Christian Hoch

18. Juli 2019

In zehn Tagen beginnt für den sechsfachen Deutschen Meister Hamburger Sportverein die Mission „Aufstieg in die Bundesliga“ - und das bereits zum zweiten Mal. Nach dem Desaster aus der vergangenen Saison will der HSV mit aller Macht zurück ins Oberhaus des deutschen Fußballs, setzt sowohl im Trainerstab und innerhalb der Mannschaft auf den Faktor Erfahrung. Dabei gehen die Verantwortlichen ins Risiko: Scheitert die Mission erneut, stünden nicht nur sie auf dem Prüfstand, dann wäre auch der aktuelle Kader nicht mehr zu finanzieren. Der HSV und ein letzter Versuch?

In einem Interview mit der SportBild äußerte sich Jonas Boldt vor wenigen Tagen vielsagend. Auch Bernd Hoffmann und Dieter Hecking waren bei dem Gespräch dabei. Angesprochen auf seine Aussagen, der HSV dürfe sich nicht totsparen, sagte Boldt: „In unserer aktuellen Situation denke ich, dass wir finanziell ins Risiko gehen sollten. Wenn wir einfach nur verwalten, dann werden wir nicht erfolgreich sein. Was ich intern immer wieder sage: Es muss ein Sinn dahinterstecken. Wir müssen kluge Entscheidungen treffen. Und fest steht: Bei uns gibt es in vielen Bereichen Verbesserungsbedarf.“

Verbesserungsbedarf besteht vor allem in personeller Hinsicht

Der größte Bedarf bestand und besteht weiterhin vor allem in personeller Hinsicht. Denn die Qualität des aktuellen Kaders reicht noch nicht, um den Aufstieg zu schaffen - das ist auch intern klar. Laut BILD habe Jonas Boldt deswegen auch im Aufsichtsrat die Pläne hinterlegt, das Volumen des Lizenzspieleretats um bis zu drei Millionen Euro zu erhöhen. Aktuell liege dieser bei 26 Millionen. Sollte der offenbar geplanten Erhöhung stattgegeben werden, dann würden die momentanen Verantwortlichen mehr Geld zur Verfügung haben als Ralf Becker und Co. für die vergangene Saison. Die Tendenz ist klar: Der HSV will alle Möglichkeiten ausreizen und setzt alles auf eine Karte.

Mit dem Wechsel auf der Position des Sportvorstands von Ralf Becker (48) zu Jonas Boldt (37) markierte Vorstandsboss Bernd Hoffmann das erste Ausrufezeichen. Die Inthronisierung des neuen Trainerteams um Dieter Hecking (54), Dirk Bremser (53) und Tobias Schweinsteiger (37) war dann die nächste Weiche vor Saisonbeginn, wenngleich auch Ex-Vorstand Sport Becker bereits mit Hecking eine Einigung erzielte. Auch die bisherigen Neuverpflichtungen gehen zum Großteil noch auf Beckers Konto: David Kinsombi, Lukas Hinterseer, Daniel Heuer Fernandes, Jan Gyamerah, Jeremy Dudziak. Das Beuteschema und die Strategie ist klar: bestes Fußballeralter, gute Mentalität, Erfahrungen in der Zweiten Liga.

Kurswechsel noch nicht abgeschlossen

Mit Sonny Kittel, Adrian Fein, Tim Leibold und Ewerton kamen vier weitere Neuverpflichtungen hinzu, die exakt in dieses Anforderungsprofil passen. Doch nach den Eindrücken der bisherigen Sommervorbereitung muss die klare Erkenntnis lauten: Der HSV benötigt dringend weitere Verstärkungen, vor allem im offensiven Bereich. Der Kurswechsel ist also noch nicht abgeschlossen. Klar ist: Boldt will personell nachlegen, aktuell ist aber Stillstand, weil er wohl noch die Genehmigung der Gelder aus dem Aufsichtsrat braucht. Am liebsten würde der HSV dazu noch fünf Spieler abgeben: David Bates, Gotoku Sakai, Tatsuya Ito, Julian Pollersbeck und Vasilije Janjicic. Einen wirklichen Markt haben diese Spieler aber derzeit nicht. Sakai selbst strebt immerhin selbst einen Vereinswechsel an, an Ito sollen Vereine aus den Niederlanden und Belgien interessiert sein. Auch Janjicic dürfte kein Interesse daran haben, die Saison in der U21 zu verbringen. Ob es aber zu Wechseln kommt, ist noch nicht abzusehen.

 

Es ist eine Herkulesaufgabe für die neue HSV-Führung um Vorstandsboss Bernd Hoffmann, Vorstand Sport Jonas Boldt, Sportdirektor Michael Mutzel und Trainer Dieter Hecking. Viele Personen sind vor ihnen gescheitert, der HSV steht in den vergangenen Jahren ausschließlich für Miseren, Skandale und kontinuierlichen Niedergang. Auch in der vergangenen Saison wurden Fehler gemacht, die letztlich dazu geführt haben, dass der HSV ein weiteres Jahr in der Zweiten Liga spielt und zusehen muss, wie er den Anschluss an Klubs wie Freiburg, Mainz 05 und Augsburg zunehmend verliert - ein finanzieller und sportlicher Drahtseilakt.

Wer würde einen Nicht-Aufstieg finanzieren?

Natürlich ist das Szenario des erneuten Nicht-Aufstiegs aktuell im Konjunktiv geschrieben, genau so aber auch das Szenario des Bundesliga-Aufstiegs. Das vergangene Jahr hat gezeigt: Der HSV war einer der großen Favoriten, aufgestiegen ist er dennoch nicht. Eine Garantie wird es dafür auch in dieser Spielzeit nicht geben, es muss natürlich dennoch alles daran gesetzt werden, den Sprung ins Oberhaus zu schaffen. Doch die Möglichkeit des Zweitliga-Verbleibs zu vernachlässigen und nicht zu berücksichtigen, wäre fahrlässig. Die große Frage bleibt: Wie würde die Perspektive aussehen?

Mit einem 28 Millionen Euro-Etat würde man ohne externe Unterstützung wohl kaum einen erneuten Angriff starten können. Aus Reflex könnte der eine oder andere HSV-Fan auf den Namen Klaus-Michael Kühne kommen, doch Bernd Hoffmann will sich zunehmend vom zuverlässigen Geldgeber der vergangenen Jahre emanzipieren. Viele Fragen, bislang kaum Antworten, nur noch wenig Zeit.

Keine Euphorie spürbar

Anders als vor einem Jahr ist zudem keine Euphorie in Hamburg und um den HSV zu spüren. Berechtigter Einwand: Wieso sollte es auch eine geben? Zu oft wurden die Fans in den vergangenen Jahren von falschen Versprechen geblendet und am Ende enttäuscht. Zum Saisonauftakt gegen Darmstadt 98 sind aktuell rund 36.000 Tickets verkauft, davon ungefähr 24.000 Dauerkarten. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass die Geduld der Anhängerschaft des HSV unendlich ist. Die Konsequenzen einer weiteren Enttäuschung kann sich jeder selbst ausrechnen. Der HSV und ein letzter Versuch.

P.S.

In Bezug auf Rick van Drongelen können wir Entwarnung geben: Der Niederländer fehlte gestern im Test gegen den SV Rugenbergen und war auch am Donnerstag nicht auf dem Trainingsplatz. Der Grund: Belastungssteuerung, der Innenverteidiger absolvierte ein Alternativprogramm im Kraftraum. 

Wir melden uns auch morgen wieder um 7:30 Uhr mit dem Morning-Call bei euch und starten mit allen HSV-News gemeinsam in den Tag. Am Freitag ist dann auch noch um 15:30 Uhr Training, wo wir natürlich auch für euch dabei sein werden. Am Sonnabend trifft der HSV im Rahmen der Saisoneröffnung um 13:30 Uhr im Volkspark auf das belgische Spitzenteam RSC Anderlecht. Ex-HSV-Spieler Vincent Kompany kehrt da als Spielertrainer nach Hamburg zurück.

Bis morgen

Christian

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.