Marcus Scholz

11. Juni 2019

Beim HSV wird viel spekuliert. Und das ist in jeder Wechselperiode identisch. Namen werden von verschiedensten Seiten ins Gespräch gebracht - immer natürlich maximal dem eigenen Interesse nützend. Preise werden in die Höhe gegeben wie runtergehandelt, Verhandlungspositionen werden gestärkt bzw. die Gegenseite bewusst geschwächt. Und die Medien nehmen diese Szenarien immer wieder auf, wenn sie von der Richtigkeit überzeugt sind. So wurde in den vergangenen Tagen das Arsenal-Talent Jordi Osei-Tutu in Hamburg als potenzieller Zugang gehandelt - weil „The Sun“ das vermeldet und der HSV diesen Namen nicht dementiert hat. Aber der 20-jährige Engländer ist ja längst nicht der erste Name, der beim HSV im Gespräch ist. Zuvor wurden für diese Wechselperiode schon andere Spieler gehandelt, die auch weiterhin im Gespräch sind. Und zu einem dieser Spieler möchte ich an dieser Stelle mal etwas erzählen: zu Marc Stendera.

Über den Mittelfeldspieler der SG Eintracht Frankfurt wurde in den letzten Tagen (unabhängig voneinander) in allen möglichen Medien berichtet, dass er vor einem Wechsel zum HSV stehen würde. Und das Interesse an dem 23-Jährigen wurde zwar nicht offiziell, aber doch hinter vorgehaltener Hand auch beim HSV so bestätigt. Natürlich deswegen inoffiziell, weil der HSV so immer sagen kann, dass man sich nie dazu geäußert hat und dementsprechend auch nicht indiskret mit dem Thema umgegangen ist. Das stärkt die Position - und es schwächt sie vor allem nicht unnötig.

Stenderas Ausfallzeiten waren nicht nur verletzungsbedingt

Aber zurück zum Spieler, der hier im Blog teilweise sehr kritisch gesehen wird. Wenigere was seine technischen Möglichkeiten betrifft. Die werden allgemein als gut erachtet. Stattdessen geht es hier auch darum, dass die schnell abrufbaren Daten in die Diskussionsgrundlage eingebaut werden. Das läuft dann über die bekannten Wege und bekannten Statistikseiten, die einem schnell ausspucken, wie viele Spiele Stendera gemacht hat, wie viele er verpasst hat, wie viele Tore er dabei erzielt hat - und natürlich auch: wie verletzungsanfällig er ist. Dass hier insbesondere auch darauf bei ihm geachtet wurde, mag an der Verletzungsanfälligkeit der HSV-Spieler der letzten Jahre liegen. Man ist hier skeptisch. Zurecht. Fakt aber ist, dass bei Stendera in den letzten drei Jahren etliche Verletzungstage stehen. „Aber nicht, weil er immer verletzt war“, verriet mir heute jemand, der tatsächlich unverdächtig ist, es gut mit Stendera oder dem HSV zu meinen.

Derjenige, mit dem ich heute lange gesprochen habe, möchte nicht genannt werden. Und das aus Gründen, die ich absolut nachvollziehen kann. Ich erachte sie sogar als logisch, ehrlich gesagt. Aber wie gesagt, er verfolgt in diesem Fall kein eigenes Interesse. Er war nachweislich lange Zeit nah an dem Spieler dran und hätte nichts von einem Wechsel und genauso wenig von einem Verbleib Stenderas und ist deshalb für mich eine glaubhafte Quelle. Auch, weil er Stendera über Jahre kennt und seine Entwicklung vor Ort in Frankfurt und auch sonst intensiv verfolgt hat. „Marc sieht etwas pummelig aus, aber er ist nicht dick. Er ist tatsächlich einfach so gebaut. Und er ist ein richtig guter Fußballer, der noch auf den großen Durchbruch wartet. Er hat aber allemal das Zeug dazu.“

Und auf die Verletztenzeiten angesprochen bekam ich folgende, spannende Antwort: „Er war nur zweimal richtig schwer verletzt, bei seinen Kreuzbandrissen (2013 und 2016, d. Red.). Das allein ist sicher schon nicht ganz einfach - aber dafür gibt es die sportmedizinischen Untersuchungen vor Transfers. Und die zeigen deutlich, wie es um die Beschaffenheit der Bänder und Knochen bestellt ist. Ansonsten war er nicht anfälliger oder häufiger verletzt als andere.“ Weshalb er dennoch neben diesen beiden Verletzungsausfällen so viele Fehlzeiten hatte? „Dass er so viele Fehltage in der Statistik hat, liegt auch daran, dass man seine Nichtnominierungen lieber mit einem Infekt oder muskulären Problemen begründet hat als mit rein sportlichen Gründen.“ Eine Lösung, die so auch beim HSV schon häufiger praktiziert wurde, wie ich weiß. Hier allerdings vor allem, wenn es arrivierte Spieler getroffen hatte. Damit möchte man den Spielern die Peinlichkeit ersparen, als „nicht gut genug für den Kader“ bezeichnet zu werden.

Stendera ist charakterlich top und wollte es einfach schaffen

Aktuell ist Stendera fit - und er will sich bald entscheiden. Diese Woche, so war es angekündigt. Ich wollte von meinem Freund, der seit mehr als 20 Jahren im Profifußball zuhause ist, wissen, ob Stendera vom Profil her zum Umbruch beim HSV passen würde. Vor allem charakterlich. „Stendera ist ein richtig guter Typ“, so die klare Antwort, „er ist vom Typ her ist er absolut einwandfrei, ein richtig positiver Typ. Auch in schlechteren Phasen hat er sich das beibehalten.“ Mehr noch, Stendera sei auch deshalb bei Frankfurt geblieben, weil er es dort unbedingt schaffen wollte. Er sei auch deshalb neun Jahre bei der SGE geblieben, weil er den großen Traum hatte, „für seinen Verein in der Bundesliga eine feste Größe zu werden“, so mein Freund. Er sei geblieben, obwohl er woanders mehr hätte verdienen können und obwohl man ihm gesagt hatte, dass es schwer für ihn würde. Weil er an sich geglaubt hätte.

Stendera ist zweifellos, das konnte er beweisen, ein technisch und laufstarker zentraler Mittelfeldspieler, der auf der Zehn zuhause ist, aber auch etwas defensiver auf der Acht spielen könnte. Er sei konditionsstark und verfüge über eine besonders ausgeprägte Schusstechnik. „Wenn er aus 18 bis 20 Metern zum Schuss kommt, wird es immer gefährlich. Wenn er die Möglichkeit erhält, seine Qualitäten über einen längeren Zeitraum zu zeigen, wird er wieder funktionieren. Für die Zweite Liga ist er allemal ein guter Mann“, so meine Quelle heute, „sogar ein richtig guter.“ Weshalb Stendera es bei der Eintracht nicht geschafft hat? „Weil es bei Frankfurt nicht anders ist als beim HSV und vielen anderen Klubs. Da zählt der eigene Nachwuchs nie so viel wie ein Talent von außen. Auch hier müssen die Spieler erst wechseln, um zu zeigen, was sie können. Siehe Waldschmidt, siehe Kempf. Und jetzt wohl auch bald Stendera.“

Kommt neben Stendera auch Bakalorz?

Sollte das am Ende tatsächlich beim HSV der Fall sein, dürfte Stendera hier auf Marvin Bakalorz treffen. Der ehemalige Kapitän von Hannover 96 soll unseren Informationen zufolge unmittelbar vor der Zusage beim HSV stehen. Und über den hatte zuletzt Thomas Doll, gerade geschasst bei Hannover 96, gesagt:  „Er ist ein harter Arbeiter im Mittelfeld, ein Spieler, der sich für nichts zu schade ist. Und in der Kabine ist er überragend, ein Typ, der eine Mannschaft zusammenhalten kann.“ Klingt gut.

Aber, um noch mal auf das Zustandekommen von Gerüchten zurückzukommen: Die werden immer wieder gezielt gestreut. Von allen Seiten wohlgemerkt. Angefangen mit den Beratern, die ihre Mandanten öffentlich überhaupt erst zu einem Thema machen. Sie müssen ihre Spieler ins Gespräch bringen. Und da viele Vereine noch darauf reagieren, was andere angeblich vorhaben, funktioniert das auch oft sehr gut. Zudem bringen natürlich die Vereine Spieler ins Gespräch. Leverkusen - damals war Boldt sogar noch da - hat das immer wieder in Perfektion hinbekommen. Bei Bayer hat man Spieler bzw. das Interesse anderer Vereine an eigenen Spielern gern mal dem am nächsten stehenden Medium (lange Zeit war das die SportBild) „gesteckt“, die daraus wiederum eine Exklusivgeschichte gemacht haben und für Aufmerksamkeit sorgten. Ergebnis: Der Spieler wirkt begehrt, weitere Namen tauchen auf, sein Preis steigt zur Freude des abgebenden Vereines  - und damit letztlich auch die Provision für den Berater. Aber wie gesagt, das ist nur einer von vielen Wegen. Immer wieder ist es auch einfach eine undichte Stelle auf dem Weg zum tatsächlichen Transfer.

 

So viel für heute. Ich wünsche Euch jetzt noch einen richtig schönen Dienstagabend mit einem hoffentlich spannenden Länderspiel. Und zum Abschluss dann noch einmal eine richtig gute Aktion der HSV-Fans: Die Ultras strichen heute den Treppenaufgang hinter der Südtribüne, den die Mannschaft immer hinunterläuft, wenn sie zum Training muss, in HSV-Farben. In diesem Sinne, bis morgen! Da melde ich mich wieder pünktlich um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch. Und vielleicht gibt es dann zum Thema Neuverpflichtungen ja schon mehr zu sagen.

 

Bis dahin! Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.