Marcus Scholz

1. Juni 2019

Es ist immer wieder schwierig. Die einen empfinden meine Kritik am HSV als zu negativ, andere wollen sie überhaupt gar nicht lesen - und wieder andere beschreiben mich als zu positiv gegenüber dem HSV. Es ist also alles dabei. Ich persönlich kann von mir sagen, dass ich beim HSV immer auf das Beste hoffe, aber längst nicht mehr immer daran glaube. Ich weiß, dass der HSV heute mehr denn je um seine Bedeutung kämpft. Nicht erst jetzt, sondern schon lange. Das ist ehrlich gesagt auch kein Geheimnis. Alles, was hier aktuell unternommen werden kann, sind tatsächlich noch Rettungsmaßnahmen. Und das alles mit dem Ziel, irgendwann wieder in den gezielten Aufbau einer kalkulierbareren, erfolgreicheren Zukunft übergehen zu können. Mit Kühnes Millionen - oder wie aktuell eben auch mal ohne neue Kühne-Millionen.

Und letzteres ist sehr gut. Aber, und jetzt können meine Kritiker wieder mächtig losledern: es geht hier eben noch lange nicht wieder „bergauf“, wie viele vermuten. Noch befindet man sich unterhalb des Meeresspiegels. Mal mehr, mal weniger. Aber dieser HSV kann noch lange nicht ohne fremde Hilfe atmen. Soll heißen: Man ist eben noch nicht autark im Handeln, weil man finanziell schlichtweg von zu vielen Unwägbarkeiten abhängig ist. Damit musste man nach den letzten Jahren rechnen. Aber gerade auch deshalb MÜSSEN die Verantwortlichen penibel darauf achten, ihr Kapital beisammenzuhalten: Also auch ihre Spielerwerte. Womit ich zu meinem gestrigen Anstoß komme: Julian Pollersbeck Wert so in den Keller fallen zu lassen, ist gefährlich. Wenn man es verhindern kann, das aber nicht tut, ist es sogar fahrlässig. Und letzteres macht außer dem HSV in dieser Konstanz kaum ein anderer Proifiklub sonst!

UND NEIN: Das ist kein Hoffmann- oder Boldt- oder Hecking-Phänomen, sondern ein HSV-Phänomen über viele, viele Jahre inzwischen. Aber das nur für die, die hier immer die billige „der will Hoffmann schlecht machen“-Nummer ziehen.

UND NOCH MAL NEIN: Die Verpflichtung von Daniel Heuer Fernandes ist kein Fehler! Der Darmstädter genießt einen hervorragenden Ruf und kann dem HSV sportlich und dem vernehmen nach auch menschlich sehr helfen. Das habe ich gestern hier auch explizit so hervorgehoben und mit einem Zitat seines Sportchefs und Ex-HSV-Keeper Carsten Wehlmann untermalt. Auch 1,3 Millionen Euro Ablöse für einen fertigen, guten Keeper sind nicht zu viel. Der Transfer an sich ist also sehr gut! Nur das Zusammenspiel mit dem vorher notwendigen Verkauf Pollersbeck hat überhaupt nicht funktioniert. Und angesichts der Finanzlage beim HSV ist das eben ein MUSS. Das alles können einige jetzt als Hetze von den bösen Medien hinstellen - aber damit leugnet man nur die Realität. DAS ist leider die Wahrheit.

Anbei ein Post von JUPP KOITKA, der sehr gut zum Thema passt und den ich wohltuend objektiv fand, ohne dabei zu 100 Prozent mit dem Geschriebenen übereinzustimmen:

Heuer Fernandes musste jetzt geholt werden. Später hätte man ihn verloren. Es war deshalb nicht zu verhindern, dass Pollersbeck in Frage gestellt wird.

„Jeden Stein umdrehen“ heißt natürlich auch der im Tor. Pollersbeck hat dem HSV in der Rückrunde kein Spiel gewonnen, dafür aber das eine oder andere verloren. Er hätte alleine dafür sorgen können, dass drei Punkte mehr geholt worden wären. Er schwächelte aber ohne erkennbare Not. Und es liegt die Vermutung nahe, dass es an seiner Einstellung lag. Zum wiederholten Male in zwei Jahren HSV! Diese Mentalität braucht der HSV nicht. Pollersbeck hatte mehrere Chancen, an seiner Einstellung zu arbeiten. Es ging immer nur kurz gut. Das würde Ehrmann sicher bestätigen.

Der HSV hat absolut richtig reagiert. Denn das Signal, was vom Heuer Fernandes-Transfer ausgeht, ist klar: Wer über einen längeren Zeitraum immer wieder Einstellungsprobleme offenbart (wie Pollersbeck in zwei Jahren HSV), wird durch einen mentalitätsstärkeren Spieler ersetzt. Alter hin, Perspektive her.

Und das sage ich, obwohl ich - wie Scholle auch - eigentlich ein Fan dieses kernigen Typen bin. Er erinnert an den jungen Schweinsteiger. Vielleicht hätte Hecking ihn dauerhaft auf Linie gebracht. Aber er hatte ja wohl Mitspracherecht.

Und nach dieser unfassbaren(!) Rückserie - man muss es wirklich nochmal betonen - kann der HSV keine Einstellungsschwächen bei seinen Spielern mehr dulden. Deshalb ist der Heuer Fernandes-Deal auch nachvollziehbar.

Man kann Talente nicht zum Durchbruch prügeln, Scholle. Und die jüngste Kritik an den HSV-Verantwortlichen (Eugen-B.-Gate oder Poller-Kapitalvernichtung) wirkt schon seltsam.

Okay, Kapitalvernichtung ist für jedes Unternehmen ein No-Go. Vor allem ist es für ein Unternehmen, das eben über zu wenig Kapital verfügt, überhaupt nicht drin. Daher mein Ansatz, den provozierten oder zumindest zugelassenen Pollersbeck-Wertverfall zu kritisieren. Und ja, och glaube weiterhin an eine große sportliche Zukunft Pollersbecks! Aber mir ging es dabei nicht darum, ihn als Spieler mit allen  Mitteln zu halten, sondern darum, sich als HSV clever beide Optionen aufrechtzuerhalten. Was bitteschön spricht dagegen, Pollersbeck bis zur letzten Sekunde zu fördern und zu pushen? Nur das erhält seinen Wert, der letztlich dem HSV und dem Spieler zugute kommt. Ihn aber mehr oder weniger vor die Tür zu setzen und zu erzählen, dass er sportlich (auf wie neben dem Platz) nicht reicht, ist schlichtweg dumm. Dabei bleibe ich  - völlig unabhängig davon, wer das macht. Aber für alle, die Namen hören/lesen wollen: In diesem Fall war es der geschasste Sportvorstand Ralf Becker, der das Rad ins Rollen gebracht hat. Wenn ich dann noch höre, dass sich auch der verkauf von Douglas Santos schwieriger gestaltet, als erhofft, dann fühle ich mich nur noch einmal bestätigt. Ebenfalls eher bestätigt fühle ich mich von denen unter Euch, die den HSV-Keeper verurteilen, ohne ihn selbst jemals gesprochen geschweige denn kennengelernt zu haben. Er habe nicht die für einen Profi notwendige Einstellung, schreiben hier viele.

Ist das so?

Und: Woher wisst Ihr das? Weil ihm das in Hamburg (wohl zurecht) anfänglich attestiert wurde und sich sein ehemaligen Torwarttrainer Gerry Ehrmann derartig äußerte? Nein, die meisten sagen es, weil es gerade wieder so in der Zeitung stand und eben ganz gut harmoniert mit dem, was vor einiger Zeit mal zu lesen war. Bedenkt aber bitte: Dass das zu lesen war, ist leider zumeist auf so genannte „Hintergrundgespräche“ der jeweiligen Journalisten mit den Verantwortlichen des HSV zurückzuführen, die das lancieren, suggerieren - oder aber zumindest nicht dementiert. Und zu Ehrmanns Kritik als Grundlage Eurer Vermutung anbei HIER DER LINK , wo er zuletzt seine Kritik erklärte, relativierte und letztlich über Pollersbeck sogar das Gegenteil behauptet. So viel zu den Expertenmeinungen als Argumentationsgrundlage…

Was ich meine: Der HSV wäre gut beraten, wenn man einen in sich geschlossenen, loyalen Kreis schafft. Mit allen Dazugehörigen. Also vom Vorstand bis zum Zeugwart. Dass es immer wieder Spieler und Verantwortliche gibt, die sich mit uns hinsetzen und aus Eigeninteresse Interna lancieren/preisgeben - es wird sich wahrscheinlich nie ganz vermeiden lassen. Bei keinem Verein der Welt. Aber erst, wenn Außenstehende das Gefühl bekommen, dass der HSV seine Spieler nicht loswerden will (und schon gar nicht loswerden muss), wird man hier die Chance haben, große Einkünfte aus Transfers zu generieren. Und ja, da gehört es auch mal dazu, von Vereinsseite zu flunkern. Selbst etwaige Fehlverhalten gilt es dann und wann für sich zu behalten. Nicht bei der internen Bewertung des Spielers an sich. Aber nach außen. Zumindest so lange, wie man diesen Spieler nicht aus taktischen Gründen öffentlichkeitswirksam rauswerfen/bestrafen muss, um die innere Ordnung, die Disziplin so noch einmal nachzujustieren.

So, ich hoffe, niemand von Eich fühlt sich hier auf den Schlips getreten. Ich wollte damit eigentlich das Gegenteil erreichen und einmal erklären, weshalb ich wie urteile. Und das soll’s dann auch für heute gewesen sein. Ich wünsche Euch allen einen schönen Rest-Sonnabend und uns allen ein richtig geiles Champions-League-Finale!

Scholle

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.