Marcus Scholz

17. August 2019

Das Spiel gegen Bochum war eines der Spiele, aus denen der HSV alles ziehen kann: Drei Punkte, viel Selbstvertrauen, aber ebenso viele Ansatzpunkte, was noch alles besser werden muss. Trainer Dieter Hecking war mit dem Spiel nach eigener Aussage "überhaupt nicht einverstanden". Dennoch wirkte sich das Ergebnis erkennbar positiv auf die Laune von Trainer Dieter Hecking aus, der seinem Team nach dem heutigen Spielersatztraining zwei Tage freigab. Das nächste (dann auch öffentliche) Training ist am Dienstag um 15.30 Uhr. Vorher nahm sich Hecking auch heute die Zeit, unsere Fragen zu beantworten. Und das länger als gestern und in den letzten, oft einsilbigeren Pressekonferenzen.

Der Trainer über…

…die Gelbe Karte für Bochums Trainer Robin Dutt und dessen scharfe Kritik an der neuen Regel: „Ich bin ja erst den dritten Spieltag in der zweiten Liga. Aber in der Bundesliga hatte es sich sehr gut angelassen, dass man auf Kommunikation gegangen ist, dass man es versucht hat, im Vieraugengespräch zu lösen. Das hat sich einfach bewährt. Ich wüsste auch nicht, wie ich reagierte, wenn man mir die Gelbe Karte unter die Nase hält, wie ich dann reagiere. ich kann die Reaktion von Robin verstehen. Es ist wie immer, das Menschliche kommt zu kurz. Da hat der Robin schon recht. Das ist auch nicht mehr meins. Da kann ich ihn in seiner Wortwahl auch absolut verstehen. Ich hatte ja auch einen kleinen Disput, als ich die Arme runternehmen sollte. Ich habe gefragt: „Wo soll ich denn noch hin mit meinen Emotionen noch hinhalten?’ Und dann kommt da so eine Schärfe rein, die keiner will. Und man denkt: Lass mich doch einfach in Ruhe. Wir sind die Leute, auf die Der Druck als erstes groß wird. Da muss man auch mal als Schiedsrichter drüberstehen. Zumindest, wenn man nicht persönlich beleidigt wird. Bei der vierten Gelben wird der Trainer für ein Spiel gesperrt. Wenn etwas auf der Bank sanktioniert werden muss, und niemand dafür verantwortlich zu machen ist, dann fällt es auf den Trainer zurück. So ein Schwachsinn!“

 

seine Kritik am Spiel seiner Mannschaft gegen Bochum: „Es war unsere bisher schwächste Halbzeit, seit ich hier bin. Wir waren zu langsam vom Kopf, haben zu lange gebraucht, hatten keine Zweikampfpräsenz. Die zweite Hälfte war dann viel besser, das belegen auch die Statistiken. Ich habe mal erste und zweite Halbzeit verglichen: Nach der Pause hatten wir dann 20 Prozent mehr Sprints und 20 Prozent mehr intensive Läufe und auch die deutlich höhere Quote bei den gewonnene Zweikämpfen. So musst du das angehen, so musst du das von der ersten Minute an machen.  Kann sein, dass wir zu Beginn des Spiels noch etwas die 120 Minuten aus dem Pokal in den Knochen hatten. Und klar, zuhause ist auch noch mal etwas mehr Druck im Spiel, auch aus der Vergangenheit heraus. Ich fand, das war bei Gideon am Anfang zu spüren.“

…die grundsätzliche Negativstimmung in Hamburg: Auch auf den Fluren des Stadions und bei den Fans merkt man diese Vorbehalte aus der Vergangenheit. Auch bei Gideon. Aber was er ab der 20 Minuten gespielt hat, das fand ich richtig gut. Das ist genau das, was ich meine. Und es liegt an uns, das Selbstvertrauen zu bekommen. Über das gute Ergebnis müssen wir Konstanz reinkriegen. Aber die zweite Halbzeit war dann Mentalität pur. Und dadurch wurde es automatisch auch fußballerisch besser. Das zeigt mir, dass die Mannschaft auch in der Lage ist umzuschalten, vom Kopf her. Insofern war der Sieg verdient und wichtig, da die Mannschaft gesehen hat, wie man die Spiele angehen muss. Und für mich ist es gut zu sehen, dass die Mannschaft auch während des Spiels in der Lage ist, den Schalter im Kopf umzulegen.“

…die Probleme, gegen tiefer stehende Mannschaften Chancen zu kreieren: „Welche Mannschaft bespielt denn tiefstehende Mannschaften gut? In ganz Europa? Die allerwenigsten. Du brauchst dann auch Spielertypen dafür, die das Eins-gegen-Eins auflösen können. Davon haben wir nicht so viele. Wir haben viele geradlinige Spieler. Ich sehe, zwei, drei Positionen, wo wir noch ein Stückchen mehr Qualität gebrauchen können. Im Bezug auf Tempo, in Bezug auf Eins-gegen-Eins-Situationen. Geschwindigkeit ist immer ein Thema, da kann man nicht zu wenige von haben. Auf den Außenverteidigerpositionen sind wir auch nicht so breit aufgestellt.“

…den Wunsch, noch weitere Spieler dazu zu holen: „Ich gebe da keine Ruhe, bin immer am Bohren. Ich lass da auch nicht locker. Ich habe mit Jonas Boldt und Michael Mutzel da absolute Mitstreiter und wir sagen das dem Vorstand auch. Natürlich wollen nichts für die Breite machen, das macht keinen Sinn. Nur jemanden dazu zu nehmen, das ist meine Art, dagegen würde ich mich wehren. Aber wenn da jemand ist, der uns besser macht, dann werde ich auf der Matte stehen und das einfordern.

...die Zusammenarbeit mit Sportchef Michael Mutzel und Sportvorstand Jonas Boldt: Die zwei Wörter ‚Wahrscheinlichkeiten erhöhen‘ sind in der Führungsetage angekommen. Fakt ist aber: Wir haben in diesem Sommer 27 Transfers getätigt, nämlich 16 Abgänge und elf Neuzugänge. Das ist außergewöhnlich viel, das ist ein richtig großer Umbruch, den Jonas Boldt und Michael Mutzel gestemmt haben. Ihre Arbeit muss man hierbei wirklich einmal hervorheben, sie geben wirklich alles, um das Beste für den HSV herauszuholen und haben einen tollen Job gemacht. ich habe mit vielen guten Sportdirektoren zusammengearbeitet - aber die beiden müssen sich überhaupt nicht dahinter verstecken. Deshalb sind wir jetzt in der Position, nicht mehr etwas machen zu müssen, was uns nur in der Breite hilft. Wenn wir nochmal aktiv werden, dann muss es um einen Spieler gehen, der uns wirklich große Qualität hinzugibt, der uns besser macht.“

…Spieler im aktuellen Kader, die noch wechseln könnten: „Es kann natürlich auch noch etwas in die Gegenrichtung passieren. Wenn, dann muss jetzt von Spielerseite etwas kommen. Das müssen die Jungs dann für sich entscheiden. Wir werden das nur nicht mehr aktiv angehen.“

…Rick van Drongelen, der bei uns zum „Man of The Match“ gewählt wurde: „So, wie er gestern verteidigt hat, das macht ihm Spaß. Das pusht ihn, er pusht das Publikum und das Publikum die Mannschaft. Das ist gut. Deshalb habe ich mich auch nach dieser Sommerpause, in der viel um ihn herum spekuliert wurde, sehr gefreut, dass er zum Kapitän gewählt wurde. Das Jahr kann für ihn der richtige Schritt sein für die nächsten Jahre. Er muss noch Konstanz entwickeln, hat noch Wackler im Aufbauspiel, das muss besser werden. Aber das kann sein Jahr werden.“

…den Zuschauerzuspruch gegen Bochum: „Ich habe mir in den ersten Runden gesagt, dass der HSV sich das Vertrauen erst wieder zurück erarbeiten muss. Ich finde, dass 42.000 Zuschauer an einem frühen Freitagabend richtig gut sind. Und wenn man sieht, was diese 42.000 für einen Support gegeben haben, dann zeigt das, dass sie erkannt haben, dass die Mannschaft will. Da sind wir in der Bringschuld, auch wenn es mal nicht so läuft, zu zeigen, dass wir alles geben. Man darf bei der Anstoßzeit auch nicht vergessen, dass viele HSV-Fans nicht direkt aus Hamburg kommen und eine vielleicht zu weite Anreise haben, schließlich liegt der Anpfiff in der Zweite Liga fast mitten im Feierabend. Deshalb sind mehr als 40.000 Fans im Stadion eine tolle Sache, insbesondere dann, wenn sie solch eine fantastische Atmosphäre schaffen wie in der 2. Halbzeit. Da konnte man spüren, dass die Menschen merken, wie sehr ihre Mannschaft diesen Sieg will und dass sie alles dafür tut. Da haben die Fans ein gutes Gespür gehabt und haben den Spielern eine großartige Unterstützung gegeben. Aber: Es bleibt trotz allem dabei, dass der HSV weiter in der Bringschuld ist und sich das Vertrauen der Fans zurück erarbeiten muss. Das wissen wir. Und da sind wir gerade dabei.“

 

in diesem Sinne, bis morgen. Da meldet sich dann Tobias Escher wieder mit seiner Taktikanalyse zum Sieg gegen Bochum. Bis dahin!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.