ohne einen Spieler abzugeben. Ansonsten sei der Kader auch so gut genug, um die Klasse zu halten. „Davon gehe ich aus. Ich arbeite ich mit den Jungs, die da sind. Das sind gute Jungs.“ Wobei, einen Neuen könnte Hollerbach schon sehr bald verzeichnen: Albin Ekdal. Der Schwede war heute schon wieder auf dem Platz und trainierte problemlos mit: „Bin auch überrascht, wie gut es schon funktioniert. Kann sein, dass er diese Woche schon wieder einsteigt. Das ist gut. Dann habe ich noch eine Alternative mehr.“

Eine erfolgreiche Variante war gestern, Filip Kostic von der linken Außenbahn abzuziehen und ihn als zweite Spitze neben Bobby Wood aufzubieten. So konnte der HSV die Schnelligkeit des Serben nicht allein für Flügelläufe über links nutzen, sondern Kostic überall einsetzen. Denn eines ist klar u8nd ist hoffentlich auch ein Attribut bei Hollerbachs Spielerwünschen: Der HSV braucht mehr Tempo. Aus dem Mittelfeld fehlt das. Und selbst Bobby Wood, der das Tempo eigentlich hätte, entscheidet sich noch zu oft falsch. Soll heißen: Wenn er das Tempo aufnehmen muss, macht er den Ball ruhig – und andersrum. Von daher war es auch kein Zufall, dass es nur gefährlich wurde vor dem Leipziger Tor, wenn Kostic Tempo aufnehmen konnte. Und wenn ich einen Unterschied zwischen dem HSV und anderen Abstiegskandidaten sehe, dann ist es das Tempo. Selbst spielerisch unterlegene bzw. maximal ebenbürtige Mannschaften wie Mainz 05 können schneller umschalten, weil sie über entsprechend schnelle Spieler verfügen – auch im Mittelfeld.

Aber okay, abwarten. Am Montag ist trainingsfrei und Hollerbach hat wichtige Termine. Dabei wird es sicher auch um neue Spieler gehen, während ich vom Team Bernd Hoffmann zur Präsentation ihres Konzeptes für die Wahl zum Präsidenten des HSV e.V. morgen eingeladen worden bin. Nachdem sich gestern bereits Ralph Hartmann im „Rautenperle.tv-Live-Talk“ für das Team um den amtierenden Präsidenten Jens Meier präsentierte, bin ich sehr gespannt, was der ehemalige HSV-Vorstandsvorsitzende plant. Ich werde Euch auf jeden Fall morgen an dieser Stelle darüber berichten.

Bis morgen!

Scholle

 

P.S.: Noch ein Wort zur Diskussion um den HSV-Treffer gestern, den einige Schlaumeier nach der 1000. Wiederholung und unter Zuhilfenahme aller Zeitlupen und eingefügten Abseitslinien als "klare Fehlentscheidung" betiteln: Das ist albern. Mit dem menschlichen Auge war das gestern sicher nicht zu erkennen. Schon gar nicht ganz klar. Und grundsätzlich heißt es ja: Im Zweifel für den Angreifer. Insofern haben die Unparteiischen gestern nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Allerdings: Dass der Video-Schir in Köln nicht die nachträglich einsetzbare Abseitslinie als Hilfsmittel  bei seinen Widerholungen zur Verfüg hat, ist peinlich. Selbst wenn es dem HSV diesmal zugute kam, es passt zu dem meiner Meinung nach weiterhin sehr streitbaren und unfertigen Videobeweis, dass jeder TV-Sender über mehr Möglichkeiten verfügt als der Video-Schiri in Köln...

 

 

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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