Marcus Scholz

23. März 2020

Dass in diesen Tagen Zusammenhalt besonders wichtig ist, muss ich nicht erwähnen. Das Erleben wir alle täglich und hautnah - wo auch immer auf der Welt wir uns gerade bewegen. und auch auf den HSV bezogen gilt diese Devise heute mehr denn je. Nur gelebt wird sie derzeit nicht. Stattdessen steht der HSV inmitten der weiterhin unberechenbaren Corona-Krise intern vor der nächsten Zerreißprobe. Noch diese Woche wollen die Aufsichtsräte alle drei Vorstände einzeln sprechen, um sich ein Bild über den Umfang des Schadens zu machen, der den Vorständen aktuell die konstruktive Zusammenarbeit erschwert - um nicht zu sagen, verhindert. Chefkontrolleur Max Arnold Köttgen, sein Stellvertreter Andreas Peters und e.V.-Präsident Marcell Jansen werden sich demnach jeweils einzel mit Vorstandsboss Bernd Hoffmann, Finanzvorstand Frank Wettstein und Sportvorstand Jonas Boldt hinsetzen. Anschließend soll entschieden werden, ob personelle Veränderungen erforderlich sind oder nicht.

Wobei diese Frage fast schon rhetorisch ist, da am vergangenem Donnerstag auf der Aufsichtsratssitzung die zuvor bereits gebildeten Fronten nur das erste Mal so richtig zu Tage getreten und offiziell artikuliert worden sind. Vor allem Frank Wettstein soll in der Aufsichtsratssitzung deutlich gesagt haben, wie sich die Zusammenarbeit mit Hoffmann die Monate zuvor zunehmend schwierig dargestellt hätte. Dabei war immer wieder die Rede von Einzelgängen, Kompetenzübergriffen und Misstrauen. Und während Hoffmann sich verwundert geäußert haben und die Umstände anders beurteilt haben soll, hielt sich Jonas Boldt soweit noch zurück. Er bot den Kontrolleuren an, auf Fragen ehrlich zu antworten, nicht aber proaktiv vor versammelter Runde zu klagen. Und auf dieses Angebot scheinen die Kontrolleure diese Woche eingehen zu wollen.  Da wollen sich Köttgen, Peters und Jansen stellvertretend für das komplette Kontrollgremium anhören, ob dieser Vorstand in der Konstellation weiter vertrauensvoll und erfolgreich sein kann. Denn eines ist auch klar: Der HSV muss es sich auch erst einmal leisten können, aktuell gravierende Veränderungen vorzunehmen, ohne sich auf dem Weg durch die schwere Corona-Krise zu sehr zu schwächen.

HSV muss genau abwägen, was er sich leisten kann

Denn der HSV braucht mehr denn je absolute Fachkräfte, die im Team erfolgreich sind. Und Hoffmann ist in diesem Gremium derjenige, der sich in Sachen Vermarktung am besten auskennt. Ein Bereich, der in den nächsten Wochen und Monaten zweifellos zunehmend wichtig wird, da noch niemand weiß, inwieweit die bestehenden Sponsoren dem HSV auch nach der Krise noch treu bleiben können und wollen. Die Position an der Spitze der AG ist zudem wichtig für die Außendarstellung des HSV. Der Vorstandsvorsitzende galt und gilt immer auch als erster Repräsentant des Klubs. Und gerade in diesem Bereich werden Hoffmann Probleme unterstellt. So soll sich der HSV-Boss mit seiner Art bei zu vielen großen (vor allem regionalen) Unternehmen verbrannt haben. Andererseits gilt Hoffmann als Hardliner, was gerade in schwierigen Phasen sehr hilfreich sein kann. Auf der anderen Seite scheinen sich Hoffmanns Vorstandskollegen die auch intern rigorose Vorgehensweise Hoffmanns nicht mehr gefallen lassen zu wollen.

Zumal gerade in den letzten Wochen Finanzvorstand Frank Wettstein den HSV mit seinen Mitteln nicht nur nach außen gut hat aussehen lassen, sondern zuletzt auch die Lizenzen trotz teilweise dreistelligen Millionenfehlbetrages sicherte. Aktuell wird Wettstein intern für die Vorkehrungen gelobt, die den HSV trotz Corona-Krise auch über den Sommer hinaus abgesichert haben soll. Wobei auch klar sei, dass sich der HSV sehr wohl über Kurzarbeit seiner Mitarbeiter Gedanken machen müsse, sollte die spielfreie Zeit wie erwartet über den April hinaus anhalten.  Dennoch besitzt der HSV nach übereinstimmenden Aussagen der Verantwortlichen und einiger Räte aktuell die notwendige Liquidität, die vielen anderen Profiklubs derzeit noch fehlt, um die spielfreien Monate bis Saisonende zu überstehen.

 

Im sportlichen Bereich steckt das vielleicht größte Problem - da hier die vielleicht positivste Entwicklung zu erkennen ist. Nicht zwingend im dritten Tabellenplatz. Aber noch ist der HSV in Schlagdistanz zum direkten Aufstiegsplatz. Und der HSV hat nach vielen Jahren, da sind sich die drei Vorstände ebenso wie die Aufsichtsräte einig, endlich wieder ein Kompetenzteam aus Sportvorstand und Mannschaft gefunden, das krisenfest und souverän ist. Ich hatte es heute im MorningCall schon erwähnt, dass sich Trainer Dieter Hecking bislang ganz bewusst aus allen Themen rund um den Vorstand heraushält - und das bleibt dem Vernehmen nach auch so. Dennoch wissen alle, dass sowohl Boldt und Co. mit Hecking als auch das Trainerteam mit Boldt und Co. unbedingt weiter zusammenarbeiten wollen. Man schätzt sich nicht nur, sondern man vertraut sich inzwischen. Auch dieser Umstand wird bei den Kontrolleuren eine Rolle spielen, wenn sie nach den Einzelgesprächen im Aufsichtsrat entscheiden müssen, ob und wen sie im Vorstand ersetzen wollen.

Und damit dürfte allen hier klar werden, weshalb mich diese alte/neue Diskussion um Vertrauensbruch und Kompetenzübergriffe im Vorstand so unfassbar ankotzt. Denn am Ende wird es keinen Gewinner geben - dafür aber Verlierer. Mehrere. Vor allem der HSV selbst wird verlieren. Und wenn es nur kostbare Zeit ist in einer der schwersten Phasen der Vereinsgeschichte. Schon deshalb muss der Aufsichtsrat schnellstmöglich eine klare Entscheidung treffen, um hier wieder geordnete Verhältnisse herzustellen. Mit einem geschlossenen und vor allem entschlossenen Auftritt der Kontrolleure, deren Gremium seine Kontrollfähigkeit in allen anderen Fällen selbst in Frage stellen würde.

Worauf kommt es jetzt vor allem an?

Ziel muss es sein, den wirtschaftlichen Bereich stabil durch die Krise zu steuern. „Wir müssen den Laden jetzt stabil in den Sommer bringen“, hatte Köttgen immer wieder richtig gesagt und dabei die Arbeit von Finanzvorstand Frank Wettstein gelobt. Dazu gehört parallel ein Plan B, der sich mit dem Wegfallen bestehender Sponsorenverträge auseinandersetzt und alternative Geldquellen erschließt. Eine Aufgabe, die ein Teil der Kontrolleure bei Hoffmann weiterhin in guten Händen sähe.

Ebenso muss es das Ziel aller sein, den sportlichen Bereich weiterhin zu stabilisieren und ebenso auf ein Szenario mit Saisonfortsetzung vorzubereiten wie auf den Fall eines Abbruches. Letzteres ist deutlich schwieriger, da bei einem Abbruch nicht abzusehen wäre, ob der HSV dann trotzdem aufsteigt oder zwangsläufig in der Zweiten Liga bleibt. Dafür aber hat der HSV mit dem Tandem Hecking/Boldt eine Kombination an Bord, die dem HSV in den letzten Monaten nicht nur gutgetan hat, sondern sogar nach außen zum Aushängeschild gereichte, mit dem sich auch die Kontrolleure überzeugt schmückten. Und so gleichermaßen solidarisch sich Hecking in der aktuellen Vorstandsdiskussion auch allen drei Vorständen gegenüber präsentiert, so wäre der Abgang Boldts , der hier gerade eine komplett neue Scoutingabteilung installiert hat, dennoch eine Schwächung für den HSV-Trainer, da er sich bei einem neuen Sportvorstand erst wieder neu orientieren müsste.

Es geht nur noch um Schadensbegrenzung

Problem ist dabei „nur“: Alle drei zusammen, das wird es so nicht mehr geben können. Dafür fehlt die Vertrauensbasis. Das haben auch die optimistischsten HSVer inzwischen eingesehen. Und sollte der Aufsichtsrat hier nicht schnell eingreifen, wird intern ein Wahlkampf stattfinden, der den Schaden für den HSV von Minute zu Minute größer macht und den Fokus vom Wesentlichen so weit ablenkt, dass alle Ziele in Gefahr geraten und die Vorbereitung auf die neue Saison nachhaltig beeinträchtigt würde. Ergo: Je eher daran je eher davon. Der Aufsichtsrat muss mutig und klar sein. Und das schnell, damit der Schaden übersichtlich bleibt. Und versprochen: Dann - aber tatsächlich auch erst dann - hat dieses Thema auch in der Berichterstattung keine Relevanz mehr.

In diesem Sinne, bis morgen. Da findet kein Mannschaftstraining statt, dafür werde ich Euch wie immer morgen früh um 7.30 Uhr mit dem MorningCall über alles das informieren, was bei den Kollegen in den Tageszeitungen und Magazinen über den HSV berichtet wird.

Bis dahin! Und vor allem: Bleibt gesund!

Scholle

FAQs

 

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.