Marcus Scholz

5. Mai 2019

Natürlich gewinnt Darmstadt. Dieser Spieltag - nein, diese Zweitligasaison wäre nicht dieselbe, wenn heute nicht nach St. Pauli, Heidenheim, Paderborn und dem HSV auch noch Union Berlin verlieren würde. Und zack - Darmstadt haut Union Berlin 2:1 weg. Also, alles beim Alten. Als hätte es diesen Spieltag nicht gegeben. Oder? Mitnichten. Denn dieser Spieltag hat dem HSV noch mal richtig wehgetan. Das 0:3 gegen allemal nicht starke Ingolstädter offenbarte Mängel des HSV, die die HSV-Bosse darüber nachdenken ließen, ihr unumstößliches Vertrauen zu Trainer Hannes Wolf zu kippen. „Eine klare Entscheidung“, sei es am Ende gewesen, so Ralf Becker Gestern wir heute. Aber allein die Tatsache, dass der Trainer einmal so in der Diskussion war, macht das eh schon anfällige Gerüst des HSV noch ein Stück weit wackeliger.

Dass man heute darum bemüht war, den Zusammenhalt zu betonen und noch einmal klarzustellen, dass der Trainer hier nicht zur Disposition steht - logisch. Aber allein die Tatsache, dass Ralf Becker auf die Frage, ob Wolf auch für die neue Saison gesetzt sei ein Ja vermied zeugt, dass auch Wolf alles andere als sicher in seiner Position ist. Becker hat aus seinem Fehler, den er im Januar auf der Mitgliederversammlung mit dem Persilschein für den Trainer gemacht hat, gelernt. Immer wieder betonte er die Bedeutung des Hier und Jetzt, um alle Fragen nach der Trainerzukunft zu umgehen. Aber seht und hört selbst:

Interview mit Hannes Wolf und Ralf Becker

Am Vorabend noch hatte Becker zusammen mit seinem Kaderplaner Michael Mutzel und Vorstandskollegen Bernd Hoffmann (Becker nennt ihn immer „mein Chef“) im Büro gesessen und alle Szenarien durchgespielt. Am Ende seien sich alle drei schon einig gewesen, bevor sie Wolf dazu riefen, um auch mit ihm über die Situation zu sprechen. Es ist schon eine Form der Kapitulation vor den Gegebenheiten beim HSV. „In den letzten zehn Jahren war immer der Trainer Schuld, wenn es auf dem Platz nicht lief. Unter dem Strich steht, dass der HSV in der Zweiten Liga steht und kein besonders gutes Konto hat. Wir müssen das jetzt gemeinsam aushalten und treffen die Entscheidungen im Sinne des Vereins. Wir brauchen Kontinuität, können nicht immer unruhig werden, wenn es mal nicht läuft. Dann stürzt man ins Voll-Chaos. Da muss man auch mal durch eine schwere Phase durchgehen“, so Becker heute.

 

Worte, die Wolf gern hören wird. Zumal man dem Trainer auch heute nichts abgewinnen konnte, was auf eine schnelle Besserung hoffen lässt - außer die Hoffnung an sich. Denn wie in den letzten Wochen war es auch diesmal wieder eine Fülle von „Themen“, wie Wolf es nennt, die zu dem Negativerlebnis Nummer sieben in Folge geführt hatte. Druck, junge Mannschaft, individuelle Fehler, fehlendes Selbstvertrauen - es sind die immer wiederkehrenden begriffe des aktuellen Niederganges, die letztlich ob ihrer verlässlichen Wiederkehr verdeutlichen, das diese Mannschaft aktuell einfach nicht besser ist. Diese Mannschaft hat einfach zu wenig Eigenleben in dieser Schlussphase. Ob das an den Spielern läge, die sowie wüssten, dass sie über die Saison hinaus nicht hier bleiben? Becker verneinte das heute zwar - aber was soll er auch sagen? Denn Fakt ist, dass auch er weiß, dass diese Mannschaft nicht ausreichend Charakter und Chuzpe hat, um den Aufstieg klarzumachen.

Womit ich zu dem einen oder anderen Spieler kommen will, die jetzt gefragt sind - aber sich wegducken. Lewis Holtby, das wissen wir alle, ist zurecht keine Alternative mehr. Aaron Hunts Körper hat nach dem kurzen Zwischenhoch in der Hinrunde wieder Normalzustand erreicht und lässt maximal jedes dritte Spiel überhaupt auf dem Platz zu. Beide können diesem HSV also nicht (mehr) helfen. Dazu gesellt sich ein Pierre Michel Lasogga, der inzwischen sogar hinter einem Manuel Wintzheimer gesehen wird. Und das nur, weil Wintzheimer ein Normalmaß an Geschwindigkeit und Einsatzwillen mitbringt, während der Toptorjäger des HSV offenbar schon zu sehr an die kommende Saison denkt und sich nicht ausreichen wertgeschätzt fühlt, wie zu hören ist. Also auch hier: abhaken - sollte man zumindest meinen.

Allerdings geht das gar nicht, da der HSV offensiv gar nicht in der Situation ist, auf Leute zu verzichten. Selbst Spieler, die bereits 19-mal enttäuscht haben wie Hee Chan Hwang, bekommen auch eine 20. Chance - und enttäuschen dann eben auch ein 20. Mal. Gestern sollte der Südkoreaner mit seinem Tempo die langsamen Innenverteidiger Björn Paulsen und Mergim Mavraj in Bedrängnis bringen. Heraus kam: nichts. Pustekuchen. Gar nichts kam. Mal wieder nicht. Der maximal durchschnittliche Zweitligaverteidiger Mavraj spielte seine vielleicht ruhigste und sicherste Partie im Volksparkstadion seit Jahren. Und der bei seiner Verpflichtung (auf Leihbasis) so gefeierte Transfer von Hwang avanciert zum Flop der Saison.

Aber, und darin macht sich das ganze Dilemma des HSV noch mal deutlich, der Trainer muss halt im Ausschlussverfahren auswählen - und Hwang ist zumindest schnell. Bei dem Südkoreaner schlägt die Hoffnung auf Besserung tatsächlich noch den mehr als nachhaltigen Eindruck seiner letzten Minus-Leistungen. Problem dabei: Mit seiner Nominierung gibt der Trainer immer auch ein extrem deprimierendes Zeichen an die Konkurrenz auf dessen Position. Denn die Lasoggas, Arps und Co.’s fragen sich völlig zurecht, wie schlecht sie wohl gewesen sein müssen, dass ihnen sogar ein Hwang schon vorgezogen wird. Auch der Umstand, dass sich Wintzheimer schon allein mit einer gesunden Einstellung gegenüber seiner Konkurrenz positiv abhebt, zeigt, dass der HSV offensiv einen akuten Mangel an Qualität hat.

Und wisst Ihr was? Auch deshalb hat der HSV den Trainer nicht noch mal gewechselt. Weil man hier sehr wohl weiß, dass ein neuer Trainer aus diesem Mangel an Qualität im Kader nicht ausreichend herausholen kann. Deshalb macht man aus der Not eine Tugend und betonte das Vertrauen in Wolf und hofft darauf, dieses lang gezogene Tief letztlich doch noch irgendwie erfolgreich zu durchlaufen. Denn dann hätten die Verantwortlichen zum einen ihr Wort nicht gebrochen, zum anderen hätten sie mal nicht so gehandelt wie ihre Vorgänger der gefühlt letzten 20 Jahre. Auch dafür könnten sie sich am Ende sogar noch feiern lassen - selbst wenn es letztlich mehr Glück als alles andere war. Aber: Beweisen kann das eh niemals irgendwer.

Die Frage ist allerdings, was passiert, wenn es schiefgeht? Was, wenn der HSV noch ein Jahr zweite Liga spielen muss?

Fragen, die niemand wirklich seriös beantworten kann. Ich hatte gestern nach Spielschluss und nach dem Becker-Interview tatsächlich fest damit gerechnet, das man den Trainer noch mal wechselt. Es klang auf jeden Fall so. Und auch heute machte Becker den Eindruck, als sei Wolfs Zukunft beim HSV im Misserfolg alles andere als wahrscheinlich. Ich kann mir auch schwer vorstellen, dass es in selbiger Konstellation eine zweite Zweitligasaison so weitergeht, obgleich die Problematik beim HSV im Spielermaterial mindestens genauso zu suchen und zu finden ist, wie beim Trainer und dessen Entscheidungen der letzten Wochen. Inwieweit sich auch Spieler mit den Leistungen der letzten Wochen beim Sportvorstand ins Abseits manövriert hätten, wollte ich von Becker wissen. Und der wich aus. Wieder betonte er, dass es jetzt nur darauf ankäme, das nächste Spiel bzw. die nächste Spiele zu gewinnen, ehe er sich über den Kader unterhalten wolle.

 

Aber Fakt ist auch hier, dass er das zwar nach außen so kommunizieren kann und vielleicht sogar muss - dass er es intern aber gänzlich anders handhaben muss. Denn die Kaderplanung für die neue Saison wird immer schwieriger. Offensiv steht der HSV vor einem kompletten Neuanfang. Arp, Hwang, Lasogga sind weg - Wintzheimer will weg und hat meiner Meinung nach auch (noch) nicht die Qualität, um dem HSV langfristig zu helfen. Im Mittelfeld fällt Hunt auch in der kommenden Saison wahrscheinlich nicht weniger aus als in den letzten fünf Jahren und Orel Mangala ist ebenso wie Lewis Holtby komplett weg. Okay, Dudziak (kommt vom FC St. Pauli) und Kinsombi (kommt aus Kiel) sind gute (Zweitliga-)Spieler und gerade letztgenannter kann durchaus Verantwortung übernehmen. Aber drei Routiniers, die ik Mittelfeld wegbrechen, ersetzen die beiden auch nicht. Und da mit Douglas Santos höchstwahrscheinlich ein notwendiger Verkauf bevorsteht, fehlt dem HSV damit die komplette Kreativabteilung - die so kreativ in dieser Saison dann auch wieder nicht war, wie Trainer und Sportvorstand zuletzt zurecht bemängelten. Ergo: Dieser HSV hat jetzt schon zu wenige Führungsspieler - und das wird erst einmal nicht besser, sondern schlimmer. Viel Geld, um derart fertige Spieler zu holen, ist bekanntermaßen auch nicht da.

Aber noch mal zurück ins Hier und Jetzt: Gideon Jung musste heute verletzt das Training abbrechen, gab aber am Nachmittag Entwarnung. Das lädierte linke Knie ist nicht schlimmer verletzt, Jung wird wohl nicht länger ausfallen. „Die Jungs haben jetzt morgen einen Tag frei, um sich noch einmal gedanklich auf die Situation einzustellen“, hofft Wolf. Und mehr als hoffen, dass seine Spieler irgendwann den Ernst der Lage erkennen und noch mal anziehen, bleibt ihm tatsächlich auch nicht.  Mehr als hoffen, dass es aus irgendeinem Grund am Sonntag in Paderborn besser wird, können wir alle nicht. Aber: So unwahrscheinlich das auch ist, so bleibe ich trotzdem bei meiner Aussage, die ich  vor Rückrundenbeginn getroffen habe: Dieser HSV wird nicht aufsteigen - die Konkurrenz wird ihn mit ihrer Unfähigkeit aufsteigen lassen. Denn wer sich gestern Heidenheim, heute Berlin oder am Freitag auch Paderborn angesehen hat, der wird erkannt haben, dass alle drei Mannschaften keinen Deut besser mit der Drucksituation umzugehen wissen als der HSV. „Verrückte Sachen“, nannte Wolf heute die Ergebnisse der letzten und voraussichtlich auch nächsten Wochen. Wobei ein Sieg in Paderborn gar nicht mal so verrückt ist, wie auch Wolfs Boss Becker heute noch mal betonte. „Hannes und die Jungs haben gezeigt, dass sie wissen, wie man in Paderborn gewinnt.“ Stimmt. Aber ungleich auch das eines der Argumente für die Vorstände war, an Wolf festzuhalten - darauf verlassen sollte man sich bei dieser Mannschaft nicht.

In diesem Sinne, bis morgen. da wird uns Tobias Escher erneut mit seiner Taktikanalyse noch einmal veranschaulichen, woran das HSV-Spie gescheitert ist. Ich freue mich darauf und melde mich natürlich vorher schon um 7.30 Uhr pünktlich mit dem MorningCall bei Euch.

 

Bis dahin,

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.