Marcus Scholz

22. Februar 2018

So funktioniert es. Der eine Trainer sagt halb im Spaß, halb ernsthaft etwas – und schon entsteht daraus eine dramatische Geschichte. „Werder-Trainer enttarnt HSV-Spion“ hieß es, nachdem Werder Bremens Trainer Florian Kohfeld von einem Zuschauer erzählt hatte, der versucht haben soll, das Geheimtraining der Bremer zu sehen. „Er sagte, er wolle Autogramme haben – und ich habe sie ihm zugesagt“, so Kohfeld im Spaß über eine Sache, die heute so alltäglich ist wie dumme Äußerungen von Donald Trump. „Heute gibt es doch gar keine Spione mehr“, so Hollerbachs unaufgeregte Antwort, „Das läuft doch jetzt alles mit Drohnen ab, oder?“ Und damit hat dieses Thema schon genau 20 Zeilen mehr von diesem Blog, als verdient...

Viel zu sehen gibt es da eh selten. Zumindest nicht beim HSV. Auch heute lieferte das Training nicht zwingend neue Eindrücke. Zum Teil im Stadion, zum Teil draußen ließ Hollerbach die Vierer- und die Fünferkette einstudieren. Mal wieder. Hollerbach geht erkennbar den mühsamen, aber vielleicht auch effektivsten Weg über dauerhafte Wiederholungen.  Noch immer im Bereich der Grundkenntnisse, also ohne hochtrabende taktische Neuerungen und Finessen. Aber das ist für diese Mannschaft vielleicht der effektivste Weg. Jeder bekommt seine Aufgabe im System. Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Gespielt wird hinten konsequent mit bis zu acht defensiven Spielern bei gegnerischen Angriffen, die im Falle eines Ballgewinnes selbigen möglichst schnell diagonal in die Offensive bringen sollen, wo die wenigen schnellen HSV-Spieler den Ball per Gegenstoß nach vorn tragen und querlegen sollen. Soweit, so gut. Allein in der Praxis scheinen selbst derlei simpelste Kombinationen nicht immer einfach umzusetzen zu sein für die Herren HSV-Profis. Insofern geht Hollerbach mit seinen Wiederholungen sicher keinen falschen Weg. Aber wirklich gewinnbringende Kenntnisse lassen sich für andere Vereine daraus sicher nicht ziehen.

Heute im Training dabei war auch Vasilije Janjicic – was an sich nicht ungewöhnlich ist. Allerdings hatte sich der 19 Jahre in der Nacht von Mittwoch auf heute einen schwerwiegenden Fehler erlaubt. Als er ohne Führerschein und unter Alkoholeinfluss auf der A7 einen Autounfall verursachte. Dass er anschließend der eintreffenden Polizei noch versuchte, falsche Personalien unterzujubeln (er soll sich für seinen Zwillingsbruder ausgegeben haben), setzte dem ganzen die Krone auf. Beim HSV versuchte man heute, dem Thema proaktiv etwas Brisanz zu entziehen, indem man selbst vermeldete:

„Wir haben Vasilije sehr deutlich gesagt, dass wir sein Verhalten für verantwortungslos halten, es nicht tolerieren und ihn eine entsprechende Sanktion erwartet“, sagt Jens Todt. Der Direktor Profifußball betont aber auch, „dass wir Vasilije nicht fallenlassen werden. Das Wichtigste ist erst einmal, dass sich niemand ernsthaft verletzt hat. Er ist ein junger Mann, der aus diesem Fehler lernen und ihn verantworten muss“.

Janjicic sagt: „Ich habe einen schwerwiegenden Fehler begangen und weiß, dass ich die Folgen meines Fehlverhaltens nun verantworten muss. Ich möchte mich erst einmal bei allen Unfall-Beteiligten, bei meinen Mannschaftskollegen und beim HSV entschuldigen.“

Okay, dass Janjicic einen Unfall baut – das kann passieren. Dass er ohne Führerschein fährt ist dagegen schon weniger verdaulich. Aber, was am meisten beunruhigt ist die Tatsache, dass der junge Schweizer dabei auch noch alkoholisiert war. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Womit ich auch zum sportlichen Aspekt komme. Mir ist zwar noch nicht bekannt, wie viel Promille er hatte. Aber allein die Tatsache, dass ein so junger, aufstrebender Profifußballer in der Nacht vor einem weiteren Trainingstag trinkt, gibt nachhaltig zu denken. Zumal es nicht der einzige Spieler ist in den letzten Monaten und Jahren, dem man rund um den Fußball unprofessionelles Verhalten und schlechte Ernährung nachsagte. Allein herauskommt es zumeist erst dann, wenn etwas passiert. Wie jetzt bei diesem Unfall auf der A7.

Sportchef Jens Todt kritisierte den Youngster inzwischen wie oben zu lesen ist öffentlich und sprach dem Schweizer eine persönliche Strafe aus, die noch zu benennen ist. Zugleich kündigte er aber auch an, dass man den Jungen jetzt nicht fallenlassen werde. Klar. Allerdings muss sich auch der HSV fragen, ob er bei der Auswahl seiner Spieler vielleicht auch das Persönliche stärker gewichten sollte. Denn wenn mir an der einen oder anderen Stelle schon bekannt wird, dass verschiedene Spieler regelmäßig in Diskotheken gastieren, dass Nachwuchsspieler ohne Führerschein Spritztouren in den Autos von HSV-Spielern und Mitarbeitern machen, dann wird der HSV noch viel mehr wissen. Und ja, es mag sein, dass das überall so ist, bei jedem Verein. Aber das macht es nicht besser. Schon gar nicht gut.

Und Janjicic hat sich zu allem Überfluss tatsächlich einen Moment gewählt, der schwieriger nicht sein konnte. In der Derbywoche, mitten in der schlimmsten sportlichen Situation der Vereinsgeschichte – und ein paar Wochen, nachdem er im Lauftraining bei Bernd Hollerbach komplett abreißen lassen musste und erhebliche Fitnessdefizite offenbarte. Dumm. Und ich bin mir sicher, dass Disziplin-Fanatiker Hollerbach hier konsequent durchgreifen wird.

„Wenn man Dir vom 10. Lebensjahr an erzählt, dass du der beste Fußballer der Welt bist, dir zwischendurch alle möglichen Sonderrechte eingeräumt werden, dann kann das ja nichts werden“, hatte mir Frank Rost gestern am Telefon gesagt. Zum Ende seiner Karriere hatte die ehemalige Nummer eins des HSV immer wieder angemerkt, dass die nachfolgenden Fußballergenerationen zwar alle toll mit dem Ball umgehen könnten, dass sie aber einfach nie gelernt hätten, wie wichtig Disziplin sei. Wobei Rost klar sagte, dass das ein gesellschaftliches Problem sei und mehr das Umfeld denn die jungen Spieler selbst beträfe. Recht hat er.

Denn wenn ich höre, welche Summen heute schon für minderjährige Fußballer bis runter zu Zwölf- oder 13-Jährigen geboten werden, damit sie zu dem jeweiligen Verein wechseln, dann erklärt das schnell, weshalb diesen Jungs manchmal schon in jungen Jahren die Bodenhaftung verloren geht. Janjicic ist hier sicher kein Einzelfall. Aber das macht es für ihn nicht besser. Auch deshalb schätze ich das Nachwuchsprogramm von Bernhard Peters sehr. Denn der hat sich neben dem sportlichen vor allem auch der persönlichen Ausbildung der HSV-Talente verschrieben. Dass diese nicht anders als die meisten von uns auch immer wieder mal dumme Ideen haben, logisch. Aber Peters hatte schon bei seinem Antritt in Hamburg gesagt, dass den Spielern nachhaltig entscheidende Grundwerte vermittelt werden müssen. „Das kann dazu führen, dass plötzlich das absolute Toptalent keine Rolle mehr spielt, obwohl es auf dem Platz regelmäßig Topleistungen abruft.“

Nun denn, auch hier werden wir in den nächsten Jahren Beispiele bekommen, woran erkennbar sein wird, wie konsequent diese Richtlinien gelebt werden. Aber Peters liefert bislang keinerlei Anlass dafür, dass man von etwas anderem als Konsequenz ausgehen darf. Ob es auch Sportlich heute Neues gab? Nein. Holtby und Ekdal fehlten und werden wohl auch am Sonnabend ausfallen, während Hollerbach noch einmal betonte, dass er weiterhun fest an die Rettung glaubt. Aber das könnt Ihr im Video der PK selbst sehen/hören. Apropos, anbei auch die PK von Werder, zusammengeschnitten von meinen Kollegen der "Deichstube":

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert. Ich werde Euch morgen gegen an dieser Stelle wieder einen Gastbeitrag eines Bremer Kollegen einstellen, auf den ich schon sehr gespannt bin. Ich melde mich dann wie gewohnt gegen Abend wieder bei Euch! Bis dahin! Scholle

  

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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