Marcus Scholz

7. Januar 2020

Als wir heute mit Daniel Heuer Fernandes gesprochen haben, war noch nicht abzusehen, dass am Nachmittag nicht er, sondern ausgerechnet sein Torwartkollege, dessen Platz er inzwischen eingenommen hat,  im Mittelpunkt stehen würde. Zumal sich Julian Pollersbeck höchst unfreiwillig zum Thema machte, indem er sich nicht minder unglücklich verletzte. Beim Torwarttraining mit Kai Rabe arbeitete Pollersbeck gerade individuell, während der Rest auf dem Nebenplatz eine intensive Spielform absolvierte. Und plötzlich wurde es ein wenig hektisch. Rabe kümmerte sich kniend um den am Boden liegenden Pollersbeck, während der Physio gerufen wurde.  Dieser behandelte den verletzten Keeper schließlich eine Weile, ehe der Betreuer mit dem Golfcart kam und Pollersbeck vorzeitig in die Kabine abtransportiert wurde. Dem Vernehmen nach - genau mitbekommen hatte es wohl nur der Torwarttrainier - soll es der rechte Knöchel sein. Pollersbeck soll bei einer Sprungübung mit Ball unglücklich aufgekommen und dabei umgeknickt sein.

Eine genaue Diagnose wird es allerdings frühestens morgen geben, wenn der Knöchel genauer untersucht wurde. Dann wird sich auch entscheiden, ob der Keeper mit ins Trainingslager reisen kann. Eine Situation, die Daniel Heuer Fernandes nur zu gut kennt. Auch er hatte sich in der Sommervorbereitung verletzt. Und er hat seitdem einen zweifelsfrei harten Weg hinter sich. Zum Teil selbst verschuldet – zugegeben. Aber das macht es auch nicht leichter für den 27-Jährigen, der sich heute in der Interviewrunde erst den Kamerateams, dann uns Journalisten stellte.

Seit Sommer 2019 ist Heuer Fernandes beim HSV die Nummer eins. Und seither ist wohl kaum ein Tag vergangen, an dem der Neuzugang aus Darmstadt nicht unter einer besonderen Beobachtung stand. Anfangs hatte er damit Probleme und wackelte ausgerechnet in der Phase, wo der HSV ansonsten sehr stabil wirkte. Besser wurde es tatsächlich erst, als der Rest der Mannschaft zunehmend Schwierigkeiten hatte. Jeder habe erkennen können, wie er sich immer mehr Stabilität und Sicherheit geholt hat. Er sei immer stärker geworden. Sagt der Trainer. Der hatte seinen Torhüter kürzlich sogar ausdrücklich gelobt: „Daniel hat in der Verfassung von zuletzt das Zeug, ein ganz wichtiger Spieler für den HSV zu werden.“

Hecking lobt Heuer Fernandes ausdrücklich

Worte, die Heuer Fernandes sehr gut gebrauchen kann. Denn obgleich er sagt, dass dieser Druck für einen Fußballprofi dazugehört, ist seine Geschichte eben doch keine wie jede andere. Im vergangenen Sommer kam der heute 27-Jährige nach Hamburg in der Annahme, hier als Nummer eins eingeplant zu sein. Damals galt es auch noch als nahezu sicher, dass der HSV Julian Pollersbeck abgeben würde. Sowohl die damalige Nummer eins als auch der Klub hatten sich darauf verständigt, dass eine Trennung für beide Seiten wohl das Beste sei. Es fehlte nur der neue Klub. Wobei, wie heißt es so schön: „Wenn doch nur das Wörtchen ‚wenn‘ nicht wär’…"  Denn es kam anders als erwartet.

Pollersbeck wurde zwar mit verschiedenen größeren Klubs in Verbindung gebracht, fand aber letztlich keinen neuen Klub und kündigte (notgedrungen) an, den Kampf um die Nummer eins anzunehmen. Mit Daniel Heuer Fernandes. Ebenso wie mit Tom Mickel, der in Hamburg inzwischen allerdings sowas wie der Prototyp einer Nummer zwei im Tor ist: sportlich stabil, loyal, erfahren, einfach rundum zuverlässig. Immer. Ergo: Einer der beiden Einser, Pollersbeck oder eben er,  musste damit rechnen, plötzlich nur noch die Nummer drei im Tor zu sein. Eine ganz neue Ausgangslage für Heuer Fernandes. Erschwerend hinzu kam, dass sich Daniel Heuer  Fernandes in der Vorbereitung verletzte und einige Tage ausfiel. Der Mann, der so gut wie nie verletzt war (und seither auch nicht mehr war), musste mit ansehen, wie sich seine Konkurrenten in den Vordergrund spielen konnten.

 

Ob es vielleicht einfach zu viel Duck zu Beginn war, wollten wir von ihm wissen. Und Heuer Fernandes sagte heute wenig überraschend: „Nein. Ich wusste es ja. Ich wusste, dass ich diese Herausforderung annehmen muss. Das wollte ich ja auch so. Das gehört dazu, das pusht uns. Das wird immer so sein.“ Aber was bitteschön sonst soll er auch sonst sagen, ohne gleichzeitig seine aktuell gute Position unnötig zu schwächen/gefährden? Immerhin gilt für Torhüter, dass sie besonders cool sein müssen. Sie müssen souverän und selbstbewusst auftreten und vor allem eines: Sie müssen Ruhe und Sicherheit ausstrahlen. Selbstzweifel sind da ein absolutes No-Go.

Leider. Denn es kann schon mal passieren, dass ein Keeper daran kaputt geht. Ich erinnere mich noch sehr gut an Stefan Wächter. An sich war er schon damals ein unfassbar cooler, selbstsicherer Typ. Einer den alle mochten. Vor allem die Frauen – was ihn generell sehr selbstbewusst auftreten ließ. Aber auch in der Mannschaft genoss Wächter einen guten Ruf, war zu Scherzen aufgelegt und sorgte nicht selten für gute Stimmung. Bis er plötzlich aus der Ruhezone als Nummer zwei in die erste Reihe geschoben wurde. Er hatte plötzlich das, worauf er ewig hingearbeitet hatte.  Aber er spürte plötzlich den Druck. Nur: Zugeben durfte er das nicht. Stattdessen versuchte er alles wegzulächeln und betont cool aufzutreten. Auch auf dem Platz. Das Ergebnis: Wächter nahm eine Rolle ein, wirkte nicht mehr authentisch. Und dieses Schauspielern kostet Kraft, ganz klar. Vor allem aber nahm es ihm schon ein paar wichtige Prozentpunkte an Konzentration.  Und das wiederum sorgte dafür, dass Wächter Fehler machte, zunehmend unsouverän wirkte – und schließlich seinen Platz im Tor verlor.

Torhüter stehen unter stärkerem Druck

Warum ich das erwähne? Ganz einfach: Denn so geschliffen Daniel Heuer Fernandes heute auch formulierte, auch ihm sieht man an, dass er noch unsicher ist. So einen Medienrummel wie heute – es war eine große Interviewrunde mit Kameras und anschließend den Tageszeitungen und Magazinen - steckt er nicht einfach so weg. Er wirkte eloquent - aber nicht cool. Aber, er Unterschied zu Wächter ist: Heuer Fernandes gewöhnt sich daran. Er nimmt neue Umstände an. „Ich kann nur Dinge verändern, die ich beeinflussen kann“, sagte er, wenn auch auf ein anderes Thema angesprochen. Alles andere würde er ausblenden. So gut es geht.

Und, nur damit das hier keiner falsch versteht, das ist keine Kritik an Heuer Fernandes. Es ist nur eine Beobachtung von mir, die ich hier beschreibe. Und ich werte sie inzwischen ausschließlich positiv. Denn so wackelig Heuer Fernandes auf dem Platz war und so unsicher er auch im Interview wirken mag, es wird vor allem eines deutlich:  Heuer Fernandes nimmt den Druck an, er gewöhnt sich dran, verarbeitet ihn zunehmend besser und wächst am Ende daran. Es ist wie in der Hinrunde auf dem Platz: Je mehr von ihm verlangt wird, desto besser wird er. Er brauchte einfach nur ein wenig Anlaufzeit. „Daniel ist ein herausragender Torhüter mit der nötigen Portion Ehrgeiz“, hatte mir Darmstadts Sportchef Carsten Wehlmann schon im Sommer gesagt, nachdem der Wechsel zum HSV klar war. Und das war nur der Beginn eines Lobeshymne, die darin mündete, dass Wehlmann sagte, er würde Heuer Fernandes vor allem wünschen, in Hamburg ausreichend Eingewöhnungszeit zu bekommen. „Wenn er die bekommt, wird der HSV noch sehr viel Freue an ihm haben“, prophezeite Wehlmann damals. Und er behielt Recht.

Aktuell ist Heuert Fernandes gesetzt. Dass Hecking zu Vorbereitungsbeginn bei den Torhütern einen offenen Konkurrenzkampf auslobte, ist nichts anderes, als Trainer-Sprech. Soll heißen: Der Trainer sagt etwas, was sehr vernünftig klingt und was alle hören wollen. Aber intern wissen es eh alle besser und haben diese Situation so auch angenommen. Torhüter werden nicht so einfach gewechselt. Weder beim HSV noch bei den anderen Profiklubs. In diesem Fall schien lediglich offen, ob Pollersbeck, der in der Hinrunde im Training einen sehr guten Eindruck hinterließ, eventuell von der Nummer drei zur Nummer zwei aufsteigen könne. In diesem Fall würde er Tom Mickel zur neuen Nummer drei degradieren.

Pollersbeck verletzt sich am Knöchel

Zumindest für den Fall, dass sich Pollersbeck nicht schlimmer verletzt hat (dreimal auf Holz geklopft…) ist das tatsächlich ein sehr denkbares Szenario. Zumal Mickel als derjenige gilt, der eine solche Degradierung ohne jeden Motivationsverlust respektieren würde. Womit deutlich wird, dass Mickels Stärke auch gleichzeitig seine Achillesferse ist: Seine unerschüttertere Loyalität. Aber das ist ein anderes Thema…

Fakt ist, dass sich die drei Torhüter beim HSV gegenseitig ebenso schätzen wie unterstützen. Und das ist längst nicht überall so. Fakt ist auch, dass sich Heuer Fernandes im Laufe der Hinrunde gesteigert hat und zuletzt sicherer wirkte. Insofern steht eines mal fest: Ein Torwartproblem hat der HSV sicher nicht. Zumindest nicht, wenn alle gesund sind. Aber, und das sage ich bei aller Sympathie für Heuer Fernandes und bei aller Wertschätzung für seine erkennbare Steigerung: Ich bin mir fast sicher, dass der HSV einen Pollersbeck-Verkauf arg bereuen würde. Ich glaube nämlich, dass der Keeper ob seines überbordenden Talentes und seiner inzwischen gefundenen gesunden Einstellung zum Profi-Fußball woanders durchstarten würde.

In diesem Sinne, drücken wir Pollersbeck zunächst einmal die Daumen, dass sich seine Verletzung als nicht allzu schlimm herausstellt. Ich melde mich dann morgen wieder bei Euch. Zunächst um 7.30 Uhr mit dem MorningCall. Ab zehn Uhr werde ich dann wie immer für Euch beim Training sein und mich dann nach der zweiten Einheit (15.30 Uhr) am Abend zu gewohnter zeit bei Euch melden.

Bis dahin!

Scholle

FAQs

 

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.