Marcus Scholz

2. September 2019

Der Tag der Entscheidung, der D-Day - oder einfacher formuliert: Der letzte Tag der Transferperiode. Der heutige 2. September hatte auch beim HSV noch einmal Nachrichten parat. Zum einen die Wechsel auf Leihbasis von Berkay Özcan zu Besaksehir Istanbul (ein Jahr zzgl. Kaufoption über 4 Mio. Euro) und Manuel Wintzheimer (für ein Jahr zum VfL Bochum, ohne Kaufoption). Und zum  anderen den 12. Neuzugang in diesem Sommer: Martin Harnik wechselt auf Leihbasis für ein Jahr von Werder Bremen zum HSV. Im gefühlt 20. Anlauf hat es also doch noch mit Harnik und dem HSV hingehauen. Erst am Freitag war das ganze Thema konkreter geworden, nachdem sich Werder Bremen entgegen erster Ansagen doch noch einmal auf den HSV zubewegt hatte.

Nach einem Versuch des HSV vor ein paar Wochen schien der Deal aus finanziellen Gründen nicht darstellbar. Bis Werder selbst unter Druck geriet. Harnik schien  aktuell über die Reservistenrolle bei den Bremern nicht mehr hinauszukommen, war aber auf der anderen Seite mit zwei Millionen Euro Jahresgehalt zu teuer. Die Lösung: Werder übernimmt die Hälfte des Gehaltes von Harnik und holt sich genau diese Summe wieder zurück, sollte der HSV aufsteigen und Harnik beim HSV bleiben. Denn dann müsste der HSV Harnik für eben diese eine Million Euro verpflichten. Am Mittwoch soll der Angreifer, der für sich und seine Familie in Reinbek ein Haus baut, vorgestellt werden. Am Mittwochnachmittag soll der 32-Jährige dann schon das erste Mal mit der Mannschaft trainieren, ehe es am Donnerstag beim Test beim VfL Wolfsburg für ihn mit seinen neuen Kollegen auf den Platz geht.

Für Harnik geht damit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Zwar erst jetzt, mit 32 Jahren,  also 13,5 Jahre, nachdem er als A-Jugend-Bundesligaspieler und HSV-Fan vom SC Vier- und Marschlande nach  Bremen (damals in die Zweite Mannschaft) wechselte. Aber intern hatte der Angreifer den Bremer Verantwortlichen in den letzten Tagen und Wochen klar gesagt, dass ein Wechsel für ihn nur noch in Farge käme, wenn dieser zum HSV wäre. Alle anderen Angebote seien für ihn nicht interessant.

Harnik drängte bei Werder auf seinen Wechsel zum HSV

„Wir haben uns früh mit ihm beschäftigt“, erzählte uns ein glücklicher HSV-Trainer Dieter Hecking heute, „aber wir haben nie eine Möglichkeit gesehen. In den letzten  Tagen kam noch einmal eine Dynamik rein. Wir haben uns in der sportlichen Leitung noch mal intensiv Gedanken gemacht und sind zu dem Schluss gekommen, das wir nichts Junges wollen, sondern einen, der immer eine Quote hatte, der Erfahrung mitbringt. Dazu kam ein persönliches Gespräch mit Martin, dass mir das Gefühl gab, dass er sogar zu Fuß nach Hamburg kommen würde. Den Beweis dafür hat er dann noch mal geliefert, indem er auf anderer Ebene dafür gesorgt hat, dass der Deal zustande kommt“, verrät Hecking, der sich auch bei Werder-Trainer Kohfeld noch mal absicherte. „Er hat mir klargemacht, dass Martin in einem sehr guten körperlichen Zustand ist.“

Harnik ist ein Stürmer, der sowohl außen als auch im Zentrum oder im Zweier-Angriff gut aufgehoben ist. „Die Schnelligkeit, das Kopfballspiel - mit ihm haben wir noch mal einen anderen Typen, als wir sie bisher im Kader haben“, so Hecking, der mit Harniks Wechsel auch den Abgang von Manuel Wintzheimer erklärte. „Er hat mich gefragt und ich habe ihm klar gesagt, dass er in einem Alter ist, in dem er spielen muss. Und ich konnte ihm hier keine Einsatzzeiten garantieren. Daher halte ich den Wechsel nach Bochum für den richtigen Schritt und hoffe, dass er sich dort weiter so gut entwickelt und sich so zeigt, wie wir es von ihm erhoffen. Ich habe ihm gesagt, dass er super Anlagen hat, sich für nichts zu schade ist und Tores schießen kann.“ Und weil man grundsätzlich von Wintzheimer überzeugt sei, habe man den Bochumern auch keine Kaufoption zugesichert.

Wintzheimer und Özcan sind weg - Pollersbeck bleibt

Julian Pollersbeck indes wird bleiben. Der Torhüter hat sich gegen einen Wechsel entschieden - auch mangels passender Angebote. Für Trainer Hecking kein Problem. Sagt dieser zumindest. Hecking hat zwar mit Daniel Heuer-Fernandes eine neue Nummer eins, attestierte Pollersbeck aber gerade in den letzten Wochen eine konstant gute Entwicklung: „Wir werden die Situation mit ihm in Ruhe besprechen. Für ihn ist es wichtig, dass er jetzt Spiele macht und an seinen Defiziten weiter arbeitet. Das macht er. Er wirkt jetzt dynamischer als zu Beginn, er wirkt fitter. Und das sind die Punkte  das gewesen, was gegen ihn gesprochen hat - aber daran arbeitet er. Und das habe ich sehr positiv zur Kenntnis genommen.“ Klingt so, als sei Hecking zwar ein wenig überrascht. Aber auch so, als wolle er nun das Beste aus der Situation machen.

 

Apropos, das Beste zum Schluss: Heute teilte das Bezirksamt Hamburg-Mitte offiziell mit, dass man die Ermittlungen gegen Bakery Jatta eingestellt habe. Eine extrem gute Nachricht für Jatta - womit aber auch das vielleicht Schlechteste, was ich heute gelesen habe, einhergeht. Denn anstatt zumindest die Fakten anzuerkennen und endlich aufzuhören, beweislose Verdächtigungen rauszuposaunen, legte die BILD via Kommentar ihres Chefredakteurs noch mal nach. Unter dem Titel „Wo ist Daffeh“ heißt es dort: „Es ist nachvollziehbar, dass die Behörde einen Reisepass und einen Eintrag aus dem gambischen Geburtsregister schwerer gewichtet als die Aussagen von zwei Ex-Trainern, die Jatta für Bakary Daffeh (23) halten, und die Tatsache, dass der Jatta verblüffend ähnlich sehende Spieler Daffeh seit Jattas Auftauchen in Deutschland 2015 wie vom Erdboden verschluckt ist. Aber ist der Fall wirklich gelöst? Keiner der offensichtlichen Widersprüche wurde aufgelöst…“ Und um dann am Ende noch mal Öl ins Feuer zu gießen und die selbst entzündete Flamme am Köcheln zu halten, wird einfach noch mal pauschal verdächtgt: „Die plausibelste Erklärung dafür wäre, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt.“

Verfahren eingestellt, aber BILD schießt weiter gegen Jatta

Ergo: Die BILD-Gruppe entschuldigt sich nicht, sondern sie attackiert auch an dem Tag, an dem die deutsche Behörde ihre Ermittlung eingestellt hat, den Menschen Bakery Jatta erneut scharf. Und das wieder ohne einen neuen Beweis gegen Jatta. Ein Angriff, der meines Erachtens nach (Stand heute) wenigstens den Tatbestand der üblen Nachrede erfüllt. Aber so funktioniert es heute offenbar.

Größe kann man eben nicht lernen. Und manche haben sie vielleicht auch einfach nicht. Das wurde gerade in der gesamten Causa Jatta gleich mehrfach von den verschiedensten Funktionären bewiesen. Und von Vereinsseite wird dieser menschliche Mangel konsequent weitergelebt - aktiv von Nürnberger Seite zumindest. Der FCN sieht sich weiter im Recht, gegen die Spielwertung zu protestieren. Obgleich die Geburtsurkunde beglaubigt vorliegt, ließ es sich der 1. FC Nürnberg nicht nehmen, ihrerseits noch mal nachzulegen. Warum sie das so beharrlich versuchen, obgleich die Aussicht auf Erfolg quasi nicht mehr existiert? Ich weiß es wirklich nicht.

Der 1. FC Nürnberg besteht auf Protest und setzt Profiler ein

Fakt ist, dass die „Clubberer“ es jetzt mehrfach versäumt haben, den Protest noch im Guten zurückzuziehen - und jetzt stattdessen in die Vollen gehen. Man wolle neben dem angeblich ehemaligen Trainer Sané auch noch einen Profiler hinzuziehen. Und was nach „CSI Miami“ klingt, ist tatsächlich traurige Realität. Ein Profiler soll dem einen Zweitligisten helfen, dem anderen einen Fehler nachzuweisen - da fällt mir wirklich nichts mehr zu ein. Außer vielleicht: Gute Nacht, Sportsgeist… Vor allem wirkt es auch so, als würde hier ein zweifelhafter Doppelpass zwischen Teilen der BILD-Gruppe und dem Zweitligisten gespielt. Beide müssen die Vorwürfe gegen Jatta beweisen - und der Club zudem nachweisen, dass der HSV dann auch och davon wusste. Und dass es geschäftliche Beziehungen zwischen beiden gibt, ist bekannt.

Umso positiver dann die Nachricht von Hannover 96, die offiziell darauf verzichten, gegen das 0:3 beim HSV Einspruch einzulegen:

 

Aber wie schon gesagt, Größe kann man nicht lernen. Die hat man - oder eben auch nicht. Wen ich in diesem Fall womit meine, das darf sich gern jeder selbst ausmalen…

In diesem Sinne, bis morgen. Da ist trainingsfrei. ich melde mich dennoch wie immer um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch!

 

Bis dahin!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.