Marcus Scholz

15. September 2019

Es gehört eigentlich schon auf den Index, über gute Trainingseinheiten zu berichten. „Da war richtig Zug drin“, konnte man in den letzten Jahren immer wieder konstatieren - und musste am Spieltag darauf feststellen, dass es mal wieder nicht gereicht hat. Insofern waren Trainingseindrücke nur selten zuverlässige Indizien für das, was am folgenden Spieltag auf dem Platz zu sehen war. „Im Training gibt es eigentlich nie groß etwas zu bemängeln“, sagte heute auch HSV-Trainer Dieter Hecking, der beim Abschlusstraining, das noch mal vor einer sehr ordentlichen Kulisse von - für das ungemütliche Herbstwetter recht vielen - Zuschauern stattfand. Hecking zuvor bei der Pressekonferenz: „Die Jungs sind willig, versuchen Dinge direkt umzusetzen und zu zeigen. Die schwere Gyamerah-Verletzung war unser großes Thema, das müssen wir abschütteln - und das werden wir auch abschütteln.“

Ob er an die Mannschaft appellieren wolle, für ihren Teamkameraden zu gewinnen? Hecking: „Ich bin nicht gefühlskalt. Mein Herz rast jetzt nicht so schnell, dass ich schlecht schlafe. Ich habe etwas im Kopf, von dem ich auch absolut überzeugt bin. Ich weiß, was für eine Stimmung am Millerntorstadion entstehen kann. Meine Mannschaft braucht da keine besondere Motivation. Das Stadtderby wird bei jedem noch einmal besondere Kräfte freisetzen.“ Platz für politische Hintergründe ließe diese Rivalität bei ihm ohnehin nicht. Die Rivalität sei zwar groß, dennoch hofft Hecking, „dass man nach dem Derby sagen kann, dass es sportlich super war und das Drumherum mit Schmähgesängen, aber ohne Ausschreitungen, ausgekommen“ sei.

Hecking lässt den Dreikampf der Rechtsverteidiger weiter offen

Über mehr will sich Hecking auch gar keine Gedanken machen: „Ich möchte mich nur auf das Sportliche konzentrieren. Wir haben unsere Werte gezeigt, den Fall Jatta in eine politische Richtung zu lenken ist zu überzogen. Politisch gibt es für mich hier keine gravierenden Dinge“, so der HSV-Trainer, der sich auch heute noch nicht festlegen wollte, wen er denn am Ende als Ersatz für Jan Gyamerah als Rechtsverteidiger aufstellen werde. Oder? „Es gibt immer Erkenntnisse. Und es ist nach wie vor so, dass es eine Bauchentscheidung werden wird. Drei Kandidaten gehen ins Casting - und ich bin überzeugt, dass alle drei ein gutes Spiel machen würden“, so Hecking heute, ebenso alles- wie nichtssagend, ehe er im Abschlusstraining wieder alles ausprobierte, was sich für hinten rechts anbietet.

Es bleibt also wie angekündigt bis zum Schluss ein offener Dreikampf - und ich habe mich für Vagnoman als den Mann entschieden, der die Nase vorn hat. Wider die höhere Wahrscheinlichkeit mit Narey hinten rechts. Denn der wäre nominell leichter zu erklären, ganz klar! Es wäre vor allem die Lösung für hinten rechts, die dem Trainer für die offensive Außenbahn eine weitere Nominierung (Martin Harnik?) ermöglichen würde. Aber einfach kann jeder - und Hecking machte zuletzt immer wieder Andeutungen in Richtung Vagnoman, die mich glauben lassen, dass der HSV hier einen jungen Mann konsequent aufbauen will. Und ich hoffe, dass Hecking dafür am Ende auch (von Vagnoman mit starken Leistungen) belohnt wird. Denn Fakt ist auch, dass Vagnoman in der Vorbereitung sowie im Verlauf der letzten Rückrunde nicht überzeugte. Bis vor ein paar Wochen, wo er, frisch mit der silbernen Fritz-Walter-Medaille ausgestattet, für die U21 auflief und dort traf. „Josha hat viel Selbstvertrauen getankt in den letzten Wochen und Khaled hat gegen Hannover sein bestes Saisonspiel gemacht“, sagt Hecking - wobei dazu zu sagen ist, dass Narey gegen Hannover rechts offensiv spielte.

Dudziak der Spielintelligenteste, Narey am wahrscheinlichsten. Ich setze trotzdem auf Vagnoman

Bleibt also noch Jeremy „Jerry“ Dudziak: „Jerry hat auch Rückenwind durch die Nominierung für die tunesische Nationalmannschaft bekommen“, erläuterte Hecking. Und Dudziak war es meiner Meinung nach auch, der im Training in den letzten Tagen die Rechtsverteidigerposition am cleversten spielte. Selbst heute fiel er auf - allerdings weniger defensiv als mit Toren. Dudziak ist meiner Meinung nach deutlich spielintelligenter bzw. deutlich flexibler in seiner Spielweise als seine beiden Konkurrenten. Aber er ist eben auch deutlich langsamer. Und der FC St. Pauli wird insbesondere über seine schnellen Außenspieler versuchen, mit Tempo den HSV auszuhebeln. So sieht es auch Hecking, der einen hochmotivierten Gegner erwartet, der mutiger als beim 0:4 im Frühjahr auftreten will - und vor allem auf schnelles Umschaltspiel setzen wird. Dennoch lobte Hecking seinen Ex-St.-Pauli-Kicker explizit: „Jerry hat einen hohen Stellenwert bei mir und wir brauchen den Konkurrenzkampf. Für ihn ist es zudem ganz sicher ein besonderes Spiel. Aber ich nenne ihn immer ‚Eisvogel‘, der macht sich vor nichts in die Hose. Ich hätte keine Bedenken, ihn morgen zu bringen, er kann international mithalten, Jerry ist eine ernsthafte Option.“

Schrecksekunde bei Leibold - aber Hecking entwarnt

Vielleicht auch für hinten links? Zumindest bekam Linksverteidiger Tim Leibold heute im Training einen Schlag aufs Knie und musste behandelt werden. Erst nach einer kurzen Pause kam er wieder aufs Feld und ging anschließend etwas früher in die Kabine. Es sah allerdings schon auf dem Platz nicht so aus, als dass man Schlimmes befürchten muss. Und auch der Trainer gab Entwarnung: „Er hat nur einen Schlag abbekommen.“ Aber: Wirklich Sorgen machen müsse er sich wohl nicht, so der Trainer nach der Abschlusseinheit.

Noch während des Trainings hatte sich der HSV-Trainer zudem einige Spieler zu Vieraugengesprächen rangeholt. Erst Amaechi, dann Narey sowie die beiden Routiniers Martin Harnik und Aaron Hunt. Normalerweise würde das meine Vermutung mit Vagnoman aushebeln. Denn das sieht eher so aus, als bekäme Narey seine neue Rolle mitgeteilt, während der Trainer den anderen Dreien erklärt, weshalb sie nicht spielen (Hunt, Harnik) bzw. weshalb sie nicht einmal im Kader stehen (Aamechi). Aber ich bleibe aus Prinzip bei Vagnoman. Wie weit der Kapitän schon ist, wollten wir heute vom Trainer wissen. „Er ist bereit. Er ist zu 100 Prozent auskuriert und hat gezeigt, dass er wieder in die Mannschaft will.“ Ebenso Harnik: „Martin macht einfach die Tore. Das war ein Kriterium, dass ich gesagt habe: Komm, wir versuchen das. Für ihn wäre es ein Bombeneinstieg, im Derby zu spielen“, so der Trainer, der weiß, dass er in den nächsten Wochen, in denen mit Letschert („Er steigt die Woche wieder voll ein“) und Ewerton („Er ist schon sehr weit“) weitere Stammelfkandidaten zurückkehren, eine noch einmal deutlich verschärfte Konkurrenzsituation vorfindet. Sehr zu seiner Freude übrigens: „Ich bin der Moderator - und jeder hat sich einzuordnen und einzubringen.“

Hecking setzt weiter auf normale Abläufe vor dem "etwas anderen Spiel"

Morgen, beim Stadtderby, wird es also Härtefälle geben, die in den nächsten Wochen bestenfalls zur Gewohnheit werden könnten. Kaum vorstellbar ist für mich, dass Hecking auf Hunt statt auf den zuletzt erfrischend starken Sonny Kittel setzt - aber es ist auch nicht auszuschließen. Denn Hecking ist bekannt für konsequent gelebte Hierarchien. Und da ist der Kapitän weiterhin ganz oben bei dem HSV-Coach, der vor dem Derby ansonsten nichts anders machen will als bei sonstigen Spielen. Soll heißen, heute Nacht schlafen die Spieler in ihren heimischen Betten, ehe morgen früh erst auf dem Trainingsplatz angeschwitzt wird, bevor es mit der ganzen Mannschaft ins Mannschaftshotel geht. Mittagessen, Mittagsruhe, Spielbesprechung und Bekanntgabe der Aufstellung stehen am Nachmittag auf dem Programm, ehe es knapp zwei Stunden vor Spielbeginn in Richtung Stadion gehen wird, wo auch wir morgen sein werden.

Mit „wir“ meine ich natürlich auch meinen emsig-fleißigen Co-Piloten Christian Hoch, mit dem ich diese Woche die Vorberichte zum Derby gemacht habe und mit dem ich Euch ein sensationell schönes, stimmungsvolles Video mit den Highlights dieser Woche zusammengestellt habe! Christian hat das Ganze heute noch am Abend ergänzt und zusammengeschnitten. Aber seht (später) selbst:

 

In diesem Sinne, bis morgen! Da liefern wir Euch gegen Mittag noch einen detaillierten Vorbericht zum Spiel am Abend, das für viele so wichtig ist wie kein anderes in dieser Saison - das Rückspiel mal ausgenommen. Und zugegeben: Auch bei mir stiegt die Vorfreude langsam aber stetig, nachdem es in den letzten Tagen meiner Meinung nach so ruhig war wie noch nie vor einem Stadtderby. Erstaunlich wenig Sticheleien (keine!) seitens der Mannschaften und auch auf Fanseite blieb es bis auf kleinere Vorfälle gestern auf dem Kiez ruhig. Aber: Sollte das am Ende dazu führen, dass es morgen ausschließlich auf dem Platz hoch hergehen wird - es soll mir nur Recht sein!

 

Bis morgen!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.