Marcus Scholz

24. Oktober 2019

Dass die ersten großen Töne vor diesem Topspiel aus Stuttgart kommen - okay. Mario Gomez klopft ein bisschen auf den Busch - allerdings mit moderaten Worten, wie ich finde. „Ich glaube, dass wir beide Spiele gewinnen werden. Wir haben das Potenzial dazu“, sagte Gomez der „Bild“. „Ich glaube, es gibt keinen besseren Zeitpunkt, um gegen Hamburg zu spielen. Es ist ein guter Moment, um eine Antwort nach den beiden Heim-Niederlagen zu geben und unser wahres Gesicht zu zeigen.“ Was soll er auch sonst sagen? Okay, er hätte schweigen können. Wäre vielleicht sogar besser gewesen. Zumal zwischen hohen Erwartungen und überhöhten Erwartungen nur ein schmaler Grat.

Nun ist der VfB Stuttgart als Tabellenzweiter noch im Soll. Insofern gibt es keinen Grund, Panik zu schieben. Aber mich freut, dass die großen Töne nicht vom HSV kommen, sondern von den Gegnern. Denn auf mich wirkt sowas immer ein Stück weit unsouverän. „Wir können alle viel reden, viele Dinge richtig sehen, sie korrekt analysieren und sie auch im richtigen Moment ansprechen – aber wenn wir sie nicht richtig machen, ist am Ende alles nichts.“ Worte, die von niemand geringeres stammen als von Huub Stevens, dem personifizierten Pragmatismus. Der Ex-HSV- und Ex-VfB-Trainer war nirgendwo beliebt für sein Art, Fußball spielen lassen. Sein Motto: „Kriegst du keinen Gegentreffer, verlierst Du schon mal nicht“. Und so sah es dann oft auch nicht besonders spektakulär aus – aber eben oft erfolgreich. Und dafür wiederum liebten ihn die Fans.

Das Stadion ist erstmals seit einem Jahr wieder ausverkauft

Anders Dieter Hecking. Der ließ heute bei der Pressekonferenz durchblicken, dass er auch im Topspiel gegen Stuttgart nicht gewillt ist, zu reagieren. „Jeder weiß, dass wir lieber den Ball haben und bestimmen, was passiert“, so der HSV-Coach heute. Aber auch ihm sagt man einen gewissen Pragmatismus nach. Bislang versuchte der HSV noch, alle Spiele spielerisch zu dominieren. Die Spiele wurden attraktiv gestaltet und zumeist auch gewonnen. Am Sonnabend gegen Stuttgart kommt jetzt das erste Mal ein Gegner in den Volkspark, der über die vollen 90 Minuten in der Lage ist, das Spiel zu gestalten. Es wird das erste Mal sein, dass der HSV spielerisch über sein bisheriges Limit hinausgehen muss. „Wenn man vor der Saison gefragt hat, haben alle zurecht gesagt, dass der VfB Stuttgart der Topfavorit ist“, so Hecking heute. Dennoch wollen er und seine Mannen am Sonnabend nicht nur gegenhalten - sondern auch gestalten. Und zwar das erste Mal vor ausverkauftem Haus. 57.000 Tickets sind für das Ligaspiel bereits abgesetzt. Übrigens das erste Mal in der zweiten Liga seit dem 30. September 2018 - damals im Stadtderby gegen den FC St. Pauli.

Heute im Training musste Hecking das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit auf seinen Abwehrchef Rick van Drongelen verzichten. „Rick hat Gestern irgendwas falsches gegessen und sich in der Nacht übergeben. Er soll morgen aber wieder mittrainieren können“, gab Hecking beim Niederländer schnelle Entwarnung und kündigte parallel an, dass ein anderer Innenverteidiger morgen in der vierten Liga Spielpraxis sammeln soll: Zusammen mit Julian Pollersbeck und Xavier Amaechi wird Ewerton für die U21 gegen Altona 93 auflaufen. Ob der Brasilianer eventuell schon am kommenden Dienstag im DFB-Pokal gegen die Schwaben im Profikader steht? Offen.

Muss Kapitän Aaron Hunt zunächst auf die Bank?

Ebenfalls offen ist, was Hecking mit einem zurückkehrenden Kapitän Aaron Hunt plant. Die Kollegen rechnen damit, dass Hunt am Sonnabend zunächst noch über die Reservebank kommt. Und ehrlich gesagt kann ich mir das auch sehr gut vorstellen. Mehr noch: Genau das meinte ich gestern und in den letzten Wochen mit der optimalen Ausgangslage für Hecking. Und für Kittel. Denn der Trainer kann immer wieder ins kalte Wasser werfen und ggf. nachbessern bzw. seinem talentierten Zehner einen erfahrenen mann an die Seite stellen, wenn es nötig wird. Er nimmt damit Druck von Kittel - der diesem noch nicht gewachsen ist. Und: Wie schnell der HSV in eine solche Situation geraten kann, hat zuletzt die zweite Hälfte gegen Bielefeld gezeigt. Hätte Hecking in Bielefeld Kittel auf die Außenbahn stellen und parallel Hunt fürs Zentrum bringen können - ich behaupte, es wäre besser ausgegangen als „nur“ Remis.

 

Insgesamt ist es jedenfalls besser für Hecking und die Mannschaft, wenn er aus dem Vollen schöpfen kann. Logisch. Allein der Umstand, von der Bank aus jederzeit noch mal nachbessern zu können, gibt Sicherheit. Zum einen dem Trainer - aber auch der Mannschaft auf dem Platz. Wobei in diesem Zusammenhang ein Spieler heute im Community-Talk angesprochen wurde/wird, den viele noch unterschätzen: Jeremy Dudziak. Der Linksfuß hat mich bislang in jedem seiner Spiele überzeugt. Anfänglich immer bis zur 60. oder 70. Minute. Also, bis er müder wurde. Zuletzt in Bielefeld war Dudziak dagegen bis zum Schluss ein Aktivposten und übernahm einen großen Teil der Aufgabe von Adrian Fein, der von den Bielefeldern mit aller Härte bearbeitet und weitestgehend aus dem Spiel genommen wurde.

Dudziaks große Qualität ist, das Tempo über das Mittelfeldzentrum in den Angriff rüberzuretten. Er geht oft und erfolgreich ins Eins-gegen-Eins, er liebt Tempodribblings - und er hat damit genau die Qualität, die dem HSV in der vergangenen Saison oft fehlte. Zu oft fehlte. Kurzum: Über das Mittelfeldzentrum kann man sich beim HSV in dieser Saison am allerwenigsten beschweren. Hier werden Spiele gestaltet, verwaltet - und durch Kittel immer wieder auch entscheiden. Und dabei reichen drei aus vier möglicher Kandidaten - David Kinsombi noch nicht mitgerechnet. Denn der Zugang aus Kiel stagniert aktuell auf einem Level, der lange noch nicht seinen persönlichen 100 Prozent entspricht. Sollte er in den nächsten Wochen diesen Schritt noch machen - umso schöner. Selbst Hecking würde sich darüber freuen, obgleich es ihm die Entscheidung im Mittelfeld zusätzlich erschweren würde.

Fakt ist, dass der HSV mit diesem Mittelfeld immer in der Lage ist, das Spiel zu bestimmen. Auch gegen so starke Gegner wie den VfB.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird noch einmal um 13 Uhr öffentlich trainiert. Wir melden uns natürlich wie immer um 7.30 Uhr schon mit dem MorningCall bei Euch. Bis dahin!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.