Marcus Scholz

8. April 2018

Das Wetter passte zum Gefühl, das der erste Sieg nach 15 Spielen in Folge ohne Dreier bescherte. „Erleichtert“ sei er, weil der Sieg wichtig gewesen sei für das Selbstvertrauen der Spieler, die jetzt wieder daran glauben können. Ebenso wie die Fans. „Die Unterstützung war vorher schon riesig von außen“, so Titz, „und nach einem Sieg steigert sich das alles noch mal.“ Zu einer Euphorie? Titz will sie mitnehmen, nichts ausbremsen. Also für die Fans. Bei seiner Mannschaft indes sieht er die Euphorie nicht. Vielmehr sei die Mannschaft sehr fokussiert und klar auf das nächste Spiel ausgerichtet. „Mit einem besseren Gefühl“, so Titz, „weil sie jetzt alle gesehen haben, dass wir nicht nur gut spielen, sondern auch gewinnen können. Dieser Glaube ist immens wichtig – und der ist wieder da.“

Zurecht. Denn das Spiel gegen Schalke hat gezeigt, dass die Mannschaft weitere spielerische Fortschritte macht. Zudem verkraftet sie üble Nackenschläge wie das irreguläre Handtor von Naldo, der selbst zugab, mit der Hand dran gewesen zu sein, und den 2:2-Ausgleich von Burgstaller, nachdem Waldschmidt vorn nur Sekunden zuvor eine Hundertprozentige liegen gelassen hatte. Die Mannschaft ist unter Titz stabiler. Und das hat gleich mehrere Gründe .

Angefangen mit der Situation, dass sie eigentlich totgesagt sind. Dann, weil sie einen Trainer hat, der nicht nur einen Plan hat, sondern ihn auch umsetzt und damit auch erste Erfolge verzeichnen kann. Und zu guter Letzt auch, weil sich die Mannschaft zusammenreißt. Aus einem völlig emotionslosen Haufen wird endlich die Zweckgemeinschaft, die man braucht, um Wunder zumindest anzugehen. Das gemeinsame griechische Essen von Papadopoulos in der vergangenen Woche wird diese Woche eine Fortsetzung finden. So hatte es der Abwehrmann, der wegen der zehnten gelben Karte in Hoffenheim aussetzen muss, für den Fall eines Sieges über Schalke versprochen. Titz: „Nach dem Spiel hat er schon gesagt, nächste Woche ist es wieder so weit. Wir rufen sozusagen die griechischen Wochen aus...“

Für die Stimmung ist es sicher nicht das Schlechteste. Im Gegenteil. Die oben beschriebene Zweckgemeinschaft derer, denen von außen so gar niemand etwas zutraut, scheint noch mal zu greifen. Dazu ein Bundesliga-unerfahrenes Trainerteam mit überraschenden Ideen – klingt für mich nach einer sehr interessanten Mischung. Zumindest nach einer, auf die ich sehr gespannt bin, weil ich ihr viel zutraue. Apropos: Gespannt sein darf man auch auf Nicolai Müller, der eventuell noch in dieser Saison zurückkehren könnte. Titz: „Wir schauen bei Nicolai von Woche zu Woche. Da gibt es keinen festen Plan. Wir werden ihn hier und da ins Mannschaftstraining einbauen, damit er das Gefühl dafür bekommt. Aber wir werden darauf achten, nichts zu überstürzen.“

Gespannt war ich übrigens auch auf Matti Steinmann, nachdem er in den ersten beiden Bundesligaspielen unter Titz jeweils zur zweiten Hälfte schwächer wurde war er diesmal stark. Richtig stark sogar. Er spielt eine ähnliche Rolle beim HSV, wie sie Toni Kroos in seinen zwei, drei Stufen stärker einzustufenden Mannschaften einnimmt. Steinmann ist fast immer anspielbar, er sortiert das Spiel und bestimmt das Tempo. Er ist das Gehirn des Titz-Systems auf dem Platz: „Es freut mich für ihn, wie unbeeindruckt er auftritt. Und für den Verein, weil wir den Nachweis bringen, im Nachwuchs gute Leute zu haben. Er ist sehr klar, reagiert gut auf Stress. Er hat eine hohe Sicherheit im Passspiel. Er tut der Mannschaft damit sehr, sehr gut.“

So, wie der andere Youngster gestern endlich auch: Tatsuya Ito. Allein er war schon das Eintrittsgeld wert. Und nachdem er in den letzten Monaten irgendwie immer sehr gute Ansätze hatte, aber keine Aktion zu Ende brachte, kam gestern auch wirklich alles zusammen, was ihm sonst noch fehlte. Er wirbelte die Schalker Defensive nach belieben durcheinander, verarschte Nationalspieler Goretzka vor dem 2:1 übel und erntete nicht umsonst ein fettes Sonderlob von Schalke-Trainer Domenico Tedesco, das fast schon so klag, als wolle dieser den kleinen HSV-Riesen nach Gelsenkirchen locken. Kurzum: Ich hoffe, dass das gestern sowas wie ein geplatzter Knoten für den Japaner war und dieser jetzt endlich seine guten Aktionen auch mit dem dazugehörigen, erfolgreichen Abschluss(pass) garniert.

Egal wie, das Spiel gegen Schalke bot einige Ansätze, die den kleinen Rest Hoffnung am leben erhalten. Vor allem aber setzt sich die Tendenz fort, dass ein Trainer mit einem Plan diesem HSV guttut. Vor allem, weil Titz auch weiß, wie er diesen Plan umsetzen kann. Nur noch mal zur Erinnerung, weil es gestern ein wenig unterging: Titz hatte unter der Woche nach dem Training Douglas Santos – für mich übrigens der über die ganze Saison hinweg betrachtet beste HSV-Profi – Einwürfe geübt. Immer wieder musste der Brasilianer den Ball von der Außenlinie in den gegnerischen Fünfer werfen. So, wie gestern vor dem 1:1...

Es ist noch ein weiter Weg zu gehen, um das Wunder wahr werden zu lassen. Es ist auch ein verdammt schwieriger Weg für die Verantwortlichen, die noch immer unschlüssig sind, wie sie mit der Personalie des Trainers umgehen sollen. Sollte Titz am Ende mit dem HSV absteigen, wird es schwer, ihn zum Gesicht des Neuanfanges zu machen. Trotz der augenscheinlichen Verbesserung wäre Titz stigmatisiert. Glauben die Verantwortlichen. Und deshalb halten sie sich die Entscheidung möglichst lang offen. Sollte Titz jetzt aber mit der Mannschaft noch ein, zwei, drei oder gar vier Siege einfahren können, kämen sie eigentlich gar nicht mehr drum herum, an Titz festzuhalten. Und ich bleibe auch dabei: DAS wäre die mit Abstand beste Entscheidung des HSV-Vorstandes seit vielen, vielen Jahren. Denn Titz ist für mich der Prototyp für den hier seit Jahren geforderten Neuanfang. Denn der sollte beinhakten, dass eigene Talente gefördert und eingebaut werden, dass die Mannschaft günstiger wird und Preis/Leistung sich angleichen. Vor allem aber versprüht Titz eine lang vermisste unverbrauchte Freude und Energie, wie sie gebraucht wird. Zumal dann, wenn sie so funktioniert wie gestern.

 

In diesem Sinne, bis morgen. Da ist übrigens trainingsfrei.

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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