Marcus Scholz

5. September 2019

Wer sich schon mal über die B4 von Hamburg aus in Richtung Wolfsburg aufgemacht hat, wird wissen, was ich meine, wenn ich sage: Was für ein schöner Ausflug! Um 16 Uhr war Anpfiff zum Testspiel des HSV beim VfL Wolfsburg – und das im schmucken Amateurstadion neben der Volkswagen-Arena. Immerhin 2189 Fans zog es in eben dieses AOK-Stadion – darunter mehr als die Hafte mit HSV-Utensilien. Und obwohl diese Verhältnismäßigkeit Stimmung versprach und der außergewöhnlich enthusiastische Anhang alles gab, blieb es bei einer netten, eher unaufgeregten Freundschaftsspielstimmung, die am Ende auch schiedlich-friedlich 1:1 endete. Nicht gänzlich unverdient, aber angesichts des Chancenverhältnisses etwas glücklich für den HSV, bei dem es in der ersten Halbzeit für Bakery Jatta den größten Applaus gab, als dieser sich mit den anderen Reservisten zum Warmlaufen begab.

„Das zeigt mir, dass es viele gibt, die anerkennen, dass man hier einem jungen Menschen viel Unrecht getan hat“, sagte Hecking nach Schlusspfiff. Und der Trainer legte gleich noch einen drauf: „Das, was hier passiert ist, war vom ersten Tag an falsch. Dafür haben die Leute offensichtlich ein feines Gespür. Daher ist es ein Zurückgeben dessen, was man hätte verhindern können. Ich finde es unmöglich, was da passiert ist. Und da bin ich nicht allein mit meiner Meinung.“

Hecking spricht Klartext und erwartet Entschuldigung bei Jatta

Stimmt. Mich darf er dabei zu 100 Prozent mit einberechnen – und ganz offensichtlich das heutige Stadionpublikum und noch sehr viele Bürger mehr. Einzig die Verursacher sieht Hecking weiter in der Bringschuld: „Ich habe bis heute noch nirgendwo eine Entschuldigung gelesen. Da ist gar nichts gekommen bist jetzt. Schwach! Wenn man Fehler macht, muss man auch dazu stehen - und nicht auch noch dumme Kommentare schreiben.“

 

Klartext von Hecking  - und wenig positive Kommentare gab es für die erste Halbzeit. Wolfsburg versuchte und konnte nicht – der HSV war zu passiv. Zu sehen bekamen die Fans auf jeden Fall nur sehr wenig, was Anlass für Applaus bot. Abgesehen von ein paar schönen Torwartparaden von Tom Mickel und später auch von Julian Pollersbeck. Wobei, apropos Mickel: HSV-Trainer Dieter Hecking blieb sich und seiner klaren Linie heute treu. Eben jener Tom Mickel, seines Zeichens Nummer zwei, begann auf HSV-Seite im Tor, während sich Torwart Nummer drei, Julian Pollersbeck, warm machte und erst in den zweiten 45 Minuten kam.

Mickel hält den HSV im Spiel, Harnik sichert das Unentschieden

Und Mickel war es auch, dem der HSV das torlose Remis zur Halbzeitpause verdankte. Extrem defensiv ausgerichtet lauerte der HSV auf Fehler der Wolfsburger, die diese kaum machten. „Das war sogar zu passiv“, monierte Trainer Dieter Hecking nach dem Spiel, dass es so nicht vorgegeben war. „Wir haben da zu passiv gespielt und nur versucht, die Räume zu schließen. Wir haben unsere Balleroberungen zu leicht hergeschenkt.“ Auf der anderen Seite hatte der HSV gerade einmal zwei, drei annähernde Kontersituationen, die aber ungenutzt verpufften. Zum einen, weil Bobby Wood nach seiner langen Spielpause bei seinen (zu wenigen) Ballkontakten unglücklich agierte, zum anderen, weil das Tempo bei den Gegenstößen nicht hoch gehalten wurde. „Hinten raus, als wir wieder mehr Tempo im Spiel hatten, sind wir auch wieder gefährlich geworden, so Hecking.

Und der HSV traf sogar zum schmeichelhaften Ausgleich. Martin Harnik, der in der ersten Halbzeit den einzig ernst zu nehmenden HSV-Torschuss abgab (34.) war es in seinem Debüt, der per Kopf nach einem Eckball des eingewechselten und Schwung bringenden Sonny Kittel das 1:1 erzielte. Unmittelbar danach war dann auch Schluss und Hecking wirkte nicht mehr so unzufrieden, wie er es in der Halbzeit auf den Weg in die Kabine noch war. Wissend, dass man zumindest nicht verloren hatte, lobte er seine Mannschaft. „Beide Torhüter haben mir gut gefallen. Jairo hat mir sehr gut gefallen auf der Acht in seinen ersten 90 Minuten nach über einem Jahr.“ Und Harnik? „Martin hatte in der ersten Halbzeit gute Ansätze, und war in der zweiten etwas verloren – und dann hat er gezeigt, warum wir in geholt haben.“ Zudem habe der junge Amaechi, der in der zweiten Halbzeit erschöpft ausgewechselt wurde, gute Ansätze gezeigt. „Da war schon zu erkennen, warum wir auch ihn geholt haben“, lachte Hecking, um dann aber kritisch nachzuschieben: „Amaechi hatte es nicht einfach auf seiner Seite. Aber: Er hätte auch mehr auf sein Tempo setzen sollen.“

Hunt muss sich strecken, wenn er an Kittel wieder vorbei will

Und dann noch ein Wort zu Rückkehrer Aaron Hunt, der in der zweiten Halbzeit für Kittel raus musste und bis dahin als Ballverteiler sicher wirkte – allerdings auch nur das. In Sachen Tempo muss der Kapitän deutlich zulegen, wenn er an seinem deutlich schwungvoller agierenden Konkurrenten Sonny Kittel bis zum Derby vorbei will. „Man hat gesehen, dass das Spiel nach den drei Wochen Pause für ihn wichtig war“, moderierte Hecking diplomatisch, was alle zu sehen bekamen:  Bei den wenigen Möglichkeiten, die sich über schnelle Gegenstöße boten, nahm Hunt das Tempo raus. Erst als Kittel das Kommando auf dem Platz übernahm, wurde es wieder gefährlich.

 

Fazit: Dieser Test in dem kleinen aber feinen AOK-Stadion wusste in Teilen zu gefallen, zumal der VfL nahezu in Bestbesetzung antrat, während der HSV vorrangig auf die Spieler setzte, die zuletzt weniger zum Einsatz gekommen waren. Es wurde deutlich, dass der HSV immer dann gut war, wenn er das Tempo hoch hielt. Gerade Jairo Samperio, den Trainer Hecking im Anschluss lobte, gefiel mir dabei gut. Er war giftig im Defensivverhalten und spritzig in der Offensive. Auffällig: Je näher er dem Tor kommt, desto unberechenbarer wird er. Von daher teile ich das Lob des Trainers für ihn auf der Acht zwar, hoffe aber, dass Hecking den kleinen Spanier künftig offensiver einsetzen wird. Bei Amaechi ist noch Luft nach oben. Der junge Engländer ist stark am Ball, hat Ideen und Tempo – er muss sich aber der harten Gangart im Herren-Fußball noch erkennbar besser anpassen, wenn er einen Stammplatz anpeilt.

 

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um 10 Uhr trainiert. Öffentlich. Ich melde mich davor wieder wie immer um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch. Bis dahin!

Scholle

 

Stenogramm:

VfL Wolfsburg: Menzel - Tisserand, Guilavogui (46. Arnold), Bruma - William (71. Justvan), Rexhbecaj, Gerhardt, Roussillon (71. Horn) - Klaus, Weghorst (46. Azzaoui), Joao Victor

Hamburger SV: Mickel - Narey, Jung, Papadopoulos, Leibold - Jairo, Kinsombi, Hunt (75. Kittel) - Harnik, Wood (64. Gyamerah), Amaechi (64. Jatta)

Tor: 1:0 Tisserand (60.), 1:1 Harnik (88.)

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.