Marcus Scholz

26. Mai 2020

Ein sehr guter Bekannter, um nicht Freund zu sagen, arbeitete vor einigen Jahren beim HSV. Damals geriet er in einen sehr positiven sportlichen Kreislauf, den sich der HSV selbst durch interne Streitigkeiten zerschoss. Er bekam hautnah mit, wie groß der Druck auf dem HSV lastet. Heute sagt er: Alles kompletter Irrsinn! Das ganze Getöse um die ach so großen Erwartungen gebe es so gar nicht. Das sei ein Problem, das ausschließlich innerhalb der Hamburger Grenzen zu beobachten sei. Auch heute - aus sicherer Distanz - sagte er: „Bundesweit hat der HSV eh fast immer eine deutlich bessere Wahrnehmung als in der eigenen Stadt und den eigenen Reihen.“ Und das gilt auch heute, wo der HSV gerade darüber fabuliert, wie groß oder eben nicht groß der Druck vor dem wichtigen Topspiel beim VfB Stuttgart doch ist. Mit einer Ausnahme: Trainer Dieter Hecking.

Der Trainer hatte schon bei seinem Amtsantritt gesagt, dass alles Negative auf dem Weg nach Dänemark beim HSV einmal Zwischenstation machen müsse, bevor man es gen Norden weiterziehen lasse. Ein Sinnbild, das sicher nicht ganz falsch ist. Problem hierbei ist, dass das bei den Trainern vor Hecking letztlich immer zu einem ungesunden Kampf zwischen Kritikern und Team ausartete. Dort wurde im selben Maße, wie die Kritik von außen überzogen oder dramatisiert dargestellt wurde, versucht, die Probleme kleiner zu reden, als sie waren. Eine höchst ungesunde Kombination.

Und das Ergebnis ist bekannt: Der HSV ist im zweiten Jahr schon Zweitligist. Und es droht das dritte Jahr, weil der HSV sportlich gerade eine höchst ungesunde Mischung anbietet. Man spielt gut und gewinnt nicht. Ein trügerisches Moment, weil man reflexartig die positiven Ansätze hervorzuheben versucht. Man will ja darauf aufbauen. Gleichzeitig läuft man Gefahr, Dinge zu gut zu reden, die im Ergebnis aber nichts einbringen. Auch diesmal, wo der HSV bis auf die ersten 30 Minuten in Fürth spielerisch sehr gefällig agierte, Chancen en masse hatte und beide Spiele zweifellos hätten gewinnen müssen, besteht diese Gefahr. Wenn man aus den positiven Ansätzen ableitet, dass man es richtig macht, anstatt nach dem Punkt zu suchen, der fehlte.

Einfach mal normal sein - das wäre es...!

Ist das Glas also halbvoll oder halbleer - fragt Hecking immer wieder: Und ich behaupte: Das interessiert nicht mal nen Toten. Das nächste Spiel ist immer wieder ein ganz anderes. Auch jetzt. Denn in Stuttgart trifft der HSV nicht auf eine Mannschaft mit breitem Kreuz und sieben Punkten Vorsprung, sondern auf einen - vielleicht gefährlich - angeschlagenen Gegner. Wenn Vereinsoffizielle, wie die vom VfB im Moment, schon ungefragt Treueschwüre rausposaunen und dem Trainer demonstrativ den Rücken stärken, dann ist das ein Alarmzeichen. Meistens ist da dann was im Busch. Fast immer sogar. „Hier ist intern ganz klar, dass Rino (Matarazzo, d. Red.) in jedem Fall unser Trainer ist nächstes Jahr“, beteuert Sportdirektor Sven Mislintat. Und da auch der VfB-Trainer selbst sagt, dass es am Donnerstag „um alles“ gehen würde, muss man nicht studiert haben, um zu erkennen, dass bei den Schwaben der Druck offensichtlich sehr groß ist.

 

Was ist also besser? Die betonte Ruhe, weil man ja gut gespielt hat und „nur“ das Toreschießen vergessen hat? Oder die bittere Erkenntnis, schlecht gespielt zu haben und jetzt endlich abliefern zu müssen? Meine Antwort: Auch das ist scheißegal!!! Denn Fakt ist, dass beide Mannschaften über das Potenzial verfügen, jede Mannschaft in der Zweiten Liga zu schlagen. Und so ein Spiel wie das am Donnerstag ist ein kleines Endspiel. Ein Finale, in dessen 90 Minuten komplett egal ist, was vorher war. Es sei denn, die eine Mannschaft macht es so gut, dass die andere Mannschaft sein Minimum an  Optimismus schnell wieder verliert. Soll heißen: Für den HSV wird es darum gehen, den angeschlagenen VfB genau da zu treffen, wo es die Schwaben gerade am meisten schmerzt. Und andersrum genauso.

Das schwierige Umfeld gibt es gar nicht 

Dennoch, diese Mär, die man hier in Hamburg immer gern erzählt, dass der Druck hier größer ist als anderswo, muss mal aufhören. Nur, weil man vor gefühlt 100 Jahren mal in Europa mal ganz vorn war, heißt das nicht, dass die Leute genau das und nicht weniger auch heute erwarten. Ich für meinen Teil habe in meinem Umfeld niemanden. Nicht mal im Umfeld  meines Vaters, der diese Zeit deutlich intensiver miterlebt hat als ich, finde ich derlei Erwartungshaltungen. Und genau deshalb gefällt mir die unaufgeregte, selten überzogene Darstellungsweise von Hecking. Weder in die eine noch in die andere Richtung übertreibt der HSV-Coach.

Auch heute bei der virtuellen Pressekonferenz betonte Hecking immer wieder die Normalität der Situation. Man sei gut aus der Coronapause gekommen - aber eben nicht sehr gut. Das Spiel am Donnerstag sei tatsächlich „eines der Spiele, wo es um hop oder top“ ginge - aber es werde eben auch noch nichts final entscheiden. Und anstatt den HSV und Stuttgart auf den heißen Stuhl zu setzen, nahm er quasi im Vorbeigehen Heidenheim (völlig zurecht) mit ins Aufstiegsrennen und machte aus dem vielfach zum Zweikampf gemachten Rennen um Platz zwei einen Vierkampf um den Aufstieg. „Mit den besten Chancen für Bielefeld, so ehrlich muss man dann schon sein“, so Hecking.

Und das war es dann auch. Ansonsten widmete sich Hecking heute dem Tagesgeschäft. Gideon Jung und Jan Gyamerah seien auf dem Sprung ins Mannschaftstraining, Sonny Kittel wurde ob der Belastung der letzten zwei Wochen heute ein freier Tag gegönnt, während Aaron Hunt Belastung gesteuert wurde und er sich heute regenerieren durfte. „Aaron ist am Wochenende über 12 Kilometer gelaufen, war sehr präsent“, so der Trainer lobend. Jetzt gelte es, genau diese Form bis Saisonende zu halten. Sollte das funktionieren, top! Falls nicht, ist da auch noch Louis Schaub, der in der Zeit vor der Coronapause einen guten Job gemacht hatte.

„Wir werden alle noch brauchen“, sagte Hecking zuletzt - und er wiederholte das heute noch einmal. Gegen Bielefeld hatte er seinen Worten auch Taten folgen lassen und mit der Startelfnominierung von Rick van Drongelen (für Jordan Beyer) und Sonny Kittel (für Bakery Jatta) ebenso überrascht wie mit anstelle Jairo Samperios mit Martin Harnik, der besonders motiviert sein dürfte. Immerhin geht es gegen den Klub, für den er in seiner Karriere als Profi die meisten Spiele absolviert hat. 214 Spiele, 68 Tore und 35 Assists stehen zu Buche. Zudem war es beim 6:2 im Hinspiel Ende Oktober 2019 sein letzter Treffer für den HSV.

Hecking lebt die nötige Normalität vor

Auf die Frage, was Hecking denn zur Trainerdiskussion über seinen alten Bekannten Pellegrini Matarazzo sage, die in Stuttgart gerade entfacht wurde, sagte er: nichts. Stattdessen betonte der HSV-Trainer, dass er in Hamburg genug zu tun habe und der Rest ihn nicht interessiere, obgleich er lobende Worte für seinen Kollegen fand. Dass der VfB mehr Druck habe als der HSV - es interessierte Hecking nicht. Ihn interessiert, was der HSV macht. „Wir haben dem Druck zweimal gut standgehalten“, so der Trainer. Der VfB Stuttgart indes ergebnistechnisch nicht - was Hecking wenig überraschend null interessiert. Der HSV-Trainer macht ganz einfach allen vor, wie man den HSV an sich nehmen sollte.

Was ich damit einmal deutlich machen will: Wie arrogant ist es von uns, zu glauben, beim HSV sei alles wichtiger, größer - und in den letzten Jahren eben auch noch viel schlimmer als bei anderen. Ich habe heute (wie in den letzten Monaten immer wieder mal) mit meinem oben genannten Kollegen gesprochen. Es war wieder eines dieser Gespräche, in dem deutlich wurde, wie gleich sich der HSV und der VfB in den Entwicklungen doch sind.  Vor allem in den negativen. Der so oft zitierte „falsche Druck“ ist lange schon nicht mehr vom so genannten „schwierigen Umfeld“ verschuldet. Nein, vielmehr hat sich der HSV dieses „schwierige Umfeld“ erst selbst rangezüchtet, weil er den wahren Stand immer als „Übergangssituation“ verleugnete. Bis jetzt.

Denn meine Hoffnung ist, dass man erkennt, dass man eben nicht mehr der nur kurzzeitig verhinderte große, strahlende Erstligist mit europäischen Ansprüchen ist. ich hoffe, dass man erkennt, dass man das aber sehr wohl wieder werden kann - wenn man endlich realistisch denkt. Intern wie extern. So, wie es Hecking macht. Von daher sollten wir nicht den Fehler machen, und die zweifellos schwierige Phase in Hamburg als exklusiv und besonders erachten, sondern als normal. So, wie es bei anderen Klubs wie dem VfB beispielsweise auch ist. Denn erst, wenn wir aufhören hier alles immer eine Nummer größer zu machen, steigt der HSV auch wieder auf. Die letzten Trainer, Vorstände und Sportchefs hatten allesamt nicht die Traute, bzw. nicht das Standing, die manchmal nicht so schöne Wahrheit öffentlich an- und auszusprechen. Auch in Stuttgart will es sich noch niemand mit der Öffentlichkeit verscherzen. Dafür sind dort allesamt - vom Trainer über den Sportvorstand bis zum Vorstandsboss noch zu frisch auf ihren Posten. Trainer-Oldie Hecking indes ist das egal. Und genau deshalb ist er es mit seiner unbeschwerten, puren Art, was mich weiter hoffen lässt, dass es dieses Jahr besser ausgeht. Auch am Donnerstag.

 

In diesem Sinne, selbst wenn mich jetzt hier einige wieder als zu negativ eingestellt bezeichnen, ich stehe dazu, dass der HSV bestens beraten wäre, sich nicht wichtiger zu nehmen, als er ist. Ich halte das in der letzten Konsequenz sogar für leistungsfördernd. Deshalb wollte ich das einfach mal loswerden. Bis morgen! Da melde ich mich natürlich wieder pünktlich um 7.30 Uhr mit dem MorningCall  bei Euch und werde am Nachmittag im Community-Talk mit Janik wieder versuchen, alle Eure Fragen zu beantworten. Bis dahin!

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