Tobias Escher

27. Oktober 2019

Die Vorbereitung auf ein Spiel gegen den VfB Stuttgart ist nicht leicht. VfB-Trainer Tim Walter hat ein ganz eigenes taktisches System entworfen, das es in dieser Form kein zweites Mal gibt. Umso beeindruckender war die Leistung des Hamburger SV. Sie ließen den VfB selten zur Entfaltung kommen und errangen einen furiosen 6:2-Erfolg. Die zweite Halbzeit zeigte jedoch, dass der HSV durchaus mit Respekt in das Pokal-Duell am Dienstag gehen sollte.

Teams von Tim Walter spielen keinen normalen Fußball. Das war bereits bei Holstein Kiel so und führt sich nun in Stuttgart fort. Walter fordert von seinen Spielern, im Spielaufbau ständig vorzurücken. Das betrifft nicht nur - wie bei den meisten Teams üblich – die Spieler auf den Außen, sondern auch im Zentrum. So geschieht es häufig, dass die Innenverteidiger in den freien Raum vor der Abwehr stoßen und plötzlich zu Sechsern mutieren. Der VfB kann durch dieses ständige Vorrücken Dynamik in Richtung gegnerisches Tor entwickeln.

Der (fast) perfekte Matchplan

Mit Tobias Schweinsteiger arbeitet im Hamburger Trainerstab ein ehemaliger Kollege von Walter; die Beiden haben bei den Bayern zusammengearbeitet. Er kennt Walters System also nur zu gut. Inwieweit Schweinsteiger Ideen eingebracht hat bei der Entwicklung des Matchplans für das VfB-Spiel, lässt sich von Außen kaum beurteilen. Unstrittig ist: Der HSV war perfekt eingestellt auf das Stuttgarter System.

Das begann bei den Wechseln in der Startelf: Dieter Hecking rotierte Lukas Hinterseer raus, Martin Harnik wechselte ins Sturmzentrum und – Überraschung – Christoph Moritz kehrte aus der Versenkung zurück. Der HSV war aufgestellt in einem defensiven 4-1-4-1-System. Auffällig war, wie sich die Rolle der Achter im Vergleich zu den vergangenen Partien verändert hat: Moritz und Jeremy Dudziak agierten recht tief, sie hielten den Kontakt zu Sechser Adrian Fein.

Taktische Aufstellung HSV-VfB

 

Das hatte einen besonderen Hintergrund: Der HSV wollte keine Räume öffnen für das Vorrücken der gegnerischen Innenverteidiger. Diese sollten, wenn sie in den Sechserraum aufrücken, nicht hinter Hamburgs Achter gelangen. Der HSV agierte dadurch merklich defensiver als zuletzt, sie überließen Stuttgart den Ball. Die Idee ging auf: Stuttgarts Innenverteidiger stießen ohne Ball in einen Raum vor, der komplett blockiert war. Sie raubten sich damit selbst Anspieloptionen im Spielaufbau. Bakary Jatta und Sonny Kittel verhinderten mit ihrem aggressiven Aufrücken, dass Stuttgart stattdessen den Ball auf die Außenverteidiger spielen konnte. Der VfB hatte zwar viel Ballbesitz, erzielte aber keinen Raumgewinn.

Das lag nicht zuletzt daran, dass die Hamburger auch in der letzten Linie stets konsequent verteidigten. Mit zunehmender Spieldauer versuchten die Stuttgarter, mit langen Bällen aus der Abwehr das Glück zu erzwingen. Habe ich das Verhalten nach langen Bällen zuletzt häufiger kritisiert, harmonierte die Viererkette in diesem Spiel sehr gut. Stuttgart schuf sich mit den langen Bällen eher Probleme, als dass diese im Spielaufbau halfen.

Offensiv überzeugte der HSV mit einem guten Zusammenspiel zwischen Außenstürmern und Achtern. Kittel und Jatta wählten häufig den Weg zum Tor. Moritz und Duziak besetzten in diesen Situationen die Außen. Über Doppelpass-Kombinationen verschaffte sich der HSV Raum. Längere Ballbesitz-Phasen der Hamburger waren zwar selten; dazu presste der VfB in der eigenen Rautenformation zu aggressiv. Doch immer wenn sie die Außen fanden, wurde es gefährlich.

Nach der Pause

Der HSV profitierte in der ersten Halbzeit von einer Stuttgarter Mannschaft, die Fehler an Fehler reihte. Diese Fehler in Kombination mit einer starken Defensivleistung bescherte dem HSV eine 3:1-Pausenführung. Nach der Pause entstand ein ausgeglicheneres Spiel. Walter hatte seine Mannschaft angepasst. Gonzalo Castro übernahm die Position als linker Außenverteidiger, hielt sich aber praktisch permanent zentral auf. Er besetzte nun den Sechserraum und nicht etwa die Stuttgarter Innenverteidiger.

Diese bewegten sich häufiger mit dem Ball am Fuß in den freien Raum vor Moritz und Dudziak. Sie erzwangen damit eine Reaktion. Häufig waren es Jatta und Kittel, die ins Zentrum einrückten und zum Zweikampf übergehen wollten. Das nutzte Stuttgart, um Verlagerungen auf den gegenüberliegenden Flügel zu schlagen. In den ersten zwanzig Minuten nach der Pause gelang es Stuttgart tatsächlich besser, das Spiel in die Hamburger Hälfte zu tragen.

 

Stuttgarts verbessertes Aufbauspiel hatte eine Schattenseite. Durch das fehlende Vorrücken der Innenverteidiger blieb ihr Mittelfeld unterbesetzt. Selbst Castro rückte häufig bis an Hamburgs Abwehrkette vor. Es entstanden teils recht unschöne 3-2-5- oder gar 4-1-5-Staffelungen. Wenn Stuttgarts Diagonalbälle einen Abnehmer fanden, hatten sie fünf Spieler in der letzten Linie und erzeugten Gefahr. Wenn ihre langen Bälle jedoch beim HSV landeten, konnten diese mit einem simplen Pass auf Harnik in eine Überzahlsituation gelangen. Das gelang dem HSV just in dem Moment, als das Spiel nach dem aberkannten Stuttgarter Tor zu kippen drohte.

Fazit und Ausblick

Am Ende war der Sieg selbst in der Höhe nicht unverdient. Dass der HSV das Spiel in der Defensive gewann, klingt angesichts eines Spielstands von 6:2 zunächst seltsam. Genau dies war aber der Fall: Stuttgarts einzige Lösung gegen Hamburgs Spielsystem lautete, immer mehr Spieler nach vorne zu werfen. Das verschaffte ihnen zwei Tore, sorgte aber auch für riesige Lücken in der Defensive. Diese nutzte der HSV perfekt aus und traf seinerseits sechsmal.

Ob es am Dienstagabend so weitergeht, ist indes fraglich. Walter bewies bereits in der zweiten Halbzeit, dass er durchaus Lösungen hat gegen Hamburgs 4-1-4-1-System. Eine stärkere Fokussierung auf Spielverlagerungen könnte den HSV in Bedrängnisse bringen, genauso ein fokussierteres Defensivspiel des VfB. Denn klar ist auch: Die Partie am Dienstag geht bei 0:0 los. Gegen den HSV musste der VfB hingegen achtzig Minuten einem Rückstand hinterherlaufen. Sie mussten mehr Leute nach vorne schicken, als selbst dem offensiv denkenden Walter lieb war.

Man darf daher gespannt sein, ob Hecking an Formation und Personal festhält. Gerade auf den Flügeln könnte sich etwas tun, schließlich bescherte der HSV den Hamburgern nach der Pause hier Probleme. Bange muss dem HSV allerdings nicht sein. Sie haben ja bereits unter Beweis gestellt, dass sie mit Walters unorthodoxem System klarkommen.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.