Marcus Scholz

3. Februar 2018

Das passt mir so gar nicht. Werder Bremen dreht das Spiel auf Schalke noch und erzielt in der dritten Minute der Nachspielzeit den 2:1-Siegtreffer beim FC Schalke 04. Damit kann der HSV selbst im Falle eines Heimsieges gegen Hannover morgen Abend die Abstiegsplätze nicht verlassen. Schlimmer noch: Der HSV muss gewinnen, um nicht noch weiter abzufallen. 16 Punkte haben Hollerbach und Co. – der erste rettende Tabellenplatz wird inzwischen von Werder Bremen belegt, die 20 Punkte auf dem Konto haben. Übrigens genauso viele wie Mainz auf dem 16 Platz, dem also vor dem HSV. Bitter. Dabei sah es heute anfänglich ganz gut für den HSV aus.

Andererseits muss man auch einsehen, dass die hiesigen (Un-)Verantwortlichen nichts anderes verdient haben. Womit ich auch eine Frage beantworten kann, die hier immer wieder gestellt wird: KEINER Redaktion liegt die Email in physischer Form vor. Stattdessen wurden die Inhalte telefonisch übermittelt. So, wie es immer wieder vorkommt. Seit Jahren. Und allein das ist dilettantisch. Dass der Aufsichtsrat aber fragt, weshalb der HSV 200.000 Euro Ablösesumme an Würzburg zahlen muss, obwohl der dort entlassen wurde, ist legitim. Ebenso, dass schon seit Wochen im Aufsichtsrat über die Zukunft von Todt und Bruchhagen gesprochen wird, die hier beide aktuell zurecht in die Kritik geraten sind. Ergo: Beim Aufsichtsrat, selbst Email-Verfasser Felix Goedhart, machen eigentlich alle nur das, was sie sogar machen sollen. Alle, bis auf einen, der ab dem 6. Februar wohl nicht mehr dabei sein soll, wie mir gesagt wurde. Also eine Art Abschiedsgeschenk, das mir nur verdeutlicht, mit wie wenig Herzblut diese Person für den HSV gearbeitet hat. Denn klar war auch ihm: Diese Indiskretion wirft den HSV noch ein Stück weiter zurück, sie schadet. Gerade auch, weil es bewusst gemacht wurde von einem, der in seiner Position eigentlich auf den HSV „aufpassen“ soll. Zum Kotzen, oder?

Ja, sage ich. Aber ganz deutlich nicht, weil dort ein „Putschversuch“ gestartet wurde, sondern weil hier dem HSV geschadet werden sollte. Aus den eigenen Reihen. Ein normaler Vorgang wie der, sich in derart gefährlich erfolglosen Zeiten wie jetzt Gedanken über die Vereinsführung zu machen, sind nicht nur legitim, sondern oberste Bürgerpflicht für die Kontrolleure. Und der wird missbraucht. Auch in der Außendarstellung. Denn wie gesagt: Einen Putschversuch gab es von den Räten nicht. Allerdings sollten sich die aktuellen sechs Räte wenige Tage vor der Inthronisierung der neuen Räte auch nicht mehr dazu aufschwingen, weitreichende Entscheidungen zu fällen. Das haben sie in den letzten Monaten fahrlässig versäumt – und damit müssen sie nicht jetzt noch anfangen.

Stattdessen sollten sich die neuen sechs Räte sehr wohl Gedanken machen, inwieweit dieser Vorstand in der Konstellation weiterarbeiten kann. Denn Fakt ist, dass Finanzvorstand Frank Wettstein seinen Vorstandschef bei den Kontrolleuren angeschissen hat. Und wer auch nur einen Funken Restverstand hat, der wird aus der jüngsten HSV-Geschichte assoziieren können, dass Eitelkeiten auf der Führungsebene weit über dem Wohl des HSV angesiedelt sind. Immer wieder. Auch heute. Ergo: Im Sinne der Sache zusammenraufen werden sich Wettstein hier sowie Bruchhagen und Todt auf der anderen Seite ganz sicher nicht mehr. Egal wie oft sie auch lächelnd das Gegenteil in die Kameras heucheln. Von daher: Handeln ist angesagt. Schnell. Und mein Tipp wäre, es frei nach Kühnes Wunsch zu machen und wirklich radikal alle abzusetzen. Ein Neustart auf Führungsebene wäre eine Chance, hier die Weichen zu justieren und Aufbruchsstimmung zu erzeugen, die man mit dem Kader nicht herzustellen vermochte. Es wäre der erste Schritt in die richtige Richtung seit Monaten...

Apropos: Hoffen dürfen, nein müssen wir darauf auch sportlich morgen. Gegen Hannover 96 will Hollerbach bei seinem Heimdebüt als HSV-Trainer den ersten Dreier. Dafür nominierte er heute seinen 18-Mann-Kader, für den Gideon Jung wie erwartet verletzt (Hexenschuss) ausfällt. Zudem wurden im Vergleich zum Leipzig-Spiel Andre Hahn und Sven Schipplock aus dem Kader gestrichen und Ekdal, Holtby und Waldschmidt wieder nominiert. Ergo: Hollerbach setzt etwas mehr spielerische statt auf rein läuferische Qualität.

Offenbar plant der HSV-Coach im Heimspiel weniger zu reagieren und dafür mehr selbst zu bestimmen, was auf dem Platz passiert. Und sollte ich damit richtig liegen, ist es gar nicht mal unwahrscheinlich, dass Holtby nach seiner Nichtberücksichtigung letzte Woche dieses mal zum Einsatz kommen wird, was ich mir bei Arp sehr wünschen würde. Ich hoffe nämlich, dass Hollerbach Arp und Kostic vorn beginnen lässt und dem formschwachen US-Amerikaner Bobby Wood erklärt, dass er für schnelle Konter noch gebraucht werden könnte und diese bei Gelegenheit nicht immer abstoppen soll. Auch das wäre ein Fortschritt.

 

Meine favorisierte Startelf für morgen wäre: Mathenia – Sakai, Papadopoulos, van Drongelen – Diekmeier, Ekdal, Walace, Santos – Hunt – Arp, Kostic. Vielleicht kommt es ja so.

In diesem Sinne, bis morgen! Anbei noch mal der lesenswerte Gastbeitrag meiner Freunde aus Hannover, mit dem ich mich bis morgen von Euch verabschieden möchte!

Scholle

 

GASTBEITRAG von Dennis Draber (www.96freunde.de):

Letzte Hoffnung - Tritt beim HSV der Stendel-Effekt ein?

Gerne würde ich – als langjähriger 96-Fan – den HSV weiterhin in der ersten Liga sehen. Der Hamburger SV ist, Tabellenplatzierung hin oder her, immer noch „der große HSV“, mit seiner Tradition, seiner glanzvollen Vergangenheit, seiner großartigen Stadt. Dennoch schrillen bei mir zurzeit die Alarmglocken, wenn ich mir die aktuelle Situation des HSV anschaue. Es gibt einfach zu viele Parallelen zu der Saison 2015/16, in der Hannover 96 als Tabellenletzter den bitteren Gang in die Zweitklassigkeit antreten musste. Die größte Parallele ist dabei die misslungene Kaderzusammenstellung.

Ein Rückblick: Hannover 96 hatte vor der Saison mit Lars Stindl und Joselu seine besten Offensivleute abgegeben, doch es kam kein adäquater Ersatz. Obwohl bereits während der Hinrunde 2015/16 ersichtlich war, dass der Kader mit dem Klassenkampf heillos überfordert war, reagierte die sportliche Leitung nicht und marschierte sehenden Auges in die zweite Liga. Dabei war die Diagnose in der Hinrunde eigentlich leicht gestellt: Dieser Kader ist nicht erstligareif. Selten war es einfacher, in der Winterpause gegenzusteuern, denn die Diagnose war eindeutig! Doch die sportliche Leitung tat es schlichtweg nicht. Der überbewertete Sportgeschäftsführer Martin Bader verpflichtete in der Winterpause keinen einzigen Spieler, der Hannover direkt weiterhelfen konnte (sondern nur Typen wie einen Hugo Almeida, der übergewichtig war und ab der 60. Minute nach Luft japste).

Genau die gleiche Diagnose – mangelnde Erstligareife des Kaders – konnte man dem HSV bereits in der Hinrunde 2017 ausstellen. Trotzdem gab es in der Winterpause irritierenderweise keine Spielerverpflichtung in Hamburg. Nicht mal einen abgehalfterten Stürmer wie seinerseits Hugo Almeida gönnt Jens Todt seinem neuen Trainer. Nein, Bernd Hollerbach muss mit dem Kader auskommen, der in der Hinrunde alles andere als erstligareif wirkte.

Und trotzdem gibt es noch einen Hoffnungsschimmer. Als 96 am Ende der Abstiegssaison 2015/16 am Boden lag und der Gang in die zweite Liga längst besiegelt war, übernahm ein junger, unverbrauchter Trainer mit Stallgeruch das 96-Team. Sein Name war Daniel Stendel, langjähriger 96-Spieler, damals bekannt für Laufbereitschaft und Kampfgeist. Stendel kam als Trainer zu spät (Anfang April), doch plötzlich siegte der Underdog Hannover 96 wieder. Viele Fans mutmaßten damals, dass Hannover nicht hätte absteigen müssen, wenn Stendel doch nur früher das Traineramt übernommen hätte. Mich erinnert Bernd Hollerbach stark an Daniel Stendel. Ein echter Typ, kantig und kämpferisch, vertraut mit der Vereinsmentalität. Einer, den man auf den ersten Blick leicht unterschätzt, der taktisch zwar nur limitierte Fähigkeiten hat, der dieses Defizit aber mit Moral und Siegeswillen wieder wettmacht.

Vielleicht ist Bernd Hollerbach tatsächlich der Daniel Stendel des HSV. Falls ja, besteht noch Hoffnung für Hamburg, denn im Gegensatz zu Stendel hat Hollerbach noch genug Spiele vor sich, um das Ruder herumzureißen.

Freundschaftliche Grüße aus Hannover sendet euch Dennis (Gründer des Hannover 96-Blogs 96Freunde.de )