Marcus Scholz

14. Mai 2018

Es passiert tatsächlich das, was man sich nur wünschen konnte. In der Stunde des größten Misserfolges bilden sich neue Allianzen, während sich bereits bestehende verfestigen. 500 neue Mitgliedsanträge sind seit dem Abstieg beim HSV eingegangen. Der Schulterschluss, der sich am Sonnabend in den Minuten der Entscheidung manifestierte, hält also an. Und auch der HSV reagierte. Mit einem Plakat, auf dem man sich einerseits beiden Anhängern für den Frust und die Trauer entschuldigte, um im nächsten Satz für die Treue zu danken. Eine gute Aktion, wie ich finde. Und in den nächsten Tagen und Wochen darf auch gern weiter Wert darauf gelegt werden, das in den letzten Jahren oft HSV-seitig abgekühlt-geschäftliche Verhältnis zu den Fans aufzupolieren. Nötig ist das sicherlich. Aber viel wichtiger als alles das wäre, dass der HSV seine Arbeit mit dem Ziel, in die Bundesliga zurückzukehren, forciert. Denn das ist es, was alle Fans am glücklichsten machen würde.

Und schwer genug auch. Aktuell werden Spielerabgänge, Vertragsverlängerungen und Neuzugänge inflationär gespielt. Sakai hat einen Vertrag vorliegen und will bleiben. Lewis Holtby soll ein Trainerwunsch sein, ist aber finanziell mit aktuell 3,4 Millionen Euro Jahresgehalt so weit weg von dem Zahlen, die der HSV in der zweiten Liga zahlen kann, dass sein Verbleib unrealistisch scheint. Gleiches gilt für Papadopoulos, Ekdal, Hahn, Kostic und andere teure Spieler im Kader. Und im Gegensatz zu dem, was teilweise öffentlich gesagt wird, habe ich aus Spielerkreisen gehört, dass sich wirklich kaum einer der Genannten wirklich vorstellen kann, zu bleiben. Und so verwunderlich das angesichts der drei Millionen Jahresgehalt auch ist, wundert es mich auch, dass der HSV offenbar Bobby Wood halten will. Sportlich ist es vielleicht tatsächlich den Versuch wert, da Woods sehr physischer Spielstil bestens in die Zweite Liga passt. Besser vielleicht sogar als in die erste Liga. Aber okay, auch das ist nicht mehr als eine (begründete, weil von HSV-Mitarbeitern erfahren) Spekulation.

In den letzten Jahren habe ich Euch damit weitgehend verschonen können. Nie ganz. Aber zumindest weitgehend. Und ich befürchte, dass sich das in dieser langen Sommerpause schwer aufrechterhalten wird. Denn ob der zu erwartenden breitflächigen Umgestaltung des Kaders werden entsprechend viele Namen ins Spiel kommen. Die einen gehen, die anderen kommen. Wie zum Beispiel Kaiserslauterns Christoph Moritz. Der Bekannte von Trainer Titz gilt als dessen Wunschspieler und ist ob des Abstiegs des 1. FC Kaiserslautern in die Dritte Liga ablösefrei.

In Lautern kam der Interimskapitän (beerbte den Langzeitverletzten Daniel Halfar) zuletzt nicht besonders gut an, nachdem er als einer der ersten Spieler des Kaders verkündet hatte, den FCK verlassen zu wollen. Er warb dabei um Verständnis und bekam Pfiffe. So, wie am letzten Spieltag bei seiner Einwechslung. Und das alles, obwohl der zu seiner Zeit als Königstransfer gefeierte zentrale Mittelefeldspieler mit zunehmender Spielzeit besser wurde. Unter dem ersten von drei Trainern diese Saison beim FCK, unter Norbert Meier, kam Moritz nicht zurecht. Ergebnis: Er saß mehr auf der Bank als dass er spielte. Erst unmittelbar bevor Meier gehen musste, wendete sich das Blatt für Moritz, der seither als Interimskapitän die Mannschaft führte und gute Leistungen bot.

Martin Bader soll gestern rund um seinen Auftritt im SWR „Flutlicht“ (vergleichbar mit N3 Sportclub) Kollegen bestätigt haben, dass Moritz zu einem Wechsel zum HSV tendieren würde und nannte dabei Titz als einen der Hauptgründe. Der Vorstand Sport des FCK bedaure den Abgang sehr, hieß es. Aber Bader glaube einfach nicht daran, Moritz halten zu können, da dieser auch eine Ausstiegsklausel im Vertrag hat. Hintergrund von Baders Trauer: Moritz gilt fußballerisch als feiner Fuß. Zudem gilt er als sehr umgänglicher, redseliger Typ, der eher unbedarft in das eine oder andere Fettnäpfchen getreten ist und sich damit bei den Fans wenig neue Freunde gemacht hat und so tatsächlich vergleichbar mit Lewis Holtby ist, der ja ebenso wie Moritz ein guter Bekannter von Titz ist. Wobei: Sollte Moritz letztlich in Hamburg so aufblühen wie Holtby zuletzt unter Titz – es würde hier wahrscheinlich allen gefallen...

Gefallen muss er zudem dem neuen Vorstand Sport, der noch unter vertrag genommen werden soll. In den nächsten Wochen, spätestens zum WM-Beginn, sollen Nägel mit Köpfen gemacht werden, kündigte Aufsichtsratsboss Bernd Hoffmann ebenso an wie die Tatsache, dass der bzw. die designierten neuen Sportlichen Leiter schon über aktuelle Transferbemühungen informiert seien. Und angesichts des klaren Auftrittes Hoffmanns zuletzt vermag ich daran auch nicht zu zweifeln. Im Gegenteil: Bei Sky stellte Hoffmann auch noch mal klar, wie er bzw. die HSV AG künftig mit Klaus Michael umgehen wolle: „Er bleibt auf jeden Fall im Boot. Das heißt nicht, dass es Vereinbarungen gibt, die irgendwelche zusätzlichen Gelder für den HSV ergeben. Das müssen wir an dieser Stelle mal aus dem Kopf kriegen.“

Hoffmann geht an, was viele verlangt haben. Er versucht, den HSV unabhängiger von seinem Anteilseigner aufzustellen. Hoffmann: „Ein Kernproblem des HSV in den letzten Jahren war ja, dass wir immer bis zum 28. Januar oder 28. August, am Ende einer Transferperiode, überlegt haben, ob nicht möglicherweise man doch noch mal nach Zürich fahren könnte, um Herrn Kühne Geld aus dem Kreuz zu leiern, um die sportlichen Fehlentscheidungen der abgelaufenen Saison ein bisschen zu korrigieren. Und das darf nicht sein, da müssen wir es selbstbestimmt und mit eigener Kreativität schaffen, dass wir an diese Art der Zusammenarbeit – nämlich Bittstellerei – nicht wieder hinkommen.“

Wobei Hoffmann die Schuld einzig den HSV-Verantwortlichen zusprach: „Herrn Kühne kann man die Verwendung dieses Geldes nicht vorwerfen. Es gibt keinen einzigen Vertrag, der jetzt dem HSV auf die Füße fällt wirtschaftlich, der die Unterschrift von Herrn Kühne trägt. Das sind immer Verantwortliche des HSV gewesen. Wenn er sich dann darüber aufregt, dass mehr als 100 Millionen Euro mittlerweile dazu geführt haben, dass A das Geld weg ist und B der HSV abgestiegen ist, dann kann ich ihm das nicht vorwerfen.“ Worte, die wir wahrscheinlich fast alle so unterschreiben würden und die zeigen, dass Hoffmann die Fehler der letzten Jahre ebenso wie seine aus der ersten Amtszeit gut analysiert hat und jetzt versucht, Wiederholungen auszuschließen. Hoffmann weiter über Kühne: „Ich bin sehr froh, dass wir ihn – und so würde ich das nennen – bei uns mit ihm Team haben und ich werde den Teufel tun und mich gegen Herrn Kühne aussprechen. Ich bin froh, dass wir ihn an der Seite haben und ich hoffe, dass das auch noch jahrelang so bleibt.“

Wie gestern schon gesagt: Das klingt alles sehr vernünftig und ich hoffe, dass die Verantwortlichen in allen Funktionen diesen klaren Weg auch gehen. Denn der beinhaltet das, was die Fans und den HSV in der Ausnahmesituation Abstieg offenbar einander näherbringen kann: Einen gemeinsamen Neuanfang. Einen Weg, der gekennzeichnet ist von Mut, Bescheidenheit und Selbstbestimmung. Einen Weg, den sich die Verantwortlichen nicht leicht zu machen versuchen, indem sie Kühne-Millionen sinnfrei verprassen. Vielmehr muss dieser neue Weg gekennzeichnet sein von einer klaren Idee, wie man diesen HSV wieder zu einer inneren Stärke führt, die das Ziel verfolgt, den HSV dauerhaft erfolgreicher und vor allem wieder selbstständig werden zu lassen.

Mit Christian Titz hat man dafür den Trauner gefunden, dem die Fans das abnehmen. Der Aufsichtsrat ist neu besetzt und hat in Hoffmann den starken Mann, den viele verlangt haben. Fehlen jetzt „nur“ noch die endgültigen Besetzungen für die drei Vorstandsposten.

 

In diesem Sinne, Tag zwei nach dem Abstieg ist neigt sich dem Ende – aber die echte Arbeit beim HSV beginnt gerade erst. Apropos: Morgen um 8.30 Uhr müssen die Spieler im Stadion sein. Dort wird es abschließende Worte für die Verbleibenden geben, die ab 11 Uhr dann einen Laktattest machen sollen. Den Spielern, die den Verein verlassen werden, wurde die Teilnahme am Test freigestellt.

 

Bis morgen.

Scholle

Partner von

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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