Marcus Scholz

11. Dezember 2018

 

Jetzt ist es offiziell: Der Beirat hat sich für drei Kandidaten entschieden, die bei der Mitgliederversammlung am 19. Januar 2019 für den neu zu besetzenden Posten des Präsidenten im HSV e.V. zur Wahl gestellt werden: Marcell Jansen, Dr. Ralph Hartmann und Jürgen Hunke. Die Pressemitteilung im Wortlaut HIER ZUM ANKLICKEN

Gestern haben wir uns anfänglich noch gewundert, wie  wenig trainiert wurde - heute wurde die Zeit schon nachgeholt. So könnte man es sehen, wenn man die Trainingszeiten bei Hannes Wolf zusammenrechnet. Denn nach den aktiv-erholenden 60 Minuten gestern folgten heute gleich mal wieder 100 Minuten Vollgas im Training. Duisburg steht auf dem Plan. Ruhrpott, Freitagabend im Vorprogramm, allein das Wetter soll ein wenig besser werden mit gelegentlichem Sonnenschein. Aber der Rasen in der „Schauinsland-Reisen-Arena“ (was’ ein Name…!) ist schon arg malträtiert und wird dem Kombinationsfußball des HSV, der mir insbesondere in der ersten Halbzeit gegen den SC Paderborn gefallen hat, abträglich sein. Ebenso wie der mögliche Ausfall von Aaron Hunt, der auch heute wegen muskulärer Probleme fehlte. Ob und inwieweit der Kapitän, der in den letzten 15 Pflichtspielen immer von Beginn an auflief (ist ihm in den drei Jahren zuvor nie gelungen) am Freitag wieder dabei sein kann ist derzeit noch offen.

Auch deshalb musste Trainer Hannes Wolf heute schon mal im Training Alternativen probieren. Und die erste Alternative hatte richtig Charme. Hee-chan Hwang rückte hinter die einzige Spitze - und diese Position wiederum bekleidete Fiete Arp. Der junge Angreifer, dem aktuell eine Krise nachgesagt wird. Zum Glück sieht er selbst das etwas differenzierter und weiß, dass es sich alles wieder ganz schnell verkehren kann - wenn er wieder trifft. Und wie schnell sich die Chance dazu bietet, hat seine Einwechslung gegen Paderborn gezeigt, wo er keine 60 Sekunden auf dem Platz stand, ehe er allein auf den gegnerischen Keeper zulief (und leider vergab).

Und sollte Hunt tatsächlich am Freitag ausfallen, so scheint es, bekommt Arp endlich die Chance, die nich ihm schon am vergangene  Freitag zugedacht hatte, als Hwang den Platz verließ. Weshalb zunächst Ito kam und vorn drei Wechsel stattfanden anstatt Arp im „Eins-zu-Eins-Tausch für den Südkoreaner zu bringen - keine Ahnung. Aber Wolf scheint diese Idee zumindest jetzt zu favorisieren. Und das bedeutet, dass der HSV auf vorderster Linie nicht mehr nur drei schnelle Leute hätte, sondern gleich vier. Jatta und Narey auf den Außen, Arp vorn drin - und dahinter Hwang, was ich sehr interessant finde. Denn der Südkoreaner hat meiner Meinung nach bislang noch keine Bindung zum HSV-Spiel gefunden - und soll jetzt als Bindeglied Mittelfeld/Angriff oder als zweite Spitze hinter Arp fungieren. Vielleicht ist dieser „Crashkurs Adaption“ ja genau das, was er braucht, um seine Qualitäten maximal einzubringen…

Ebenso interessant war für mich heute das Interview des Sportvorstandes im Hamburger Abendblatt. Ungeschönt und klar formulierte Becker, was eigentlich alle wissen müssen bzw., was alle (be)fürchten: Der HSV kann sich finanziell keine Sprünge (schon gar keine großen) mehr erlauben. Im Winter sei kein Budget für neue Spieler vorhanden, so Becker. Ebensowenig wie im vergangenen sowie im kommenden Sommer. „Wir wissen schon seit Sommer, dass großes Geldausgeben für uns nicht drin ist. Das war in der Sommertransferperiode so, das wird im Winter nicht anders sein – und das wird sich auch im kommenden Sommer fortsetzen. Übrigens ganz unabhängig von der Frage, in welcher Liga wir dann spielen werden“, sagte Becker im Abendblatt-Interview, ehe er mit dem berühmten Satz „wir müssen kreativ sein“, das sagt, was wir beim HSV von noch allen Sportchefs der letzten 50 Jahre zu hören - aber nicht umgesetzte bekommen haben.

Okay. Abgesehen von eben diesem Ralf Becker, der im Sommer offiziell nur 1,7 Millionen Euro für Khaled Narey ausgegeben hatte, während die anderen Neuen ablösefrei gekommen sind. Becker liefert das „findiger, schneller und kreativer“-Sein zumindest in Ansätzen. Wobei fast noch interessanter ist, wie Becker den Weg des HSV in den nächsten Jahren sieht: Über junge Spieler, die noch den nächsten Schritt zu gehen haben, ehe sie „angekommen“ sind. Und da auch Becker weiß, dass es nur mit Talenten eben auch nicht funktionieren kann, schiebt er seine Spezialdisziplin gleich hinterher: Leihgeschäfte: „Unabhängig von Namen wird es auch zukünftig unser Weg sein, ablösefreie Spieler zu holen, junge Fußballer – und natürlich auch Leihspieler. Und bei Leihspielern ist es dann eben so, dass sie im Zweifelsfall zu ihrem Stammverein zurück müssen. Darüber sollten wir aber nicht großartig jammern. Wir sollten uns viel mehr darüber freuen, wenn ein Leihspieler uns für eine gewisse Zeit sportlich weiterhelfen kann.“

Der HSV wird zum Ausbildungsverein. Das war schon länger klar. Und er wird sich mit Leihspielern behelfen müssen - was eine große Gefahr birgt. Denn Konstanz ist personell auf diese schwieriger denn je, wenn nicht gar unmöglich. Und bei allem Lob für das sehr interessante Interview meiner ehemaligen Kollegen, habe ich mich doch sehr gewundert, weshalb hier an dieser Stelle nicht nachgefragt wurde, wie man sich denn diesen Neuaufbau im Nachwuchs vorstellt. Wer soll sich denn nach der Entlassung/Freistellung von Bernhard Peters zukünftig um die immer wichtiger werdende Abteilung - um nicht zu sagen: die vielleicht wichtigste Abteilung - kümmmern? das im Teamverbund lösen zu wollen mit dem vorhandenem Personal wird schwierig. Zumindest gibt es so eine Variante bei keinem anderen großen Klub mit erfolgreicher Jugendarbeit. Eine Aufteilung des Nachwuchsbereiches auf viele gleichberechtigte Schultern ist auf jeden Fall schwierig, weil intern sehr anfällig für hemmende Kontroversen.

In Dortmund beispielsweise kümmert sich Lars Ricken hauptverantwortlich um den Nachwuchs, beim FC Bayern ist es Hermann Gerland. Nur der HSV ist hier noch nicht klar aufgestellt, hat mit Dr. Dieter Gudel den Leiter des NLZ zusammen mit Chefscout Benjamin Scherner und Sebastian Harms, dem sportlichen Leiter im Nachwuchs, eine eher flache Hierarchie in der Abteilung, die über das Wohl und Wehe des HSV entscheiden könnte. Und ohne einem einzigen der aktuell verantwortlichen Herren auch nur im Ansatz die Kompetenz absprechen zu wollen: Es ist zumindest eine diskutable Situation. Zumal der Markt im Nachwuchsbereich durch die technischen Möglichkeiten von heute umkämpfter ist denn je.

Daher bleibe ich auch dabei: Jeden Euro, den der HSV entbehren kann, ohne den Erfolg der Profis zu gefährden, MUSS zwingend in den Nachwuchs gesteckt werden. Aber okay, das habe ich in den letzten Jahren immer wieder und in den letzten Monaten permanent wiederholt: Ein Euro gezielt in die Jugendarbeit zu investieren ist oftmals mehr wert als zehn Euro in die Profimannschaft zu investieren.

Das alles im ersten halben Jahr vom Sportvorstand zu erwarten ist zu viel. Ganz klar. Becker hatte genug damit zu tun, dem HSV-Kader zu verschlanken und gleichzeitig ein Team zusammenzustellen, dass aufsteigt. Stand heute hat er hier sehr gut gearbeitet. Aber gerade weil er nicht alles auf einmal lösen kann, hat mich die Trennung von Peters verwundert. Zumindest zu einem Zeitpunkt, an dem man keinen Nachfolger parat hatte bzw. sich einen solchen auch gar nicht leisten kann, solange man Peters (und das ist noch immer so) weiterbezahlt.

Die eigenverschuldeten finanziellen Einschränkungen durch beurlaubte Verantwortliche auf der Gehaltsliste wurde durch Peters um einen gut bezahlten Entscheidungsträger reicher - und der HSV handlungsunfähiger. Aber die Frage, die sich mir hier aufdrängt ist: Warum findet der HSV keinen strategischen Partner speziell für die Nachwuchsförderung und die Talentausbildung? Acht Millionen Euro im Jahr waren es zuletzt. Wobei man hier die U21 sowie die Überhangprofis (apropos: Herzlichen Glückwunsch, Josh Vagnoman!), die noch im Nachwuchs geführt werden, aber bei den Profis mitspielen/mittrainieren, mit einrechnen muss. Das ist bei anderen Klubs, die man mit dem HSV vergleichen hat, vielerorts nicht so. Und sich hier über acht Millionen Euro aufzuregen, während im Profibereich binnen vier Jahren knapp 100 Millionen Euro „verbrannt werden“ ist absurd.

Aber okay, dass der HSV jetzt Maßnahmen ergreift wie gekürzte und gestrichene Weihnachtsfeiern, dass man auf das Falten der Papierservietten verzichtet und dien Kostengrenze für Jubiläumspräsente heruntersetzet, für mich nachvollziehbar. Viele lachen darüber und es wäre auch ungewöhnlich klein gedacht, wenn man nicht konsequenterweise auch oben die Kosten drastisch reduziert. Aber im Interview heute bestätigte Becker noch einmal, dass die Gehaltsobergrenzen (eine Million Jahresgehalt in der Zweiten Liga, zwei Millionen in der Ersten Bundesliga) durchgezogen werden sollen. Man fängt also auch ganz oben an. Becker: „Wenn wir jetzt also mit einem Spieler oder seinem Berater verhandeln, dann wissen alle Parteien ziemlich genau, in welchen Sphären wir uns eigentlich bewegen können. Um es einmal sehr deutlich zu sagen: Wir haben wirtschaftlich sehr harte Jahre vor uns. Da brauchen wir eine klare Linie – und manche Dinge gehen dann einfach nicht mehr.“ Und diese Bandbreite erstreckt sich von der simplen Weihnachtsfeier bis hin zum 10-Mio-Einkauf.

Fazit: Auch wenn der HSV im Nachwuchsbereich mehr Arbeit denn je vor sich hat und Becker im Profibereich weitestgehend gebunden ist - hier MUSS schnell eine Lösung gefunden werden, wenn der HSV seine eigene Zukunft nicht hinnen Wochen wieder an Anteilkaufende Investoren koppeln will.

Bis morgen! Da wird übrigens wieder um 11 Uhr und wie heute ebenfalls öffentlich trainiert. Und bevor ich diesen Blog abschließe, noch eine kleine Empfehlung meinerseits: Schaut und hört mal in den Rautenperlen-Talk mit Khaled Narey rein. Der Siegtorschütze aus dem Spiel gegen Paderborn saß gestern auf unserer Couch und hat dabei - zumindest auf mich! - einen sensationell guten Eindruck hinterlassen. Sachlich, bodenständig, sehr sympathisch und  vor allem sehr ambitioniert. Also genau so, wie man sich beim HSV alle seine aufkommenden Bundesligaspieler wünscht.

 

In diesem Sinne, bis dahin!

Scholle

 

P.S.: Keeper Julian Pollersbeck pausierte heute ob seiner Rückenprobleme und einer Erkältung. Sein Einsatz am Freitag soll aber Stand heute nicht gefährdet sein.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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