Marcus Scholz

7. August 2019

Natürlich gibt das Thema alles her, um hier tausende Zeilen zu schreiben. Man könnte die Thematik Bakery Jatta (und nur so heißt er, solange nichts gegenteiliges bewiesen wurde) von allen Seiten beleuchten - und man würde dennoch nicht über Indizien hinauskommen. Aber das Thema Bakery Jatta ist für mich weniger erschütternd, weil sich hier eine Fußballerkarriere zerlegen könnte, oder weil der HSV einen tollen Menschen als Spieler verlieren könnte. Nein, das Thema Jatta zeigt in seinen Reaktionen ein inzwischen grundsätzliches, soziologisches Problem, das immer größer wird und das ein Gefahrpotenzial birgt, das ich noch gar nicht zu überblicken vermag. Auch auf den HSV bezogen. Und damit möchte ich heute beginnen.

Vorweg: Ich mag Bakery Jatta. Persönlich. Der Gambier ist einer der fleißigsten HSV-Profis und hat sich gegen alle Widerstände beim HSV nicht nur durchgesetzt, sondern den HSV nach tollem Kampf inzwischen sogar stärker gemacht. Er ist in seiner Art ein sehr gutes Beispiel für das, was einen guten Profi ausmacht. Und dabei ist sowohl sein Alter als auch seine Identität vollkommen nebensächlich. Wäre beispielsweise Adrian Fein wie Bakery Jatta würde ich hier einen Münchner Jungen ebenso loben wie mit Jatta einen Flüchtling aus Gambia. Denn mir geht es in meiner Berichterstattung um die sportliche Leistung - und die ist bei Jatta außergewöhnlich beachtenswert. Jatta, der zweifelsfrei nicht mit dem größten fußballerischen Talent (dafür mit einem einzigartigen Tempo) ausgestattet ist, macht den HSV besser. Auch mit seiner Mentalität.

Mit dem Fußball beim HSV hat das alles wenig zu tun

Aber: Das alles hat absolut nichts mit der SportBild-Geschichte zu tun. Denn die dreht sich allein um seine privaten Angaben bei seiner Einreise. Es geht hier „nur“ darum, dass sich Jatta als jemand anderes ausgegeben haben soll, sich zudem jünger gemacht haben soll, um seine Einreisemöglichkeiten als damals noch Minderjähriger so zu verbessern. Mit dem Fußball hat das alles tatsächlich nichts zu tun. Und wenn meine bisherigen Infos stimmen, dürfte es auch dabei bleiben, dass den HSV hier keine Schuld trifft und dementsprechend der HSV auch keine Strafen zu erwarten hat. Und dennoch mache ich mir Sorgen - um Jatta.

 

Dass dieser in der letzten Woche so auffällig nervös war, erscheint mir heute in einem ganz anderen Licht. Er wird mitbekommen haben, was da im Hintergrund für Recherchen laufen. Zumal der HSV schon seit vielen Wochen über den Recherchestand der SportBild informiert ist. Dass man sich von HSV-Seite in dieser Hinsicht komplett bedeckt gehalten hat, ist wahrscheinlich die beste Lösung. Man hat die SportBild nicht gefüttert, indem man alle Aussagen verweigert hat. Das lässt auf der einen Seite den aufgekommenen Verdacht wachsen - aber es gibt eben auch nicht zu allem etwas zu sagen, was dem Spieler hilft. Denn ganz ehrlich: Dass Bakery Jatta älter ist, als er angegeben hat, das denken beim HSV seit dessen Ankunft alle.

Der Verdacht ist alt - aber einen Beweis wird nicht gebracht

Ich weiß noch, wie wir im türkischen Belek im Trainingslager von den Untersuchungen hörten, die angestellt wurden, um Jattas Alter genauer zu bestimmen. Nicht nur ein Offizieller sagte uns damals, dass das Ergebnis deutlich sei und Jatta älter sei, als er angegeben habe. Er hatte damit gemacht, was viele vor ihm, mit ihm zusammen und auch nach ihm noch machen werden. Macht es nicht besser - ist aber im Hinblick auf den Fußball nicht entscheidend. Denn die Frage damals wie heute: Was ändert sich dadurch sportlich? Nichts. Gar nichts. Jatta wäre heute ein 23-jähriger HSV-Profi, kein 21-Jähriger.

Bedeutet: Die „Sport“Bild-Geschichte hat mit dem Sport nur in der Hinsicht etwas zu tun, dass sie das Privatleben eines Sportlers betrifft. Und damit komme ich zum - meiner Meinung nach - viel größeren Problem, das diese Geschichte offenlegt: Populismus.

Wie kann es angehen, dass eine Geschichte, die komplett auf Indizien aufgebaut ist, sogar einen nachgewiesenen Rassismusskandal wie den um Clemens Tönnies bei Schalke oder den von Daniel Frahn beim Chemnitzer FC vom Titelblatt verdrängt? Jatta ist dort in Bild und mit riesengroßen Lettern vertreten - von den anderen beiden kein Wort. Ich will damit keine Rechts-Links-politische Diskussion beschreiben, mir geht es nur darum, dass lieber reißerische Indizien als unpopuläre Fakten in die Zeilen genommen werden. Und das alles nur, weil es mehr Leser zieht? Leider ja. So funktionieren Zeitungen heute. Tendenz zunehmend. Auch deshalb arbeite ich bei keiner mehr sondern mache hier meinen eigenen Blog.

Das Grundproblem im Fall Jatta ist allgegenwärtig

Aber mal abgesehen von den - wie ich finde ziemlich erschlagenen  - Indizien, ist es unseriös, eine Geschichte zu veröffentlichen, bei der am Ende das Leben eines Menschen komplett auf den Kopf gestellt oder schlimmstenfalls sogar zerstört werden kann, ohne dass man darin einen einzigen Beweis antritt. Denn das tut die SportBild hier trotz aller aufwändigen Recherchen nicht. Sie nutzt letztlich zwei vermeintlich ehemalige Trainer, um den Hauptverdacht in den Raum zu stellen. Worte, die Jatta in der Öffentlichkeit als Betrüger darstellen. Worte, die immer einen Makel an Jatta lassen werden. Beim Beweis der Richtigkeit eh - aber auch für den Fall, dass Jatta letztlich unschuldig ist. Selbst dann würde sich Jatta bei vielem diesem Verdacht weiter ausgesetzt sehen.

Mit anderen Worten: Wir haben einen jungen Fußballer, der eventuell Falschaussagen getätigt hat. Und dafür muss er gegebenenfalls auch zur Rechenschaft gezogen werden. So, wie jeder andere Bürger der Bundesrepublik auch zur Rechenschaft gezogen würde, ganz klar. Aber Stand heute haben wir nicht mehr als eine Aneinanderkettung von Indizien, die das besagen, was hier in Hamburg schon seit Jahren gedacht wird - und das dadurch dennoch nicht bewiesen ist.

Der Überbringer der schlechten Nachricht wird hingerichtet

Die BILD wird heute von den meisten HSV-Anhängern an den Pranger gestellt. Weil sie die üble Nachricht überbringt. Hat was von Mittelalter, wo die Überbringer schlechter Nachrichten gekillt wurden. Dass es in Wirklichkeit die SportBild war - scheißegal. Und für das Problem, das mir Angst macht, auch egal. Die Leute von heute lesen nur noch, was sie lesen wollen. Alles andere ist Bösartigkeit der Medien. Ein Beispiel aus unserem Blog? Hier:

Ist doch nix Neues in den Medien.....

Läuft es sportlich gut - werden die Finanzen angeprangert.

Finanzen ok - wird das Sportliche angeprangert

Läuft beides gut - hat man in der Schublade schon mal vorgesorgt. Kühne, Pyro, Lotto, Stadionuhr, Eintrittspreise, Nachwuchsarbeit, jetzt Jatta, usw. usw. usw....... es wird nie aufhören.

Mit anderen Worten: Bei dem mit rund 100 Millionen Euro in den Miesen stehenden HSV, der nach dem ersten Abstieg der inzwischen 132 Jahre alten Vereinsgeschichte den Wiederaufstieg krachend verpasst hat, ist eigentlich alles super. Außer: Die SportBild heute. Und natürlich auch alle anderen Medien, die negativ berichten und Missstände aufzeigen.

Nein, so funktioniert das nicht! Es muss weiterhin möglich sein, Missstände offenzulegen, wenn sie da sind. Und diese sind so normal wie das Auf- und Untergehen der Sonne. Es gibt sie in jedem Verein der Welt. Beim Champions-League-Sieger ebenso wie beim Zweitliga-Absteiger. Sie gehören ebenso zum Ist-Zustand des HSV wie der Jubel über Siege, Torschützen und Toptalente. Es ist die Aufgabe der Presse, nachzufragen. In alle Richtungen. Immer. Von diesem Standpunkt aus respektiere ich die Arbeit der SportBild-Kollegen. Sie haben sehr viel herausgefunden, was für ihre These spricht, dass Jatta gar nicht Jatta ist. Aber mein Problem damit: Sie haben es trotz ihrer umfangreichen Recherche nicht geschafft, Jatta die Vorwürfe nachzuweisen. Und deshalb bleibe ich bei den Grundsätzen unseres Rechtsstaats: Es hätte diese Geschichte in der Form von heute so nicht geben dürfen. Denn egal wie wahrscheinlich es auch wirken mag, bis zum Beweis des Gegenteils ist jeder als unschuldig zu betrachten. Auch Jatta. Und ich befürchte: Für viele ist er es jetzt schon nicht mehr…

So viel für heute. Morgen geht es dann auch wieder um Fußball, wenn der HSV um 15.30 Uhr trainiert. Öffentlich. Mit Jatta - und allen anderen HSVern.

Bis dahin!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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