Marcus Scholz

7. Februar 2018

Seine Stimme klingt arg angekratzt. Von tag zu Tag wird Bernd Hollerbach heiserer. Und das nicht, weil er beim Training besonders laut schreit. Dafür hat er seine Trillerpfeife oder eben seine Assistenten dabei. „Der Fiete hat die Seuche angeschleppt und jetzt liegen alle flach“, flachst Hollerbach, angesprochen auf seine Stimme – und auf Lewis Holtby. Denn der Linksfuß fiel heute grippebedingt aus. Ob er am Wochenende einsetzbar sein wird, war noch nicht abzusehen, so der HSV-Cheftrainer, der heute im Training viel Wert auf Passspiel legte.

Und das sah teilweise sogar schon recht gut aus, um gleich mal das Positive vorwegzuschicken. Mit dabei waren auch die U19- und U21-Spieler Josh Vagnoman und Stephan Ambrosios, sowie Bjarne Thoelke, der gestern sein erstes Testspiel bestritten hatte seit seiner Verletzungspause – und die durchläuft er quasi seit Saisonbeginn. Am Ende der Sommervorbereitung zog er sich einen Innenbandriss im Knie zu, kam am 16.10.2017 ins Rehatraining zurück und fiel wieder nur zehn Tage später wegen eines Syndesmosebandanrisses bis zuletzt aus. „Die lange Pause ist nicht mal eben schnell wieder aufgeholt“, sagt Thoelke, der im Training einen fitten Eindruck macht. „Körperlich ist es auch nicht das Problem“, so der Innenverteidiger, „aber mir fehlt einfach noch die Spielpraxis, die Sicherheit am Ball. Das merke ich selbst.“ Ob er schon am Sonnabend eine Alternative sein könnte? „Das könnte ich. Die Frage ist nur, ob das schon vernünftig ist.“ Dennoch, sollte er gebraucht werden, würde er sich freuen.

Wobei, diese Frage wiederum beantwortet Bernd Hollerbach schnell und recht eindeutig: „Nein, das wird eng. Er hat noch nicht so seinen Rhythmus. Und er war längere Zeit raus. Er macht sehr gute Fortschritte“, so der HSV-Trainer, der stattdessen einen Youngster ins Auge gefasst hat: „Es kann aber sein, dass ich den Stephan Ambrosios mitnehme, der hat mir gestern richtig gut gefallen in der zweiten Mannschaft“, so Hollerbach über den 19 Jahre jungen Deutsch-Ghanaer. „Der geht hin, der hat Herz der Junge - das gefällt mir. Er hat sich nicht versteckt. Er ist ein Kandidat, wenn er so weitermacht die nächsten Tage. Er hat wirklich einen sehr guten Eindruck gemacht.“

Also: Thoelke noch nicht, dafür eher Ambrosios. Oder Gidon Jung, der heute individuell trainierte und einen guten Eindruck hinterließ. „Absolut“, pflichtet Hollerbach bei, „Gideon könnte eine Alternative sein. Er macht sehr gute Fortschritte.“ Einzig Mergim Mavraj scheint bei Hollerbach keine große Rolle mehr zu spielen. Angesichts der Trainingsleistungen und der seiner letzten Einsätze nicht überraschend.

Insgesamt scheint Hollerbach weiter großen Wert darauf zu legen, Reize zu setzen, den Konkurrenzkampf anzufeuern. Heute nach dem regulären Training ließ er auf verkürztem sehr zweikampfintensiv und mir entsprechend vielen Torabschlüssen spielen, „um noch mal ein bisschen Feuer reinzubringen“, wie er selbst erklärte. Und um das dauerhaft beizubehalten, hatte er sich zuletzt Verstärkungen von außen gewünscht – und setzt jetzt vermehrt auf den eigenen Nachwuchs. „Ich wollte mir einen Überblick verschaffen, was mit den Jungen los ist, weil wir finanziell nicht auf Rosen gebettet sind, das wissen wir ja. Deshalb müssen wir ein bisschen auf die Jugend setzen.“

Auch auf Törles Knöll? Der Angreifer, der wenig auffällig spielt, dafür auffällig oft trifft, hatte auch im gestrigen Test getroffen. Hollerbach weicht aus: „Ich habe einige Spieler auf dem Zettel. Auch ihn. Die haben das gestern sehr gut gemacht, waren alle sehr engagiert.“ Unter ihnen auch Josh Vagnoman: „Ich habe ihn in der A-Jugend gesehen, da hat er mir schon sehr gut gefallen. Er ist ein Kandidat, weil wir auf den Außenbahnen haben wir auch wenig Besetzungen, und er hat richtig Tempo. Für seine 17 Jahre ist er schon ein echter Brocken für sein Alter. Der macht jetzt bei uns mit, weil er es echt gut gemacht hat.

Was bleibt festzuhalten? Hollerbach sucht weiter nach Verstärkungen. Un d die wird er brachen. Zumal am Freitag Stichtag für die Geburt von Walaces erstem Kind sein soll. Möglich also, dass der Brasilianer ganz kurzfristig abreisen muss. Hollerbach über Walaces Einsatzchancen gegen den BVB: „Ich habe mit ihm gesprochen, ich rechne mit ihm. Ich habe ihm gesagt, seine Frau soll sich noch ein wenig Zeit lassen.“ Bis wann er spätestens Bescheid gegeben haben muss, um nach Brasilien abzureisen? „Das muss ich mit ihm noch mal abstimmen. Das ist natürlich schwierig für die Planung“, so Hollerbach, der ohne daraus einen Witz machen zu wollen, anfügt: „Aber was ist schon einfach hier.“

Dennoch, Hollerbach setzt auf Walace. Voll. Der Brasilianer, der im Winter mit allen Mitteln versucht hatte, den HSV zu verlassen, erhält bei Hollerbach einen Vertrauensvorschuss. „„Ja, weil er ein wichtiger Spieler für uns ist. Er dankt es auch, er ist für mich ein sehr klarer Junge. Und ich stehe zu meinem Angebot. Deshalb muss ich mit allem rechnen. Ich habe ihm gesagt, dass er sich keine Sorgen machen muss. Wenn was ist, kann er immer zu mir kommen. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu ihm, ein sehr offenes. Er öffnet sich immer mehr.“ Wobei, sollte der defensive Mittelfeldspieler dadurch eine Entwicklung nehmen wie zuletzt Douglas Santos – es sollte uns allen nur Recht sein.

Apropos: Allen rechtmachen konnte es der SV mit dem 1:1 gegen Hannover nicht. Dennoch gab es nach dem Spiel kein großes Theater. Pfiffe kassierten lediglich die Schiedsrichter – ansonsten blieb es ruhig. Zu ruhig für die Supporters, die sich heute mit einem Offenen Brief an die eigenen Anhänger richteten:

 

Ist es euch wirklich so egal, ob der HSV absteigt?

Vergangenen Sonntag, kurz vor 20 Uhr. Der HSV hat zu Hause gegen Hannover 96 nur 1:1 gespielt.

Die Reaktion der HSV-Fans: Stille. Keine Pfiffe, keine Pöbeleien, kein Ärger, keine Proteste. Einfach nur Stille. Schockstarre. Viele haben den Abpfiff auch gar nicht mehr mitbekommen, sondern hatten frühzeitig das Stadion verlassen. Sogar die Absperrungen vor der Geschäftsstelle konnten nach wenigen Minuten wieder abgebaut werden. Hatten sich dort 2 Wochen vorher bei der Heimniederlage gegen Köln noch ein paar Fans zum Protestieren eingefunden, war dieses Mal einfach niemand mehr da. Daher die ernstgemeinte Frage: ist es euch wirklich so egal, ob der HSV absteigt? Uns nämlich nicht. Ganz und gar nicht.

Die letzten Jahre waren für uns alle nicht einfach. Sportlich wie vereinspolitisch. Ständige Wechsel in Mannschaft und verantwortlichen Positionen, dazu die wiederholte sportliche Talfahrt und der andauernde Kampf gegen den Abstieg haben die HSV-Fans müde gemacht. Zermürbt. Kraftlos. Gleichgültig. Das ist alles nur menschlich und irgendwie auch verständlich. Nach den Geschichten in der Presse vor dem Spiel ist das Verhalten erst recht nachzuvollziehen, ohne diese Geschichten im Detail bewerten zu wollen.

Aber ist das der richtige Weg? Ist der HSV jetzt „endlich“ dran? Wollen wir den Abstieg jetzt „endlich“ einfach so hinnehmen? Vielleicht wäre das wirklich die einfachste und bequemste Möglichkeit, mit der Situation umzugehen. Aber ist es auch das, was uns Fans ausmacht? Ausmachen sollte? Uns Supporters? Uns allen, die wir seit Jahren für den HSV leben und ihn begleiten? Einfach? Bequem? Sind das wirklich die Eigenschaften, welche die Jungs und Deerns aus Hamburg ausmachen? Die Jungs und Deerns aus dem Norden, die jedem Sturm mutig gegenüberstehen?

Sturmerprobt, das war der HSV Slogan zu Saisonbeginn. Nicht nur beim aktuellen blauen Auswärtstrikot, auch beim Auswärtsspiel in Berlin wurde dieses Motto in der damaligen Choreo aufgegriffen. Sturmerprobt, und das seit Jahren schon. Und aktuell ist der HSV wieder in einem Sturm, wenn nicht sogar in einem Orkan. Unser HSV. Den wir alle lieben und dem wir alle treu ergeben sind. Und dann wollen wir es uns einfach und bequem machen und aufgeben? Ist das die Hamburger Art, damit umzugehen? Wir glauben nicht.

Und daher appelliert der Supporters Club nicht nur an euch, er fordert euch sogar auf:

Seid nicht nur sturmerprobt, sondern stemmt euch mit aller Macht und Kraft dem Sturm entgegen. Mit allem was ihr habt. Denn das ist genau das, was uns in den letzten Jahren ausgemacht hat. Wenn es stürmisch für den HSV wird, wenn es hart für den HSV wird, wenn es eng für den HSV wird, dann stehen wir alle nicht nur eng zusammen, sondern geschlossen hinter unserem HSV. Nennt es „Jetzt erst recht!“, nennt es „Alle Mann an Bord!“, nennt es wie ihr wollt, drauf geschissen, ist auch völlig egal – die Hauptsache ist, dass wir alle weiterhin gemeinsam den HSV unterstützen. Alles geben. Für den HSV. Und wenn es nur darum geht, am Ende sagen zu können, dass wir als Fans alles gegeben haben.

Denn eigentlich ist es euch und uns ja nun wirklich nicht egal, ob der HSV absteigt.

Euer HSV Supporters Club

 

Es ist wahrscheinlich der letzte Strohhalm neben (wie auch immer erreichten) Siegen auf dem Platz, um dem Abstiegsstrudel noch zu entkommen. Denn diese Müdigkeit, wider die eigene Ansprüche eine Mannschaft bzw. einen Verein geschweige denn ihn noch mehr und noch bedingungsloser als zuvor zu unterstützen – sie ist unübersehbar. Gegen Hannover kamen gerade einmal 46016 Zuschauer. „Weil es Sonntagabend und kalt war“, wollten die Optimisten den Grund ausgemacht haben. Aber angesichts der Situation des HSV und der Bedeutung dieses Spiels kann das nicht zählen. Nein, die Richtung ist klar – und die Supporters spüren das im eigenen Block, in der eigenen Kurve. Daher auch dieser Appell. Allein, ob er noch die Wirkung hat wie der eine oder andere Appell in den letzten Jahren, das bezweifle ich stark.

Nein, so sehr dieser HSV diese Unterstützung auch gerade jetzt braucht – er hat den Anspruch darauf schlichtweg verspielt. Von daher wäre ein Offener Brief an die Mannschaft und vor allem einer mit der Frage nach Rücktritten an die Vereinsführung gerichtet sicher deutlich begründeter – wenn auch sehr wahrscheinlich sehr wirkungslos. Eben so, wie die Vereinsoberen seit langer Zeit.

 

In diesem Sinne, bis morgen. Da meldet sich Lars bei Euch. Ich bin am Freitag wieder da.

Scholle

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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