Marcus Scholz

2. März 2018

33 Minuten Aufwärmprogramm, dann ging es rein ins weniger windige Stadion. Ein paar Standards üben – und schon ging es wieder zurück ins beschauliche Lemsahl ins Hotel Treudelberg. Teambuilding statt Eistraining. Bernd Hollerbachs Maßnahme dürfte zumindest heute bei den wenig belasteten Spielern auf Gegenliebe gestoßen sein. Belastungssteuerung mal entgegen der Hollerbach nachgesagt fordernden Art. Mal was anderes. Allerdings: Insofern war heute auch nicht viel von dem zu sehen, was Aufschluss geben könnte für das Spiel morgen gegen Mainz.

Josha Vagnoman galt unter der Woche als ein potenzieller Startelf-Kandidat. Trainer Bernd Hollerbach hatte ihn noch mal explizit gelobt auf der Pressekonferenz. Und ich persönlich finde es sehr schade, dass der junge U17-Nationalspieler gar nicht dabei ist.  Zumal der junge Mittelfeld-Allrounder herrlich unbedarft ist. Vagnoman macht sich in der Regel nicht zu viele Gedanken, ist kein unruhiger Typ und hat sein ganzes Leben sehr stark auf Fußball ausgereichtet. Und er wird sein Ziel erreichen. Zumindest ein Etappenziel: den ersten Profivertrag. Die Frage ist nur, wo er den unterschreibt. Denn das bisherige HSV-Angebot liegt bei unter 100.000 Euro per annum für einen Fünfjahresertrag. Zum Vergleich: Dieses Geld verdienen schon A-Bundesligaspieler ohne Profieinsätze in vielen anderen Vereinen...

Aber okay, der HSV muss sparen und macht es an Stellen, wo ich es nicht machen würde. Ich würde bei den Großverdienern ansetzen. Da kann man mit einer prozentual geringen Minderung einen deutlich höheren Spareffekt auslösen. Vor allem aber darf der HSV gerade in der aktuellen Situation nicht riskieren, seine Toptalente ziehen zu lassen. Denn angesichts der durchaus nicht unwahrscheinlichen Variante, kommende Saison Zweitligist zu sein, wären die jungen Kräfte sicher auch sportlich eine notwendige und vor allem sinnvolle sportliche Bereicherung für den Kader.

Apropos Planung: Vor ziemlich genau einer Woche stand ich beim Abschlusstraining vor dem Nordderby mit meinen Kollegen Milani (BILD) und Braasch (Mopo) zusammen und wir haben uns über Rafael van der Vaart unterhalten. Einen ehemaligen Weltklassefußballer, der tatsächlich noch der Typ Straßenkicker ist und immer spielen will. Leider! Denn er weiß leider nicht, wann Schluss ist. Ansonsten hätte er seine Karriere sicher nicht in Dänemark fortgesetzt und würde schon gar nicht mehr darüber philosophieren, noch mal als Profi für den HSV aufzulaufen. Allerdings kann van der Vaart dem HSV ganz sicher auf anderer Ebene helfen. Durch seine Stationen als Spieler, nein: generell durch seine tolle Karriere hat er sich weltweit einen guten Namen gemacht. Zudem ist er fachlich sehr gut, was sich viele seiner Trainer schon zunutze gemacht haben.

Van der Vaart ist ein intelligenter Mensch, der zudem sehr viel Profi-Erfahrung mitbringt. Er könnte beim Aufbau in den nächsten Jahren helfen und auf längere Sicht vielleicht sogar ein richtig guter Sportchef werden. Es wäre ein bisschen das Modell FC Bayern/Salihamidzic – aber es wäre vor allem mal etwas Neues. Man würde tatsächlich erst mal gucken, ob jemand für ein Amt geeignet ist und ihm sogar die Zeit geben, sich möglichst vollumfänglich einzuarbeiten, ehe er volle Verantwortung erhält. Van der Vaart würde seine Kontakte einbringen können und als zweiter Mann lernen, worauf es ankommt – und vor allem auch, was man am besten nicht macht...

Aber noch mal kurz zurück zum morgigen Spiel, das schon mehr als wegweisend sein kann. Ich glaube tatsächlich, dass Trainer Bernd Hollerbach wenig verändern wird gegenüber dem Bremen-Spiel. Soll heißen: Mit Jatta auf rechts, was sich der Außenstürmer auch erarbeitet hat. Allerdings hoffe ich darauf, dass vorn im Zentrum Fiete Arp anstelle Andre Hahns beginnt. Zudem glaube ich, dass Kapitän Sakai auch morgen von Beginn an auflaufen wird – trotzdem er seit Wochen in einem massiven Formtief steckt. Defensiv anfällig und nach vorn immer wirkungsloser, weil er seine wenigen Vorstöße immer wieder abbricht und in die Mitte zieht (wo er dann den Ball verliert).

Weshalb Hollerbach hier nicht auf Dennis Diekmeier setzt, der in dieser Saison zweifellos zu den wenigen stabilen Spielern steht – ich kann nur mutmaßen, dass es daran liegt, dass Diekmeier das Angebot abgelehnt hat (während Sakai noch abwartet). Allerdings klafft auf dieser Position aktuell wahrscheinlich das größte Loch, wenn man von leistungsorientierter Aufstellung spricht. Wahlweise wäre auch Josha Vagnoman ein Kandidat, der es verdient hätte, vor Sakai in der Startelf zu stehen. Aber das hat sich ja erledigt. Und wo wir schon im Ausschlussverfahren sind: Bobby Wood ist nach etlichen Wochen ohne Leistung gar nicht erst im Kader, für ihn rückte Sven Schipplock ins Team. Auch eine Ansage...

Aber okay, abwarten. Vielleicht überrascht Hollerbach ja auch wieder so, wie mit Jatta in Bremen. In diesem Sinne, anbei noch mal der sehr nett geschriebene Gastbeitrag meines Mainzer Blog-Kompagnons Martin Schmitt, der das ganze Spiel morgen etwas entspannter angeht als ich.

 

Bis morgen! Scholle

 

Anbei der Gastbeitrag:

Der FSV Mainz hat das wohl mit Abstand fairste Publikum der Liga. Beispiel: Wenn beim Verlesen der Aufstellungen Pfiffe gegen die Gegner kommen, mahnt der Stadionsprecher zur Fairness. Kann man machen - auch wenn es sicher nicht die Regel ist in der Bundesliga. Aber es färbt ab. Zumindest erlebe ich meinen Blog-Kollegen aus Mainz, der den Mainz-05-Blog betreibt so. Er ist immer sehr ruhig, selbst jetzt, wo es seinem Verein nicht gut geht und ein so wichtiges Spiel wie das gegen den HSV ansteht. Aber lest selbst. Ich bedanke mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Peter Schmitt für diesen netten Einblick.

 

Die Aufregung vor dieser Begegnung unserer Mainzer beim HSV ist viel zu groß. Während man in Hamburg schon ein Endspiel ausruft und die Polizei 900 Einsatzkräfte nebst Wasserwerfer ins Stadion schickt (wer zahlt das eigentlich?), weil man wieder mal Ausschreitungen befürchtet, ist der Käse rein sportlich in dieser Saison noch lange nicht gegessen. Für beide Teams. Weil immer noch zehn Spieltage zu absolvieren, also 30 Punkte maximal zu vergeben sind für jeden Verein. Ne Menge Holz. Auch wenn ich glaube, dass unsere Nullfünfer auf diesem verfluchten Relegationsplatz bleiben werden. Und auch wenn es dem Gesetz der Statistik folgend höchst unwahrscheinlich ist, dass der HSV da unten noch rauskommt. Ganz egal, ob er an diesem Samstag gegen unsere Nullfünfer gewinnt oder nicht. Und aus demselben Grund ist noch nichts entschieden, wenn Mainz in HH verlieren sollte. Oder gar gewinnt.

Die Voraussetzungen bei beiden Teams sind derzeit nicht optimal, wobei der HSV das deutlich schlechtere Los gezogen hat. Und damit meine ich noch nicht mal das Sportliche. Trainer Bernd Hollerbach, gerade mal am 22. Januar angetreten, steht schon in der Kritik. Denn er hat das Ruder ebenfalls nicht herumreißen können. So richtig hat das kaum ein HSV-Trainer in den vergangenen zehn Jahren, denn so lange währt die Krise des Bundesliga-Dinos schon. Genau genommen. Mit Ach und Krach dem Abstieg entronnen. Immer wieder. Warum ist das eigentlich so trotz zahlreicher Trainerwechsel, bleibt mir von außen nur zu fragen? Da kann es doch nicht nur an den Übungsleitern liegen... Die Fans jedenfalls sind offensichtlich derart sauer, wie diese wahnsinnigen Pyroaktionen beim Spiel in Bremen gezeigt haben. Da frage ich mich schon, wie viel Hirn in manchem Fan enthalten ist. Da sollte man eigentlich einen Warnhinweis draufkleben.

 

Was lange kocht, wird halt nicht immer gut. Und im HSV-Fan kocht ne ziemliche Wut. Seit Jahren. Das ist in Mainz etwas anders. Zwar ist auch Trainer Sandro Schwarz bei einigen Fans ebenfalls in die Kritik geraten, doch längst nicht so massiv wie üblicherweise Trainer des HSV oder von Eintracht Frankfiurt, wenn sie mal vier Spiele hintereinander verloren haben. Sportmanager Rouven Schröder hält an Schwarz fest, und das klingt in meinen Ohren doch etwas anders als die Aussagen seines HSV-Pendants Heribert Bruchhagen. Den wir noch gut aus Eintrachtzeiten kennen, da hat er nämlich auch immer getönt, gegen Mainz zu gewinnen, letztlich aber keine sehr positive Bilanz eingefahren.

Sauer sind viele Mainzer Fans derzeit trotzdem, so richtig seit dem Auswärtsspiel in Hoffenheim, weil die Mannschaft ihre ironisch-spöttischen Bekundungen nach der Niederlage allem Anschein nach nicht verstanden hat. Weil auch die Offiziellen diese Ironie, diesen typischen, seit Jahren praktizierten Weg der Mainzer Fans nicht verstanden und völlig falsch reagiert haben. Unverständnis auf beiden Seiten. Viele Fans fragen sich längst, wer da eigentlich noch echter Mainzer ist im Verein und beklagen, dass der verantwortliche Sportmagaer sich zu wenig mit dem Umfeld identifiziere. Außer Fastnacht ist da angeblich nichts, und selbst das werde noch falsch gedeutet. Aber Christian Heidel ist nun mal schon lange nicht mehr 05-Manager, Harald Strutz als 05-Präsident abgelöst, sein kurzzeitiger Nachfolger längst ebenfalls wieder Geschichte und der neue Präsident noch etwas farbl...., äh, zurückhaltend.

Ein ähnliches Hickhack kennt man ja auch beim HSV, insofern wir längst zum stinknormalen Verein mutiert sind. Einigen 05-Fans fehlt es – und das beklage ich ebenfalls – im Verein an Identifikation mit dem Umfeld. Sie beklagen zu große Distanz und zu wenig Verständnis für die Mainzer "Seele". Das klingt ganz ähnlich wie das, was Marcus Scholz unter http://www.rautenperle.com am 27.2. geschrieben hat, wie eine Beziehung, die in der Krise ist. Aber diese Problematik werden wir an diesem Samstag nicht lösen, da muss vermutlich noch etwas mehr Vertrauen zwischen beiden Seiten entstehen. Wenn sie sich denn mal einem Austausch öffnen...

Zum Sportlichen: René Adler, der Ex-Hamburger, soll am Samstag ausgerechnet gegen seinen Ex-Verein wieder im Tor stehen. Schluck. Da war doch was in Frankfurt... Ich hoffe, diesmal ist Adler auf den Punkt präsent, genesen vom grippalen Infekt und geil aufs Spiel (so wie wir das von ihm kennen). Geil aufs Spiel! Ja, das muss für alle unsere Mainzer gelten, denn dem HSV steht das Wasser deutlich näher zur Unterlippe als uns. Und trotzdem: Wir haben nicht den geringsten Anlass, mit Überheblichkeit ins Spiel zu gehen, wahrlich nicht. Wir müssen laufen, laufen, laufen, den Gegner frühzeitig angehen, Pässe verhindern, Räume besetzen, in die Zweikämpfe gehen, geil sein auf Tore! Typische Mainzer Tugenden abrufen. Kampf und Krampf wird das werden auf beiden Seiten, so wie schon einmal im vergangenen Jahr, Angsthasenfußball ohne Mut zum Risiko. Denn es steht viel auf dem Spiel. Für den HSV ist das rettende Ufer allerdings viel weiter entfernt, aber genau das darf uns nicht beruhigen, muss unsere Chance sein, alles zu geben. Unser Ziel muss ein Sieg sein! Wer alles beim HSV einsatzbereit ist und wer nicht, das will ich jetzt mal völlig außer Acht lassen, weil das einfach für mich als typischen "Sofa-Trainer" keine Rolle spielen darf. Wir wissen natürlich, dass Hollerbach zu einem kurzen Trainingslager eingeladen hatte, um sein Team einzuschwören. Bei uns hingegen wird es vor allem auf die Einstellung zum Spiel ankommen, auf den Willen und die Kampfbereitschaft. Ich vermute mal, dass Sandro Schwarz die Mannschaft ähnlich aufstellen wird wie zuletzt gegen Wolfsburg, wenn denn alle fit sind. Berggreen und der flinke Quaison ergänzen sich im Sturm prächtig, Holtmann auf links ist pfeilschnell, Donati eine Kämpfernatur (wenn auch spielerisch etwas limitiert – meine ich als "Sofa-Trainer"), Latza fast wieder bei alter Stärke, Gbamin hoffentlich besser drauf als gegen Wolfsburg, und hinten, ja hinten in der anfälligen Defensive müssen sie ohnehin präsent sein, die Bells, Hacks, Baloguns, Diallos oder Brosinskis. Je nachdem, wen Schwarz ins Team holt.

Eine Prognose. Ach je. 1:1 oder 0:0. Angsthasenfußball eben.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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