Marcus Scholz

13. Mai 2019

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Die wirklich tiefe Niedergeschlagenheit ist irgendwie noch nicht da.  Denn noch kann keiner gänzlich überblicken, was da auf den HSV zukommt. Und damit meine ich nicht die Liga an sich - denn die habe ich in diesem einen Jahr deutlich intensiver kennengelernt als es mir recht war. Nein, es fehlt einfach noch der Überblick über das, was sich hier beim HSV in den nächsten Wochen tun wird. Denn dass sich etwas ändern muss ist logisch. Aber das wissen wir hier wie alle ehemaligen und aktuellen Verantwortungsträger seit vielen Jahren. Das erzählen die Verantwortlichen ja auch seit vielen Jahren. Auch im vergangenen Sommer hatten sich die Verantwortlichen hingestellt und davon gesprochen, dass man das Zweitligajahr zum Neuaufbau nutzen wolle. Sportvorstand Ralf Becker war im Sommer 2018 beauftragt, einen Kader zusammenzustellen, der jünger, günstiger und trotzdem erfolgreich den Wiederaufstieg schaffen sollte. Und er war nach eigenen Aussagen auch seit Saisonbeginn felsenfest davon überzeugt, dass das klappt. Mit bekanntem Ergebnis.

Und genau das lässt mich noch nicht erkennen, was jetzt passieren wird. Denn natürlich hat längst das „Rette-sich-wer-kann“-Verhalten eingesetzt. Seit Wochen latent, indem sich der eine oder andere hinter vorgehaltener Hand über den Trainer, die Mannschaft oder den Vorstand auslässt. Und das ist seit Paderborn nicht weniger geworden. Denn es werden die Schuldigen gesucht für den Nichtaufstieg, der für mich noch schwerer wiegt als der Abstieg. Denn dieses Jahr aufzusteigen war - wider alle Warnungen vor einer ach so ausgeglichenen Liga - so leicht, dass man sich schon extrem dumm anstellen musste, um dem Aufstieg auszuweichen. Zum Beispiel als Herbstmeister mit 16 Punkten aus 16 Rückrundenspielen…

 

 

Und wie in den letzten Jahren machen einen die Gründe für diese Katastrophenbilanz wahnsinnig. Gestern brach es auch aus dem Trainer raus, und er gab zu, was viele schon seit Wochen und  Monaten vermutet hatten. Wolf indes hatte sich bis zur letzten Chance auf den Aufstieg stets zurückgehalten. Seit gestern weiß allerdings auch er, dass seine Zeit beim HSV sehr endlich ist - nett formuliert. Seine Hoffnung, sich trotz aller Widerstände und Missstände ins Ziel zu retten ist nicht aufgegangen, wie Wolf Gestern sagte. „Mir tut es total leid für unsere Fans. Wir müssen uns aber eingestehen, dass es manchmal nicht reicht, sich dagegen zu stemmen und alles zu geben. Irgendwann war es egal, wie du aufstellst und wie du einstellst, da war das Ding schon kollabiert.“ Das Fatale daran: Damit meinte Wolf nicht allein das Paderborn-Spiel sondern die letzten Wochen und Monate. Er erklärte damit auch, weshalb er so wild aufstellte und immer wieder neue Taktiken mit immer neuem Personal versuchte. Wolf wusste einfach, dass er auf einen Luckypunch setzen musste, weil diese Mannschaft nicht mehr das Eigenleben hatte, um zu funktionieren.

Es gab einfach keinen erkennbaren, rationalen Ansatz mehr, diese Mannschaft erfolgreich spielen zu lassen. Und das ist ein Armutszeugnis sondergleichen. Für die Mannschaft - aber noch mehr für die Verantwortlichen, die diese Entwicklung zugelassen haben. Und damit kommen wir wieder zum „Rette-sich-wer-kann“-Verhalten: Intern ist bereits geklärt, wie es weitergeht. Neben dem einen oder anderen Spieler wird auch der Trainer gehen müssen und als Buhmann herhalten. Ein Stilmittel, das in den letzten Jahren immer wieder bestens funktioniert hat, denn so brachten  sich die nicht minder für den Misserfolg verantwortlichen Entscheidungsträger erstmal aus der Schusslinie.

 

 

Nein, es herrscht beim HSV seit Jahren und noch immer kein kontrollierendes Gleichgewicht. Das ist bekannt. Im Aufsichtsrat hat Vorstandsboss Bernd Hoffmann keine Kritiker mehr - und Hoffmann wiederum steht hinter Becker. Und das ist schwierig, wenn Hoffmann es zu seinen Gunsten und an den HSV-Interessen vorbei nutzt. Andererseits ist es eine gute Basis, wenn der Vorstandsboss so einen konsequenten,  gemeinsamen Weg verfolgt. Denn das wiederum ist der einzige Weg, wie der HSV überhaupt irgendwann wieder Erfolg haben kann. Und Einigkeit ist vernünftig eingesetzt auch nichts schlechtes. Problematisch wird es nur, wenn es diesen klaren Weg eben nicht gibt - so, wie im vergangenen Sommer, als man sich dazu entschloss, Interimstrainer Christian Titz zum Cheftrainer mit einem Vertrag auszustatten. Und das, obwohl man damals mit anderen, bevorzugten Kandidaten verhandelte.und es nur der öffentliche Druck nach der guten Schlussphase des HSV war, der es dem Vorstand verhinderte, einen anderen Trainer als Titz zu installieren. Übrigens: Titz, der sich „aus Respekt vor dem Verein und seinen Menschen“ weiterhin nicht zum HSV äußern will, wusste das seinerzeit.

Titz ging also von Beginn an geschwächt ins Rennen und wurde nach zehn Spieltagen für seine riskante Spielweise und 1,8 Punkte im Schnitt rausgeschmissen. Weil man die Ziele gefährdet sah. Eben die Ziele, die man jetzt krachend verfehlt hat. Zudem wurde die Kritik an den Stammspielern unter Titz lauter. So laut, dass ein Teil von ihnen im Winter (Steinmann und Moritz) den Klub wechselte. Das Nichtaufstellen von Pierre Michel Lasogga wurde zum Politikum hochstilisiert - immer schön im Doppelpass mit verschiedenen, begünstigten Medien. Und dieser Doppelpass wird übrigens auch jetzt im maximalen Misserfolg weitergespielt. Man braucht sich gegenseitig. Und man braucht einen Schuldigen, wofür sich die Spieler bestens eignen, die eh am Saisonende gehen. Aber da das allein wahrscheinlich nicht reichen wird, um die Öffentlichkeit ruhig zu stellen und der Ankündigung, rigoros und schonungslos zu analysieren, nicht genügt, wird aller Voraussicht nach auch der sportlich erste Verantwortliche geopfert, Trainer Hannes Wolf. Das alles gepaart mit ein paar populistisch formulierten Sätzen von einem Neuanfang und einem radikalen Umbruch hin zum Charakter - das recht schon! Das stimmt erstmal alle gnädig und die Verantwortlichen haben ihre Ruhe.

Und nein, ich will den Trainer hier nicht freisprechen. Überhaupt nicht. Er hat letztlich auch selbst entscheidende Fehler gemacht. Er hat aus der von Becker und Titz auf Ballbesitz ausgerichteten und danach zusammengestellten Mannschaft versucht, eine Umschaltmannschaft zu formen. In der Hinrunde war das noch relativ erfolgreich - wenn auch oft schon sehr knapp. Aber in der Rückrunde hatten die Gegner das dadurch sehr eindimensionale HSV-Spiel schnell entschlüsselt. Und Wolf ist sehr wahrscheinlich für diese HSV-Mannschaft auch nicht der richtige Trainer. Ihm fehlte die nötige Empathie, um aus seinem Kader eine funktionierende Einheit zu formen. Seine oft wilden und auch für mich  wenig bis gar nicht nachvollziehbaren Versuche am Saisonende waren das Ergebnis einer Ohnmacht, der man unbedingt einen Riegel vorschieben muss.  Und das geht nur auf zwei Arten: Mit einer komplett umstrukturierten und zu Wolfs System passenden Mannschaft - oder eben mit einem neuen Trainer, der zum Kader und den Vorstellungen Beckers passt.

 

 

Namen von Kandidaten werden schon genügend gehandelt. Aber mal völlig losgelöst davon, wer hier am Ende das Zepter schwingen darf (muss), das größte Problem bleibt die seit Jahren höchst fragile HSV-Struktur, wie sich heute erneut bestätigte. Da meldete sich HSV-Investor Klaus Michael Kühne zu Wort und monierte in der ihm eigenen, respektlosen Art den HSV-Angestellten gegenüber, dass er doch schon im Februar den Trainerwechsel gefordert habe. Und leider sagen einige jetzt zuerst „Hätte man mal auf ihn gehört“, anstatt zu erkennen, dass derartige Vorstöße im Hintergrund den gesunden Ablauf eines funktionierenden Profifußballklubs immer wieder nachhaltig stören und dafür sorgen, dass eben nichts funktioniert. Denn so viel Geld und Anteile Klaus Michael Kühne auch haben mag, nachhaltig auf das operative Geschäft einzuwirken ist einfach nicht seine Aufgabe. Aber macht Euch selbst ein Bild. Seine Mitteilung von heute im Wortlaut:

„Ich habe Aufsichtsrat und Vorstand der HSV Fussball AG sowie den Präsidenten des Hamburger Sportverein e.V. am 26. Februar ds.Js. schriftlich empfohlen, den Trainer auszuwechseln, weil sich mit dem in Regensburg verlorenen Spiel der Niedergang für mich abzeichnete und er durch falsche Entscheidungen des Trainers gekennzeichnet war. Ich habe das Erfordernis eines Trainerwechsels anschliessend mehrfach thematisiert. Die fehlende Handlungsbereitschaft der einschlägigen Gremien war aus meiner Sicht verhängnisvoll. Dass der Aufstieg nicht gelingen würde, war mir schon vor mehreren Wochen klar.

Ich hoffe, dass nach mutigen Personalentscheidungen eine gänzlich neue Mannschaft aufgebaut wird. Das wird ein hartes Stück Arbeit werden, denn die Konkurrenz ist auch in der 2. Bundesliga sehr gross. Aber nur ein Neuanfang mit vielen frischen, engagierten Spielern kann zu Aufbruchsstimmung und einer neuen Moral führen.“

Dieser HSV ist tatsächlich noch weiter gefallen als im vergangenen Sommer mit dem erste Abstieg der Vereinsgeschichte. Und so gern jetzt viele hier die ganzen Kommentare der Uli Steins, Felix Magath, Willi Schulz’ und Co. lesen mögen: Ich werde sie nicht zitieren. Solange sie keine aktive Hilfe bzw. Lösung beinhalten - und das hat keiner der Ehemaligen. Ihre Reaktionen von gestern, heute und sicher auch noch morgen sind für mich keine Anteilnahme sondern Katastrophentourismus. Mal ein wenig reinschauen, pöbeln - und weiterziehen. Wobei ich bei Felix Magath noch immer glaube, dass es auch darum geht, sich hier beim HSV weiter im Gespräch zu halten. Was es allerdings keinen Deut nicht besser macht…

In diesem Sinne, bis morgen. Die vor uns liegende Woche wird leider lang und zäh werden. Vor dem Duisburg-Spiel soll es in Sachen Wolf nach meinen Infos zudem keine verbindliche Entscheidung seitens des Vorstandes geben. Wozu auch, es gibt ja nichts mehr zu gewinnen. Leider. Ich melde mich dann morgen früh um 7.30 Uhr wieder mit dem MorningCall bei Euch. Bis dahin!

 

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.