Marcus Scholz

3. Oktober 2019

„Der Einsatz steht auf der Kippe, die Chance ist aber noch da, dass er spielen kann. Wir werden die zwei Tage bis zum Spiel jetzt nutzen. Es ist nur eine leichte Zerrung, das kann auch mal schnell gehen. Die Chance ist 50:50. Klar ist, wenn er am Freitag nicht mit der Mannschaft trainiert, wird er auch nicht spielen.“ Die Rede ist von Gideon Jung, der sich am vergangenen Wochenende in  Regensburg am Oberschenkel verletzt hatte und in den letzten Tagen nicht mit der Mannschaft trainieren konnte. Und diese Aussage von Trainer Dieter Hecking, die er zuerst verweigert hatte, aber auf zweite Nachfrage dann beantwortete, überraschte. denn bis zu diesem Zeitpunkt waren alle davon ausgegangen, dass Jung sicher ausfallen würde. So war es auch von HSV-Seiten kommuniziert worden. Aber: Es wäre ein schöner Irrtum, da es im Gegenzug bedeuten würde, dass Jung wieder gesund ist.

Entscheiden wird sich Jungs Einsatz also morgen. Sollte er am Freitag das Abschlusstraining voll mitmachen können, wäre er eine Option. Ebenso wie Daniel Heuer Fernandes, bei dem Hecking heute sogar noch ein Stück weit optimistischer wirkte. Es würde gut aussehen, sagte der Trainer heute bei der Pressekonferenz. „Am Donnerstag wird Daniel noch mal individuell trainieren. Aber so wie ich das höre, wird es klappen, dass er spielen kann. Wenn er am Freitag mit dem Team trainieren kann, wird er auch spielen. Im Moment spricht nichts dagegen.“ Mit anderen Worten: Die beiden größten Personalfragen der letzten Tage sind eigentlich gar keine großen Fragen. So versuchte es Hecking heute bei der Pressekonferenz rüberzubringen. In der ihm eigenen Art. Und diese Art kommt an.

Dieter Hecking ist einfach klar und deutlich in seinen Ansagen. Deshalb loben ihn auch Spieler wie Fans, während die Experten Hecking Erfahrungsschatz als großes Faustpfand für den HSV auf dem Weg zurück in die Erste Liga sehen - und loben. Kurzum: Der HSV-Trainer kommt gut an. Auch mit seinen etwas schnippischen Antworten bei Pressekonferenzen, die von Fans besonders gern gefeiert werden. "Super .... hast den doofi vom Abendblatt mal so richtig schön auflaufen lassen..." und „Großartig Dieter Hecking. Für jede dämliche Frage die passende Antwort. Endlich weht ein anderer Wind in Hamburg“ wird unter dem YouTube-Video der PK geschrieben.

 

Und zugegeben, manchmal sind die Fragen auch so einfältig, dass man so reagieren kann. Jeder Journalist wird das schon mal erlebt haben. Und dann muss man es auch mal ertragen, wenn der Befragte einen so auflaufen lässt. Aber manchmal wird aus dieser Art auch ein Selbstzweck. So, wie heute. Denn dass nach den beiden Verletzten Gideon Jung und Daniel Heuer Fernandes bzw. nach deren potenziellen Ersatzkandidaten gefragt würde war so klar wie heute Abend die Sonne untergeht. Dafür hatte der HSV mit unklaren Auskünften unter der Woche selbst gesorgt. Heuer Fernandes zur Untersuchung im Krankenhaus und dann nicht beim Training. Dazu die Ansage, dass man noch abwarten müsse, wie sich alles entwickle. Ich kann die Nachfragen meines Kollegen Kai Schiller da zumindest sehr gut verstehen. Nein: Sie waren sogar Pflicht.

Aber okay, von Nebensächlichkeiten sollte man sich nicht ablenken lassen - also tun wir das auch nicht. Entscheidend ist, ob die beiden am Ende spielen können oder nicht. Und da es bislang hieß, dass es schwierig würde, freuen wir uns lieber darüber, dass die beiden oben genannten Spieler eventuell doch spielen können. Und ich persönlich freue mich sehr darüber, dass Dieter Hecking Kyriakos Papadopoulos doch noch lange nicht so abgeschrieben hat, wie es auf mich den Anschein gemacht hatte. Wie bei Jung und Heuer Fernandes hatte (nicht nur) ich mich hier offenbar in Hecking geirrt. Denn heute betonte er noch einmal, dass der Grieche sehr wohl eine echte Alternative für die Startelf darstellen würde, nachdem er wieder mit der Mannschaft trainiert hat. Oder genauer formuliert: Weil er gut trainiert hat.

Hecking macht Kyriakos Papadopoulos Hoffnung 

Und genau darin liegt der Grund meiner Freude, denn diese Art von Hecking, sportlich seine Entscheidungen zu fällen und nicht strategisch, finde ich sehr gut.  Das gab es hier auch schon anders. Ehrlich gesagt ist diese Art sogar die einzige, die ich als Spieler akzeptieren könnte. Denn sie ist zu 100 Prozent auf Leistung ausgelegt. Immer. Beispiele dafür gibt es genug. Und eines dafür, das nächste, ist eben Papadopoulos, der im Training einfach souverän wirkt. Er trainierte wirklich gut. Ob er jetzt am Ende auch wirklich besser geeignet ist als Timo Letschert oder Jonas David, die ihrerseits gut trainieren, ist damit nicht entschieden. Diese Entscheidung hängt schlichtweg an mehreren Faktoren. Zum Beispiel: Welcher Gegenspieler kommt beim nächsten Gegner auf den HSV zu? Und: Wer von den Kandidaten bringt dafür das beste Gesamtpaket mit? Hecking erklärend: „Wir machen es auch ein Stück weit vom Gegner abhängig, welchen Spielertypen wir gebrauchen können für dieses Spiel.“ Auf das Wochenende gegen Fürth bezogen dürfte die Wahl also nicht zwingend auf David als Ersatz für Jung - wenn er denn ausfällt - fallen. Vielmehr wäre es ein Zweikampf zwischen dem aufstrebenden U20-Nationalspieler und dem Routinier Papadopoulos. Oder Jung ist gesund. Für einen Trainer gibts sicher schwierigere Momente.

Zum Beispiel die Frage, ob, wann und wie man junge Talente bestmöglich einbaut. Auch danach wurde der HSV-Trainer heute gefragt. Und darauf antwortete Hecking pragmatisch, einfach - und nachvollziehbar. Es ginge nicht darum, junge Leute per se einzubauen, sondern darum, ihre Leistung zu belohnen und sie dann einzubauen, wenn sie der Mannschaft sportlich helfen können. Wie bei Josha Vagnoman, den er als Beispiel nannte. Denn der gerade erstmals für die U21-Nationalmannschaft nominierte Youngster wurde nach einer durchwachsenen Vorbereitung vom Trainer weiter bei den Profis behalten. Obwohl er wirklich nicht gut trainierte, wie Hecking heute betonte, hielt er an ihm fest.

Hecking setzt auf Langfristigkeit - beim Aufbau junger Spieler

Ein Vertrauensbeweis, der sich auszahlen sollte. Denn gegen den FC St. Pauli kam Vagnoman durch die Verletzung Jan Gyamerah unverhofft zu seiner Chance. Es war eine Muss-Entscheidung, da sich ansonsten für diese Position nur noch Jeremy Dudziak angeboten hätte - der aber wird auf der Acht gebraucht. Daher Vagnoman. Und obgleich das Derby kein Glanzstück Vagnoman wurde, spielte er gegen Aue und zuletzt in Regensburg wieder von Beginn an. „Man muss den jungen Spielern auch das Vertrauen schenken, wenn es mal nicht so rund läuft. Die Voraussetzungen für einen möglichen Einsatz sind, dass wir von ihnen voll überzeugt sind.“

So auch von David. Sollte der Verteidiger am Sonnabend gegen Fürth beginnen, wäre das nicht, weil er jung ist - sondern weil er gut ist: „Junge Leute perspektivisch ist immer toll“, sagt Hecking, „aber die Qualität muss da sein und die Leistung muss da sein. Ansonsten macht es mit jungen Leuten auch keinen Sinn. Wir können sie nicht fordern und dann gleich nach dem ersteh Spiel so die Kritik ansetzen. Wenn wir Jonas am Wochenende spielen lassen, dann sind wir überzeugt davon, dass er gut spielen wird. Und dafür hat er in den letzten Wochen Eigenwerbung betrieben.“ Zeitgleich machte Hecking, der ganz bewusst den Konkurrenzkampf anfeuert, im selben Atemzug auch deutlich, dass er immer nur diejenigen spielen lässt, die helfen. „Wir haben die Alternativen. Jonas hat es die letzten Wochen gut gemacht, hat sich stetig weiterentwickelt. Er ist eine von drei möglichen Alternativen“, sagte Hecking, der damit deutlich machte, dass sich niemand zu sicher sein darf, erste Wahl zu sein.

 

Obwohl, nein! Das muss ich anders formulieren: Der Trainer machte deutlich, dass jeder die Chancen hat, sich über Leistung ins erste Team zu spielen. Und auch diese Art ist etwas, was zu einer guten Moderation nach innen zählt. Denn eines darf man nie unterschätzen: Hecking muss möglichst alle Spieler bei Laune halten. Die erste Elf macht es dem Trainer dabei naturgemäß leicht. Diese Spieler sind in der Regel zufrieden. Aber den Ersatz parallel dazu immer dabei zu behalten - das ist die Kunst, die den normalen Trainer vom guten Trainern unterscheidet. Und Hecking scheint sie zu beherrschen.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird sich um 13 Uhr beim öffentlichen Training zumindest zeigen, ob Gideon Jung tatsächlich ausfällt oder ob er doch noch dabei sein kann. Ich melde mich allerdings schon vorher um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch und habe zum Abschluss noch etwas in eigener Sache.  Heute sind uns ein paar Eurer Kommentare abhanden gekommen. Unabsichtlich, wie sich versteht, denn wir arbeiten gerade parallel zum täglichen Betrieb an der Optimierung der Seite, wozu auch der Kommentarbereich zählt. Hierbei wurden ein Testlauf mit neuen Features gemacht und beim Erstellen des Backups sind knapp zehn Kommentare zum Blog vom Mittwoch verloren gegangen. Daher: Sollte Euer Kommentar dabei sein, bitte einfach noch mal posten!

Bis morgen!

Scholle

 

Unser Herzliches Beileid.
Zum Schluss noch eine sehr traurige Nachricht, die der HSV heute früh verkündete: Almuth Wehmeyer, die Frau von Klubmanager Bernd Wehmeyer, ist im Alter von 65 Jahren verstorben. „Almuth wurde aus der Blüte ihres Lebens gerissen", wird Wehmeyer selbst auf der Homepage des HSV zitiert. Wir von der Rautenperle sind traurig und wünschen Bernd Wehmeyer und seiner Familie viel Kraft.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.