Marcus Scholz

22. August 2019

Japaner beim HSV – das war einmal. Nach Gotoku Sakai zieht es jetzt auch Tatsuya Ito weg. Der kleine Dribbler hat beim belgischen Erstligisten VV St. Truiden einen Vertrag unterschrieben und bringt dem HSV so noch eine Ablösesumme von 1,5 Millionen  Euro zuzüglich etwaiger Erfolgsprämien ein.  Ein guter Deal, meine ich. Aber das sehen längst nicht alle so. Auch hier bei uns im Blogforum gibt es einige, die sich gewünscht hätten, der HSV verliehe Ito, um dessen Entwicklung abzuwarten. Weil sie ihm deutlich mehr zutrauen, als er bislang zeigen konnte. Und dieser Gedanke ist nicht  von der Hand zu weisen. Dennoch will ich kurz erklären, weshalb ich glaube, dass der Verkauf die richtige Entscheidung war/ist:

1.    Die Ablösesumme: 1,5 Millionen Euro für einen Spieler, den man in der Jugend für wenig Geld (Kosten entstehen auch bei ablösefreien Transfers immer) geholt und der zuletzt aussortiert nur noch für die U21 tätig war, ist ein finanziell zunächst einmal sehr guter Deal. Dazu noch Erfolgsprämien – das macht es noch besser.  In der Abwägung des Nutzens gewinnt hier der Geldbetrag gegen den sportlichen Wert des Spielers für den HSV.

2.    Der sportliche Aspekt: Tatsuya Ito hatte es zuletzt unter Christian Titz, Hannes Wolf UND jetzt auch Dieter Hecking nicht in den Profikader geschafft. Zu glauben, dass hier ein Fall wie bei Kerem Demirbay vorliegen könnte, dessen Wechsel viele in Hamburg noch lange danach bereuen, ist unwahrscheinlich. Der Mittelfeldspieler war seinerzeit im Streit mit dem damaligen Trainer Bruno Labbadia mehr oder weniger geflüchtet, obwohl sich Labbadia mit dem damaligen sportlich Vorgesetzten, Dietmar Beiersdorfer, nicht einig war. Letztgenannter wollte Demirbay halten, ließ sich überreden – und war ein paar Wochen später sowohl einen Topspieler als auch den für dessen Abgang verantwortlichen Trainer los. Diesmal sind sich alle Beteiligten einig, dass Ito den Schritt beim HSV nicht schaffen wird. Anstatt ihn noch mal zu probieren, suchen die Verantwortlichen sogar nach einem ähnlichen Spielertypen. „Einer mit Tempo und gutem Eins-gegen-Eins-Verhalten, der uns sofort weiterhelfen kann, wäre sicher nicht schlecht“, hatte Trainer Hecking gesagt, und damit eigentlich die Attribute Itos beschrieben. Problem bei dem kleinen Japaner ist aber nicht allein das Körperliche und die fehlende Torgefahr. Vielmehr fehlt Ito auch die Fähigkeit, über die Außen mit Flanken gefährlich zu werden und sein Passspiel war zuletzt zu ungenau. Von daher ist dessen Verkauf nur konsequent.

3.    Die wirtschaftliche Situation des HSV: Wie bekannt ist, schwimmt der HSV auch dieses Jahr trotz der bisher rund 25 Millionen Euro Transfereinnahmen nicht im Geld. Jeder Spieler, der den Profis nicht sofort weiterhilft, steht zum Verkauf – zurecht. Die oben beschrieben gute Ablösesumme konnten die Verantwortlichen letztlich gar nicht ablehnen.

 

Ich muss zugeben, dass auch ich immer skeptisch bin, wenn man Talente fallen lässt. Ich hatte gestern hier (und heute auch im Community Talk) das Beispiel Josha Vagnomans genannt, der ein derartig großes Talent ist, dass es einen fast wütend macht, dass er trotz seiner erste 18 Lenze noch kein Stammspieler beim HSV ist. Aber bei Vagnoman ist die Hoffnung vorrangig. Bei anderen muss man irgendwann einsehen, dass es zumindest in der hiesigen Konstellation keinen Sinne mehr macht. Wie jetzt bei Ito. Und das kann tatsächlich so profane Gründe wie die sportlichen Vorlieben des aktuellen Trainers haben. Manchmal reicht sogar das Persönliche wie bei Labbadia/Demirbay. Fakt aber ist: Einen Spieler zu halten, der 34 Spieltage zwischen Bank und Tribüne pendelt, das macht keinen Sinn. Für keinen der beiden. Egal wie gut die Bezahlung ist.

Ito abzugeben ist richtig - zumimdest wurde alles versicht

Und schon deshalb ist Heckings klare Haltung bei Ito für mich alternativlos. Wenn hier ein Fehler gemacht wurde, dann in der vergangenen Saison, wo es vielleicht einfach versäumt wurde, Ito so gezielt und so solide geplant aufzubauen bzw. seine Schwächen auszumerzen, dass er den nächsten Entwicklungsschritt macht.  Oder aber - und davon gehen ich aus, weil sich beispielsweise Cotrainer Andre Kilian monatelang sehr intensiv um Ito gekümmert hatte -, es wurde erkannt, dass es einfach auch mit Individualtraining nicht reicht. Auch dann wäre sein Verkauf die beste Lösung. Für alle. Das scheint auch Tatsuya Ito so zu sehen, wenn ich seine emotionalen Worte zum Abschied richtig deute:

 

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Liebe HSV Fans, Ich will mich bei euch bedanken. Ich hatte 2 unvergessliche Jahre in Hamburg. Ich bin hier Profi geworden und hab eure Unterstützung neben aber vorallem auf dem Platz im Stadion sehr genossen. Ihr seid einzigartig und werdet immer in meinem Herzen bleiben ! Alles gute & viel Erfolg! Euer Tatsu

Ein Beitrag geteilt von Tatsuya Ito 伊藤達哉 (@tatsuyaito17) am Aug 22, 2019 um 9:07 PDT

 

Von daher sage ich an dieser Stelle noch einmal Herzlichen Dank an den Japaner, der mir in seinen ersten Spielen sehr viel Freude gemacht hat und dem ich für die Zukunft eh nur das Beste wünsche. Sportlich sogar, dass er es schafft, dass man diese Entscheidung in Hamburg irgendwann bereut...

Der Fall Pollersbeck gestaltet sich HSV-intern anders, behaupte ich

Einer, der allemal das Zeug dazu hat, die Hamburger Verantwortlichen seinen Verkauf bereuen zu lassen, ist Julian Pollersbeck. Der extrovertierte Keeper, dem man in Hamburg zuletzt mangelhafte Einstellung zum Profifußball vorgeworfen und in letzter Konsequenz sogar einen Wechsel nahegelegt hatte,  verfügt physisch und fußballerisch über alle Zutaten, um ein richtig guter erster Keeper zu werden. Auch weit oberhalb der Ersten Bundesliga. „Sein überragendes Talent ist unverkennbar“, hatte der letzte Torwarttrainer Nico Stremlau gesagt und uns im Interview im „Rautenperle Talk“ dazugesagt, dass auch bei Torhütern letztlich der Wille und die Einstellung das Talent schlagen würden.

Und in diesem Bereich hat Pollersbeck dem Vernehmen nach – ich persönlich vermag das nicht ausreichend zu beurteilen – Nachholbedarf. Auch deshalb hatte ich gehofft, dass die Verantwortlichen in Hamburg den Versuch starten, Pollersbeck einmal in seinen offenbar falschen Gewohnheiten zu brechen, ihn auf Null zu schalten, um ihn dann ganz gezielt wieder hochzufahren und an sein persönliches Leistungslimit heranzuführen.  Was man bei Pollersbeck dazu wissen muss: Pollersbeck hat im Gegensatz zu allen anderen Keepern und Mitspielern in seiner Jugend nie den Drill und die frühe Erziehung hin zu unbändigem Willen in den Nachwuchsleistungszentren kennengelernt. Ein Nachteil, wie sich inzwischen zumindest vermuten lässt.

Pollersbeck will weg - sein Konkurrent überzeigt noch nicht vollends

Inzwischen hat sich Pollersbeck, der lange Zeit fest überzeugt war, trotz allem in Hamburg beim HSV bleiben zu wollen, einen neuen Berater genommen. Und zwar nicht irgendeinen, sondern Roger Wittmann. Der Berater von Liverpools Roberto Firmino, Julian Draxler, Thilo Kehrer und anderen Weltklassespielern ist international ein Schwergewicht auf dem Agentenmarkt. Insofern ist hier nahezu sicher davon auszugehen, dass Pollersbeck doch noch einen Wechsel anstrebt. Und im Gegensatz  zur Causa Ito hätte ich den „Fall Pollersbeck“ nicht so schnell abgeschlossen.  Zumal sein direkter Konkurrent, Daniel Heuer-Fernandes, zwar im Training sehr stark ist, diese Leistungen aber bislang in den Pflichtspielen noch nicht immer abrufen konnte.

Meine Meinung: Heuer-Fernandes ist ein sehr guter Torwart, der jede Zweitligamannschaft besser machen kann. Aber: Der talentiertere Keeper ist Heuer-Fernandes nicht. Er hat nur mehr Biss und mehr Ehrgeiz, sich jeden Tag und jede Sekunde im Training für das große Ziel zu quälen. Und darauf scheint es den hiesig Verantwortlichen derzeit anzukommen.

Es ist immer wieder ein schmaler Grat zwischen Geduld mit einem Talent und vergebener Liebesmüh. Dass der HSV hier allerdings aktuell überstürzt handelt, glaube ich nicht. So schade ich die Kapitulation bei Pollersbeck auch finde, auch hier sind sehr viele Argumente zu finden, die einen Wechsel der ehemaligen Nummer eins des HSV sinnvoll erscheinen lassen.

In diesem Sinne, richtig sinnvolles gab es heute ansonsten wenig. Trainiert wurde geheim und morgen wird sich zeigen, inwieweit Aaron Hunt schon für Karlsruhe wieder eine Alternative darstellen kann. Ich werde Euch auf jeden Fall davon berichten. Zuerst wie immer mit dem MorningCall um 7.30 Uhr, dann mit der Pressekonferenz live bei Facebook (13 Uhr) und abends dann nach dem Nachmittagstraining mit dem Blog.

 

Bis dahin,

Scholle

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.