Marcus Scholz

5. Februar 2019

Am Ende hielt es die Zuschauer nicht mehr auf ihren Plätzen. Bei der Auswechslung Bakery Jattas standen sie auf und blieben einfach stehen, bis das Spiel gegen den 1. FC Nürnberg von Schiedsrichter Harm Osmers nach drei Minuten Nachspielzeit endlich abgepfiffen worden war. „Endlich“, weil das Spiel wirklich nichts für Feinschmecker war - wobei die Schuld dafür zu 90 Prozent beim erschütternden Gegner aus Nürnberg zu suchen war, der in der 92. Minute seine erste halbwegs gefährliche Torschuss-Situation hatte. Aber vor allem auch, weil der HSV seine dünne 1:0-Führung durch den Treffer von Berkay Özcan in der 54. Minute so über die Zeit gebracht hatte.

 

1,4 Millionen Euro Zusatzeinnahmen und die Chance, im Viertelfinale auf einen Zweitligisten zu treffen (Heidenheim warf Leverkusen raus, Duisburg trifft heute um 20.45 Uhr auf Paderborn) sind der verdiente Lohn. Der HSV trotzte so seiner Personalnot und konnte vor allem schnell vergessen machen, was er in Bielefeld geboten hatte. Die Nürnberger indes mussten sich nach Schlusspfiff beim Gang in die Fankurve den Pfiffen der mitgereisten Fans stellen. Zurecht.

Denn das Gezeigte ist so sogar schwerlich zweitligatauglich - und Nürnberg ist immerhin (noch) Erstligist. Entsprechend verhalten begann das Spiel. Kein Offensivpressing - weder der Nürnberger noch vom HSV. Abtasten und erst einmal gucken, was der Gegner vorhat. Es sei ein Duell auf Augenhöhe, hatte Trainer Hannes Wolf vorher prognostiziert, und die ersten Minute  bestätigten diesen Eindruck. Anspiele auf die Spitzen liefen ins Leere - hier wie dort.

15 Minuten lang passierte wirklich gar nichts, abgesehen von ein paar Ballstafetten und einer unnötigen, sehr frühen  Gelben für Orel Mangala (12.) und einem harmlosen Freistoß von Douglas Santos (15.) neben das Tor. den ersten echten Torschuss gab Lewis Holtby aus dem Gewühl in der 19. Minute ab. Allerdings unplatziert und für Ex-HSVer Christian Mathenia somit kein Problem. Spektakulärer war in der 20. Minute Khaled Nareys Torschuss(versuch) - zumindest sah er so aus. Allerdings verpasste der Rechtsaußen den Ball per Seitfallzieher. Fiete Arp? Noch konnte man das Spiel darf verantwortlich machen, dass er in der Luft hing. Der HSV hatte zwar mehr Ballbesitz, kam aber nur gelegentlich über die Außen bis zum Sechzehner.

Narey und Jatta waren in dieser Anfangsphase noch die Auffälligsten. Jatta war es dann auch, der min der 39. Minute nach einem Konter über Holtby den Ball bekam, ihn direkt volley zu nehmen versuchte - aber den Ball nicht traf. Dennoch, das unkonventionelle Spiel des Gambiers gefiel auch heute wieder. Und das, obwohl ich das Gefühl hatte, als wäre Jatta ein wenig angeschlagen (was übrigens auch die für mich zumindest doch überraschende Nominierung von Opoku erklärt hätte). Aber Jatta war auch mit 80 Prozent noch einer der Aktivposten im Spiel des HSV, das auch heute zunächst daran krankte, das im Offensivbereich die Idee fehlte.

Es war einfach kein Passgeber da. Und so wurde immer wieder nach vorn gespielt gespielt, nochmal vorwärts - um dann wieder ganz zurück zu passen. Raumgewinn? Null. Torgefahr? Null. Nur mehr Ballbesitz - aber folgerichtig auch keine Tore gegen (trotz der eh schon geringen Erwartung an sie) erschreckend schwach spielende Nürnberger, die nicht einen einzigen Torschuss abgaben und eindrucksvoll demonstrierten, weshalb sie in der Ersten Liga ganz unten stehen.

Berkay Özcan, der heute den Part des Verletzten Aaron Hunt übernahm (Tatsuya Ito musste dafür wieder auf die Bank), war zwar immer wieder bemüht, aber ohne Szenen. „Ich wäre als Stürmer früher verrückt geworden“, sagte der ehemalige HSV-Angreifer Manfred Kastl in der Halbzeit - und er sprach damit auch auf Özcan an, der den Ball oft schleppte, anstatt ihn das eine oder andere Mal schneller zu spielen. Mutige Pässe in die Spitze gab es schlichtweg zu wenig. Weil die Ideen fehlten, und weil Arp nur wenig bis nichts  anzubieten wusste. Und da auch die Standardsituationen verschenkt wurden, blieb es beim 0:0 nach 45 Minuten, die mir irgendwie  vorkamen wie lange 90 Minuten.

Meine Hoffnung blieb die Außenbahn. Narey, Jatta, Santos - zumal zur Halbzeit auch noch Orel Mangala (Janjicic kam für ihn) angeschlagen passen musste. Und in der 54. Minute war es dann auch Santos, der Jatta mit einem schönen Pass steil schickte. Dieser legte den Ball zurück und nach einigen Abprallern fiel Özcan der Ball vor die Füße - und der Winterzugang traf mit links flach links unten zum 1:0 für den HSV. 

Der Brustlöser? Zumindest müsste der Club jetzt ja kommen - dachte ich. Und das würde dann dem HSV wiederum Räume geben. Aber der designierte Absteiger - bei allem Respekt, mit so einer Leistung muss man mit dem Schlimmsten rechnen! - blieb bei seiner „Taktik“, einfach nichts zu machen. Abgesehen von ein, zwei langen Bällen auf Pereira oder Ishak, wobei die langen Abstöße Mathenias fast noch die mutigsten Pässe waren…

Der HSV indes versuchte jetzt, schnell nachzulegen. 6:0 Ecken standen nach 60 Minuten für den HSV zu Buche. Und unmittelbar vor eben jener sechsten Ecke war es Jatta, der Holtby im Sechzehner freispielte (59.), allerdings fand dieser im Zentrum keinen Anspielpunkt - weil Arp leider hinter seinem Gegenspieler blieb und so unanspielbar war. Ansonsten wäre da mehr drin gewesen. Apropos mehr drin: Das war es jetzt auch im Spiel. Zumindest der zarte Versuch eines Offensivspiels war jetzt zu sehen, denn Nürnberg traute sich ab der 70. Minute zumindest mal in die Hälfte des HSV, der seinerseits zwar etwas müder (Jatta ackerte bis zum letzten Körnchen, war aber sichtlich platt) wurde, dennoch defensiv seine Souveränität beibehielt.

Am Ende holten sich die HSV-Profis bei ihrer Ehrenrunde den verdienten Applaus für ein völlig verdient gewonnenes Spiel ab. „Berlin, Berlin - wir fahren nach Berlin“ hallte es von den Rängen. Aber bei aller Freude über das Weiterkommen muss man realistisch bleiben. Zu loben war heute zweifellos der Einsatz. Jatta immer wieder mit Tempo (trotz erkennbar schwerer Beine), Holtby ohne Pause im Mittelfeld, Bates und van Drongelen konsequent - und selbst der sehr glücklose Arp war dauerhaft unterwegs und leistete so seinen Beitrag zum Sieg. Sakai, der in den nächsten beiden gegen Zweitligaspielen gegen Dresden und Heidenheim gesperrt ausfallen wird, machte heute für mich heute sogar ein sehr gutes Spiel.

Insofern darf sich der HSV über dieses Spiel trotz aller Relativierung durch die Leistung des FCN freuen. Finde ich. Denn ich freue mich auf die nächste Runde. Hoffentlich wieder mit einem Heimspiel.

In diesem Sinne, bis später! Scholle

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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