Marcus Scholz

8. Dezember 2019

Versprochen, der Blog zum zweiten Advent wird nicht zu lang. Aber  ein paar Gedanken muss ich dann doch noch mal loswerden, nachdem die zweite Niederlage in Folge den HSV in die Krise zerrt. Zumindest sehen das ja einige von Euch so. Ich indes glaube nicht an eine Krise, sehr wohl aber daran, dass der HSV diese Phase nutzen muss, um genau zu erkennen, was noch fehlt, um beständig gut zu spielen und aufzusteigen. Denn Fakt ist, dass die Leistungsträger der bisherigen Saison aktuell nicht Inn der Verfassung sind, Spiele zu entscheiden. Jatta am Freitag nicht, Kittel schon seit ein paar Wochen nicht mehr. Adrian Fein ist sogar noch ein wenig länger nicht mehr der entscheidende Stratege im Zentrum. Oder besser formuliert: Er ist es - aber leider nicht mehr im positiven Sinne. Und das ist auch nicht schlimm.

Im Gegenteil: Bei einem 20-Jährigen muss man genau damit rechnen. Schlimm ist nur, dass ihn niemand ersetzen kann und das Kollektiv einen Fein-Ausfall nicht kompensiert. Aaron Hunt schaffte es nicht, Dudziak war zwar einer der aktiveren - aber auch er konnte Feins fehlenden Prozente nicht ausgleichen. Und wenn man sich den Kader ansieht, dann gibt der positionell schon gar keinen direkten Ersatz her. „Noch nicht“, würde Hecking jetzt sagen. Denn der HSV-Trainer rechnet damit, dass sich David Kinsombi im Laufe der Winterpause wieder an seine eigenen 100 Prozent herantrainieren und diese dann im neuen Jahr ausspielen wird. Problem hierbei: Bis dahin stehen noch zwei Spiele auf dem Plan, die der HSV gewinnen muss, wenn er ganz oben dranbleiben will. Hecking selbst bleibt betont ruhig: „Ich sehe es bei uns so, dass es Wellen sind, die für unsere Mannschaft normal ist. Wir haben eine Mannschaft, die aus guten Zweitligaspielen zusammengesetzt ist, die sich entwickeln. Wir haben viele junge Spieler dabei, denen wir diese Phasen zugestehen müssen. Ich konnte nie erwarten, dass diese Spieler 34 Spieltage am Limit arbeiten können.“

Aber zumindest scheint klar zu sein, dass der HSV auf der Sechs im Winter nichts machen will/wird. Anders sieht das da mit der Offensive aus. Hier fehlt dem HSV ebenso wie in der Innenverteidigung Tempo. Läuferisch zum einen - aber spielerisch vier allem. Denn was nützen gefühlte 100 Prozent Ballbesitz und die Milliarden angekommener Pässe, wenn man damit nicht den entscheidenden Raum gewinnt und Torabschlüsse kreieren kann? Womit ich auch wieder bei Fein bin, der - aus welchem Grund auch immer - den eigenen Torabschluss irgendwie zu umgehen versucht. Auch gegen Heidenheim hatte er zwei, drei Situationen, wo er aus 20 Metern hätte abziehen können. Er tat es aber nicht. Stattdessen versuchte er per Traumas seine Angreifer in Szene zu setzen, was nicht gelang.

 

Aber das Problem des Spieltempos ist für mich ebenso ein Kernproblem wie es nicht an Fein allein festzumachen ist. Ohne schnelles (Pass-)Spiel hat der HSV keine, oder genauer: kaum eine Chance, die immer wieder sehr tief stehenden Gegner wie beispielsweise Heidenheim am Freitag auseinander zu spielen. Das Überraschungsmoment fehlt und es führt dazu, dass wir uns immer wieder darüber unterhalten müssen, wie ideenlos und uninspiriert das HSV-Spiel aussah. Die Frage hierbei ist aber: Kann man das durch simple Umstellungen oder vielleicht einen Neuen Offensivspieler im Winter beheben? Ich behaupte: nein.

Hecking fordert mehr Mut und Torabschlüsse

Deshalb habe ich Trainer Dieter Hecking gestern darauf angesprochen und gefragt. „Es wird immer gesagt, es würde die Leichtigkeit fehlen, wenn es mal nicht läuft. Aber das ist total falsch. Gegen zehn Mann sich durchzuspielen ist das Schwerste, was es gibt. Wir hätten deutlich mehr Freistöße ziehen müssen, Flanken schlagen und das Eins-gegen-Eins suchen anstatt immer wieder abzubrechen. Vorn musst Du mehr riskieren, um eine unbedachte Aktion des Gegners zu ziehen. Uns fehlt die Zielstrebigkeit“, so der Trainer, ehe er erklärte, wie er das eigene Spieltempo sieht: „Es ist nicht so einfach. Wenn du den Ball so scharf spielst, musst du ihn auch verarbeiten können“stellt Hecking seinen Spielern nicht das beste Zeugnis aus, um zu erläutern: „Dabei helfen die Platzverhältnisse nicht gerade. Zumal dann nicht, wenn du eng auf dem Gegner stehst.“ Soll heißen: Hier hat der HSV nicht allein ein taktisches, personelles Problem - hier besteht auch ein Qualitätsmangel, den man einkalkulieren muss.

 

Bleibt die Frage nach der Lösung, denn es ist kein Geheimnis, dass der HSV in den nächsten Spielen immer wieder vor dem Problem tief stehender Gegner stehen wird. Ob man die personellen Mittel hat, das Prinzip Brechstange zu spielen? Hecking sagt nein. Man habe gegen Heidenheim mit Lukas Hinterseer genau das versucht. Der Österreicher sollte noch etwas mehr Wucht ins Spiel bringen. Timo Letschert sollte mit vorn rein, hörte aber die Anweisungen des Trainers nicht, verriet uns Hecking. „Klar ist aber, da haben andere Mannschaften deutlich mehr Möglichkeiten als wir. Wir müssen einfach mehr Risiko nehmen, auch auf die Gefahr hin, den Ball mal zu verlieren. Wir müssen mehr schießen, den Abschluss provozieren“, so Hecking, der ausschließt, dass man sich taktisch um 180 Grad drehen wird. Zuhause hinten reinstellen und den Gegner locken - das will Hecking nicht. „Das kann mal ein Hilfsmittel sein, aber das werden unsere Gegner nicht annehmen. Das wird vielleicht mal in Stuttgart anders - aber sonst eher nicht.“

Hinten reinstellen und den Gegner locken? Nicht mit Hecking.

Zusammengefasst kann man also sagen, dass der HSV spielerisch nicht in der Lage ist, tief stehende Gegner dauerhaft mit Kombinationsfußball zu knacken. Die Brechstange hat der HSV personell nicht im Kader. Bleibt nur die Grundeinstellung: Mehr Risiko ist gefragt. Mehr eins gegen eins in der Offensive, mehr Schüsse aus der Distanz - einfach mehr Bälle in die Gefahrenzone. Tore erzwingen, den Gegner zu Fehlern zwingen - darauf wird es ankommen. Nicht allein bei Fein, sondern bei allen in der Offensive.

 

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen zweiten Advent. Ich melde mich morgen früh wieder mit dem MorningCall num 7.30 Uhr bei Euch und werde ab 14.30 Uhr für Euch die nächste Trainingseinheit des HSV begleiten. Morgen wird allerdings nur ein Teil der Mannschaft auf dem Platz stehen, da für Montag und Dienstag noch mal interne Leistungstests anstehen und somit ein Teil immer wieder im Athleticum weilt.

Bis dahin! Scholle

FAQs

 

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.