Marcus Scholz

1. Juli 2019

Und plötzlich ist er da. Der Stehsatz in Sachen Ewerton - dass es für seinen Wechsel weiter letzte Details zu klären gibt - kann also nicht mehr bemüht werden, denn der Innenverteidiger steht seit heute offiziell beim HSV unter Vertrag. Die bestehenden Probleme in der Abrechnung der beiden Exklubs Sporting Lissabon und Nürnberg wurden geklärt und der 30-Jährige konnte endlich seinen Vertrag beim HSV bis 2021 unterschreiben. Darin inbegriffen ist eine Option auf ein weiteres Jahr, die der HSV ziehen kann. Sofern er denn am Ende mit den Leistungen von Ewerton zufrieden ist. „Wir sind sehr froh, dass wir mit Ewerton einen erfahrenen Spieler gewinnen konnten. Er kennt die Zweite Liga, hat dort bereits erfolgreich gespielt und wird unsere Abwehr weiter stabilisieren. Seine Ruhe sowie seine Kopfballstärke sind zwei Elemente, die uns gut zu Gesicht stehen“, sagt HSV-Sportvorstand Jonas Boldt über die Verpflichtung des Brasilianers.

Am Dienstag also geht es endlich los. Ewerton kann dann das erste Mal aus den Katakomben des Volksparkstadions, wo er bislang unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainierte, ans Tageslicht und auf den Trainingsplatz - sollte man meinen. Ist aber nicht so. Denn der Rechtsfuß laboriert noch an Leistenproblemen und soll in den nächsten zwei bis drei Wochen langsam herangeführt werden. Dennoch freut sich Ewerton auf seine neue Aufgabe: „Ich bin glücklich, jetzt hier beim HSV zu sein und freue mich darauf, mit der Arbeit auf dem Platz zu beginnen.“ Und er weiß auch, dass man von ihm mehr erwartet als einen geraden Pass und gewonnene Zweikämpfe: „Als Innenverteidiger ist man automatisch in der Rolle eines Anführers. Man ist für die Ordnung auf dem Platz zuständig und muss seinen Mitspielern immer Anweisungen geben. Dadurch hat man zwangsläufig viel Verantwortung und das gefällt mir“, erklärt der 30-Jährige.

Vier Millionen Euro für Nürnberg - zwei Topspieler für den HSV?

Er sei wie ein „Fels in der Brandung“ hatte zuletzt Tim Leibold über Ewerton gesagt. Beide haben bis zuletzt zusammen für den 1. FC Nürnberg gespielt, den der HSV um zwei Spieler erleichtert hat. Knapp vier Millionen Euro zahlt der HSV an den Ligakonkurrenten - dank zweier Ausstiegsklauseln in den Verträgen Ewertons und Leibolds. „Das sind schwere Verluste für uns“, sagte Nürnbergs aktueller Keeper Christian Mathenia, der Ewerton als den vielleicht „besten Spieler der letzten Saison beim FCN“ bezeichnete. Für den ehemaligen HSV-Torhüter hat sich der HSV der besten Kräfte der Franken bedient. „Beide werden dem HSV ganz sicher weiterhelfen können.“

 

Aber wie gesagt, Ewerton eben erst in ein paar Wochen. Der Brasilianer, der als ebenso introvertiert wie im Urlaub undiszipliniert gilt, muss erst noch seine Verletzung auskurieren. Sollte das noch zwei, drei Wochen dauern, blieben ihm nur noch knapp zehn Tage, um sich auch auf dem Platz an seine Kollegen zu gewöhnen. Wobei, vielleicht ist das auch gar nicht so dramatisch, immerhin ist gerade die Defensive beim HSV noch eine Baustelle, wie zu erfahren ist. Heute gab es zudem die schlechte Nachricht, dass sich David Kinsombi beim Test in Buchholz einen Muskelfaserriss zugezogen hat, der ihn für knapp drei Wochen pausieren lassen wird. Sein Einsatz zu Saisonbeginn ist damit akut gefährdet.

Die Defensive steht noch nicht - noch lange nicht

Für den defensiven Mittelfeldspieler wird die Zeit bis zum Saisonauftakt (Wochenende 26. bis 29. Juli) ebenfalls knapp. Rechnet man jetzt noch die beiden Verkaufskandidaten Douglas Santos und  Rick van Drongelen dazu, dann ist die Defensive noch längst nicht so aufgestellt, dass man sich hier für das erste Saisonspiel einspielen kann. Bei Letztgenanntem soll der FC Augsburg interessiert sein. Fraglich ist, ob die Augsburger am Ende auch die vom HSV veranschlagten acht Millionen Euro bezahlen wollen.

Und wie wir hier schon letzten Mittwoch geschrieben hatten: Der HSV orientiert sich schon länger neu. Wie auf fast allen Positionen soll auch in der Innenverteidigung möglichst viel neu besetzt werden. Frei nach dem Motto: Alles, was negativ behaftet ist, muss/soll raus! Neben van Drongelen stehen weiterhin auch Gotoku Sakai und Julian Pollersbeck zum Verkauf. Beide würde der HSV gern noch abgeben. Zudem ist der HSV weiterhin an dem niederländischen Verteidiger Timo Letschert interessiert. Der 26-jährige Abwehr-Mann stammt aus der Jugendakademie von Ajax Amsterdam, spielte für die U20- und die U21-Nationalmannschaft der Niederlande, ehe er nach den Stationen Heerenveen, Groningen, Roda Kerkrade zuletzt zuletzt auf Leihbasis für den FC Utrecht spielte. Aktuell steht seine Rückkehr zum  italienischen Erstligisten US Sassuolo an - wenn er nicht zum HSV wechselt.

Der Markwert Letscherts, der 111 Spiele in der   Ehrendivision sowie 16 Einsätze in der Serie A absolvierte, wird auf 2,5 Millionen Euro taxiert. Dem Vernehmen nach sollen die Italiener aber gesprächsbereit sein. Und sollte stimmen, was der niederländische TV- und Radiosender RTV Utrecht berichtet, dann holte sich der HSV hier einen echten Querkopf ins Team. Nicht, dass sowas nicht auch gut für das Gesamtkonstrukt sein kann. Reibungen erzeigen auch hier Energie, die positiv genutzt sehr hilfreich sein kann. Aber eben nur bis zu einem gewissen Punkt - und den hat Letschert im April in der Halbzeitpause der Partie des FC Utrecht bei ADO Den Haag (0:5) überschritten und war von Trainer Dick Advocaat suspendiert worden. Der 26-jährige Verteidiger soll Trainer und  Mitspieler übel bepöbelt haben, entschuldigte sich danach öffentlich für sein Fehlverhalten.

Verteidiger-Kandidat Letschert gilt in den Holland als Skandalspieler

„Ich bin zu weit gegangen. Mir ist klar, dass mein Verhalten inakzeptabel war. Ich werde nach Hilfe suchen, damit mir so etwas nicht mehr passiert.“ In Holland wird Letschert seither als Skandal-Profi bezeichnet. Auch deshalb scheint ein Wechsel für ihn eine gute Idee zu sein. Ein Neuanfang wie ihn damals auch van der Vaart in Hamburg wählte, nachdem man seine Frau in den Stadien bepöbelte. Interessant: Letschert war in der vergangenen Woche bereits in Hamburg und stellte Fotos von seinem Hamburg-Trip auf seinen sozialen Kanälen online. Nachdem ich den HSV angerufen und nach Letschert gefragt hatte - unter anderem mit dem Hinweis auf dessen Instagram-Bilder - wurden diese Bilder gelöscht.

Es ist und bleibt beim HSV also eine Menge los. Das Personalkarussell dreht sich weiter - und es wird noch einmal mächtig Fahrt aufnehmen, sobald der HSV tatsächlich weitere Spieler verkaufen und somit neue Gelder generieren kann. Bei Santos, der einst nicht unter 25 Millionen Euro verkauft werden sollte, könnte das alles ganz schnell gehen. Mit Leibold hat man hier guten Ersatz. Ob Letschert am Ende auch van Drongelen ersetzen soll, kann und würde - offen. Ich kenne Letschert zu wenig, als dass ich das beurteilen kann. Aber zumindest bei Ewerton habe ich bislang nur Gutes gehört. Außer, dass er mal ein paar Kilo zu viel aus dem Urlaub mitbringt. Aber solange er es rechtzeitig abtrainiert hat und auf dem Platz funktioniert - okay. Übergewicht ist beim HSV ja auch keine Seltenheit, den Umgang damit kennt man hier ja schon, wie Lasogga, Papadopoulos, Janjicic und Co. sicher zu bestätigen wissen…

In diesem Sinne, bis morgen! Da wird um 10 und um 15:30 Uhr trainiert. Ich melde mich natürlich vorher wieder früh um 7:30 Uhr bei Euch mit dem MorningCall. Bis dahin!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.