Marcus Scholz

26. Januar 2020

Eigentlich hatte ich an dieser Stelle eine ganz andere Geschichte eingeplant, die ich Euch stattdessen morgen früh hier reinstellen werde. Bis dahin habe ich heute eine Wortmeldung von Dieter Hecking, denn der HSV-Trainer  hatte noch mal etwas zu sagen. Dringend. Er wollte etwas loswerden, was sehr deutlich wurde. Nein: Genau das sagte er sogar. Dabei begann die Trainerrunde, die nach einem freien Tag durchaus üblich ist nach dem Training, noch ganz banal mit der Frage nach Martin Harnik, der auf dem Platz fehlte: „Wenn er heute alles gut übersteht, dann ist er morgen dabei. Es besteht eine Chance für Nürnberg.“

Und während von uns noch niemand etwas ahnte, holte Dieter Hecking einmal weit aus und legte los: „Es ist das was ich moniere. Wenn man 30 Kilometer weg ist von Hamburg ist alles super. Die sagen alle, Klasse, HSV, tolles Bild, das ihr abgebt. Innerhalb des Zirkels von 30 Kilometern wird alles skeptisch und übertrieben dargestellt. Martin Harnik stand ja schon vor dem Aus gegen Nürnberg. Wartet doch mal ab.“ Es begann ein Gespräch, das mich ein wenig verwunderte, da ich hier in Hamburg ganz andere Unruhephasen bzw. einen deutlich höheren Grad an Unruhe schon als Standard erlebt habe. Anders Hecking, der legte nach: „Es wird mit jeder kleinen Meldung eine Hektik verbreitet, das ist nicht normal. Generell. Meldungen über den HSV werden verbreitet, als bräche hier gleich der Krieg aus. Und ich werde gefragt, was wieder los ist bei uns und weiß nichts anderes zu sagen, als dass es alles gar nicht so schlimm ist. Nach einem 5:2 gegen Lübeck verstehe ich das, da kann man die Kanone durchziehen wie man will. Da hätte ich sogar mehr erwartet.“

HSV-Trainer Dieter Hecking sprach heute über…

… die Stimmung vor dem Rückrundenstart 2020: „Ich finde, dass wir aufpassen müssen, dass nicht die kleinste Geschichte zu einem Skandal hochgekocht wird. Zum Beispiel Verletzungen. Bei Aaron Hunt seht ihr doch, dass er noch nicht voll fit ist. Ihr werdet mir am Dienstag (Pressekonferenz, Anm. d. Red.) wieder die Frage stellen, ob er denn spielen kann. Aaron Hunt wird ganz sicher nicht in der Startelf stehen. Weil es gar nicht funktionieren kann. Aber es wird symbolisiert, dass er es könne. Und wir tun dem Jungen damit keinen Gefallen – das meine ich. Das ist nicht richtig.“

…das große Interesse am HSV als Verursacher zu großer Ansprüche: „Wir sind der kleine HSV in der Zweiten Liga. Punkt aus. Merkt es endlich! Ich will das nicht immer wiederholen – es ist so. Wir sind jetzt in der entscheidenden Phase, deshalb melde ich mich auch noch mal. Und alle hier wollen nächste Saison in der Ersten Liga spielen. Da müssen wir auch aufpassen, wie wir mit gewissen Dingen umgehen. Wenn tatsächlich etwas passiert, dann muss man das auch kritisch beäugen. Aber ich habe das Gefühl, dass bei uns immer noch einer draufgetan wird. Es wird immer suggeriert, als wäre beim HSV immer etwas mehr Druck auf dem Kessel. Und dem ist nicht so. Wenn ich mit meinem Sohn über Bielefeld spreche, sagte er dasselbe über Bielefeld. Aber da wird es nicht täglich thematisiert."

…mögliche Auswirkungen des Starts am Donnerstag: „Idealerweise schlägst du Nürnberg, klar. Dann hast du diese positive Stimmung. Egal wie gewinnen, das ist unser Ziel am Donnerstagabend, um auch sportlich wieder in positive Fahrwasser zu kommen“

…den öffentlich gewordenen Streit um die Personalie Robert Bozenik: „Dass ein Jonas Boldt sich wieder hinstellen muss – dabei ist für mich ganz normal, dass man innerhalb eines Vereines auch mal kritisch miteinander umgeht. Und das auch mal kritische Fragen gestellt werden. Aber jetzt schon wieder so tun, als schwelt da was, auch wenn ihr über die Flure irgendwas hört - ich Euch nur sagen: Wir bauen auch außen hin kein Bild auf, dass alles in Ordnung ist und in Wirklichkeit stimmt das intern nicht. Natürlich gibt es in so einem Verein bei einer Vielzahl von Alphatieren unterschiedliche Meinungen. Und die dürfen und müssen auch kritisch angesprochen werden. Ich finde Erfolg hat man nur dann, wenn ein Jonas Boldt und ein Bernd Hoffmann kritisch miteinander umgehen. Auch wenn man mal über Wochen unterschiedlicher Meinung ist."

… den Druck, als letzter in die Rückrunde zu starten, während die andern vorlegen können? „Da ist es doch! Genau das meine ich. Genau darauf, auf diese Frage habe ich gewartet."

…seine Spieler, die sehr wohl die Tabelle ansehen und interpretiere: „Na und? Scheißegal! Was interessieren mich denn die anderen. Mich interessiert nicht, wie Stuttgart gegen Heidenheim spielt. Natürlich nehme ich das Ergebnis wahr, aber das hat doch mit uns null zu tun, wie wir unser Spiel angehen müssen. Wenn Du nicht gewinnst, kannst Du machen was du willst. Ich sag jetzt schon: Bielefeld gewinnt, Stuttgart gewinnt, Aue gewinnt in Wehen, dann heißt es: ‚Hamburg nur Vierter, oh, oh, oh. Können sie den Druck spüren’? Warum sollten wir nicht gewinnen gegen Nürnberg? Das ist doch genau der Punkt: Wenn wir uns damit beschäftigen, wird der Druck doch automatisch größer. Dieses Szenario brauchen wir nicht. Ich bin guter Dinge, dass die Mannschaft ein gutes Spiel machen wird und mit drei Punkten startet. Aber damit ist ja nichts entschieden. genau so wenig, als wenn wir verlieren und die anderen gewinnen. Das einzige was passiert, ist, dass der Druck von außen auf uns erhöht wird. Das ist das normale Prozedere. Ich sage, das hilft dem HSV null. Das hilft den Fans nicht - ich plädiere dafür, zu arbeiten. Denn abgerechnet wird am 17. Mai.“

…den Umstand, dass der 1. FC Nürnberg vor kurzem den Trainer gewechselt hat: „Ich kann nur sagen, dass Jens Keller absolut weiß, wie Fußball geht und dass er dem FC Nürnberg guttun wird mit seiner Art. Nürnberg galt als Mitfavorit und konnte der Rolle bislang nicht gerecht werden, hat am Ende der Hinrunde aber noch ein paarmal gepunktet. Ich denke auch, dass sich die Nürnberger vorgenommen haben, mit einem Sieg zum Auftakt in der Rückrunde eine positive Serie zu starten. Andererseits können sie auch verlieren, sind dann 17.  - und dann haben sie Druck… Oder?“

… mögliche positive Aspekte der misslungenen Generalprobe in Lübeck: „Für einige Spieler war das sicher nicht gut. Nein, da muss ich schon sagen, ich war mit dem Abend zu 100 Prozent nicht einverstanden. Da gibt es überhaupt nichts zu diskutieren. Das habe ich ja gesagt, wenn wir da für diesen Auftritt vor fast 7000 Zuschauern noch mehr kritisiert worden wären, hätte ich das nachvollziehen können. Da darfst du dir so einen Auftritt nicht erlauben. Das haben wir intern noch mal angesprochen. Aber man sieht halt, dass man nicht frei davon ist. Nicht mal der FC Bayern. Der verliert 2:5 in Nürnberg, weil er auch mit vielen Jungen in der zweiten Halbzeit gespielt haben, die alle beim FC Bayern spielen wollen. das passiert auch anderen Mannschaften. Beim FC Bayern wird  auch niemand erbaut darüber gewesen sein, dass sie da verloren haben. Es macht es mir insofern einfacher, als dass man noch mal alle sensibilisieren kann. Das zweite ist: Gegen Seoul und Basel, wo wir unsere defensive Stabilität zu 100 Prozent erfüllt haben, haben wir aus dieser Stabilität auch gute Angriffe gestartet. Und das war in Lübeck in der zweiten Halbzeit so nicht zu sehen. Da müssen wir uns die Spieler - und hier, nicht die jungen, sondern die erfahreneren wie Ewerton, Kinsombi, Adrian, Jerry und Sonny Kittel - nehmen und sagen, dass sie vogelwild gewesen sind und keine Ordnung gefunden haben. Das zeigt aber auch, dass wir noch viele arbeiten müssen."

…den Leistungsstand seiner Spieler: „Ich finde, dass sie alle schon sehr mit sind, Aaron da noch mal ausgenommen. Bei Martin Harnik muss man abwarten, aber da habe ich nur gutes gehört. Der hat teilweise dreimal am Tag trainiert und wenn alles gut funktioniert, steigt er auf einem guten Niveau ein.“

…seine Startelf für Donnerstag: „Da halte ich mir schon noch alle Karten offen. Der Großteil der Startelf deckt sich mit Euren Erkenntnisse. Nichtsdestotrotz sollten der eine oder andere diese Woche noch mal nutzen, um zu zeigen, dass er bereit ist. Das habe ich den Jungs auch so gesagt. Wir gucken schon noch genau hin."

…die Jatta-Thematik. Ob man mit dem 1. FC Nürnberg, der damals Einspruch gegen die Wertung des HSV-Spiels eingelegt hatte, noch eine Rechnung offen habe, wie Jonas Boldt angekündigt hatte? „Bis jetzt habe ich das noch nicht mitbekommen. Ich verstehe, was der Jonas meint. Wir haben damals zurecht gesagt, dass wir diesen Einspruch nicht verstanden haben. Man hätte sich auch anders verhalten könne, wie andere Vereine. Das sind Dinge, die will ich von meiner Seite aus nicht bewerten vor dem Rückspiel. Für mich geht es um die sportliche Wertigkeit – wir wollen das Spiel wieder gewinnen, denn das ist immer die beste Antwort, die man geben kann. Inwieweit unsere Fans darauf reagieren - für mich ist das im Vorfeld des Spiels kein großes Thema. Jetzt gilt es, konstant Leistung abzurufen über 16 Spieltage.“

…den letzten Zugang Joel Pohjanpalo: „Er war immer auf dem Zettel, auch wenn wir uns lange Zeit mit Robert Bozenik mit einem anderen Stürmer beschäftigt haben. Pohjanpalo ist jemand, der auch gegen mich immer unangenehm war. Terodde war nie das große Thema, weil es früh aussichtslos erscheint. Wir haben früh die Signale aus Köln bekommen, deshalb war es immer wieder überraschend, ein dieses Thema hier aufkam. Das hat irritiert. Und dann musst du halt sehen, was ist noch auf dem Markt. Wenn, dann muss man sich auch daran orientieren, was macht dich besser, was macht Sinn. Und dann habe ich zu Jonas gesagt, dass ich Riesenvertrauen zu ihn habe und er kennt den Spieler. Er ist in er Box brandgefährlich - das ist schon mal ein Kriterium das er erfüllt. Dann ging’s darum, wie fit ist er, und Jonas hat sich erkundigt. Und auch da hatten wir aus Leverkusen sehr positive Rückmeldungen. das war auch positiv. Auch die ärztliche Untersuchungen bei uns  haben ergeben, dass der schwer verletzte Fuß absolut unauffällig ist. Damit war auch die zweite Voraussetzung erfüllt. Und dann mussten wir uns noch mit Leverkusen einigen - und auch das ging schnell. Er stand ganz sicher nicht am Anfang im Fokus, weil wir  uns lange mit Bozenik beschäftigt haben. Aber wir haben auch schnell reagieren können, weil wir zwei, drei Kandidaten im Kopf hatten.“

…den Fitnesszustand Pohjanpalos und wann der Finne wieder voll eingesetzt werden kann: „Er hat in der Vorbereitung mit Leverkusen schon Spiele gehabt. Er ist heiß. Wenn ich der Meinung bin, er kann spielen, dann ist es soweit. Es kommt uns ja auch zugute, dass er noch zur EM will und dafür gute Leistungen zeigen muss. Wenn er Donnerstag von Anfang an spielt, wird er Vollgas geben. Solange die Kraft reicht. Ob das dann 90 Minuten sind, oder 70 - das kann ich jetzt noch nicht sagen."

…den Grund seiner mahnenden Worte zu diesem Zeitpunkt: „Ich bin hier der Frontmann mit Jonas zusammen. Und mit Bernd Hoffmann. Meine Erfahrung sagt mir, wann der Zeitpunkt gekommen ist, alle noch mal zu sensibilisieren. Ich haben mir am Sonnabend die Erste Liga Konferenz angeguckt. Und obwohl ich die Erste Halbzeit langweilig fand, musste ich sagen: Es wäre schon geil, wenn wir nächstes Jahr wieder dabei wären. Deshalb muss ich darauf achten, hier auch ein Stück weit Richtung vorzugeben. Und ich finde halt, dass wir da ein wenig aufpassen müssen.“

 

In diesem Sinne, das war Dieter Heckings Wort zum Sonntag. Mit vielen Punkten, die ich gut nachvollziehen kann. Denn tatsächlich wird der HSV hier in Hamburg im direkten Umfeld oft deutlich kritischer gesehen, als von außen. Manchmal sicher auch zu kritisch, was auch zu selbsterfüllenden Situationen führen kann. Soll heißen: Beim HSV wurde nicht nur eine Krise tatsächlich mehr herbeigeredet, als sie tatsächlich vorhanden war. Aber andererseits empfinde ich die aktuelle Stimmung im Umfeld (Fans, Foren etc.) als durchaus positiv. Längst nicht so negativ, wie es sich für Hecking darzustellen scheint. Okay, die Stimmung kann sicher immer noch optimistischer sein. Aber andererseits ist der Grat zwischen großem Optimismus und verklärender Loyalität oft schmal. Oder wie sehr ihr es? Ist die Stimmung beim HSV aktuell tatsächlich zu negativ?

 

Ich bin gespannt, wie Ihr das seht!

Scholle

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.