Marcus Scholz

17. Oktober 2017

Ich hatte es gestern ganz bewusst außen vorgelassen. Mir war wichtig, mich zuerst selbst über alle Umstände zu informieren. Denn beim allerbesten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, dass ein HSV-Kapitän einen Youngster so an den Pranger stellt. Schon gar nicht Sakai seinen Landsmann und Freund Ito. Und tatsächlich war es auch nicht so, wie es viele interpretierten. Zumindest haben die beiden Hauptakteure, Gotoku Sakai als Kritiker und Tatsuya Ito als Kritisierter es nach eigenen Aussagen weder so gemeint noch so verstanden. „Er ist noch jung. Es hilft uns aber nicht weiter, wenn er nach 50 Minuten runter muss. Zweimal in Folge nach 50 Minuten ausgewechselt zu werden, ist kein Bundesliganiveau“, wurde Sakai nach dem Auftritt in Mainz zitiert – und das klingt zunächst hart, sogar unangebracht hart. Allerdings muss man dabei wissen, dass sich Sakai schon seit Jahren intensiv um den Youngster kümmert und ein entsprechend inniges Verhältnis zu dem Toptalent pflegt. „Ein sprachliches Problem von Go den Journalisten gegenüber – kein intern sportliches für uns“, wischte Trainer Markus Gisdol die Fragen meiner Kollegen nach intern drohendem Ärger schnell vom Tisch. Und Gotoku Sakai legte heute nach. Via Facebook ließ er mitteilen, dass das alles ein Missverständnis sei. Und zwar persönlich, ausführlich und ehrlich:

 

„Ich möchte jetzt hier alles klar machen was ich nach dem Spiel über tatsu wirklich gemeint. Es gab kleine Missverständnis zwischen ich und Medien weil meine Sprache nicht so perfekt und klar war, ich meinte nur sein Fitness ist noch nicht ganz Bundesliga Niveau ist und damit das er ab 50 Minuten nicht mehr Hilfen kann aber doch wir bis 90 Minuten seinen Leistung brauche! der ist auch genau so wichtige Spieler wie alle anderen. Tatsu ist für mich wie einer kleine Bruder,Familie. Wir sind fast immer unterwegs und ich kenne alles von seinem zwei Jahre in Hamburg auch ganz schwere Zeit der hatte. Deswegen kritisiere ich ihm sicher nicht!!!! der weiß auch ganz genau was ich meinte und gibt es keine streit mit ihm, wir verstehen uns sehr gut 💪 warum ich das sage, vielleicht hätte ein oder anderen sorge macht wegen kleine diese Missverständnis und das möchte ich einfach vermeiden. Vielen Dank

 

Und diesen Gefallen tue ich ihm sehr gern, zumal ich weiß, dass Sakai nichts anderes im Sinn hat, als Ito zu helfen, damit er sich schnell an das Bundesligatempo und die neuen Mannschaftskollegen gewöhnt. Sakai ist einfach ein loyaler Typ, der eher sich für Niederlagen verantwortlich machen würde, als andere. Und zu allerletzt würde er den jungen Talenten den schwarzen Peter zuschieben. Sakai hat derzeit zweifellos ein massives Leistungstief in der Bundesliga auf dem Platz – aber abseits davon ist er gewohnt integrativ.

Ein Beispiel? Seit zwei Jahren schon kümmert sich Sakai um Ito auch privat. Die beiden unternehmen viel zusammen. Und bei den gemeinsamen Essen mit der Mannschaft saß Ito immer neben Sakai – bis vor kurzem. Denn da setzte Sakai seinen Landsmann bewusst an einen anderen Tisch, damit er mehr mit den neuen Kollegen zu tun hat, sich unterhält und sich an sie gewöhnt. Vor allem aber sollen sich die neuen Kollegen auch an Ito gewöhnen können, ihn kennenlernen und in ihrer Mitte aufnehmen. Ein Vorhaben, das bislang super funktioniert.

Dass Sakai zudem auf dem Platz immer wieder mit Ito redet, ihm Tipps gibt, mit ihm nach den Trainingseinheiten noch Pässe schlägt – alles das spricht für Sakai. Und auch deshalb glaube ich ihm auch zu 100 Prozent, dass seine – zumal berechtigte!! – Kritik an Itos körperlichem Zustand nicht persönlich gemeint war, sondern Ito helfen soll. Mehr noch: Wenn man sich wie Sakai um die Talente kümmert, ist derlei Kritik letztlich nichts anderes als ein Zeichen dafür, dass man diese Spieler schlichtweg ernst nimmt. Und wenn sich von Beginn an jemand so um Porath, Jatta oder auch Knöll gekümmert hätte/kümmern würde, wären diese heute allesamt ein ganzes Stück weiter. Ganz sicher.

Und wo wir schon bei der Kritik sind: am lautesten schallt diese derzeit dem zuletzt unsicheren Christian Mathenia entgegen. Zwar äußerte sich Gisdol zuletzt eher so, als bliebe Mathenia die Nummer eins – aber mit „ich sehe da momentan nichts anderes“ ließ er zumindest Raum für Spekulationen. Dass nun aber unmittelbar vor dem Duell gegen den in den letzten Jahren (zuhause ist der HSV gegen Bayern seit neun Spielen mit 3 Remis und 6 Niederlagen sieglos) übermächtigen FC Bayern gewechselt wird, das ist eher unwahrscheinlich. Und auch unsinnig. Denn warum sollte man Mathenia mit der Degradierung demoralisieren und parallel Pollersbeck gleich in seinem Bundesliga-Debütspiel der Gefahr aussetzen, ein Debakel zu erleben? Macht wenig Sinn...

Dennoch ist die Personalie Mathenia eine, die weiter heiß diskutiert wird. Und das auch zurecht. Manche halten ihn für einen guten Bundesliga-Torwart. Die Mehrheit aber verteilt sich auf zwei andere Lager: Die einen denken, dass Mathenia selbst an guten Tagen höchstens Bundesliga-Durchschnitt verkörpert. Die anderen halten selbst das noch für übertrieben. Und die Zahlen stützen das. In der laufenden Saison parierte Mathenia 62 Prozent der Bälle, die auf sein Tor kamen – ein sehr schwacher Wert. Wobei Mathenias Wert hier auch in den letzten zwei Spielzeiten weit unter dem Bundesliga-Schnitt lag. Außerdem kassierte Mathenia in gerade mal 55 Bundesliga-Spielen schon 16 Weitschussgegentore. Mehr als seine Ligakollegen. Zum Vergleich: Ein Rene Adler kassierte sein 16. Weitschuss-Gegentor erst in seinem 112. Bundesliga-Spiel.

Das Problem: Mathenia ist im Training trotzdem der deutlich präsentere Torhüter. Körperlich, in den Ansagen an seine Mitspieler – hier hat Pollersbeck noch Defizite. Zudem ist Mathenia als loyaler Teamplayer voll akzeptiert. Aber was im ersten Moment für Mathenia spricht, macht letztlich nichts anderes deutlich, als dass der HSV auf der Torwartposition ein echtes Problem hat. Und wäre es (aus Sicht der HSV-Verantwortlichen) nach der Vier-Millionen-Investition in U21-Talent Pollersbeck nicht so ein massiver Entwicklungsschritt rückwärts, dann müsste meiner Meinung nach der 28-jährige Tom Mickel gegen Bayern die Nummer eins sein. Zumindest hat der in seinen wenigen Bundesligaspielen überzeugen können – und macht das noch immer. Im Training ebenso wie bei der U21. Aber wie gesagt, diese Variante gilt als ausgeschlossen...

Apropos Training: Morgen wird um 10 Uhr am Volkspark trainiert. Das letzte Mal öffentlich vor dem Duell mit dem FC Bayern am Sonnabend um 18.30 Uhr. Ich melde mich wie gewohnt gegen 19 Uhr wieder bei Euch!

 

Bis dahin,

Scholle

 

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