Marcus Scholz

20. Dezember 2019

Dieter Hecking ist nicht wirklich bekannt dafür, dass er im Abschlusstraining zu viel preisgibt. Dennoch boten die Abschlusseinheiten vor Sandhausen (mit Jung auf der Sechs) und heute vor der Partie beim SV Darmstadt 98 interessante Ansätze in den Spielformen. Letzte Woche war Fein draußen, Jung auf der Sechs - und so kam es in Sandhausen auch. Heute waren Jung und Fein auf der Sechs - eine Möglichkeit für morgen? Absolut. Zumal Hecking so die Zweikamphärte im zentralen Mittelfeld hinter dem weitgehend körperlos spielenden Sonny Kittel (rückt wohl als Ersatz für Hunt wieder in die Startelf) wieder stärken würde. Alles, was es sonst noch vor dem letzten HSV-Spiel dieses Jahres  zu wissen gibt, hier: 

 

Die Ausgangslage

SV Darmstadt 98: Manuel Riemann ist Torwart des VfL Bochum und hat damit nur wenig mit dem SV Darmstadt 98, dem kommenden Gegner des HSV, zu tun. Dennoch formulierte er einmal einen Satz, der die Tugenden der „Lillien“ exakt beschreibt: „Kämpfen, kratzen, beißen, spucken.“ Genau das zeigte der SV Darmstadt am vergangenen Montag beim 1:1-Unentschieden gegen den VfB Stuttgart. Die Mannschaft von Trainer Dimitrios Grammozis, der selbst mal für den HSV spielte, zeigte genau diese Tugenden gegen den VfB und eroberte damit die Herzen der eigenen Anhänger. Dieses Remis war jedoch nicht nur Balsam für die Seele der Fans, sondern auch Balsam für das Punktekonto. Nächste Chance auf einen Dreier: das Spiel gegen den HSV.

HSV: Trainer Dieter Hecking war und ist weiterhin betont ruhig. Nach außen. Intern hat er den Druck auf seine Spieler erhöht. „Jetzt kommst die Phase, in der wir aus unserer starken Position eine sehr starke  machen müssen“, so der Trainer vor dem letzten Spiel des Jahres am Sonnabend bei Darmstadt 98. Dafür ließ er unter der Woche zum einen Kopfbälle trainieren, zum anderen legte er vermehrt Wert auf Torabschlüsse und Zweikampfintensität bei den Abschlussspielen. Die Marschroute ist klar: Den Kampf annehmen und dann über die eigene spielerische Qualität zum Spiel und zum Sieg finden.

 

Das größte Problem

Darmstadt 98: Eigentlich wäre es den Darmstädtern lieb, sie könnten das Spiel gegen den HSV als Bonus-Partie ansehen. Frei nach dem Motto: „Wir können nicht verlieren, sondern nur gewinnen.“ Aufgrund der prekären tabellarischen Situation kann die Grammozis-Elf mit dieser Einstellung aber nicht in die anstehenden 90 Minuten gehen. Mit 20 Zählern nach 17 Spieltagen befinden sich die Darmstädter im tiefen Abstiegskampf. Darüber kann auch nicht Tabellenplatz zwölf hinwegtäuschen. Denn: Bis zum Relegationsplatz 16 sind es lediglich zwei Zähler Vorsprung. Wenn die Lillien also nicht mit tiefen Sorgenfalten in die Winterpause gehen wollen, dann sollten sie gegen den HSV Zählbares mitnehmen.

Auch die Heimbilanz macht den Darmstädtern zu schaffen. Aus acht Spielen verbuchte der SVD lediglich elf Punkte - zu wenig für die eigenen Ansprüche und die der eigenen Anhänger. Die vergangenen vier Partien am Böllenfalltor konnten allesamt nicht gewonnen werden. Übrigens: Darmstadt hat außerdem noch keines seiner sechs Heimspiele gegen die Rothosen gewinnen können (2 Remis, 4 Niederlagen).

 

HSV: Spielerische Überlegenheit kann derzeit nicht in Ergebnisse umgesetzt werden. Insbesondere auswärts, wo man seit sieben Spielen in Folge ohne Sieg ist, tut sich der HSV weiter schwer. Gegen Darmstadt muss zudem wieder etwas umgebaut werden, da Kapitän Aaron Hunt verletzt fehlt. Für ihn könnte, so sah es heute im Abschlusstraining aus, Sonny Kittel das Zentrum übernehmen, während Harnik wieder auf Rechtsaußen und Hinterseer ins Sturmzentrum rückt. Im Defensivbereich setzt Hecking weiter auf das Duo des Sandhausen-Spiels, Letschert/Ewerton, das noch nicht gänzlich eingespielt ist, aber zumindest im Luftkampf das Maximum an Qualität mitbringt, das das kopfballanfälligste Team der Liga zur Verfügung hat - womit wir beim Hauptproblem sind. Denn gegen den aktuellen HSV reichte zuletzt eine starke Defensive und ein paar Standards, um zu punkten. Ewerton sollte diesen Zustand abändern - war aber beim Treffer zum 0:1 gegen Sandhausen der entscheidende Schwachpunkt.

 

Der Lichtblick

Darmstadt 98: Der aktuelle Trend und das Erfolgserlebnis gegen den VfB Stuttgart. In den vergangenen fünf Partien schafften die Hessen zwar nur einen Sieg (2:1 gegen Hannover 96), dafür verloren sie aber auch nur eine Partie (1:3 gegen Spitzenreiter Arminia Bielefeld). Die Grammozis-Elf hat sich - nach schwachem Saisonstart - definitiv stabilisiert und zu ihrer Spielweise gefunden: giftig, aggressiv, pragmatisch - und vorne hilft Top-Stürmer Dursun (5 Saisontore). Dazu kommt das Unentschieden gegen Top-Aufstiegsfavorit Stuttgart, das für die Partie gegen den zweiten Favoriten HSV Selbstvertrauen und eine gewisse Selbstbestätigung gegeben hat.

HSV: In drei Spielen hat der HSV 60 Torabschlüsse hinbekommen - soweit der Lichtblick. Dass daraus nur zwei Treffer resultierten, darf man als Kritik sehen. Andererseits hat der HSV weiterhin in jedem Spiel ausreichend Torchancen, um die Partien für sich zu entscheiden. Mit 34 Treffern stellt der HSV nach Bielefeld die torhungrigste Mannschaft. Sollten Harnik oder Hinterseer irgendwann wieder voll im Tritt sein, kann das schnell das aktuelle Szenario verkehren. „Zwischen gefühlten Niederlagen und souveränen Siegen ist bei uns uns oft nur ein ganz schmaler Grat“, sagte Harnik zuletzt hier bei uns im Blog. Und er meinte damit, dass es dem HSV gerade nicht gelingt, die gegnerische Abwehr mit einem Tor aus der massierten Defensive zu locken. Statt in Führung zu gehen lag man zuletzt oft zurück. „Wir haben die Spiele zuletzt vorn abgegeben. Wir müssen einfach mal wieder in Führung gehen“, so Harnik, „das käme unserem Spiel sehr entgegen.“  

 

Das spannendste Duell

Darmstadt 98: Was kann die zweitschwächste Offensive gegen die zweitstärkste Angriffsreihe ausrichten? Der SV Darmstadt hat bislang lediglich 18 Treffer erzielt, der HSV dagegen schon 34. Am kommenden Samstag treffen diese zwei Gegenseiten aufeinander und stellen damit das spannendste Duell dar. Bei den Darmstädtern wird sich das Offensivspiel auf Zielspieler Dursun ausrichten, der mit hohen und langen Bällen gefüttert werden soll. Das war schon gegen Stuttgart das Mittel, welches zum Teilerfolg und dem zwischenzeitlichen 1:0 führte.

HSV: Kann sich Feingeist Sonny Kittel gegen die sehr robusten, hart spielenden Darmstädter durchsetzen?  Schaffen es Letschert und Ewerton diesmal, die Lufthoheit im eigenen Sechzehner zu bewahren? Trifft Hinterseer wieder? Kann Jatta endlich wieder den ersten Kontakt so gestalten, dass ihm der Ball nicht zu weit vom Fuß springt und so wieder Torchancen kreieren? Auf HSV-Seite gibt es tatsächlich sehr viele interessante Duelle - wobei der HSV diese vor allem mit sich selbst, mit dem eigenen Kopf ausmachen muss, um den Auswärtsfluch endlich abzulegen.

 

 

Taktik

Darmstadt 98: Schuhen - Herrmann, Dumic, Höhn, Holland - Berko, Stark - Skarke, Kempe, Mehlem - Dursun

HSV: Heuer Fernandes - Narey, Letschert, Ewerton, Leibold - Fein, Jung - Harnik, Kittel, Jatta - Hinterseer.

 

Ausblick

Eine Pleite gegen den HSV wäre zwar im Bereich des Erwartbaren, doch aufgrund der akuten Auswärtsschwäche der Hanseaten und der prekären Situation kann sich der SV Darmstadt diese Niederlage eigentlich nicht erlauben. Ein Zähler würde ausreichen, um definitiv außerhalb der Gefahrenzone zu überwintern.

Der HSV muss gewinnen, wenn er sicher auf einem direkten Aufstiegsplatz überwintern will. Mit vier Punkten vor dem HSV tritt Bielefeld beim FC St. Pauli an, während die punktgleichen Stuttgarter  bei Hannover 96 parallel antreten müssen. Hecking selbst hatte zuletzt  betont, dass alles bisherige Vorgeplänkel gewesen sei im Gegensatz zu dem, was jetzt kommt. Auch wenn nach Darmstadt Winterpause ist und der HSV hier personell noch mal nachbessern kann und will, können die Spieler um den verletzten Kapitän Aaron Hunt nur dann mit einem guten Gefühl in die Winterpause gehen, wenn sie ihre Tabellenposition mit einem Sieg verteidigen.

 

In diesem Sinne, bis  morgen. Da melden wir uns wie immer mit der Auswärtscouch während des Spiels sowie mit dem Blitzfazit nach dem Ende der Auswärts-Sieglosigkeit (dreimal auf Holz geklopft!!) bei Euch! Bis dahin Euch allen noch einen schönen Rest-Freitag und eine gute Nacht!

Scholle

FAQs

 

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.