Marcus Scholz

24. Dezember 2018

Heute ist Feiertag. Auch hier. Als Tabellenführer in die Winterpause zu gehen ist dabei ein gutes Begleitmoment. Denn trotz der  Niederlage in Kiel kann der HSV behaupten, sich auf neuem Terrain gut bis sehr gut eingefunden zu haben. Einen Punkt vor dem 1. FC Köln, drei Punkte vor dem Relegationsplatz, den inzwischen der FC St. Pauli belegt können Trainer Hannes Wolf und seine Jungs Weihnachten bei ihren Familien auf der ganzen Welt verbringen. Die einen (Sakai, Ito) in Japan, Santos in Brasilien und gleich eine ganze Gruppe von HSV-Profis (Lasogga, Holtby, Narey, Lacroix) feiert im hippen Dubai - warum auch immer… Fakt aber ist: alle haben sie einen Grund, zu feuern. Denn so ernüchternd schwach auch die zweite Niederlage gegen Kiel war, so klar haben die Wochen davor gezeigt, dass der HSV wir Zweite Liga grundsätzlich angenommen hat.

„Wir sind total davon überzeugt, dass wir gut aufgestellt sind. Wir werden so auf jeden Fall im Januar starten“, wiederholte Sportvorstand Ralf Becker gestern noch mal nach dem Spiel in Kiel, dass man keine großen Transfertätigkeiten im Winter plane. Er schloss dabei bewusst nichts aus, aber er deutete an, was alle wissen: Der HSV hat nicht die Mittel, iim noch mal personell nachzulegen. Das Gute daran: Wie die Mannschaft die ungeliebte Zweite Liga hat Becker die finanziellen Umstände inzwischen vollumfänglich angenommen. Und er macht das Beste daraus: „Grundsätzlich hat es sich die Mannschaft allerdings verdient, in der Zusammensetzung die Rückrunde gemeinsam anzugehen.“

Aus der Not eine Tugend machen, nennt man sowas dann wohl. Aber das zu beherrschen ist eben auch eine Qualität, die man hier beim HSV bis zuletzt nicht aufbringen konnte. Der BVB hat so einst seine heute Jahr für Jahr gefeierte Nachwuchsarbeit zum Mittelpunkt seines Wirkens erklärt und damit inzwischen große Erfolge auf dem Platz wie auf dem Transfermarkt erzielt. Heute sind die Dortmunder nach vielen Jahren besten Wirtschaftens eine feste Größe in der Champions League und führen die Bundesliga-Tabelle souverän an. Aber das nur nebenbei. Denn der HSV ist als Zweitligist noch einmal  eine ganze Stufe tiefer anzusiedeln, als es der BVB seinerzeit (zwischen 203 und 2006) war. Und solange alle Beteiligten das nicht verleugnen, sondern so annehmen wie Vorstandsboss Bernd Hoffmann und Sportvorstand Becker die Finanzen sowie Wolf die Liga, so lange dürfen wir alle berechtigt darauf hoffen, das sich dieser Verein wieder erholt. In schwer absehbarer Zeit - aber irgendwann eben doch.

Und damit verbinde ich auch meinen Weihnachtswunsch für uns alle hier: Ich hoffe, dass sich dieser HSV weiterhin seiner Realität stellt und den Umstand annimmt, eben nur in Erinnerungen der glanzvolle Traditionsklub von 1983 in Athen zu sein. Heute ist man tatsächlich kein Starensemble mehr sondern zuallererst ein Ausbildungsverein, der sich selbst helfen muss, wieder zu gesunden. Die schnelle Gesundung über Millionendarlehen und Kredite von Milliardären wie Kühne sollten der Vergangenheit angehören. Anteile kann der Klub eh nicht mehr verkaufen, ohne den Mitgliedern gegenüber sein Wort zu brechen. Ergo: Es muss einfach gut gearbeitet werden. Also besser als in den letzten zehn Jahren.

Becker muss den Nachwuchsbereich neu Strukturieren und zusehen, Jahr für Jahr Spieler aus dem eigenen Bereich nachzuschieben, die irgendwann teuer verkauft werden können. Parallel dazu muss er mit seiner Scoutingabteilung zusehen, immer wieder auch auf dem Transfermarkt Spieler günstig zu rekrutieren, die zuerst sportlich helfen, dann finanziell durch ihren  Verkauf. Es wird für den Sportvorstand ein ewig dauernder, ermüdender Kreislauf: Spieler günstig holen, unter  schwierigen Umständen die Konkurrenzfähigkeit aufrechterhalten, immer wieder die besten Spieler teuer verrufen und adäquaten Ersatz günstig einkaufen - aber Becker weiß das. Und ich hoffe, er schafft es. Denn DAS ist der aktuell einzig realistische Weg, wie der HSV irgendwann wieder an alte Tage anknüpfen und vielleicht sogar den BVB in der Ersten Liga wieder ärgern kann. Wünschen dürfen wir es uns, dafür ist Weihnachten bestens geeignet.

In diesem Sinne: Euch allen ein frohes Weihnachtsfest. Wobei, noch nicht ganz, denn ich möchte noch ein paar Dinge in eigener Sache ansprechen. Vor allem ein großes Dankeschön an Euch! Ich hätte nie gedacht, dass wir irgendwann einmal an den tollen Blog beim Hamburger Abendblatt heranreichen könnten. Schon gar nicht, dass wir ihn statistisch wie schon vor einigen Monaten überholen. Am wichtigsten aber ist mir, dass wir hier in den letzten Monaten viele Veränderungen vorgenommen haben, die das Miteinander hier - wenn auch immer wieder mal auf sehr kritische Art - deutlich verbessert haben. Natürlich bleiben hier und da auch Userinnen und User auf der Strecke, wenn sie sich nicht mit unseren Regeln arrangieren können. Teilweise auch Userinnen und User, deren Meinungen ich immer sehr gern gelesen hatte. Aber am Ende zählt immer das große Ganze. Das hat der HSV nicht exklusiv. Und das würde ich tatsächlich genau so sagen, wenn wir statistisch nicht wie seit Gründung des Blogs alle unsere Erwartungen übertreffen würden.

Nein, wir haben uns hier in den letzten Monaten eine tolle Gemeinschaft erarbeitet, die sich inhaltlich auf erfrischend vielfältige Art und Weise mit dem HSV auseinandersetzt. Dass mich inzwischen vom HSV nicht nur die Spieler sondern auch die Vorstände und vor allem der Trainer immer wieder auf den Blog und dessen Inhalte ansprechen - darauf können wir tatsächlich sehr stolz sein. Und Ihr erst recht.

Auf jeden Fall bleibt mir, Euch gegenüber ein Versprechen zu wiederholen: Wir werden den HSV auch im nächsten Jahr intensiv begleiten. Intensiver denn je sogar. Im Januar werden wir im Trainingslager ebenso hautnah dabei bleiben, wie bei den Trainingseinheiten und Spielen hier in Hamburg. Wir werden von morgens früh mit dem MorningCall über die Rautenperle-Talks und die täglichen Blogs weiterhin 24 Stunden am Tag auf allen unseren Kanälen vom HSV berichten. Für Euch. Aber vor allem weiterhin auch mit Euch zusammen.  Also noch einmal: Euch allen meinen herzlichsten Dank für das sportlich leider mit dem Abstieg versehene aber inhaltlich hier schönste Jahr, seitdem ich HSV-Blogs schreibe! Eure (Rekord-)Teilnahme hier ist für mich Kompliment wie Verpflichtung zugleich.

Aber: Ich werde mich jetzt meinen Kindern, meiner Frau und dem Rest der Familie widmen. Morgen auch noch. Und übermorgen erst recht. Ohne Abstriche. Aber dann geht es hier auch schon wieder los. Mit MorningCall und Blog. Denn so schön diese Auszeit auch ist, sie ist nur kurz, bevor es weitergeht, genießt die fußballlose Zeit, lasst Euch reich beschenken, feiert mit Euren Liebsten und genießt die Ruhe. Aber vor allem: bleibt gesund!!

Frohe Weihnachten! Scholle 

P.S.: Anbei noch ein erster Beitrag, der mir zugeschickt wurde. Genau genommen von Buffy (in erkennbarer und gekennzeichneter Anlehnung an Theodor Fontane):

Alles still!

Alles still! Es tanzt den Reigen Mondenstrahl in Stadt und Flur, Und darüber thront das Schweigen und der Winterhimmel nur.

Alles still! Vergeblich lauschet man der Kurve heisrem Schrei. Keiner Fahne Stoffe rauschet und kein Liedchen summt vorbei.

Alles still! Die Südtribüne ist wie Gräber anzusehn, Die, von Qualm bedeckt, inmitten eines weiten Friedhofs stehn.

Alles still! Nichts hör ich klopfen als mein Herze durch die Nacht - Des Glückes Tränen niedertropfen auf die kalte Winterpracht.

Alles still! Trauernde Totenköpfe am Zaune und davor. Entscheidung - 0 : 2 - Lasogga trifft am Millerntor.

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FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.