Marcus Scholz

16. September 2018

Oh Mann, was habe ich diesen Satz immer gehasst: „Es kommt eben immer auch auf die Art und Weise an“, hieß es oft, wenn ich mal wieder etwas aufbrausender in der Diskussion war. Auch, wenn ich inhaltlich Recht hatte. Für mich war es oft nur Ablenkung vom Wesentlichen, irgendwie eine Art Alibi für diejenigen, die Unrecht hatten (jedoch etwas ruhiger als ich waren). Aber mit dem Alter kommt die Reife und heute weiß ich, dass es stimmt. Gestern sogar, was den HSV-Sieg betrifft. Denn die Art und Weise, wie dieses 3:2 gegen Heidenheim am Ende zustande kam, kann Gold wert sein.

Warum?

Ganz einfach: Das Spiel hat genau das gezeigt, was den HSV in den nächsten Spielen bis Saisonende erwartet. Mit Ausnahme ganz weniger Kontrahenten werden sich nämlich fast alle HSV-Gegner hinten reinstellen und versuchen, schnell zu kontern. Und allen, die gestern aus dem Stadion gingen oder nach dem Schauen im TV von einem „Grottenkick“ gesprochen haben, denen sei gesagt: Gewöhnt Euch daran. Denn erst dann, wenn die HSV-Offensive in der Lage ist, einen 11-Mann-Abwehrriegel zu knacken, kann man solche Spiele verhindern. Okay, das stimmt nicht ganz. Denn defensiv muss der HSV einfach in der Lage sein, sich den wenigen Tempogegenstößen der Gegner zu erwehren. Was ich aber sagen will: Der HSV wird bis auf ganz wenige Ausnahmen auf primär destruktive und das Spiel zerstörende Gegner treffen. Das sieht nie gut aus.

Es sei denn, man zwingt den Gegner dazu, selbst initiativ zu werden - und das geht eigentlich nur über einen Führungstreffer. Bis dahin werden alle Spiele, die nicht durch einen frühen HSV-Treffer „aufgebrochen“ werden, zunächst einmal hässlich und es obliegt dem HSV, das zu verändern. Denn die meisten Gegner sind mit einem Punkt erst einmal zufrieden und werden Beton anrühren. Womit ich wieder auf das gestrige Spiel zurückkomme. Es hat nämlich gezeigt, was alles noch nicht funktioniert - und trotzdem darf man sich über drei Punkte freuen.

Angefangen mit der noch immer zu wackeligen Defensive, in der Leo Lacroix gestern den Vorzug von David Bates erhielt. Der Schweizer bekam anschließend Lob vom Trainer - von mir noch nicht. Trotz des Assists zum 3:1 von Matchwinner Pierre-Michel Lasogga offenbarte der 1,97-Meter-Hüne meiner Meinung nach zu viele spielerische und technische Defizite. So auch beim 0:1, wo er unfreiwillig den Ball prallen ließ und so Heidenheims Schmidt einlud. In der Luft wurde er mit zunehmender Spieldauer besser - am Ball muss es das noch werden.

Da mit David Bates quasi das schottische Pendant auf der Bank saß und Orel Mangala offenbar nicht Innenverteidiger spielen kann (oder nur nicht will?), wird es eng bleiben, befürchte ich. Heute hat selbst Aufsteiger Paderborn gezeigt, wie brutal ein gut gespieltes Umschaltspiel sein kann, wenn man über hohes Tempo vorn verfügt. Und das ist das zweite Problem: Sprinter hat der HSV hinten in der Viererkette ebenso wenig wie mit Steinmann, Janjicic und Moritz auf der Sechserposition davor. Auch deswegen führten teilweise schon Befreiuungsschläge des Gegners zu Chancen.

Andererseits weiß man spätestens seit gestern auch, dass kein Spiel verloren ist, nur, weil man zurückliegt. Trotz des Gegentreffers in der 64. Minute und der Großchancen für Heidenheim, auf 2:0 zu erhöhen, machte der HSV weiter sein Spiel - und gewann. Drei Tore in knapp neun Minuten von dem eingewechselten Pierre-Michel Lasogga bewiesen, dass der HSV seine Dominanz sehr wohl auch in Tore ummünzen kann. Ebenso wie das 2:3 für die Heidenheim zeigte, dass man sich selbst dann nicht zu sicher fühlen darf. Anders ist nicht zu erklären, weshalb Mangala einfach die Anweisung von Moritz, den hinter ihm postierten Glatzel zu decken, missachtete und dieser zum Anschlusstreffer einschieben konnte.

Kurzum: Dieses Spiel hat alles gehabt, was man in dieser Saison brauchen kann. „Für den Kopf sind alle Siege wichtig“, sagte Christian Titz heute. Wissend, dass das gestrige 3:2 noch etwas wichtiger war. Denn hier wurde nicht nur vieles richtig gemacht, sondern ebenso viel falsch - und trotzdem so gewonnen, dass man den Sieg als einen Sieg für die Moral werten kann, bevor man die Lehren zieht und die Verbesserungsmöglichkeiten anspricht. Zudem hat man seit heute die definitive Chance, mit einem Sieg in Dresden sogar die Tabellenführung zu übernehmen. Dass das allein nach fünf Spieltagen nicht zu wichtig ist - logisch. Aber es wäre nach dem 0:3 gegen Kiel zu Beginn ein gutes Zeichen an die Mannschaft, dass sie trotz der oben beschriebenen Mängel auf dem richtigen Weg ist.

Übrigens auch der Trainer, dem man - fast ausschließlich von außen - ein Politikum andrehen wollte, weil er aus taktischen Gründen den vorherigen Doppeltorschützen Lasogga zunächst auf die Bank setzte. Klar, jetzt kann man sagen, Lasogga könnte diese Tore immer machen. Andererseits ist Titz’ angekündigter Plan nahezu 1:1 aufgegangen. „Wir haben gesehen, dass Pierre dann am stärksten ist, wenn wir den Gegner ein wenig müde gespielt haben, wir gen Spielende immer mehr ins letzte Drittel kommen und er dort Räume bekommt. Er ist immer in der Lage, dann den Unterschied zu machen“, hatte Titz vor dem Spiel gesagt - und in etwa genau so kam es letztlich.

Kurzum: Gestern hat trotz des wenig ansehnlichen Spiels schon einiges so gepasst, dass es die Wiederaufstiegs-Hoffnungen nährt. Übrigens auch der Auftritt von Neuzugang Hee-chan Hwang, der mir am Ende etwas hinter Lasogga und über Außen besser gefallen hat als im Zentrum. Aber auch hier kann man es taktisch erklären: Hwang ist antrittsschnell, beweglich und laufstark über die gesamte Spielzeit. Er ist genau der Stürmertyp, der den Gegner ermüdet und Lasogga die Tür aufmacht. Oder eben auch für Fiete Arp, der seiner Formschwäche der letzten Wochen zum Trotz gestern auf Anhieb funktionierte.

Gepasst hat heute auch das Treffen im „Picknick“ des OFC „Matz ab“. Als Besucher gaben sich die Vorstände Bernd Hoffmann und Ralf Becker ebenso die Ehre wie HSV-Vizepräsident Thomas Schulz. Auch Namensgeber und Vorblog-Vater Dieter war vor Ort. Mehr als 90 Minuten durften die knapp 25 Blog-User ihre Fragen stellen und bekamen auch (fast) auf jede Frage eine Antwort. Einen Erlebnisbericht von diesem Treffen werde ich hier einstellen, sobald ich diesen erhalten habe. Aber eines vorweg. Es war sehr nett und ebenso interessant!

 

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen noch einen schönen Sonntagabend! Bis morgen!

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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