Marcus Scholz

5. Juli 2019

Es war ein ordentliches Spiel gegen einen Gegner, den man über das gesamte Spiel eigentlich im Griff hatte. Zu bemängeln gab es lediglich die Torausbeute und damit auch das Ergebnis - denn der Test gegen den dänischen Erstliga-Klub Aarhus endete 2:2. So könnte man den heutigen Test zusammenfassen. Aber: Trainer Dieter Hecking war dennoch angefressen. Sogar mächtig. „Wer schreibt denn bitte, dass wir trainingsfrei haben?“, polterte der Trainer ungefragt in die Interviewrunde nach dem Spiel. Wissend, wer es war, natürlich. Aber der Umstand, dass die Kollegen, die wie alle anderen auch den Test geheimhalten sollten, statt „nicht öffentliche Einheit“ einen trainingsfreien Tag kreierten, störte Hecking. „Trainingsfrei zwischendurch in der Vorbereitung - das gibt es nicht. Wie sieht das denn aus? Das nervt mich ehrlich…“

Anders das Spiel. Darüber war der Trainer alles andere als enttäuscht. „Die Mannschaft hat die Vorgaben gut umgesetzt. Über weite Strecken hat es mir gut gefallen. Wir haben eine gute Kontrolle gehabt nach dem ersten Gegentor, haben gutes Positionsspiel gehabt, gute Abläufe drin gehabt, gute Konterabsicherung drin gehabt. Die Chancen, die wir zugelassen haben, waren individuelle Fehler, die wir in der Form nicht machen dürfen. Das sind Dinge, die wir abstellen müssen. Und es geht auch darum, die sich bietenden Chancen konsequenter zu nutzen. Das Positive überwiegt eindeutig, vom Stand der Vorbereitung. Für den Stand der Vorbereitung bin ich sehr zufrieden mit dem heutigen Spiel“, so der Trainer, der sich schnell wieder beruhigt hatte.

Vor allem die erste Halbzeit gegen Aarhus überzeugte

Grund dafür war vor allem die erste Halbzeit. Pollersbeck - Narey, Jung, van Drongelen, Leibold - Fein - Hunt, Dudziak - Jatta, Hinterseer, Kittel agierten im variablen 4-1-2-3-System. Narey agierte als Rechtsverteidiger, weil Gotoku Sakai zunächst auf der Bank Platz nahm und Jan Gyamerah  noch muskuläre Probleme auskuriert. Aber, das ließ Hecking offen: Narey könnte auch im Lauf der Saison für diese Position interessant werden - was mich freuen würde. Denn mit Narey hat der HSV einen sehr offensiv-orientierten, schnellen Außenverteidiger, der gerade gegen tiefer stehende Mannschaften (und davon wird es wieder einige geben) eine interessante Lösung darstellt.

Ebenfalls weiterhin sehr interessant ist eine Personalie, die man von Beginn an so nicht auf dem Schirm hatte: Adrian Fein. Heute agierte der baumlange Techniker als alleinige Sechs. Nicht unbedingt die Position, in der ich ihn sehen würde - aber Hecking war begeistert. „Er hat das sehr gut gelöst, hat ein gutes Spiel gemacht.“ Und das stimmt auch. Aber ob der über den Ballbesitz und das Aufbauspiel kommende Leihspieler vom FC Bayern als alleiniger Abräumer bei Kontern beispielsweise der Richtige ist - ich glaube nicht. Dafür fehlt ihm das Tempo. Aber in der Doppelsechs oder auf der Acht macht Fein einen bärenstarken Eindruck. In Meiendorf und Buchholz hatte er zudem seine Torgefahr unter Beweis gestellt.

Adrian Fein ist sportlich vielleicht die positivste Erscheinung

Fein ist nicht nur ob seiner 1,87 Meter Körpergröße auf dem Platz sehr präsent. Er fordert auch die Bälle, verteilt sie klug und spielt sehr wenig Fehlpässe. Er spielt dabei nicht nur Sicherheitspässe quer und zurück, sondern sucht auch den Raumgewinn, den Pass in die Offensive. Für mich ist der 20-Jährige bislang die positivste sportliche Erscheinung. Durch den Ausfall von David Kinsombi, der mit einem Muskelfaserriss noch ein paar Wochen ausfallen wird, dürfte Fein sportlich auch für Trainer Dieter Hecking schneller in den Mittelpunkt rücken, als man es sich beim Leihgeschäft zu Beginn vielleicht vorgestellt hatte.

Aber zurück zum Spiel, das mit einem kleine Dämpfer begann. Schon nach neun Minuten mussten die Mannen von Hecking das 0:1 hinnehmen. Aarhus’ Andersen hatte getroffen. Und das, obwohl der HSV das Spiel im Griff hatte. Dennoch dauerte es bis zur 21. Minute, bis der HSV ausgleichen konnte. Bakery Jatta hatte einen Kopfball neben das Tor gesetzt, die Dänen wähnte den Ball im Aus und hatten die Rechnung ohne den Schiri - und vor allem ohne Sonny Kittel gemacht. Denn Letztgenannter brachte den Ball noch einmal zurück ins Spiel, fand Jatta, und der Gambier drückte den Ball zum 1:1 über die Linie.

Pollersbeck und Dudziak machen das Spiel noch mal spannend

Und der HSV machte weiter Druck. Erst scheiterte Kittel mit einem Distanzschuss, dann wird Gideon Jung im Sechzehner zu Fall gebracht - Schiedsrichter Patrick Ittrick gibt Elfmeter. Lukas Hinterseer schnappt sich den Ball und verwandelt sicher (26.). Der HSV mit Spielkontrolle - aber jetzt ohne zwingend Torgefahr zu entwickeln. Also, vor dem generischen Tor. Denn als einem gerade ein wenig langweilig zu werden drohte, machte es Julian Pollersbeck noch mal spannend, indem er im eigenen Strafraum an den Ball kam und ihn einem Dänen direkt in die Füße spielte. Aber: Er bügelte seinen Fehler selbst auch wieder aus mit einer starken Parade und lenkte den Ball zur Ecke.

 

„Das sind die Dinge, die wir ich abstellen müssen“, so Hecking nach dem Spiel, ohne sich jetzt schon auf eine potenzielle Nummer eins festlegen zu wollen. „Wir müssen unsere Fehler minimieren, dürfen den Gegner so nicht einladen.“ Worte, die sich auch Jeremy Dudziak sicher noch mal wird anhören müssen. Denn der Zugang vom FC St. Pauli verlor in der 44. Minute kurz hinter dem eigenen Strafraum den Ball zu leicht. Nutznießer wieder einmal: Jakob Andersen, der zum 2:2-Endstand für die Dänen einnetzt. Und das, obwohl der HSV in der 39. Minute die große Chance zur Führung vertan hatte. Die zweite Hälfte war von den Spielanteilen zwar sehr ähnlich der ersten Hälfte. Aber um die 60. Minute herum wurde einmal groß gewechselt, nachdem zur Halbzeit schon Sakai, Wood und Mickel gekommen waren. Am Ergebnis veränderte das alles aber nichts mehr. Im Gegenteil: Dem Siel ging ein wenig Offensive abhanden.

Letztlich war es auch deshalb ein 2:2, mit dem man zufrieden sein durfte, weil der HSV das Spiel weitgehend im Griff hatte und es noch ein paar Wochen bis Saisonbeginn sind. Dann aber müssen die individuellen und folgenschweren Fehler abgestellt werden und die eigenen Chancen besser ausgespielt und vor allem genutzt werden. „Daran werden wir weiter arbeiten“, so Hecking, der sich heute am Seitenrand wieder sehr lautstark und zumeist positiv präsentierte.

 

In Sachen Neuzugänge ist beim HSV noch lange nicht Schluss

Ob er in Sachen Neuzugänge für die nächste Tage noch etwas erwartet? „Wir sind weiter mittendrin. Die meisten Trainer haben ihren Spielern inzwischen mitgeteilt, ob und wie sie mit ihnen planen.“ Das allein würde noch einmal Bewegung in den Markt bringen. Und sollte am Ende ein Spieler dabei sein, der zum HSV möchte und der den HSV verstärken würde, „dann werden wir das machen“, so Hecking. „Jonas Boldt und sich sind da im ständigen Austausch.“ Klingt so, als würde noch einiges passieren.

In diesem Sinne, ich mache jetzt Feierabend und wünsche Euch allen einen richtig schönen Freitag. Morgen Abend melde ich mich dann mit dem Blog wieder.

Bis dahin!

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.