Marcus Scholz

28. Februar 2019

Nach 114 Tagen ist der HSV das erste Mal nicht auf Platz eins der Zweitligatabelle. Läuft es wie erwartet, ist man nach dem morgigen Spieltag  - zumindest bis zum eigenen Spiel am Montag gegen Greuther Fürth - sogar nur noch Dritter.  Und die Tabellenspitze würde auch insgesamt so zusammenrücken können, dass der HSV schnell bis auf Platz fünf oder sechs durchgereicht wird, sollte man gegen Fürth und anschließend gegen den FC St. Pauli seine eigenen Hausaufgaben nicht erfolgreich erledigen. Eine Drucksituation, die der HSV als „Muss-Aufsteiger“ im Grunde von Saisonbeginn an hatte. Allerdings war man bis zuletzt sehr lange immer auch mit einem kleinen Polster ausgestattet, das einen Ausrutscher erlaubte.

Nach sieben Punkten aus fünf Spielen ist dieses Polster aufgebraucht und der HSV ist wieder in die Rolle des Jägers geschlüpft. Und man muss leider festhalten, dass Trainer Hannes Wolf mit seinen ständigen Warnungen absolut richtig lag.

Ernüchternd realistisch hatte der HSV-Coach versucht, allen die übertriebene Euphorie zu nehmen und sie in vernünftige Bahnen zu lenken.  Weil er das Geschäft Zweite Liga nur zu gut kennt. Mit Stuttgart stieg er 2016/2017 auf - allerdings auch erst nach einem ganz engen Rennen und vielen Durststrecken, die man der vermeintlichen Übermannschaft, dem VfB Stuttgart, damals nicht zugetraut hatte. „Der Grat ist immer schmal“, so Wolf, „es geht in jedem Spiel immer nur um Nuancen. Wenn Du nicht komplett an die 100 Prozent rankommst, verlierst Du. Das geht schnell.“ Wie schnell es gehen kann, haben die Spiele zuletzt gezeigt.

Dass jetzt einige schockiert sind und plötzlich umschwenken von „der Aufstieg ist ein sicheres Ding“ hin zu „das schaffen sie eh nicht“ - es liegt wahrscheinlich in der Natur des „kritischen“ HSV-Anhängers. Zumindest bei einigen. Wobei mich eine Sache ganz besonders stört: Denn viele versehen die neue, etwas schlechtere Ausgangslage mit dem Wunsch, gar nicht erst aufzusteigen, weil der HSV so ja eh keine Chance in der Ersten Liga hätte. Dass das so ist, sehe ich auch so. Der Kader ist dafür zu schwach. Aber Fakt ist doch: Der Kader reicht, um in der Zweiten Liga nach 23 Spieltagen auf Rang zwei zu stehen. Also ist er funktional gut. Und Fakt ist auch, dass sich der HSV im Sommer eh personell verändern muss. Weil Verträge auslaufen. Und vor allem wird er sich verändern müssen, weil man sich verstärken will. Wobei: Im Falle des Aufstieges muss es sogar „sie werden sich verstärken müssen“ heißen. Und das wissen alle. Vom Aufsichtsrat bis hin zum Trainer und dem Sportvorstand.  Deshalb wird auch jetzt schon daran gearbeitet.

Deswegen hat der HSV mit Michael Mutzel auch jüngst noch einen Sportdirektor verpflichtet. Eine Sportdirektor, der im Organigramm unterhalb des Sportvorstandes angesiedelt ist - aber auf Augenhöhe mit ihm den Kader gestalten soll. Damit wurde im Grunde nichts anderes gemacht, als weitere Expertise einzukaufen. In diesem Fall soll Mutzel die Toptalent-Märkte England, Frankreich und die Niederlande besonders gut kennen und dem HSV hier entscheidende Vorteile verschaffen können. Dass ein Sportdirektor gut verdient - logisch.  Zumal, wenn man ihn von Hopp-Klub Hoffenheim nach Hamburg lotsen musste. Andererseits ist diese Investition zumindest ein erster Schritt in die richtige Richtung. In eine unumgängliche.

Nichts wird für den HSV in den nächsten Jahren wichtiger sein, als sich auf dem Markt der Toptalente besser und schneller als die Konkurrenz zu behaupten. Denn der HSV wird finanziell auch nach einer im Raum stehenden Einigung mit Kühne auf den Verkauf der Namensrechte sowie einer Einigung bezüglich der Rückzahlungsmodalitäten für die Darlehen Kühnes noch keine großen Sprünge machen können und weiter auf minimalen Kostenaufwand setzen (müssen). Leihgeschäfte wie in diesem Jahr könnten in den nächsten Jahren zur Regelmäßigkeit werden.

Apropos: Heute war bei den Kollegen der Mopo zu lesen, dass der HSV überlegt, wie man Hee-chan Hwang länger halten kann. Der HSV präferiert offenbar eine erneute Leihe - allerdings soll auch ein Kauf im Raum stehen. Alles natürlich nur für den Fall, dass der HSV am Ende den Aufstieg in die Erste Liga schafft. Zwischen fünf und sechs Millionen Euro sollen die Roten Bullen aus Salzburg angeblich aufrufen wollen - und der HSV würde diesen Betrag über einen längeren Zeitraum strecken können. Und ich frage mich: Wenn das bei Hwang gehen soll, wieso versucht man dann nicht zuerst einmal, Orel Mangala zu bekommen? Ich würde tatsächlich jeden Cent für ihn aufsparen, bevor ich die knappen Finanzressourcen in irgendeinen anderen Spieler aus dem aktuellen Kader stecken würde.

Insgesamt aber muss man beim HSV intern wie auch auf der Seite der Fans inzwischen einsehen, dass Spielerverpflichtungen auf Profiebene und Spielerausbildungen sowie Verpflichtungen im Nachwuchsbereich alles riskante Investments sind, die darauf abzielen, mit den Spielern zum einen das minimale sportliche Ziel (aktuell Aufstieg, dann Klassenerhalt) zu erreichen und sie dann gewinnbringend zu verkaufen. Also: Günstig einkaufen -> teurer verkaufen -> und alles wieder von vorn. Die jeweilige Differenz (Gewinn) wird gespart und zur Schuldentilgung genommen. Darin ist man sich intern nach Jahren des Präsens (mit Kühne-Leih-Millionen) einig.

Uneinig ist man sich noch, wie es bei der Besetzung des neuen Aufsichtsrates aussehen soll. Das ist bekannt. Und mein Kollege Kai Schiller hat es sich heute im Abendblatt noch einmal zum Thema gemacht. Unter dem Arbeitstitel „Die große HSV-Politik“ beschreibt Kai den aktuellen Stand und zitiert dabei Ex-Vizepräsident und Präsidentschaftskandidat Dr. Ralph Hartmann, der den Umstand kritisiert, dass aktuell versucht wird, neben dem Präsidenten des e.V. auch noch einen zweiten e.V.-Vertreter ins Kontrollgremium zu hieven. Hintergrund: e.V-Vizepräsident Thomas Schulz, der bis zuletzt den gen Vorstandsvorsitz abgewanderten Bernd Hoffmann vertreten hatte, will im Gremium bleiben. Und er hat dafür intern Befürworter. Die Satzung indes, so sagt das dann auch Hartmann, sieht etwas anderes vor. Zudem möchte Kühne mit Markus Frömming einen eigenen Kandidaten als sechsten und letzten Mann im Aufsichtsrat etablieren.

Langer Geschichte kurzer Sinn: Der Vorstand wäre glücklich, Schulz im Aufsichtsrat zu wissen UND möchte über Frömming bei Kühne die Zustimmung einholen, die gewährten Darlehen zu einem kleinen Millionenbetrag abzukaufen. Die Rede war zuletzt von fünf Millionen als Kaufpreis für verschiedene Darlehen in Höhe von mehr als 60 Millionen Euro. Eine Art Zwickmühle, da man sich bei sechs Aufsichtsräte für einen der beiden Kandidaten entscheiden müsse. Andererseits auch ein kleines Ass im Ärmel bei den Verhandlungen mit Kühne, dem man dessen Wunsch gegen den Darlehensverzicht schmackhaft zu machen versucht.

Aber der HSV wäre nicht der HSV, wenn es nicht auch die Gier nach allem auf einmal gäbe: Und deshalb versuchen die Verantwortlichen - genannt werden hier Hoffmann und Köttgen - derzeit, zuerst die Darlehensrückzahlung zu regeln, um dann bestenfalls beide Kandidaten im Kontrollrat unterzubringen. Bedingung hierfür: Ein aktueller Rat müsste weichen. Und wenn meine Informationen stimmen, soll dies Michael Krall sein, der schon vor der Wahl Jansens angeblich ein Ungleichgewicht (Jansen, Köttgen und Schulz gelten als vorstandsnah, Peters und Goedhart als unentschieden, während Krall dem Vernehmen nach der kritischste Kontrolleur sei) zugunsten des Vorstandes im Aufsichtsrat ausgemacht und kritisiert haben soll. Sollte Krall ausscheiden und Frömming reinrücken, wäre aus Vorstandssicht wieder schlimmstenfalls ein 3:3-Verhältnis vorhanden - und in dem Fall entscheidet die doppelte Stimme des ersten Vorsitzenden (derzeit Köttgen). Aber: Krall selbst scheint derzeit nicht bereit zu sein, seinen Posten zu räumen. Ende offen.

Geklärt ist derweil, dass Pierre Michel Lasogga am Montag spielen kann, sofern nicht noch etwas Neues passiert. Der Angreifer hat seine Erkältung sowie ausgestanden, dass er heute mit den Rekonvaleszenten auf den Platz konnte. Morgen soll er ebenso im Mannschaftstraining dabei sein können wie Gideon Jung. Aaron Hunts Rückkehr steht schon fest. Offen ist hierbei nur, für wen Hunt ins Team rückt. Aber dafür werden wir morgen vielleicht neue Indizien geliefert bekommen, wenn es um 11 Uhr wieder auf den Platz geht. Trainiert wird dann am Volksparkstadion öffentlich.

Ich melde mich morgen wieder früh um 7.30 Uhr an dieser Stelle mit dem MorningCall (zum Reinhören klickt hier), um Euch schon zum Frühstück oder auf dem Weg zur Arbeit einen kompletten Überblick über alles das zu verschaffen, was über den HSV berichtet wird. Am Abend gibt es dann wie gewohnt hier wieder den Tagesblog. Und mich würde es nicht stören, wenn das dann wieder mit ausschließlich sportlichen Themen sein würde…

In diesem Sinne, bis dahin!

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.