Marcus Scholz

2. Dezember 2018

Dass der HSV es besser kann als gestern in der zweiten Halbzeit, ist klar. Derartige Leistungen haben unter Wolfs Vorgänger Christian Titz sogar zu völlig überhöhten Diskussionen und letztlich in Teilen auch zu dessen Demission geführt. DiebFrage: Warum bitteschön hat der HSV schon Punkte abgegeben und ist in jedem Spiel 90 Minuten lang seinen Gegnern hoch überlegen gewesen? Aber: Was ich damals schon für völlig verfehlt (und leider oft interessengesteuert) hielt, ist heute nicht richtiger. Zu erwarten, dass der HSV Ingolstadt schlägt ist zwar realistisch. Aber die Rechnung ohne den Gegner zu machen, wäre fatal. Denn es gibt auch in der Zweiten Liga keine Mannschaft, die kein Fußball kann. Da reicht schon eine Unachtsamkeit wie gestern beim Treffer zum 1:2 für den FC Ingolstadt, um die immer in höchstem Maße gegen den HSV motivierten Gegner wieder Mut schöpfen zu lassen.  Nur eine kleine Unachtsamkeit kann sie wieder zurück ins Spiel finden lassen. Das nicht zu wissen, wäre fatal. Und arrogant. Auf jeden Fall würde so eine Denke das Ziel Wiederaufstieg massiv gefährden.

 

Und genau deshalb wird Trainer Hannes Wolf (zum Glück!!) auch nicht müde, vor den Gegnern zu warnen. Das ist längst kein Tiefstapeln mehr, sondern Gegensteuern. Ob er nicht mal eine Kampfansage an die Konkurrenz machen könne, war er vor einer Woche gefragt worden. Und er verneinte. Klar und deutlich. Zumal er sich heute weniger über die drei Punkte freute, als die Fehler herauszuarbeiten. Wolf: „Wir sind sehr froh über den Sieg, haben aber ein paar Themen, an die wir ranmüssen, weil wir aus langen Bällen, aus Standardsituationen zu viel zulassen. Wir haben ein paar Sachen echt nicht gut gemacht, Bälle nicht sauber geklärt, die klaren Torchancen nach Standards. Daran werden wir arbeiten.“ Und damit ist in Sachen Analyse eigentlich schon wieder alles zum Spiel gegen Ingolstadt gesagt - nicht aber zu der weiter vorherrschenden Erwartungshaltung einiger, hoffentlich nur noch weniger.

Zugegeben, diese Erwartungshaltung wird von uns Journalisten mehr oder weniger mitbefeuert. Zum Beispiel, indem jeden Tag der „Countdown bis zum Wiederaufstieg“ heruntergezählt wird. Und was vielleicht (sicher bin ich mir da nicht) mit einem Augenzwinkern gemeint sein mag, kommt halt nicht bei allen so an. Viele glauben immer noch, der HSV sei sportlich das Maß der Dinge und könne sich nur selbst schlagen. Umso besser, dass Wolf dem Ganzen immer wieder einen Riegel vorschiebt. Dass er heute sagte, man habe in jedem Spiel, in dem man an seine 100 Prozent rankäme, eine hohe Siegwahrscheinlichkeit - das darf man schon als das Höchste der Gefühle bei dem erfrischend selbstkritischen HSV-Trainer werten. Der Trainer weiß, was die Mannschaft kann - aber eben auch, was das Umfeld noch nicht kann.

Etwas, was wir nicht erst seit gestern wissen, ist auch, dass der HSV mit Hee-chan Hwang, Bakery Jatta und Khaled Narey endlich wieder eine Offensive hat, die mit richtig viel Tempo kommt. „Eine brutale Geschwindigkeit“, nannte es Aaron Hunt gestern. Und Wolf legte heute nach: „Sie alle bringen ein hohes Tempo auf den Platz und machen das sehr gut. Aber du brauchst auch Spieler, die diese Stärke ausspielen können und die entsprechenden Pässe spielen“, so Wolf, der damit sicher auch eben jenen Hunt meinte, der sich so über diese Tempostürmer freut.

Dass Pierre Michel Lasogga fehlte, war am Anfang zum Weltuntergang hochstilisiert worden. Und Fakt ist auch: sein Fehlen hat das zuvor erfolgreiche HSV-Spiel zweifelsfrei verändert. Lasoggas gezeigte Torjägerqualität fehlt - aber, und das ist für mich die wichtigste Botschaft der letzten Spiele, sie kann eben doch sehr gut ersetzt werden. Denn plötzlich haben vorn alle Spieler Tempo. Und das verschafft Passgebern wie Hunt plötzlich ganz neue Möglichkeiten. Sie können die Stürmer mit Pässen in den freien Raum wieder erreichen. Und während ein Abwehrspieler gegen Lasogga immer mal den einen Meter Rückstand wieder aufholen konnte, sind die HSV-Angreifer jetzt weg, wenn man mal eine Sekunde nicht aufpasst. Allein das erzeugt schon eine Menge (Kopf-)Stress beim Gegner.

Apropos Stress: Den gab es zuletzt auf jeder Mitgliederversammlung. Und auch diesmal wird es wieder sehr kontrovers zugehen. Insbesondere, wenn es um das Thema Präsidentschaftswahlen geht. Der Beirat hat die Bewerbungsphase am Sonnabend um null Uhr beendet und ist ´jetzt dabei, die eingegangenen Kandidaturen auf ihre Tauglichkeit zu prüfen. Wenn Ihr wissen wollt, was in den Tagen bis zur endgültigen Verkündung der zugelassenen Kandidaten passiert, hört in den "MorningCall spezial" rein. Ich habe mit dem Vorsitzenden des aktuell so wichtigen Gremiums, Jan-Norbert Wendt, darüber gesprochen, inwieweit die Vorauswahl durch den Beirat noch demokratisch ist, wie gecastet wurde sowie auch darüber, wie viele Kandidaten sich beworben haben. Und ich habe natürlich gefragt, nach welchen Kriterien die Kandidaten letztlich beurteilt und zugelassen bzw. abgelehnt werden. Mein Fazit: Es wird sehr spannend. Zum einen, wer zugelassen wird. Zum anderen die Wahlen selbst, die am 19. Januar (nicht wie gesagt in Wandsbek, sonder) in Wilhelmsburg stattfinden werden.

Spannend wird es auch morgen, wo ich im Rautenperle-Talk Maik Goebbels begrüßen darf. Der Cotrainer wird mir morgen ab 18 Uhr live Rede und Antwort stehen. Solltet Ihr auch Fragen an ihn haben, so stellt sie mir vorab. Ich werde dafür wie gewohnt einen Topkommentar erstellen, unter dem Ihr Eure Frage an den Cotrainer loswerden könnt. Ich werde dann zusehen, möglichst viele davon morgen unterzubringen.

 

In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle

 

P.S.: Schöne Aktion heute im Volksparkstadion. Wie seit 2006 schon zum fünften Mal, gab es heute wieder eine XXL-Autogrammstuinde für Kinder. dien im Kids Club oder Teilnehmer der HSV-Fußballschule sind. 1400 Jugendliche zwischen 6 und 13 Jahren waren heute dabei. So viele wie noch nie!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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