Marcus Scholz

1. Oktober 2018

Es geht nicht mehr nur um Punkte. Mal wieder nicht. Wenn, dann maximal, wenn selbige ausbleiben, um mal wieder eine Trainerdiskussion zu führen. Auch heute waren die Fragen in der Trainerrunde darauf aus, die Spannungen zwischen Vorstand und Trainer zu thematisieren. Ein Spiel verloren, zwei Unentschieden gespielt - das ist für HSV-Ansprüche zu wenig. Stimmt grundsätzlich. Auch weil man vorher die Gegner nicht komplett dominiert hat, was übrigens auch allen anderen Zweitligisten nicht gelungen ist. Nicht einmal dem Tabellenführer und nominell stärksten Team dieser Liga, dem 1. FC Köln. Aber: Hamburg wähnt sich ja immer schon speziell. Und da man es sportlich, wirtschaftlich und auf Führungsebene einfach nicht geschafft hat, den Klub „groß“ zu halten, spricht man eben einfach weiter von hohen Ansprüchen, die man als großer Klub eben haben muss. Realität? Die leugnet man einfach mal. Oder man missachtet sie. Träumen ist angesagt.

 

Die Frage ist nur, warum? Warum hat man den zart beschrittenen Pfad der Vernunft (Verzicht auf teure Millioneneinkäufe, Kühne-Hilfe gegen zusätzliche Abhängigkeit, Ausruf der Talentförderung etc.) so schnell wieder verlassen? Was ist passiert? Okay, das Titz’sche Spielsystem ist diskutabel. Wie jedes System, das nicht komplett greift. Und es funktionierte bislang noch nie komplett, also nie offensiv wie defensiv zugleich gut. Schon deshalb ist es diskutabel. Der Schnitt von 14 Punkten aus acht Spielen ist mit allergrößter Wahrscheinlichkeit unter dem Punkteschnitt, den man als Direktaufsteiger erreichen muss. Ergo: Beim HSV muss man sich die Frage stellen, ob Kontinuität Leistungssteigernd wirkt oder ob man damit seine Ziele nur unnötig gefährdet.

Und das machen die HSV-Verantwortlichen tatsächlich. Problem hier: Sie machen es nicht konsequent. Noch größeres Problem: Sie diskutieren das schon seit mehreren Wochen, nein: Monaten. Also schon zu Zeiten, wo der HSV die Fans begeisterte und auch zu Zeiten, wo man an der Tabellenspitze stand. Soll heißen: Die Trainerdiskussion ist schon lange völlig unabhängig vom sportlichen Erfolg geführt.

Passend dazu ein Zitat aus der heutigen BILD, wo die stets bestens informierten Kollegen es heute in einem Nebensatz auf den Punkt bringen: „Der neue Boss Bernd Hoffmann hätte Titz wohl gar nicht mit einem Kontrakt für die 2. Liga ausgestattet.“ Und das stimmt. Es gab hier immer wieder andere Namen. Allein der Druck aus der Öffentlichkeit war am Ende auch für die HSV-Führung nicht mehr zu ignorieren. Ergebnis: Man verlängerte Titz’ Vertrag. Zwangsläufig. Seither führt man eine Zweckehe, die man so lange nach außen harmonisch wirken lässt, wie der sportliche Erfolg stimmt. Intern macht man gar keinen Hehl daraus, dass es nicht annähernd so harmonisch ist, indem man parallel dazu Gespräche mit Wunschkandidaten führt, um diese warmzuhalten. Das bleibt der Öffentlichkeit vielleicht verborgen - aber wir Journalisten bekommen das gesteckt. Und intern bekommen es alle Protagonisten noch viel früher und deutlicher mit. Auch - nein, allen voran - der Trainer.

Kein Problem? Doch! Ich meine schon. Denn was passiert, wenn die Vereinsführung nicht zu 100 Prozent hinter ihrem Trainer passiert, ist aktuell deutlichst erkennbar. Ob er die Rückendeckung seitens des Vorstandes spürt, wurde Titz heute gefragt. Seine ausweichende Antwort: „Situation ist wie sie ist. Du verlierst und gewinnst danach nicht, dann gibt es hier Tohuwabohu.“ Und das führt dazu, dass sich die meisten Fragen nicht mehr um die Mannschaft sondern um die Zukunft des Trainers bzw. das Verhältnis Trainer/Vorstand drehen. Das wiederum lenkt gefährlich vom Wesentlichen ab - dem Trainer (auch, wenn es keiner zugeben würde), aber auch Mannschaft, der man so zu allem Überfluss auch noch ein Alibi liefert. Der Trainer, dass es nicht auf ihn und seine Maßnahmen ankommt, sondern dass immer wieder mehr nach Fehlern gesucht, als das Positive herausgestellt wird. Kurzum: Er ist und bleibt ein Trainer auf Abruf, bekommt alle Nas’ lang Endspiele in Sicht gestellt. Wohlgemerkt der Trainer, der zum Ende der abgelaufenen Saison noch als der Mann gefeiert wurde, der dem HSV ein neues Gesicht geben muss.

„Kontinuität beweisen“ - das wurde immer wieder gesagt. In Wahlkämpfen. Und danach, wenn man sich öffentlich mitteilte. Und zwar von allen auch heute noch Verantwortlichen. Es hält sich nur niemand mehr so daran. So stark, wie es ein erfolgreicher Trainer sein muss, der etwas Neues aufbauen soll/will, war hier in Hamburg zuletzt im 19. Jahrhundert einer. Und genau deshalb ist und bleibt dieser HSV auch der Klub, der seit Jahrzehnten keine klare Philosophie mehr hat bzw. nie die Geduld aufbringt, auch mal Täler so gemeinsam zu durchschreiten, dass man anschließend gestärkt daraus hervorgeht. Der HSV bleibt leider der Verein, der mal groß war.

Und dass sich jetzt vor Darmstadt am Freitag einer der Vorstände - geeignet dafür wäre sicher Sportvorstand Ralf Becker - hinstellt und voller Überzeugung einen klar festgelegten Weg ausruft, ist eher nicht zu erwarten. Allein der Umstand, dass man aus dem Darmstadt-Spiel am Freitag ein Trainer-Endspiel macht bzw. tatenlos mit ansieht, wie es von mehr oder weniger Außenstehenden zu einem solchen gemacht wird, lässt berechtigt daran zweifeln, dass man hier alles dem Erfolg unterordnet.

Christian Titz selbst vermied es heute immer wieder, seine Situation klar zu benennen. „Die Situation ist wie sie ist. Du verlierst und gewinnst danach nicht, dann gibt es hier Tohuwabohu. Dass es im Fußball immer eine Form der Zweifler gibt, ist normal. Hauptaufgabe ist dann, nicht mich in den Mittelpunkt zu stellen, sondern mit der Mannschaft am Ziel zu arbeiten. Ich kann nur die Dinge beeinflussen, für die ich da bin. Es geht auch darum, die  Dinge, die von außen beeinflussen, von der Mannschaft fernzuhalten. Ich will mir auch gar nicht die Energie rauben lassen mit Dingen, die ich nicht selbst beeinflussen kann. Das bringt nichts, das nimmt nur Energie. Der Fokus liegt darauf, schnellstmöglich wieder zu gewinnen.“

Nur wofür? Für eine Scheinehe wäre das vergebene Liebesmüh’, denn solange der Verein es nicht schafft, sich auf einen gemeinsamen Weg festzulegen, wird der HSV nicht mehr wachsen. Es ist tatsächlich wie auf dem Platz als Mannschaft. Da kann und darf es nur einen Taktgeber geben. Den muss man sorgfältig auserkoren - und dem müssen dann alle folgen. Dass dieser vielleicht nicht den einzig funktionalen Weg zum Erfolg hat - logisch. Aber er hat eben einen, der funktionieren kann, wenn alle mitziehen. Aber sobald die Mannschaft uneins wird und mehr als ein Weg auf dem Platz umgesetzt wird, scheitert man als Ganzes. Früher oder später - aber mit einer an 100 Prozent grenzenden Wahrscheinlichkeit. Wie der HSV in den letzten Jahr(zehnt)en.

Dass ich mit diesem Appell, der im Grunde sehr dem von vergangener Woche ähnelt, nicht alle erreichen werde, ist mir klar. Ich werde damit auch die Vereinsoberen sicher nicht zum Umdenken bewegen. Aber es wäre fahrlässig, diese Dinge nicht angesprochen zu haben, bevor hier wieder alles auf Null geschaltet wird. Denn DAS ist das mit weitem Abstand größte Problem dieses HSV: Ungeduld.

Allein, dieses Mal darf niemand das oft zitierte und ja ach so anspruchsvolle Umfeld dafür verantwortlich machen. Denn die Fans haben in den letzten Monaten eindrucksvoll bewiesen, wie froh sie über einen echten Neuanfang sind. Apropos: Hört bitte mal genau hin beim Video. An einer Stelle verrät Titz, welchen Weg man besprochen und welchen Zeitraum man dafür intern eingeräumt hat: „Wir haben immer gesagt, dass wir 10 bis 15 Spiele benötigen werden, bis wir uns stabilisiert haben, um in der Regelmäßigkeit und der Art Spiele zu spielen und zu gewinnen, wie wir es uns vorstellen.“ Mal sehen, ob man sich daran hält.

In diesem Sinne, ich bin heute auf der Hochzeit meiner Freundin Tina und ihrem neuen Ehemann Nils, die ihrerseits beide glühende HSV-Fans sind. Eine Fürbitte war, dass ihnen der HSV in dieser Saison den Aufstieg schenken möge - und Beide lächelten dabei ein wenig gequält. Aber die Hoffnung aufgeben wollen sie nicht. Ebenso wenig wie ich.

Bis morgen. Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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