Marcus Scholz

23. Juni 2020

Clever war es. Von allen Beteiligten. Denn während Sportvorstand Jonas Boldt jegliche Personalentscheidungen seit Wochen schon unkommentiert ließ und Entscheidungen hier erst auf die Zeit nach Saisonende legte, nahm sich Dieter Hecking am Montag nach dem bitteren 1:2 in Heidenheim das Recht heraus, Fragen zu beantworten, die in den Medien aufgekommen waren. Sky hatte zuerst berichtet, dass der HSV mit bestimmten Kandidaten bereits in Gesprächen stünde. Trainerkandidaten wohlgemerkt, die für den Fall des Nichtaufstieges für seine Nachfolge interessant sein sollen. Er habe es immer gesagt und betone daher noch einmal, dass er sich einen Verbleib beim HSV auch in der Zweiten Liga vorstellen könne, sagte Hecking – und Boldt kündigte seinerseits eine Presserunde für den morgigen Mittwoch an. Offensive Verteidigung nenne ich das. Wobei ich mir sicher bin, dass die Hecking-Frage auch morgen weiter ungeklärt blieben wird.

Wobei ich das verstehe. Diesmal ist das sogar eher clever. Dieter Heckings Vertragssituation ist für den Fall des Aufstieges eh geregelt. Und sollte man sich jetzt auf diese Personaldiskussionen einlassen, würde das den letzten vermeintlich starken, souveränen Teil der Mannschaft auf den letzten Metern der Saison nur unnötig schwächen. Ergo: Erst einmal alles richtig gemacht. Fakt ist aber auch, dass diese Ruhe sehr schnell vorbei sein wird. Schon am Sonntag bzw. nach dem letzten Saisonspiel wird der HSV Tacheles reden müssen – und dementsprechend handeln. Nicht nur auf der Trainerposition.

Ich habe seit Sonntag gefühlt mit 1000 Menschen über den HSV sprechen müssen. Müssen, weil es einfach nervt, immer wieder die gleichen Themen anzusprechen. Mentalität, Mut, Defensivschwäche – und so weiter. Wobei ich bei letzterem bis jetzt nahezu sprachlos bin, wie sich erfahrene Spieler so oft so unklug anstellen. Und dabei spreche ich auch über die Spieler, die alle feiern. Tim Leibold beispielsweise. Der hatte am Sonntag in Heidenheim kurz vor Schluss ganz offensichtlich seine Kräfte aufgebraucht. Aber anstatt dementsprechend zuerst die Defensive abzusichern, stürzte er sich in der fünften Minute der Nachspielzeit in einen Angriff und stand soweit vor dem Ball, wie er es schlichtweg nicht stehen darf. Und ich bin mir sicher, dass er das von bislang noch jedem Trainer (Hecking eingeschlossen), den er seit der Jugend hatte, gesagt bekommen hat: Ausgeruht wird hinten. So aber fehlte er hinten. Sein Sprint in Richtung des Torschützen kam ebenso zu spät wie die Reaktion von Gideon Jung. Mit anderen Worten: Es wäre sogar der deutlich gemütlichere Part gewesen, mit dem der HSV dieses Tor hätte verhindern können. Wobei dieser Treffer auch an anderen Stellen hätte verhindert werden müssen.

HSV wird mit Wechseln nicht besser - eher schwächer

Viel gewagt – und viel verloren. So hatte es Tobias Escher zusammengefasst. Und das trifft es meiner Meinung nach nur in den Schlussminuten. Denn zuvor hatte der HSV wieder einmal viel zu wenig gewagt, sich viel zu wenig getraut. Das Offensivspiel hatte neben den Chancen immer wieder Situationen, aus denen sich richtig gute Chancen hätten entwickeln können. Aber in dieser Phase fehlte es an genau dem Offensivdrang, den die HSV-Profis kurioserweise in der 95. Minute an genau der falschen Stelle entwickelten. Oder anders gesagt: Trotz des bemühten Jeremy Dudziaks fehlte es dem HSV an Ideen, an Spielzügen, die den Ball in die gefährliche Zone bringen, wo mit Joel Pohjanpalo ein nachweislich brandgefährlicher Vollstrecker. Und als Dudziak in der 67. Minute ausgewechselt wurde – fehlte alles.

Weshalb der HSV mit Wechseln konstant schwächer wird – ich weiß es nicht. Zum einen kann es an dem Hecking nachgesagten Problem liegen, dass er zu unflexibel in seinen Spielsystemen ist. Hecking sei leicht ausrechenbar heißt es – und zumindest im Moment scheint das zu stimmen. Die HSV-Gegner können seit Ende der Hinrunde den HSV mit leichtesten Mitteln (Manndeckung Fein, tief stehen) vor größte Probleme stellen. Wobei man auch zugeben muss: Dieses Problem hatten vor Hecking in Hamburg tatsächlich auch Hannes Wolf, Christian Titz und Markus Gisdol. Ob das was mit Hamburg zu tun hat? Schwer vorstellbar. Zumindest kann ich das nicht.

 

Wobei ich auf Heidenheim bezogen sagen muss, dass ich es schwerlich erklären kann, da ein ausgeruhter, mental starker Spieler wie Kinsombi für Dzudziak (den ich nicht ausgewechselt hätte) kam. Von ihm darf man sehr wohl offensive Aktionen erwarten. Auch Josha Vagnoman ersetzte Jan Gyamerah quasi eins zu eins. Und auch der Wechsel von Bakery Jatta für Martin Harnik war im Grunde nachvollziehbar. Es funktionierte allerdings nicht einer dieser Wechsel auch nur ansatzweise. Kinsombi fand nicht ins Spiel, Jatta spielte wie zuletzt leider immer wieder irgendein anderes Spiel als der Rest - und Vagnoman pennte als einer von drei (!!!) HSV-Profis vor der Mittellinie, als Flankengeber Schnatterer auf eine Kopfballverlängerung hoffte – und diese bekam. Kurz zuvor hatte auch noch Lukas Hinterseer (der – warum auch immer ?!? - für Pohjanpalo kam) eine Großchance verdaddelt, als wäre es sein erstes Profispiel. Zufall? Nein. Irgendwo in der Vorbereitung hakt es beim HSV seit Wochen – und dieses (sportliche, taktische und mentale Problem hat sich inzwischen verselbständigt.

Und so gern ich Rick van Drongelens Einstellung und ihn als Typen auch schätze – dieses Spiel in Heidenheim ist der wiederholte Beweis dafür, dass er allein ohne starken Nebenmann nicht funktioniert. Den Gegenspieler einen so hohen, langen in der Luft befindlichen Flankenball so ungehindert querlegen zu lassen – unverzeihlich. Vor allem in so einer Situation, wo es um alles geht. Für mich steht schon (fast seit Saisonbeginn) fest, dass der HSV völlig unabhängig vom  Saisonausgang zur neuen Saison auf der Position der Innenverteidiger einen Radikalumbruch machen muss. Timo Letscherts Vertrag läuft aus – und das sollte auch so bleiben. Für den Niederländer gäbe es meiner Meinung nach im Team nur eine Position – die des Vorstoppers. Und die gibt es nicht mehr.

Letschert Vertrag sollte nicht verlängert werden

Nein, heute muss ein Innenverteidiger mit dem Ball zumindest soweit umgehen können, dass er diesen wenigstens unfallfrei seinen Kollegen zuspielen kann. Und abgesehen von seinem oft zu plumpen direkten Zweikampfverhalten ist er in den letzten Wochen an fast jedem Gegentor beteiligt. Kurzum: Das, was man von ihm fordern darf, erfüllt der 27-Jährige nicht einmal im Ansatz. Auch diesmal in Heidenheim zieht er beim Ausgleich den Fuß weg, weil er Bammel hat, ein Eigentor zu erzielen. Das macht dafür der verdutzte Jordan Beyer hinter ihm. Und beim Siegtreffer der Heidenheimer ist er schon auf dem Weg in den Zweikampf mit Schnatterer, den er locker am Flanken hätte hindern können – ehe er sich aus mir völlig unerklärlichen Gründen wieder vom Ball ins Nichts zurückzieht. So führt er weder außen den Zweikampf, noch sichert er im Zentrum ab. Er stand einfach im Nichts. Und das passiert leider viel zu oft.

Wer schon mal Mannschaftssport gespielt hat, der weiß auch, dass sich so etwas auf dem Platz auf Dauer bemerkbar macht. Wenn Du immer das Gefühl hast, hinten zu wackeln, überträgt sich diese Unsicherheit auf alle Mannschaftsteile. Auch deshalb hatte Trainer Hecking mit Julian Pollersbeck für Daniel Heuer Fernandes den Torwart gewechselt. Leider verpuffte der durchaus vorhandene Pollersbeck-Effekt schnell, weil die Abwehr schlichtweg nicht funktionierte. Und ehrlich gesagt noch immer nicht funktioniert. Kurzum: Dieser HSV hat nicht einmal im Ansatz das immer angestrebte stabile Gerüst, das aus einem guten Torwart, zwei stabilen Innenverteidigern, einem starken Sechser, einem kreativen Zehner und einem knipsenden Angreifer – den man mit etwas Phantasie in Pohjanpalo sehen könnte - besteht. Viel Arbeit für Jonas Boldt, Michael Mutzel und Co. zur neuen Saison. Völlig unabhängig von der Liga.

 

Mal sehen, wie Boldt diese Thematik beurteilt. Wir werden ihn morgen dazu befragen können. Ich für meinen Teil werde die hier angefangene Analyse Analyse erst nach der Saison detailliert fortsetzen – weil es aktuell nichts bringt. Aktuell steht noch ein Spiel bevor – dass man irgendwie gewinnen und dann auf Schützenhilfe hoffen muss. Geht es dann in die Relegation, heißt es noch zweimal: Augen zu und durch! Wichtig ist, dass Boldt und Co. Im Hintergrund schon die vielen Baustellen abarbeiten, die sich Woche für Woche offenbaren.

In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle

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