Marcus Scholz

24. Juli 2020

Es ist im Grunde genommen wie jedes Jahr. Der HSV proklamiert einen Neuanfang und betont dabei noch einmal die besondere Wichtigkeit, die eigenen Talente nachhaltiger auszubilden und vor allem an das Profiteam heran zu führen. Dazu wird der Cheftrainer ausgetauscht und durch einen Neuen ersetzt, der genau das als eines seiner größten Ziele formuliert. Und während es beim HSV in den letzten Jahren In aller Regelmäßigkeit nichts wurde, scheint es dieses Jahr fast schon alternativlos zu sein, auf eigene Talente zu setzen. Stichwort: finanzielle Schwierigkeiten. Auch deshalb haben sich die Verantwortlichen bei der Suche nach einem neuen Co-Trainer Eine interne Lösung überlegt: Hannes Drews, der bislang die U 21 trainierte, soll als Bindeglied zum Nachwuchs mit an Bord genommen werden. Mit anderen Worten: der HSV geht nominell den Weg über die eigenen Talente.

„Entscheidend ist, dass die Position auch ernst genommen wird. Es bringt nichts, wenn das Bindeglied von Jugend zur Profimannschaft letztlich nur bei den Profis stattfindet“, sagt jemand, der diese Position einst innehatte und sie niederlegte, als er merkte, dass diese Position von den Verantwortlichen nicht mehr ernst genommen wird: Marinus Bester. „Dietmar Beiersdorfer, Peter Knäbel, und Bernhard Peters hatten diese Position damals geschaffen, weil sie glaubten, dass es eine ebenso räumlich wie inhaltlich zu große Schere zwischen dem eigenen Nachwuchs und der Profimannschaft gab“, erinnert sich Bester, der inzwischen seine eigene Spielerberateragentur „Bester Sports Hamburg“ führt. „Und ich kann sagen, dass ich diese Position nicht nur gern, sondern auch überzeugt ausgefüllt habe. Denn diese Beobachtung habe ich geteilt.“

Bester war der erste Talentmanager - und ging freiwillig

Bester agierte zwischen 2016 und 2019 drei Jahre lang als Bindeglied zwischen Klein und Groß beim HSV und schimpfte sich seinerzeit „Talentmanager“. Mit dem Ausscheiden von Beiersdorfer, Knäbel und Peters veränderte sich die Wahrnehmung der Bedeutung seiner Position, „Deshalb bin ich damals zum neuen Vorstand Bernd Hoffmann und zu Sportchef Ralf Becker gegangen, und habe gefragt , ob ich in dieser Position Überhaupt gebraucht werde“, erinnert sich Bester, „und Ralf Becker war sehr ehrlich. Er und der Vorstandsboss Bernd Hoffmann machten mir deutlich, dass man sich unter meiner Arbeitsplatzbeschreibung nicht wirklich viel vorstellen konnte. Deshalb habe ich die Reißleine gezogen und um einen Auflösungsvertrag gebeten.“

Und Ich erinnere mich noch sehr genau an diese Situation, die damals für mich sehr überraschend kam. Zumal ich wusste, dass Bester seine Position mit sehr viel Überzeugung ausgefüllt hatte. „Ich bin auch heute noch fest davon überzeugt, dass diese Position eine extrem wichtige Position ist. Es geht hierbei vor allem um Wertschätzung. Den oft gegangenen Weg, Nachwuchsspieler einfach mal ins Profitraining reinzuwerfen, um den Kader aufzufüllen, hat damals schon kaum noch ein Nachwuchsspieler ernst genommen. Spätestens, wenn es in der Saison in die entscheidenden Phasen ging, waren die vorher so hoch gelobten Talente plötzlich wieder außen vor. Und genau diesen Kreislauf wollte und sollte ich aufbrechen. Zumindest bis ich gemerkt habe, dass meine Position von oben nicht mehr als notwendig erachtet wurde.“

 

 

Dass der HSV jetzt mit Hannes Drews einen zweiten Versuch startet, Die Distanz von Nachwuchs zu den Profis zu überbrücken, begrüßt Bester sehr. Aber er warnt auch: „Man muss sehr präsent sein. Es reicht nicht, nur bei den Heimspielen der U17, der U19 oder der U21 auf der Tribüne zu sitzen oder am Rand zu stehen. Es geht auch darum, den Spielern mit Präsenz beispielsweise bei einem Auswärtsspiel morgens um 11 Uhr in Dresden zu signalisieren, dass sie sehr wohl sehr ernst genommen werden.“ Und Bester nennt auch ein Beispiel, wie das funktioniert: „Wenn ich früher als Spieler der U21 wusste, dass parallel zu unserem Spiel auch die Profis spielen, war mir klar, dass von oben eher niemand am Rand zusehen würde. War das aber doch einmal der Fall, habe ich das umso ernster genommen. Es hat mich hoffen lassen, dass der- oder diejenige meinetwegen gekommen ist – und schon deshalb bin ich dann immer ein paar Meter mehr gelaufen. Man sollte nie unterschätzen, wie wichtig bei Talenten der Faktor Hoffnung für die Motivation ist.“

Der Nachwuchs wird nicht ernst genug genommen

Und wie wir schon in unzähligen vorigen Blogs geschrieben haben, ist bei allem Die Nachhaltigkeit entscheidend. Erst wenn Die Nachwuchsspieler erkennen, dass die Profiabteilung ernsthaftes Interesse an den eigenen Talenten hat, glauben diese auch wieder an ihre Chance beim HSV. „Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit bei Werder Bremen, wenn ich mit der zweiten Mannschaft parallel zu den Profis gespielt habe, und Otto Rehhagel eben nicht am Rand stand. auch seine Co-Trainer waren natürlich nicht da, aber stattdessen Stand Frau Rehhagel plötzlich am Rand und schaute zu. Da wussten wir, dass wir so wichtig waren, dass sich Rehhagel selbst dann Infos über uns einholte, wenn er selbst partout nicht konnte. Vor allem dann, wenn er uns nach Spielen, bei denen nur seine Frau anwesend war, auf die dort gezeigten Leistungen ansprach. Denn völlig unabhängig davon, wie fachlich qualifiziert seine Frau war, alle haben dadurch gemerkt, dass Rehhagel sich immer informiert und ernsthaftes Interesse am eigenen Nachwuchs hatte. Und diese daraus entstandene Motivation, sich weiterzuentwickeln, zog sich bis nach ganz unten in die Jugend.“

Beim HSV war das Thema Nachwuchsarbeit in den letzten Jahren immer wieder nur eine glitzernde Hülle ohne Inhalt. Großen Worten folgten selten bis nie Taten. Nachwuchskonzepte wurden ebenso lange erarbeitet, wie schnell wieder über den Haufen geschmissen. Dennoch hoffe nicht nur ich, sondern ganz offensichtlich auch Bester, dass der HSV diesmal zu seinem Glück gezwungen wird. „Die Notwendigkeit wird immer deutlicher“, so der ehemalige HSV-Profi, -Pressestellenmitarbeiter, -Teammanager und -Talentmanager. Er hofft darauf, dass die jungen Talente nicht mehr nur zum Auffüllen des Trainingskaders oder als notwendige Local-Player unter Vertrag genommen werden. „Fakt ist, dass nur ein ganz minimaler Bruchteil von Nachwuchsspielern sofort das Potenzial hat, im Profifußball durchzustarten. Die allermeisten Spieler lernen erst dann, worauf es im Profifußball ankommt, wenn sie unter Profibedingungen gefordert werden. Dabei muss ein Verein einkalkulieren, dass dieser Spieler mal nicht funktioniert – aber ohne ihn sofort wieder abzuschreiben.“

Beim HSV war das in den letzten Jahren selten der Fall. Talente gab es zwar immer wieder. Allein die Geduld fehlte. Und eine richtige Kaderzusammenstellung. Solange du auf dem Platz keine funktionierende Führung hast, sind die meisten Talente überfordert. Beim HSV fehlen seit Jahren die echten Leader. Und leider findet sich auch keine Führungsachse und auch keine Gruppe von erfahrenen Spielern, an denen sich die Talente orientieren und festhalten können. Wenn man die hat, kann es funktionieren. Ansonsten werden Talente zu Hoffnungsträgern – was sie zuerst freut und genauso schnell einen viel zu hohen Druck aufbaut, an dem sie her zerbrechen“, so Bester, der bis heute nicht müde wird, den HSV seinen Verein zu nennen.

Bester hofft auf Drews - und warnt

Auch deshalb hofft er darauf, dass der HSV mit Drews einen ersten großen Schritt in die richtige Richtung geht. „Wenn der HSV seinen Talenten von oben vorlebt, dass alles immer Bedeutung hat und wahrgenommen wird, was auf dem Platz gezeigt wird, dann entsteht eine Leistungskultur, die mich darauf hoffen ließe, dass der HSV endlich aus alten Fehlern lernt. Aber auch nur dann.“

Worte, denen ich mich zu 100 Prozent anschließen kann. Auch deshalb will ich die Ankündigungen Boldts, man werde noch erfahrene Spieler holen müssen, noch nicht in Widerspruch zu dem angekündigten Weg der Talententwicklung setzen. Auch Talente brauchen eine Führung, oder anders formuliert: Nur mit Talenten geht es eben nicht. Aber es wird wieder genau zu beobachten sein, wie der HSV diesen Weg lebt. Klar ist dabei, dass für eine Verbesserung der Situation der erste Impuls von ganz oben ausgehen muss. Thioune‘s Ankündigungen sowie die Beförderung Drews‘ ist aber noch nicht mehr als ein Anfang. Oder um im eingangs gewählten Bild zu bleiben: Die Hülle steht – jetzt muss sie über einen langen Zeitraum mit Inhalt gefüttert werden.

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Freitagabend und noch eine kurze Meldung zum Abschluss: der ehemalige Trainer Dieter Hecking soll sich mit dem 1. FC Nürnberg einig sein, dort die Position des Vorstandes Sport zu übernehmen. Nun denn...

Bis morgen,

Scholle

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