Marcus Scholz

28. Mai 2019

 

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Die letzten Wochen und Monate haben Spuren hinterlassen. Bei den Fans aus sportlicher Sicht logischerweise. Der Nichtaufstieg war und ist eine große Enttäuschung. Und seit gestern, seit dem Abstieg des VfB Stuttgart, wissen wir alle, dass es nächstes Jahr in der Zweiten Liga noch deutlich schwieriger wird, aufzusteigen. Hannover, Nürnberg, Stuttgart und eben der HSV streiten um zwei Aufstiegsplätze und einen Relegationsplatz. Und der HSV ist dabei nicht der Favorit. Oder ist er nur kein Favorit mehr? War der HSV es bislang überhaupt? Immerhin hatten die HSV-Vorstände Bernd Hoffmann und Ralf Becker ebenso wie dessen Nachfolger Jonas Boldt klar formuliert, dass es nur darum gehen kann, aufzusteigen. Soll heißen: Alles andere ist eine Enttäuschung. Es gibt also nichts zu gewinnen, sondern nur eine ganze Menge zu verlieren. Und das, bevor man überhaupt angefangen hatte, alles neu aufzustellen?

Ich behaupte, dieser HSV kann sich nicht hinstellen und so tun, als seien die letzten Jahre nicht passiert. Vor allem kann der HSV das letzte Jahr nicht verschweigen, in dem ein Vorstandsvorsitzender, zwei Sportdirektoren, zwei Trainer, ein Nachwuchschef und jetzt auch noch etliche Spieler ausgetauscht werden mussten - und das alles, ohne dass das Minimalziel erreicht wurde. Und wenn man bedenkt, dass dieser HSV in einer stärkeren Liga schon wieder das Maximum als Minimalziel ausgegeben hat, dann sollte allein das einem schon zu denken geben. Mich zumindest. Zumal die heutigen Berichte hinzugerechnet Böses erahnen lassen.

Diesmal hat der Hamburger Unternehmer Eugen Block (Titelfoto) damit begonnen. Der einstige HSV-Sponsor hatte im Abendblatt Bernd Hoffmann massiv attackiert. „Herr Hoffmann ist machtgetrieben und rücksichtslos. Er macht alles im Alleingang. Es wird alles verschleiert. Ich wünsche mir eine Transparenzoffensive. Es muss ein großer Neuanfang her. Mit Hoffmann kann es den nicht geben.“ Er hofft stattdessen, dass Felix Magath übernimmt. „Felix Magath steht bereit. Er ist ein leidenschaftlicher HSVer. Mit ihm würde der Aufstieg gelingen. Davon bin ich überzeugt.“, so Eugen Block, der damit im Netz tatsächlich noch überraschte Reaktionen hervorrufen konnte. Dabei ist das doch alles nicht neu. Denn das Prinzip HSV wiederholt sich hier nur: Die, die da sind, sind schlecht. Zumindest schlechter, als die, die nicht da sind. Selbst wenn die schon mal da waren und scheiterten.

Klingt komisch - ist aber tragisch. Und der HSV wäre nicht der HSV, wenn er es allein bei diesem einen Wiederholungsfehler belassen würde. Nein, hier setzt man in aller Regelmäßigkeit noch einen drauf. Wie das Kind sich immer wieder an der Herdplatte verbrennt, sind beim HSV plötzlich genau die wieder die Richtigen, die hier schon mal vom Hof gejagt wurden. Das fing auf Führungsebene mit Dietmar Beiersdorfer an - und scheiterte. Unter dem 2011 geschassten Bernd Hoffmann sollte der Neuanfang dann endlich glücken - und auch dieses Vorhaben ist bislang erfolglos geblieben. Bei Spielern gab es Rückholaktionen, die genauso krachend scheiterten,  und jetzt meldet sich ein honoriger Hamburger Geschäftsmann zu Wort und fordert den Neuanfang unter dem nächsten alten Bekannten - für mich eine neue Definition von Paradoxon. Irgendwie eine Art Dumm-Paradoxon…

Nein, einen Neuanfang kann es in Hamburg nicht geben, solange alte Lasten wie Blei auf diesem Verein liegen. Ob mit Rückkehrer auf Führungspositionen oder einfach mit alten Scharmützeln, die neu aufleben. Und für alle, die hoffen, dass das von heute noch nichts zu sagen hat: Ich behaupte, das ganze Theater hat gerade erst begonnen. Und ich fühle mich bestätigt, wenn parallel ehemalige (und ebenso erfolglose) Verantwortliche an allen Fronten gegen den HSV und seine Führung ausholen. Sie wissen allesamt nur zu gut, wie es eben nicht funktioniert. Sie kennen es, wenn sie aus den Hecken beschossen werden - denn das musste hier noch jeder Vorstand erdulden.

Und als wäre das noch nicht genug, meldet sich on top natürlich auch noch Klaus Michael Kühne zu Wort. Aber nicht mit einem kleinen Kritikpunkt - nein, Kühne holt einfach mal ganz weit aus und vernichtet verbal einfach einmal alles. Mit Ausnahme von e.V.-Präsident Marcell Jansen, der für ihn der stärkste Mann im Klub sei. Kühne forderte Jansen parallel kurzerhand via „BILD“ dazu auf, den Vorstand, den Aufsichtsrat, das Management, das Trainerteam und den Profikader neu aufzustellen. Also einfach mal alles neu… Dies alles seien „Herkules-Aufgaben, denen sich Marcell Jansen mit der ihm eigenen Begeisterungsfähigkeit stellen sollte!“, so der Investor.

Statements, die Hoffmann nicht freuen werden. Der Vorstandsboss hatte zuletzt die Entlassungen von Trainer Hannes Wolf und Sportvorstand Ralf Becker mitveranlasst und damit auf die sportliche Misere der abgelaufenen Saison reagiert. Mit der Einstellung des Champions-League-erfahrenen Jonas Boldt als neuen Sportvorstand hoffte Hoffmann, ausreichend Aufbruchstimmung zu erzeugen, um in Ruhe weiterarbeiten zu können - jetzt gerät er selbst in die Schusslinie. Und das alles in einer Phase, in der die wesentlichen Entscheidungen für die Neuausrichtung des HSV getroffen werden müssen.

Dieser HSV hat es einfach nicht drauf. Man lässt Dinge erst passieren, um sie dann zu kritisieren und zu sagen, man hätte es ja immer schon gesagt. Hier in Hamburg gibt es einfach noch immer zu viele Parteien, die nicht in der Lage sind, ihr eigenes Ego dem Wohl des HSV unterzuordnen. Oder wie sonst ist es zu erklären, dass die Kritiker Hoffmanns heute aufstehen und laut werden - zufällig zeitgleich?

Meine These: Es wird so weitergehen. Es wird vielleicht sogar noch lauter und noch deutlicher. Nur gewinnen wird damit kurzfristig keiner etwas. Am wenigsten der HSV, der seit Stuttgarts Abstieg nicht mehr als Topfavorit auf den Aufstieg gilt - und wenn es so weitergeht seit heute vielleicht nicht einmal mehr zum direkten Kandidatenkreis.

Aber das nur nebenbei. Ich melde mich morgen früh wieder mit dem MorningCall um 7.30 Uhr bei Euch.

Bis dahin,

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.