Marcus Scholz

10. August 2019

Alles wie immer. Knapp 100 Unentwegte tun sich das wenig- bis nichtssagende Abschlusstraining an, holen sich im Anschluss an die Einheit Autogramme und auf der A7 ist Stau rund um den Volkspark. Auf dem Platz passiert nichts, was man so nicht schon mal gesehen hat. Kurzes Aufwärmen, Kreisspiel, ein paar kurze Sprints, eine taktische Passübung und ein Abschlussspiel. Wobei, hier gibt es dann doch einen ganz wesentlichen Unterschied zwischen dem aktuellen HSV-Trainer Dieter Hecking und seinen Vorgängern. Insbesondere Hecking direkter Vorgänger Hannes Wolf hatte selten ein Geheimnis aus seiner vermeintlichen Startelf gemacht und diese im Abschlusstraining zumeist auch in ein Team gesteckt. Hecking nicht. Der ließ heute zwar die vermeintliche Viererkette in einem Team zusammen beginnen - aber ansonsten wurde viel gewürfelt.

Wie immer habe ich auch diesmal meinen Tipp abgegeben, wie ich glaube, dass der HSV morgen in Chemnitz beginnt. Und wie immer, möchte ich auch diesmal betonen, dass das NICHT automatisch auch meine erste Wahl sein muss. Aber: In diesem Fall ist sie es zum Beispiel. Getippt habe ich, dass Hecking in Chemnitz am Sonntagabend folgende Startelf aufbietet:

Heuer-Fernandes - Gyamerah, Jung, van Drongelen, Leibold - Fein - Kinsombi, Dudziak - Amaechi, Hinterseer, Kittel.

Eine erste Elf, wie sie auch in der Liga beginnen könnte. Auch die Frage nach Bakery Jatta hätte ich so beantwortet: Er sitzt wohl zunächst auf der Bank. Das Spiel beim Drittligisten dürfte eh eines werden, bei dem sich der Gegner noch weiter zurückzieht, als es beispielsweise Darmstadt am ersten Spieltag im Volksparkstadion gemacht hat. Nicht die beste Konstellation für den Gambier, der mit seinem Tempo mehr Raum braucht. Für ihn könnte das erste Mal Neuzugang Xavier Amaechi beginnen. Obwohl der Engländer in den letzten Tagen nicht sonderlich auffällig trainiert, heute sogar etwas abfiel, hoffe ich auf sein Debüt. Seine Schnelligkeit (auch mit Ball) und seine Dribblings können ebenso Abwehrbollwerke knacken wie ein Sonny Kittel mit Pässen und vor allem auch Schüssen aus der zweiten Reihe. Wobei ich zugeben muss, bei Kittel persönlich dazu zu tendieren, ihn im Zentrum auszuprobieren, um schnellstmöglich zu sehen, inwieweit er Aaron Hunt schon ersetzen kann. Mit Hinterseer im Sturmzentrum lauert dazu ein an sich starker Vollstrecker - auch wenn er diese Qualität gegen Nürnberg hatte vermissen lassen.

Hecking könnte breitflächig rotieren - scheint es aber zu lassen

Interessant wird es auch im Mittelfeld, wo Dudziak zuletzt stark spielte. Zumindest immer bis ungefähr zur 60. Minute, wo ihn dann die Kräfte verließen. Ihm an die Seite gestellt wird voraussichtlich David Kinsombi. Der Zugang aus Kiel agiert im Training immer präsenter und ist für mich im Gesamtpaket der vielleicht kompletteste Mittelfeldspieler - noch vor Adrian Fein, der auf der Sechs beginnen dürfte. Auffällig bei Kinsombi war und ist dessen Torgefährlichkeit. Soll heißen: Bis auf die Viererkette und Keeper Daniel Heuer-Fernandes hätte der HSV bei dieser Konstellation sechs Spieler auf dem Platz, die die Qualitäten haben, Tore vorzubereiten und Tore zu schießen. Und wer sich heute die Pokalspiele angesehen hat, der wird eines bemerkt haben: Vor dem ersten Treffer tat sich (bis auf Schalke) jeder Favorit heute sehr schwer.

Natürlich hätte Trainer Dieter Hecking auch rotieren können. Im Tor (Mickel), in der Innenverteidigung (Papadopoulos - was ich sogar für recht wahrscheinlich halte) und ganz vorn (Wood für Hinterseer). Zudem hat sich Manuel Wintzheimer in den Trainingseinheiten seit Vorbereitungsbeginn wirklich immer voll reingehauen und besticht durch Einsatz und Lauffreude. Ebenso wie Berkay Özcan, der im Mittelfeld gerade ziemlich weit hintendrin zu sein scheint, hätte Spielpraxis sammeln können und wäre mit seinen Eins-gegen-Eins-Qualitäten sicher keine falsche Wahl. Aber schon diese Aufzählung zeigt, dass Hecking endlich die Breite im Kader zu haben scheint, die dem HSV letzte Saison noch fehlte. Aus dem Kader ganz gestrichen wurde heute zudem einer, der zwar regelmäßig gut trainiert, der aber weiter als Abgang und daher bei Pflichtspielen nicht eingeplant ist: Gotoku Sakai.

U21 mit sensationellem Schlussspurt beim VfL Wolfsburg II

Aus anderen Gründen nicht dabei sind übrigens erneut Josha Vagnoman und Jonas David. Beide spielten heute mit der U21 in der Regionalliga beim bisherigen Tabellenführer VfL Wolfsburg II - und das sehr gut. Vagnoman traf zwischenzeitlich zum 1:2 und David agierte im Mittelfeldzentrum zwar weitgehend unauffällig - aber sehr effektiv. Am auffälligsten allerdings war ein anderer am heutigen Tag: Keeper Joshua Wehking. Der Neuzugang aus Bochum war der Held des Tages. Trotzt dreier Gegentore war er es, der am Ende den Punkt rettete. Und das mit der wirklich allerletzten Aktion des Spiels. Eckball für die U21 des HSV und der Keeper Schädels die Kugel zum umjubelten 3:3 ein. Unfassbar! Der Jubel war dementsprechend ausgelassen …! Interessant auch: In diesem dritten Ligaspiel erzielte ein junges Talent bereits seinen fünften Treffer: Tobias Fagerström. Der finnische U19-Nationalspieler traf in bester Klaus-Fischer-Manier per Fallrückzieher. Ein Treffer aus der Kategorie „Tor des Monats“. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Treffer tatsächlich mit zur Auswahl in der ARD gehören wird. Ergo: Auch im Nachwuchs hat der HSV Torgefahr.

Beim Chemnitzer FC trifft der HSV morgen Abend (18.30 Uhr, Stadion an der Gellertstraße) indes auf einen personell und stimmungsmäßig arg gebeutelten Gegner. Drei Niederlagen in Folge mussten die Chemnitzer zuletzt verdauen. Zudem wurde unter der Woche Kapitän Daniel Frahn wegen seiner Nähe zu einer rechtsradikalen Gruppierung gefeuert - und erwägt jetzt, sich wieder einzuklagen. Viel zu tun für CFC-Sportchef und Ex-St.-Pauli-Profi Thomas Sobotzik. Der wünscht sich: „Wir wollen zu diesem Spiel Attraktivität und Spannung beitragen. Ich für mich würde sehr gern mal zwei Stunden am Stück meine Arbeit als Sportchef machen können. Aber hier braucht es einen Außen- und Innenminister, einen Integrationsbeauftragten und einen Sicherheitsexperten.“

Bleibt nur zu hoffen, dass es morgen in dem als „Sicherheitsspiel“ eingestuften Erstrunden-Match nicht zu weiteren Vorfällen kommt. Und obgleich ich selbst an dieser Stelle heute aus Prinzip das Thema Bakery Jatta ruhen lassen wollte, muss ich doch eine Ausnahme machen und einen Instagram-Post zitieren. Denn dieser stammt beachtlicherweise von Kapitän Aaron Hunt:

Die Geschichte von Bakery Jatta. Eine die mich, unsere gesamte HSV-Familie und eine ganze Stadt traurig stimmt. Eine rein auf Indizien basierende Story ist in Begriff zu einer Kampagne zu werden. Einer Kampagne, die eines Menschen nicht würdig ist. Pure Polemik und Schlagzeilen-Hascherei auf Kosten eines Einzelnen. Ist das wirklich richtig? Ist das Journalismus? Oder ist das vielmehr als ein fataler Trend?

Hier wird ein Junge vorverurteilt, der eigentlich nie eine Chance hatte und sie trotzdem nutzte. Der geflüchtet ist und schließlich alles zurücklassen musste, um zu überleben. Der auf der Flucht war, um ein Stück von dem zu erleben, was für uns normal ist…

Ihr sprecht von „Asylverfahren“ und „Täuschungsversuch“, von „Abschiebung“ und „Haftstrafen“ – und zeigt dann noch das Bild eines anderen farbigen Spielers?! Eines steht fest: Egal, was passiert, was geschrieben oder gesagt wird: Baka, … dein Verein, deine Stadt, deine (HSV-)Familie steht hinter dir. Egal, was komme: Denn die Familie hält zusammen…

 

Starke Worte, die den in den letzten Tagen immer stärker sichtbaren Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft und innerhalb des HSV demonstrieren. Und das wird es auch brauchen, wenn in den nächsten Tagen die Berichterstattung der anklagenden und inzwischen von der Öffentlichkeit angeklagten BILD-Gruppe wie erwartet noch beinmal verschärft fortgesetzt wird. Aktuell sind Reporter in Gambia vor Ort, um das zu finden, was sie bislang nicht vorlegen konnten: Beweise.

Bis dahin werde ich versuchen, dieses Thema an dieser Stelle nicht weiter auszurollen als es nötig ist. Aus Respekt vor dem menschen Bakery Jatta und der Unschuldsvermnutung, die für ihn gilt. Bei mir auf jeden Fall.

 

In diesem Sinne, bis morgen.

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.