Marcus Scholz

15. August 2019

Er ist Reporter beim VfL Bochum - aber sein Herz schlägt seit frühester Jugend für den HSV. Eine ambivalente Situation für unseren Blogfreund und -Autor Christian Hoch, mit dem ich mich vor dem direkten Duell der beiden Klubs morgen Abend (18.30 Uhr, live bei Sky) im Volksparkstadion über die aktuelle Situation gesprochen habe. Er beschreibt sie auf Seiten des VfL Bochum, ich beim HSV. Los geht’s:

Der Zustand...

... des HSV ist gut, weil sich die Mannschaft immer mehr zu finden scheint. Die Schlussphase gegen Darmstadt und der Pokal haben gezeigt, dass die Mannschaft auch in schlechten Phasen in der Lage ist, das Blatt noch mal zu drehen und sich zu befreien. Zudem wurde in Nürnberg überzeugend gewonnen.

des VfL Bochum ist besorgniserregend.

 

Der Start war…

… beim HSV durchwachsen bis gut. Dem späten 1:1 gegen Darmstadt folgte ein gutes 4:0 auswärts beim 1. FC Nürnberg. Dazu der Pokalsieg im Elfmeterschießen beim Drittligisten - das klingt erst einmal nach keiner berauschenden Frühform. Gerade gegen tief stehende Mannschaften tut sich der HSV nach wie vor schwer. Und angesichts der elf - teilweise auch noch verletzten - einzubauenden Neuzugänge ist es auch logisch, dass sich diese Mannschaft noch nicht komplett eingespielt haben kann. Aber es wird auch im Training immer deutlicher, dass diese Mannschaft zusammenwächst. Spielerisch - und menschlich. Die Causa Jatta hat das Ganze noch ein Stück weit beschleunigt.

… beim VfL schwierig. Das 1:3 zum Auftakt bei Jahn Regensburg der zweiten Bundesliga hat das Umfeld in Bochum aufgerüttelt. Blutleer, harmlos, taktisch undiszipliniert, unkonzentriert - das waren nur vier Attribute, die auf das Spiel der Bochumer in Regensburg zugetroffen haben. Auch das 3:3 zuhause gegen Arminia Bielefeld hat viele Unzulänglichkeiten kaschiert. Erst ab der 73. und mit einem verwandelten Foulelfmeter fand Bochum ins Spiel, lag zuvor bereits mit 0:2 zurück. Kurz vor Schluss drehte der VfL die Begegnung sogar im Alles-oder-Nichts-Modus, fing sich aber noch das 3:3 durch ein Eigentor. Im DFB-Pokal zog die Mannschaft von Robin Dutt gegen Oberligist Baunatal zwar in die nächste Runde ein, doch der enttäuschende Auftritt beim knappen und fast schon schmeichelhaften 3:2-Erfolg in Hessen hinterließ mehr Fragen als Antworten bei den Verantwortlichen und der Mannschaft selbst.

 

Das größte Problem

… beim VfL ist die Verteidigung. Das gesamte defensive Verhalten der Mannschaft ist bislang ein einziges wackeliges Gebilde, das bei fast jedem langen Ball in sich zusammenbricht. Bochum hat nach drei Pflichtspielen bereits acht Gegentore kassiert - zu viele. Besonders auf der Position des Rechtsverteidigers haben sich die Verantwortlichen fatal verschätzt. Mit Arsenal-Leihgabe Jordi Osei-Tutu hatten sie in der Vorbereitung den gesetzten Mann auserkoren. Doch nach zwei Spielen lautet die Erkenntnis: Osei-Tutu hat offensiv durchaus positive Ansätze, aber seine Qualitäten im defensiven Bereich reichen momentan nicht im Ansatz für die Anforderungen der zweiten Liga aus.

Osei-Tutu, der auch beim HSV im Gespräch war, erinnert in seiner Spielweise viel mehr an einen rechten Außenstürmer als an einen Verteidiger. Weil mit Dominik Baumgartner die einzige nominelle Alternative im Kader auch nicht überzeugen konnte, sucht Bochum noch nach einer Verpflichtung. Auch ein Stürmer soll noch kommen. Bitter: Mit Stefano Celozzi hat man vor der Saison einen Spieler - aus sportlich nachvollziehbaren Gründen - aussortiert, der der Mannschaft jetzt Stabilität verleihen könnte. Das Problem ist aber nicht die Celozzi-Ausbotung, sondern die Fehleinschätzung, in Osei-Tutu den geeigneten Nachfolger gefunden zu haben.

... beim HSV ist neben der aufwirbelnden Causa Jatta die Uneingespieltheit. Gegen Bochum dürften wieder sieben Neue in der Startelf stehen, die sich alle noch an das Umfeld HSV gewöhnen und natürlich sportlich auch noch ein Stück weit aufeinander abstimmen müssen. Die beiden Außenverteidiger funktionieren defensiv ordentlich, bauen aber offensiv noch zu wenig Druck auf. Dadurch wird das HSV-Spiel zu Zentrums-lastig und spielt defensiv agierenden, tief stehenden Gegnern in die Karten. Und von dieser Sorte Gegner wird es auch in dieser Saison wieder sehr viele geben. Insbesondere im Volksparkstadion, wo die Fans darauf hoffen, nach spärlichen Jahren endlich wieder gute Spiele zu sehen zu bekommen.

Zudem hat der HSV einen sehr breit aufgestellten Kader - was erst einmal sehr gut ist. Andererseits kann das schnell zu Unzufriedenheiten führen. Beispiel: Kyriakos Papadopoulos. Der Grieche war in der Vorbereitung gesetzt, agierte häufiger als Kapitän und schien auf dem Weg zurück zum Führungsspieler. Seit Darmstadt sitzt er nur noch auf der Bank. Und diese Situation dürfte schwerlich besser werden, wenn die aktuell verletzten Letschert und vor allem der im Training schon starke Ewerton zurückkehren. Dennoch, wenn eine solche Situation das größte Problem ist, dann läuft’s…

 

Der Lichtblick…

… beim VfL ist Silvere Ganvoula. Die größte Frage, die den Fans nach der vergangenen Saison auf der Seele brannte: Wer soll in Bochum nur Lukas Hinterseer ersetzen, den es zum HSV zog? Die Antwort scheint schneller gefunden zu sein als gedacht: Silvere Ganvoula. Der Kongolese hat bereits vier Pflichtspieltore und eine Vorlage auf dem Konto - diese Quote weist momentan kein Stürmer der zweiten Bundesliga auf, wenngleich ihm drei seiner vier Treffer im Pokal gegen einen Fünftligisten gelangen. Dennoch ist Ganvoula der Lichtblick des VfL-Saisonstarts.

Generell funktioniert das mit der Torgefahr in Bochum gar nicht so verkehrt: Nach drei Pflichtspielen stehen sieben geschossene Treffer auf dem Konto - ein vorzeigbarer Wert, den auch der HSV aufweist.

… beim HSV ist im Mittelfeld zu finden. Mit Adrian Fein hat der HSV einen außergewöhnlich umsichtigen, fleißigen Starteten im zentral-defensiven Bereich, der das Spiel immer wieder ankurbelt. Mit Jeremy Dudziak ist ein technisch starker, wendiger Mann davor, der im Umschaltspiel stark ist und auf engem Raum den Ball behauptet. Zudem steht mit einem gesunden Aaron Hunt ein extrem erfahrener Spielgestalter für die Offensive bereit. Allerdings muss der sich Sorgen machen, da David Kinsombi im Paket noch mehr mitbringt. Der Zugang aus Kiel ist meiner Meinung nach gerade einmal bei 60 oder 70 Prozent - und trotzdem schon wichtig. Er verbindet defensive Stabilität mit spielerischer Kreativität und Torgefahr wie sonst keiner im Team. Er ist schnell, ballsicher und der Typ Antreiber, den der HSV seit Jahren sucht.

Zudem hat der HSV mit Sonny Kittel einen Spieler, der 90 Minuten lang abtauchen und dennoch entscheidend sein kann. „Freistöße für Kittel sind wie Elfmeter für den HSV“ hatten meine Kollegen vom Abendblatt geschrieben und es damit sehr gut getroffen. Denn Kittels Qualität bei direkten Freistößen ist eine echte Waffe, die der HSV zuletzt mit Hakan Calhanoglou im Team hatte. Zudem verfügt Kittel über die Qualität, als hängende Spitze der Kreativpunkt im Spiel zu werden - solange sich der sensible Ex-Ingolstädter wohlfühlt.

 

Ausblick für…

… den VfL: Das Spiel gegen den HSV ist der Auftakt für Bochums Mega-Wochen in der zweiten Liga. Nach dem Duell mit Hamburg ist Bochum - unabhängig vom HSV-Ergebnis - zuhause gegen Wehen Wiesbaden zum Siegen verdammt. Der nächste Gegner lautet: VfB Stuttgart. Wenn man den aktuell besorgniserregenden Zustand der Bochumer mit einbezieht, könnten die Aussichten des VfL nach fünf Spieltagen ziemlich düster sein.

… den HSV: Insgesamt scheint der HSV-Kader derzeit sehr stimmig zu sein. Intern - und auf die angestrebten Ziele hin ausgerichtet. Das Spiel gegen normalerweise mitspielende Bochumer bietet dem HSV eine große Chance, einmal alles herauszuholen, was aktuell schon im Team steckt. Hinten sicher stehen, über die Außen schnell umschaltend und mit Kreativität im Zentrum Chancen kreieren. Sollte zudem Lukas Hinterseer nach seinem schönen Treffer in Chemnitz seine altbekannten Knipserqualitäten wiederentdeckten, könnte es echt spannend werden, wozu dieser HSV jetzt schon in der Lage ist. Fast noch wichtiger finde ich, dass der HSV bei Letschert und vor allem Ewerton defensiv noch richtig Qualität in der Hinterhand hat. Offensiv hingegen deutet weiter alles daraufhin, dass man hoffen muss, dass sich Hinterseer nicht verletzt.

 

Prognose:

Der VfL findet sich nach den ersten fünf Spielen dieser Saison auf einem Platz im Tabellenkeller wieder und hat bereits den Anschluss an obere Gefilde verloren.

Der HSV hat es selbst in der Hand einen sehr guten Start hinzulegen und nach dem Heimspiel gegen den VfL Bochum auch in Karlsruhe zu bestehen. So könnte man beruhigt in die Länderspielpause gehen, um sich spielerisch weiter zu verbessern, Automatismen einzustudieren  und sich optimal auf „das Spiel der Hinserie“ vorbereiten: Auf das Derby beim FC St. Pauli am 16. September.

 

So könnten sie spielen:

HSV: Heuer-Fernandes - Gyamerah, Jung, van Drongelen, Leibold - Fein - Kinsombi, Dudziak - Jatta, Hinterseer, Kittel.

VfL Bochum: Riemann - Lee, Lorenz, Bella-Kotchap, Decarli, Soares - Losilla, Janelt - Weilandt, Meier, Ganvoula 

 

In diesem Sinne, bis morgen. Da werde ich Euch wie immer um 7.30 Uhr mit dem MorningCall erwartet und Euch noch einmal vollumfänglich auf den aktuellsten Stand der Dinge rund um den HSV bringen. Zudem werde ich mich vor dem Spiel über unsere sozialen Netzwerke zusammen mit Christian bei Euch mit ein paar kleineren Vorberichten melden. Bis dahin Euch allen einen schönen Abend!

Scholle

 

P.S.: Bakery Jatta weilte heute während des Abschlusstrainings beim DFB in Frankfurt. Dort wurde der Gambier, dem vorgeworfen wird, bei seiner Identität falsche Angaben gemacht zu haben, unter anwaltlichem Beistand angehört. Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes hat noch keine Entscheidung getroffen. Es habe sich um eine „interne Anhörung innerhalb der Voruntersuchung“ gehandelt, teilte der DFB mit. Der Kontrollausschuss wird weitere Untersuchungen unternehmen. 

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.